Reportage

Ein echter Sima!

April 1, 2020 -
Ein weiteres fertiges Auftragsstück: ein Gewehrfutteral aus feinstem Rindsleder. - Taschner Raphael J. Sima gab uns einen Einblick in seine Arbeit als Taschner und Jagdlederwarenhersteller. - © Barbara Marko

Es gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, um sich einem alten Handwerk wie dem des ­Taschners zuzuwenden und sich damit selbstständig zu machen. Noch dazu, wenn man ursprünglich mit etwas völlig anderem seine Brötchen verdient hat. Raphael J. Sima ist einer der wenigen noch verbliebenen Taschner Wiens und einer der letzten in Österreich, die sich auf die Herstellung von Jagdlederwaren spezialisiert haben. Uns hat er erzählt, was ihn dazu bewogen hat, seinem gut bezahlten Job in der Werbebranche den Rücken zuzukehren und sich dem Handwerk der Taschnerei zuzuwenden.

Stücke für ein Jägerleben

„Ich will Dinge erschaffen, die vererbt werden“, erzählt Raphael Sima. In seiner Werkstatt im 12. Wiener Gemeinde­bezirk fertigt der 34-jährige Quereinsteiger seit zwei Jahren Jagdlederwaren an. Es ist kein Zufall, dass er die Gegend rund um das Schloss Schönbrunn als Standort für sein kreatives Schaffen gewählt hat.

In dem Grätzl sind seit vielen Jahrzehnten unterschiedliche Handwerksbetriebe angesiedelt. Ob Goldschmied oder Lederwarenfachgeschäft – hier wird etwas mit den Händen geschaffen. „Das Schöne daran, wenn man alles per Hand macht, ist, dass man sich an keine Normen halten muss, sondern seinem Gespür für Ästhetik freien Lauf lassen kann. Mein Credo: Man muss das Rad nicht neu erfinden, aber man kann es neu interpretieren!“ Raphael Sima fertigt mit Flinten- und Gewehrfutteralen, Jagd- und Patronentaschen sowie Jagdrucksäcken Stücke, die seine Kunden ein Jägerleben lang begleiten.

„Ein Arbeitstag in der Werkstatt beginnt mit dem Herrichten der ­be­nötigten Teile. Wenn ein Muster ­angefertigt werden soll, zeichne ich es auf einem Stück Packpapier auf. Danach übertrage ich es auf das Leder und schneide dieses entsprechend zu“, erzählt er. „Mit der Schärf­maschine ­bearbeite ich das Leder an den not­wendigen Stellen, anschließend beginnt die Näharbeit.“ Genäht wird übrigens nur mit Nylonfäden, die reißen nämlich nicht. Der Taschner glättet mit dem Falzbein Lederkanten, setzt Außen­taschen an Jagdrucksäcke, fascht Ecken ab, stanzt Löcher für Verschlüsse und bringt Applikationen, wie Schnallen, Bügel, Ringe und Ösen aus Massiv­messing, an Patronentaschen an. Als letzten Schliff und für die persönliche Note bringt er sein Logo sowie die ­Initialen oder das Familienwappen des Käufers an einer Stelle des Werkstückes an – et voilà, fertig ist der lederne ­Begleiter. „Ich versehe auch alther­gebrachte Lederprodukte mit neuem Pep, während ich die guten Dinge ­beibehalte.“ Auch Sonderanfertigungen und Spezialwünsche werden erfüllt, etwa Etuis für Patronen bzw. Lockrufinstrumente, Patronengürtel und Messerscheiden für Jagdgnicker. „Eine Herausforderung ist es, wenn der Kunde das Leder mitbringt, von einem Stück Wild, das er selbst erlegt hat, und es dieses daher auch nur ein einziges Mal gibt.“

Trophäe der besonderen Art

„Gleichzeitig ist es für mich die sinnvollste Verwertung einer Trophäe. Ein Geweih kann man sich an die Wand hängen und bestaunen, aber wenn man aus einem selbst erlegten Strauß oder Büffel ein komplettes Jagdlederset ­fertigen lässt, hat man die Geschichte zu seinem Jagderfolg immer mit dabei – und eine der robustesten und lang­lebigsten Lederarten, die es gibt“, erklärt Sima. Was seine persönlichen Favoriten sind? „Neben Strauß und Büffel sämisch gegerbtes Hirschleder und jede Art von vegetabil gegerbtem Anilin­leder.“ (Pflanzlich gegerbtes und gefärbtes Leder, Anm.) „Ich liebe Aufträge, bei denen Kunden einen konkreten Wunsch und klare Vorstellungen haben, wie ihr Produkt am Ende aussehen soll.“ Wie lange die Arbeit an einem Stück dauert? „Das ist sehr unterschiedlich, es kommt darauf an, um welche Art von Leder und um welches Produkt es sich ­handelt. Für ein schönes Gewehr­futteral benötige ich aber gut und gerne 15–20 Stunden (Preis ab € 850,–). Die Arbeit wird dann belohnt, wenn der Kunde seine Bestellung ­abholt und man sieht, welche Freude er damit hat, weil es so geworden ist, wie er es sich vorge­stellt hat – oder sogar noch schöner!“

