Im Juni verdeckt die Vegetation das Rehwild zunehmend. - © Sven-Erik Arndt
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Dinge, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 1. Teil: das Rehwild.

Das Rehwild ist die häufigste Schalenwildart Österreichs und macht einen Großteil der jähr­lichen Jagdstrecken aus. Doch wie gut kennen wir diese Wildart wirklich? Rehwild ist die kleinste bei uns ­leben­de Schalenwildart und ist ein „Drücker-Typ". Wenn es flüchtet, dann nur kleinräumig. Wenn es sich unwohl fühlt, sucht es Deckung, es drückt sich quasi in die Vegetation. Das sieht man schon bei frisch gesetzten Kitzen, die bei ­Gefahr an der Stelle, an der sie von der Geiß ­abgelegt wurden, regungslos verharren – ein angeborener „Drückreflex". Die Bestände des Rehwildes haben sich in den letzten Jahrzehnten in Österreich deutlich erhöht. Zudem ist diese Art ein Kulturfolger, wenn auch nicht so ausgeprägt wie etwa der Rotfuchs oder das Schwarzwild.

Wintermonate

Blicken wir einmal, über den Jahreslauf hinweg, auf die Entwicklungen dieser Wildart, und beginnen wir im Jänner. Böcke haben ihr Geweih in den letzten Monaten abgeworfen und bilden bereits ein neues. Dies erfolgt mehr oder weniger übergangslos: Das alte Geweih wird abgeworfen und das neue sogleich geschoben. Im Jänner ist Ruhe angesagt, der Metabolismus (Stoffwechsel) läuft wie bei den meisten Wildarten (aus­genommen jene, die sich gerade um die Weitergabe der Gene an die nächste Generation ­kümmern, wie etwa das Steinwild oder der Rotfuchs) auf Sparflamme, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen. Das Rehwild schließt sich im Winter zu Wintersprüngen ­zusammen, die auf den Feldern deutlich größer sind als im Wald. Die Rehgeißen sind seit Sommer beschlagen, und die Ei- oder Keimruhe der Zygote (befruchtete Eizelle) ist nun vorbei. Die Zelle hat sich in der Gebärmutter eingenistet, und der Embryo beginnt sich zu entwickeln. Im Februar erhöht sich der Testosteronspiegel bei den Böcken, wodurch das Bastwachstum beendet wird und das Geweih verknöchert. Die ersten ­Geweihe sind bereits fertig ausgebildet. Im Revier sind nun auch schon die ­ersten Plätzstellen zu finden, die Böcke werden zunehmend territorial.

Im Februar endet das Geweihwachstum, es beginnt zu verknöchern. - © Adolf Schillling

Im Februar endet das Geweihwachstum, es beginnt zu verknöchern. © Adolf Schillling

Frühjahr

Im März haben die meisten Böcke ­verfegt, nur die schwachen stehen noch im Bast. Durch das ausgeprägte Territorial­verhalten werden die Böcke gegenüber Artgenossen immer unverträglicher, und die Wintersprünge beginnen sich aufzulösen. Bei den Geißen ist die Entwicklung des Nachwuchses nun auch äußerlich immer deutlicher erkennbar. Durch das bessere Nahrungs­angebot wird das Rehwild im April deutlich aktiver und ist beim Äsen sehr gut zu beobachten. Der Winter ist über­standen, und die Energiereserven werden mit frischen Kräutern und Knospen aufgefüllt – zum Leid vieler Forstwirte. Der Mai ist der Monat des neuen Lebens. Die ersten Kitze werden ­gesetzt – in der Regel Zwillinge. Das Geschlecht des Nachwuchses ist von der Kondition der Geiß abhängig. Geißen in guter körperlicher Verfassung setzen eher Geißkitze. Das liegt daran, dass sich die weiblichen Stücke auch in den kommenden Jahren weniger vom Streifgebiet des Muttertiers entfernen. Somit kann sich nur eine starke Geiß leisten, ihre Töchter in der Nähe zu dulden. Der Höhepunkt der Setzzeit fällt auf Ende Mai. Die nun einjährigen Stücke, Jahrlinge und Schmalgeißen, haben bis Monats­ende bereits verfärbt. Dabei gilt: jung färbt vor alt, alt fegt vor jung. Der Grund dafür ist, dass die adulten Böcke ihre Energie in das Geweih­wachstum stecken, um Territorien verteidigen zu können. Bei den jungen Böcken, die bei der Brunft meist ohnehin keine große Rolle spielen, hat das Geweih­wachstum etwas mehr Zeit. Das wird in der „Life-History-Theorie" dargestellt, die besagt, dass jedes Lebe­wesen nur eine begrenzte Menge an Ressourcen zur Verfügung hat; diese müssen auf miteinander konkurrierende Prozesse verteilt werden. Diese sind Selbsterhalt (Gesundheit), Wachstum und Fortpflanzung. Ein Kitz wird die Energie mehr oder weniger zur Gänze in das Wachstum stecken, sofern es ­gesund ist. Ausgewachsene Tiere hingegen werden zu gegebener Zeit in die Fortpflanzung investieren.

