Getreidefelder sind ein Paradies für Sauen. - © Sven-Erik Arndt
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 6. Teil: Schwarzwild.

Etwa einen Monat später als das ­Gamswild hat das Schwarzwild mit der Rauschzeit begonnen. Während die Keiler das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig sind, leiten die Bachen – in einer intakten Rotte die Leitbache – die Rausche ein. Traditionellerweise findet diese zwischen Mitte November und Ende Jänner, mit Höhepunkt im Dezember, statt. Inzwischen sind allerdings vielerorts eine ganzjährige ­Paarung und in der Folge Frischlinge zu beobachten. Keiler machen sich im Spätherbst auf die Suche nach rauschigen Bachen. Findet ein Keiler eine Rotte mit rauschigen Bachen, klappert er mit seinem Gebrech. Der Speichel, den er dabei zu einem steifen Schaum kaut, wird an Sträuchern abgestreift. Eine Rotte mit Bachen wird gegen ­Konkurrenten verteidigt, dabei wird jedoch kein Territorium verteidigt. Kämpfe zwischen gleich starken Keilern können dabei mitunter blutig ablaufen. Bachen sind während der Rausche ­unruhiger und nässen öfter. Ab einem Körpergewicht von etwa 30–35 kg ­können bereits Frischlings­bachen, die zu diesem Zeitpunkt oft erst 8 Monate alt sind, rauschig werden. Sie frischen dann im nächsten Jahr – auch wenn die Anzahl der Frischlinge in diesen Fällen noch gering ist, da sich die Tiere noch im Wachstum befinden. Sind genügend alte Keiler vorhanden, werden allerdings nur die alten Bachen beschlagen. Fehlen diese Keiler, kommen die Jüngeren zum Zug und beschlagen auch Frischlingsbachen. Gehen wir nun bei den weiteren Ausführungen von einem her­kömm­lichen Jahreslauf aus.

Der Wurf ist nicht nur ein sensibles Sinnesorgan, sondern auch ein massives Brechwerkzeug. - © Jörg Fischer

Der Wurf ist nicht nur ein sensibles Sinnesorgan, sondern auch ein massives Brechwerkzeug. © Jörg Fischer

"Nestbau"

Nach dem erfolgreichen Beschlag gehen die Bachen 115 Tage (3 Monate, 3 Wochen und 3 Tage) beschlagen, die älteren Keiler sondern sich ab und ­werden ­wieder zu Einzelgängern. Ab Mitte ­Februar separieren sich die ersten Bachen und beginnen abseits der Rotte mit dem Bau des Wurfkessels. Dazu werden Äste, Zweige und Gras verbaut. Das Schwarzwild ist damit die einzige heimische Säugetierart, die ein derartiges „Nest" für ihren Nachwuchs baut. Die Frischlinge – in der Regel zwischen vier und acht, in seltenen Fällen auch über 10 – werden ab Ende Februar gefrischt, Hauptfrischzeit ist jedoch der März. Die Bachen bleiben die ersten Tage im Wurfkessel bei ihrem Nachwuchs, da dieser sehr wärmebedürftig ist. Nach etwas mehr als einer Woche verlassen die Frischlinge erstmals den Wurfkessel.

Nach etwa zwei Monaten vereinen sich die Familienverbände wieder. Dabei kommen auch die angehenden Überläufer, die von den Bachen abgeschlagen wurden und in eigenen Trupps unterwegs waren, wieder dazu. Der Haarwechsel zur glatten, kurzen Sommerschwarte setzt etwa im April ein und ist bei ­Keilern und jungen Stücken im Juni abgeschlossen. Bei führenden Bachen kann dies wegen der kräftezehrenden Laktation bis in den August dauern. Die Frischlingsstreifen, die in den ersten Monaten zur Tarnung dienen, verschwinden im Laufe des Sommers. Die Streifen können als grober Anhaltspunkt hergenommen werden, ob die Frischlinge noch gesäugt werden. Im Hochsommer werden Suhlen vermehrt aufgesucht. Sie dienen einerseits zur Abkühlung und andererseits zur Beseitigung von Parasiten, die nach dem Suhlen an Malbäumen abgerieben werden. Überläuferkeiler werden bis spätestens September aus den Rotten verstoßen, und auch die Frischlinge werden immer selbstständiger. Während die führenden Bachen mit dem Säugen beschäftigt sind, können sich die Keiler über den Sommer bereits Feist für den Winter und die Rauschzeit an­fressen. Wiesen und Felder werden dabei hauptsächlich im Frühjahr und Herbst umgebrochen. Der Wechsel zum schwarzen, zotteligen Winterhaar findet im Frühherbst statt und ist im Oktober abgeschlossen. Nun können auch die Bachen Feist für den Winter aufbauen.