„Ich will Dinge erschaffen, die vererbt werden.“

Zurück zu den Wurzeln

Eigentlich kommt Raphael Sima aus der Werbe- und Marketingbranche. Er verfügt über zwei abgeschlossene Wirtschafts- bzw. Marketingstudien in Wien und England. „Als ich 28 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass mir im Leben etwas Essenzielles fehlt, daher wollte ich mich neu orientieren. Zu der Zeit bekam ich einen Messer­macherkurs geschenkt, bei dem ich mein ­eigenes Messer samt Lederscheide ­fertigte. Die Genugtuung, etwas mit eigenen Händen erschaffen zu haben, das dann physisch vorhanden war, gab den Anstoß, eine kleine Werkstatt im Keller meiner Eltern einzurichten. Dort begann ich, Lederreparaturen alter Jagdsachen von Freunden vorzunehmen.“ Auf die Frage, ob jemand in seinem Umfeld einen handwerklichen Beruf ausübe, antwortet er: „Nein, ich komme aus einer komplett musischen Familie; mein Vater war Wiener Philharmoniker und meine Mutter Opernsängerin, mein Bruder ist Oboist. Das handwerkliche Arbeiten lag mir seit meiner Kindheit immer schon sehr, und jetzt habe ich, wenn man so will, wieder dorthin zurückgefunden!“

Mit der Jagd ist Sima seit seiner Jugend eng verbunden. „Klaus, ein Freund der Familie, hat mir das Thema von Grund auf beigebracht. Durch ihn bin ich in diese Thematik eingetaucht und habe heute – indirekt – meine ­Passion zum Beruf gemacht!“

Raphael Sima an seiner Werkbank. - © Michaela Landbauer
Raphael Sima an seiner Werkbank. © Michaela Landbauer
Der Taschner demonstriert, dass die Pfaff-Nähmaschine auch mit mehreren Lagen Leder zurechtkommt. - © Barbara Marko
Der Taschner demonstriert, dass die Pfaff-Nähmaschine auch mit mehreren Lagen Leder zurechtkommt. © Barbara Marko
Werkzeug wie Hammer und Pfriem nimmt Raphael Sima täglich einige Male zur Hand. - © Barbara Marko
Werkzeug wie Hammer und Pfriem nimmt Raphael Sima täglich einige Male zur Hand. © Barbara Marko
Raphaels Favoriten sind Strauß, Büffel, Hirschleder und vegetabil gegerbtes Anilin­leder. - © Barbara Marko
Raphaels Favoriten sind Strauß, Büffel, Hirschleder und vegetabil gegerbtes Anilin­leder. © Barbara Marko
Ein weiteres fertiges Auftragsstück: ein Gewehrfutteral aus feinstem Rindsleder. - Taschner Raphael J. Sima gab uns einen Einblick in seine Arbeit als Taschner und Jagdlederwarenhersteller. - © Barbara Marko
Ein weiteres fertiges Auftragsstück: ein Gewehrfutteral aus feinstem Rindsleder. © Barbara Marko
Zwei fertige Flintenfutterale und eines, an dem Raphael gerade arbeitet. - © Barbara Marko
Zwei fertige Flintenfutterale und eines, an dem Raphael gerade arbeitet. © Barbara Marko
Das Werkzeug des Taschners. - © Michaela Landbauer
Das Werkzeug des Taschners. © Michaela Landbauer
Ein Lederstreifen um die messerscharfe Klinge des Werkzeugs sorgt für festen Halt & sicheren Griff.
Ein Lederstreifen um die messerscharfe Klinge des Werkzeugs sorgt für festen Halt & sicheren Griff.
Zebraleder, Nadel, und Garn warten auf dem Arbeitstisch auf ihren Einsatz. - © Michaela Landbauer
Zebraleder, Nadel, und Garn warten auf dem Arbeitstisch auf ihren Einsatz. © Michaela Landbauer
Straußenleder bedarf besonderer Behandlung, wie der Taschner demonstriert. - © Barbara Marko
Straußenleder bedarf besonderer Behandlung, wie der Taschner demonstriert. © Barbara Marko
Werkzeug wie Hammer und Pfriem nimmt Raphael Sima täglich einige Male zur Hand. - © Barbara Marko
Werkzeug wie Hammer und Pfriem nimmt Raphael Sima täglich einige Male zur Hand. © Barbara Marko
Am häufigsten werden Kalbs- und Rindsleder zu feinen Werkstücken verarbeitet. - © Michaela Landbauer
Am häufigsten werden Kalbs- und Rindsleder zu feinen Werkstücken verarbeitet. © Michaela Landbauer
Eines der wichtigsten Arbeitsgeräte ist die Pfaff-Nähmaschine. - © Michaela Landbauer
Eines der wichtigsten Arbeitsgeräte ist die Pfaff-Nähmaschine. © Michaela Landbauer
Einer der ersten Arbeitsschritte ist das Anfertigen eines Musters auf Packpapier. - © Michaela Landbauer
Einer der ersten Arbeitsschritte ist das Anfertigen eines Musters auf Packpapier. © Michaela Landbauer
Nahaufnahme des Handnähens. Eine Technik, die heute nur noch selten zum Einsatz kommt. - © Barbara Marko
Nahaufnahme des Handnähens. Eine Technik, die heute nur noch selten zum Einsatz kommt. © Barbara Marko
Taschner Raphael Sima an seinem Werktisch. - © Michaela Landbauer
Taschner Raphael Sima an seinem Werktisch. © Michaela Landbauer