Im April wird das Rehwild wieder deutlich aktiver. - © Michael Breuer

Im April wird das Rehwild wieder deutlich aktiver. © Michael Breuer

Sommermonate

Im Juni geht die Setzzeit langsam zu Ende. Sogenannte „Familiensprünge", bestehend aus Geiß mit Schmalgeiß und Kitz, sind häufig zu beobachten, wenn sie nicht durch die austreibende Vegetation verdeckt werden. Der Haarwechsel ist nun größtenteils abgeschlossen, das Rehwild präsentiert sich in der rötlich braunen Sommerdecke. Der Juli gilt nicht nur hinsichtlich der Temperatur als heißer Monat. Auch im Rehwildrevier geht es nun heiß her. Die territorialen Böcke sind aggressiv, werden unruhig und sind ständig auf der Suche nach brunftigen Geißen. Die Brunft beginnt Mitte des Monats und dauert bis etwa Mitte August. Hat ein Bock eine Geiß gefunden, hält er sich in ihrer Nähe auf, um die 36 Stunden dauernde Empfängnisbereitschaft der Geiß nicht zu versäumen. Er treibt sie, wobei sie fiept und vor ihm „flüchtet". Meist geschieht dies in einem mehr oder weniger runden Kreis, wodurch sogenannte „Hexenringe", eine Verletzung der Grasnarbe, entstehen. Anfang August ist bekanntlich der Höhepunkt der Rehbrunft. Die Geißen sind nun größtenteils beschlagen, die älteren Böcke legen sich zur Ruhe, wodurch sie immer weniger zu sehen sind. Jüngere Böcke sehen ihre Chance und lassen sich in der zweiten Monatshälfte durch geschicktes Blatten aus der Deckung locken.

Die Kitze werden in der Regel im Mai gesetzt. - © Sven-Erik Arndt

Die Kitze werden in der Regel im Mai gesetzt. © Sven-Erik Arndt

Herbst

Nach dem Beschlagen der Geißen setzt die Keimruhe ein, die etwa 5½ Monate dauert. Das Rehwild kann sich nun wieder Feist für den Winter anäsen. Die Fortpflanzung findet damit zu einer Jahreszeit statt, in der die verbrauchte Energie rasch wieder aufgefüllt werden kann. Die Keimruhe, die außer dem Reh­wild bei uns noch der Braunbär und die Marderartigen haben, dient dazu, dass der Nachwuchs nicht zu früh zur Welt kommt, sondern erst im Frühjahr. Neben dem Aufbauen von Energie­reserven beginnt nun auch das Ver­färben zum Winterhaar. Anders als im Frühjahr, wo die Grannen büschelweise ausfallen, wächst das Winterhaar langsam und eher unauffällig. Nun schließt sich das Rehwild wieder zu Wintersprüngen zusammen. Mitte Oktober beginnt bei den ­Böcken das Abwerfen des Geweihes, wobei die Hauptabwurfzeit in den ­November fällt. Das Winterhaar sollte nun vollständig gewechselt sein. Das Rehwild erscheint damit kräftiger, als es im Wildbret ist. Die Unterscheidung der beiden Geschlechter erfolgt nun am besten über die Schürze bei der Geiß und den Pinsel beim Bock. Im Dezember endet die Keimruhe, und die Kitze beginnen sich zu ent­wickeln, womit sich der Jahreskreislauf schließt.

