Rettung aus der Deckung

Schätzungsweise bis zu 25.000 Rehkitze werden jährlich von Mähwerken getötet. Aber immer mehr Jäger, Bauern und Helfer tun sich zusammen, um sie zu retten. Wie das funktioniert, zeigt Herbert Gersthofer, Hegeringleiter im Schwarzatal.
Kitzrettung

Schätzungsweise bis zu 25.000 Rehkitze werden jährlich von Mähwerken getötet. Aber immer mehr Jäger, Bauern und Helfer tun sich zusammen, um sie zu retten. Wie das funktioniert, zeigt Herbert Gersthofer, Hegeringleiter im Schwarzatal.

Die Setzzeit der Rehe und die erste Mahd fallen zeitlich zusammen. Für viele Kitze endet das tödlich, denn sie gehören zum Ablegetyp, verbringen also die ersten Lebenswochen zusammengerollt in Wiesen. Bei Gefahr drücken sie sich in ihren Liegeplatz, anstatt zu flüchten. Vor allem in Gebieten mit vielen Wiesen arbeiten Bauern und Jäger freiwillig zusammen, um dieses Tierleid zu verhindern. 

Im Schwarzatal, im südlichen Niederösterreich, bemüht sich der Hegering seit mehreren Jahren intensiv um die Kitzrettung. Der Hegering im Bezirk Neunkirchen erstreckt sich über 19 Reviere, rund 6.500 Hektar und von 400 bis 1.100 Höhenmeter. Es ist eine typische Rehwildregion mit vielen Weideflächen – durch viel Milchwirtschaft – und damit ist der Mähtod bei Kitzen dort ein großes Thema, so wie die Kosten und die Koordination von Drohneneinsätzen.  

Koordiniertes Vorgehen

Die Kitzrettung mit der Drohne war in Jägerkreisen bereits gekannt. Die ersten Drohneneinsätze wurden jedoch der Stadtgemeinde Ternitz ins Leben gerufen: Der Tierschutzgedanke war Beweggrund für die umliegenden Reviere die Einsätze vom Drohnendienstleister „SpektakulAIR“ zu finanzieren. Als zuständiger Hegeringleiter war Herbert Gersthofer in dieses Projekt involviert. Sehr viel positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung sowie der Grundeigentümer waren Motivation genug, um weiterzumachen. Reviere außerhalb des Gemeindegebiets Ternitz wurden jedoch nicht gefördert und hatten Probleme die Drohnendienstleistung zu finanzieren.  Mittlerweile hat eine Jagdgesellschaft vor drei Jahren eigene Drohnen angeschafft und steht mit sieben Piloten über die Hegeringgrenzen hinaus zur Verfügung. 

Die Koordination der Drohneneinsätze über einen Teil des Jagdgebiets von rund 1.500 Hektar übernimmt Hegeringleiter Herbert Gersthofer: „Wir haben eine Chatgruppe gegründet, wo Grundeigentümer hineinschreiben, wann und wo sie mähen, das macht die Abstimmung mittlerweile einfach.“ Denn meist schließt sich der Nachbar an und der Drohnenpilot kann dann effizient gleich ein größeres Gebiet überfliegen. Gersthofer kontaktiert dann den Jagdpächter bzw. den Drohnenpiloten und vereinbart Uhrzeit und Startpunkt.

Freiwilliges Engagement

Die örtliche und zeitliche Abstimmung sei in der Vergangenheit ein „Knackpunkt“ bei der Kitzrettung gewesen. Heute zählt die Chatgruppe 23 Mitglieder, darunter alle Grundeigentümer und Jäger. Das freiwillige Engagement ist groß, wie Gersthofer erzählt: „Wir haben alle auch einen Brotberuf, stehen aber davor bei Sonnenaufgang schon am Feldrand.“ Die Drohneneinsätze werden grundsätzlich von der Jagdgesellschaft bezahlt, Grundeigentümer geben aber gerne eine Spende und helfen auch persönlich mit. „Wir sehen das als Ganzes und helfen alle zusammen – revier- und grundstücksübergreifend –, dadurch bleibt es machbar. Man kann ja nicht wochenlang drei, vier Stunden später zur Arbeit kommen.“  

Abgesucht wird in der morgendlichen Dämmerung, wenn es noch kalt ist, denn da zeigt die Drohne mit Wärmebildkamera besonders gut an. Je später, desto schwieriger, weil auch von der Sonne aufgeheizte Steine oder Maulwurfshügel als Wärmepunkte angezeigt werden. Pro Feld braucht es etwa drei bis vier Helfer. Der Drohnenpilot lotst sie per Funk rasch zur Wärmequelle, damit die Suche schnell weitergehen kann.

Wenn die Kitze noch ganz frisch sind, können sie einfach in Kisten oder Körbe gepackt werden. „Bei späteren Mähterminen, also wenn die Kitze auch schon älter und lebendiger sind, ist das Einfangen eine sportliche Herausforderung. Die Helfer sollten also fit sein“, betont Gersthofer. Die Kitze werden dann bis zur nächsten Deckung gebracht, am besten an den schattigen Waldrand, und die Kiste fixiert, damit das Kitz sie nicht aufheben kann. Nach der Mahd werden die Kitze meist vom Grundeigentümer freigelassen, wobei sie – auch wenn die Kiste entfernt wird – oft ruhig liegen bleiben und nach der Geiß fiepen. Das Rettungsteam ist da schon längst weitergezogen. In einer halben Stunde können mit gutem Equipment etwa fünf Hektar abgesucht werden, wenn keine Kitze lokalisiert und gerettet werden müssen. Die Drohne fliegt dabei auf rund 80 Meter Höhe. 

Raubwild bleibt Feind

Im Vorjahr konnten im Gebiet von Herbert Gersthofer 39 Kitze gerettet werden, im gesamten Hegering waren es fast 200 Kitze. Dennoch hat sich die Population an Rehwild im Schwarzatal nicht ausgedehnt und die Abschusspläne mussten nicht wesentlich verändert werden. Manche Befürchtungen, dass Verbissschäden zunehmen werden, sind so nicht eingetreten, wie Gersthofer berichtet: „Wir können nicht feststellen, dass durch unsere Aktionen auffallend mehr Rehe in der Region sind oder die Wildschäden mehr werden.“

Die Jägerschaft im Schwarzatal vermutet, dass Kitze eine hohe natürliche Sterberate haben und auch häufig den Fressfeinden zum Opfer fallen. Die Fuchs – und Rabenvogelbejagung möchte man nun noch aktiver ausüben. Trotzdem sehen sich die Jäger bei der Kitzrettung bestätigt, denn wie der Hegeringleiter betont: „Wir verhindern jedenfalls Tierleid und die Bauern haben kein verunreinigtes Grünfutter.“ Für Gersthofer, der auch im Fachausschuss Rehwild im NÖ Jagdverband aktiv ist, ist die Kitzrettung ganz klar eine Aufgabe der Jäger, mit der sie sich auch in der Öffentlichkeit in ein positives Licht rücken können. 

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