Frischlinge verlieren ihre Streifen im Laufe des Sommers. - © Sven-Erik Arndt

Frischlinge verlieren ihre Streifen im Laufe des Sommers. © Sven-Erik Arndt

Lebensraum

Schwarzwild ist – das weiß jeder, der diese Wildart bejagt – sehr intelligent und anpassungsfähig. Es fühlt sich in Laubmischwäldern sehr wohl, wo es reichlich Nahrung findet. Suhlen und Zugang zu Wasser sind ebenso wichtig wie ungestörte Bereiche, in denen die Bachen ihren Nachwuchs aufziehen können. Während Schwarzwild im 19. Jahrhundert stark dezimiert wurde, vermehrt es sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa zunehmend und nahezu ungebremst. Auch alpine Lebensräume bis 2.000 m Seehöhe sind kein Hindernis mehr, so lange der Boden umgebrochen werden kann. Durch Zunahme des Mais- und Getreide­anbaus hat sich auch das Nahrungsangebot massiv verbessert. Wärmere Winter, Vollmasten im Wald und zu großzügig ­angelegte und beschickte Kirrungen tun ihr Übriges. So können sich auch Frischlingsbachen in ihrem ersten Lebens­jahr bereits an der Rausche ­beteiligen.

Suhlen und Mahlbäume zum Wohlfühlen. - © Klaus Schendel

Suhlen und Mahlbäume zum Wohlfühlen. © Klaus Schendel

Sozialleben

Schwarzwild gilt als schwer zu bejagen. Dies liegt einerseits an seinen teils sehr ausgeprägten Sinnen, andererseits an dem sozialen Zusammenleben der Rotten. Während der Gesichtssinn nur mittelmäßig ausgeprägt ist – Schwarzwild nimmt eher Bewegungen wahr –, vernimmt es mit seinen ­großen Tellern sehr gut. Das empfindlichste Sinnes­organ ist jedoch der Wurf, ­sodass auch Jäger sehr schnell wahr­genommen ­werden. Daher spielt der Wind eine entscheidende Rolle bei der Jagd auf diese Wildart. Während der Wurf einer­seits feinste Gerüche erkennt, ist er andererseits auch ein gutes Grab­werkzeug, mit dem der Boden umgepflügt werden kann. Durch das Zusammenleben im Rottenverband – alte Keiler ausge­nommen – wird angesammeltes Wissen weitergegeben. Fehler in der Bejagung akkumulieren sich so in einer Art ­„kollektivem Gedächtnis", was die ­Bejagung mit der Zeit erheblich erschweren kann. Das Erlegen der ­Leit­bache destabilisiert die Rotte, was auch dazu führt, dass die Rauschzeit in der Rotte nicht mehr synchron abläuft und ganzjährig stattfinden kann. Früher wurde Schwarzwild verehrt, da es Mut zur Jagd auf diese wehr­haften Tiere brauchte. Heute hat es durch seine ungebremste Vermehrung und die Schäden, die es etwa in der Landwirtschaft anrichtet, ein sehr schlechtes Image. Dabei können Wildschweine durch das Umgraben des ­Bodens und die Suche nach Insekten im Wald sogar einen positiven Wild­einfluss ausüben. Wir sollten trotz der Probleme und Herausforderungen, vor die uns das Schwarzwild stellt, den Respekt vor dieser spannenden Wildart nicht verlieren und eine weidgerechte Jagd beibehalten.

Sven-Erik Arndt