Rehgeiß mit ihrem vorjährigem Kitz vor der Brunft.  - © Adolf Schilling

Rehgeiß mit ihrem vorjährigem Kitz vor der Brunft. © Adolf Schilling

Randlinienbewohner

Seine hohe Anpassungsfähigkeit auf unterschiedliche Lebensräume kommt dem Rehwild hinsichtlich seiner Verbreitung sehr zugute. So besiedelt es Lebensräume von flachen Küstenlandschaften bis hin zu alpinen Regionen. Dabei werden aber, wo möglich, viel­fältige Lebensräume mit Randlinien gesucht. Mischwälder mit Freiflächen und vegetationsreichen Flächen werden bevorzugt. Dort findet es, was die meisten Arten suchen: Deckung und Äsung. Apropos Nahrung: Auch hier zeigt das Rehwild Flexibilität. Nach Lebensraum und Jahreszeit unterschiedlich, gibt es eine unglaublich große Vielfalt an Pflanzenarten, die geäst wird. Als sogenannter „Konzentrat-­Selektierer" sucht das Reh dabei jedoch überwiegend Kräuter und leicht verdauliche Nahrung. Erstaunlicherweise teils aber auch für den Menschen giftige Pflanzen, wie etwa die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna).

Als Jäger sollte man wie das Reh sein: flexibel! Ein regel­mäßiges Auftauchen zur selben Zeit im Revier ermöglicht es dem Rehwild, Verhaltensmuster zu erkennen und daraus zu lernen.

Und die Jagd?

Wir haben gesehen, dass Rehe im April besonders aktiv sind – diesen Umstand sollte man für die Abschusserfüllung unbedingt nutzen! Im Frühjahr sind Jahrlinge und Schmalgeißen zudem am leichtesten als solche anzusprechen! Weitere Höhepunkte sind die Brunft im Juli/August, die Zeit der erhöhten Nahrungsaufnahme im September und Oktober und die Phasen der ersten Fröste, wenn die wärmende Sonne aufgesucht wird, also im November. Grundsätzlich ist Rehwild leichter zu bejagen als Rotwild, da es nicht in Rudeln vorkommt, sondern eher einzel­gängerisch oder eben in Familiensprüngen seine Fährten zieht. Somit gelingt es häufiger, bei der Jagd keine unmittelbaren „Zeugen" zu hinter­lassen. Natürlich muss in jedem Fall ein genaues Ansprechen erfolgen, denn nicht immer ist eine eindeutige Unterscheidung auf den ersten Blick möglich. Als Jäger sollte man jedenfalls wie das Rehwild sein: flexibel! Ein regel­mäßiges Auftauchen zur selben Zeit im Revier ermöglicht es dem Rehwild, Verhaltens­muster zu erkennen und daraus zu ­lernen. Immerhin geht es bei ihm ums Überleben, beim Jäger „nur" um den Jagderfolg. Je seltener der Jäger vor Ort ist, desto vertrauter wird ihm das Wild bei einem Ansitz oder einer Birsch in Anblick kommen. Sinnvoll ist hier auch die Intervalljagd, bei der sich ­Phasen intensiver jagdlicher Tätigkeiten mit längeren Ruhepausen abwechseln. Nach Möglichkeit sind auch Dubletten von Vorteil, da man erstens keine ­Zeugen hinterlässt und mit einem ­Ansitz den Abschussplan um zwei ­weitere Stücke ergänzen kann. Solche Dubletten sind etwa im Frühherbst gut möglich, wenn die Geiß-Kitz-­Bindung noch recht stark ist.

Selbstverständlich kann man mit zusätzlichen Attraktionspunkten für einen höheren Jagderfolg sorgen. Das Anlegen von Wildwiesen oder die Einsaat von Klee auf Banketten lässt das Rehwild bei der Nahrungssuche verweilen. Auch Salz­lecken können gleichmäßig im Revier verteilt werden. Salz ist gerade für ­Geißen während der Laktation wichtig. Klar im Vorteil ist, wer offenen Auges im Revier unterwegs ist und die Hinweise auf die Anwesenheit des Rehwildes deuten kann. Dazu zählen Verbiss, Lager, Fege- und Plätzstellen, Losung, Trittsiegel und Hexenringe, aber auch Laut­äußerungen, wie Fiepen oder Schrecken.

Foto Sven-Erik Arndt