Hirsch, Kalb, Strauß & Büffel

In der Mitte von Raphael Simas Werkstatt steht ein großer Arbeitstisch, der einmal ums Eck reicht, sodass zwei Arbeitsflächen zur Verfügung stehen. Auf einer liegt ein Steinbrett, darauf ein Falzbein, Pfriem und Hammer für Klein- und Feinarbeiten. Auf der breiteren der beiden Arbeitsplatten ­erblicken wir den packpapierenen ­Entwurf für ein Gewehrfutteral. Im Hintergrund hören wir leise klassische Musik – den „Rosenkavalier“ von ­Richard Strauss. Neben dem Schreibtisch stapeln sich zahlreiche Lederrollen unterschiedlicher Dicke und Machart. Heimisches Leder von Hirsch, Kalb und Rind, da­neben exotische Varianten von Büffel und Strauß, außerdem Leder von ­Giraffe, Zebra und Alligator. Kalbs- und Rindsleder verarbeitet Sima am häufigsten. „Fast jedes Leder ist gefärbt“, erklärt er, „meist in hellen ­Cognac- und Brauntönen bis hin zur Farbe Schwarz“. Ebenfalls im ­Gedächtnis bleibt Alligatorleder in Blitzblau. Wir erblicken die Schärf­maschine, ­daneben eine Nähmaschine von Pfaff. „Das ist meine Produktionsmaschine, mein bestes Pferd im Stall“, zwinkert er, sich an die Pedale setzend. Anhand mehrerer übereinanderliegender Lederstücke demonstriert er, wie die Maschine auch mit dickeren Lederstücken problemlos zurechtkommt.
Eines der im Grätzl ansässigen Leder­geschäfte hat eine ganz besondere Bedeutung für Sima: „Herr Kommerzialrat Josef Lobinger, der lange Zeit ­Innungsmeister war, und seine Tochter Barbara Pitton nahmen mich unter ihre Fittiche. Ihnen verdanke ich mein Wissen über die Taschnerei.“ Neben Basiskenntnissen auch besondere Techniken,
die nur noch selten zur Anwendung kommen, etwa das Handnähen.

„Die Arbeit wird dann belohnt, wenn der Kunde seine Bestellung ­abholt und man sieht, welche Freude er damit hat, weil es so geworden ist, wie er es sich vorge­stellt hat – oder sogar noch schöner!“

Zweifel? Niemals!

„Die ersten Jahre waren sehr hart“, blickt er zurück. „Man kann sichals Außenstehender kaum vorstellen, wieviel Demütigung einem eine Näh­maschine zufügen kann“, grinst er.
Zäh müsse man sein, so Sima, und eine Menge Biss haben. Gezweifelt habeer an sich und seiner Entscheidung aber noch nie. „Die Taschnerei ist meine ­Berufung. Zwischen Oktober und ­Dezember habe ich Sieben-Tage-­Wochen. Und stehe ich nicht in der Werkstatt, bin ich auf der Jagd!“ In der Branche gehe sehr viel über Mund­propaganda und den persönlichen ­Kontakt, fügt Sima hinzu.

Raphael Sima schafft in seiner Werkstatt Stücke, die die Zeit überdauern. Wer das Glück hat, einen "echten Sima" zu besitzen, will ihn auch nicht mehr missen. Denn die Handwerksstücke machen Jagd­erlebnisse zu Erinnerungen. Erinnerungen, die man immer bei sich trägt.

Raphael J. Sima, BA
Ledergalanteriewarenerzeuger& Taschner,
Schönbrunnerstraße 268,
1120 Wien
Erzeugung von Jagd­rucksäcken, Jagdtaschen, Gewehr­futteralen, Messer­scheiden und Munitionstaschen aus Leder
Kontakt:
Tel.: +43 (0) 664/180 54 43
E-Mail: werkstatt@leder-sima.at
Internet: www.leder-sima.at