Dann kam die Stille

Keiler im Winter im Wald
Keiler im Winter im Wald

Was als unsicherer Ansitz nach meiner Ertaubung begann, wurde zur überraschenden Bestätigung meines neuen Hörvermögens – und zeigt, warum Hörschutz und Bewusstsein für Hörverlust in der Jagd essenziell sind.

Im Jänner dieses Jagdjahres war es wieder so weit, ein mir bereits bekannter Jagdgast wollte ein Stück Schwarzwild erlegen. Ein Frischling oder Überläufer sollte es werden. Dieses Mal war es anders als sonst, da ich das erste Mal nach meiner kompletten Ertaubung, die noch nicht so lange zurücklag, selbstständig mit dem Jagdgast ins Revier fuhr. Etwas angespannt, aber motiviert fuhren wir zu besagter Kirrung, an der eine Rotte wiederholt bestätigt wurde. Auf dem Weg dorthin klärte ich den Beifahrer sicherheitshalber darüber auf, dass ich gehörlos bin. Dieser nahm das verständnisvoll auf. An der Kanzel angekommen, richteten wir uns ein und warteten. Eine Stunde verging, einzig eine Schmalgeiß wechselte an. Wenig später glaubte ich Sauen auf der rechten Seite in der Dickung zu vernehmen, doch der Gast schien sie nicht zu hören. Zweifel kamen auf: Höre ich mit meinen Cochlea-Implantaten immer noch so wenig oder bilde ich mir das bloß wieder ein?

Hörverlust
Jeder kennt den einen Opa, Nachbarn oder Bekannte, die nicht mehr alles verstehen, was man ihnen sagt. Gerade unter Jägern fällt oft auf, dass einige – erfreulicherweise nicht alle – keinen Gehörschutz beim Schießen oder bei Revierarbeiten tragen. Liegt das an der „Bequemlichkeit“ oder wird die Gefahr einer Verletzung des Gehörs ignoriert?
Das Angebot an Gehörschutzutensilien reicht mittlerweile von günstigen Ohropax um wenige Cent bis zum elektronischen Gehörschutz von 150 Euro aufwärts. Schwerhörigkeit – und deren nächste Stufe, die Ertaubung – kann jeden treffen. Ein Schuss mit der Büchse ohne Gehörschutz kann schnell zu einem Gehörsturz führen, meist in Begleitung eines Tinnitus (Ohrengeräusch). Mit viel Glück und rascher Behandlung ist in den meisten Fällen eine Wiederherstellung des Hörvermögens möglich. Eine Verschlechterung der Hörleistung muss nicht abrupt erfolgen, sie kann auch schleichend vonstattengehen. Gewisse Tonhöhen sind mit der Zeit schwer bis gar nicht wahrzunehmen (hohe/tiefe Töne). Besonders fällt das bei bestimmten Personen mit einer hohen/tiefen Stimme auf, die wir dann schlecht oder nur bei völliger Konzentration auf diese Person verstehen. Man denke jetzt an Situationen in geselliger Runde, bei Feierlichkeiten und beim Schüsseltrieb, wo alle kreuz und quer reden. Viele kommen in diesem Setting nicht mehr zurecht und sind überfordert, schnell kann sich Frust breitmachen. An dieser Stelle sei angemerkt: „Hören ist nicht gleich verstehen – ich höre dich sprechen, verstehe aber nicht, was du sagst“.
Kleines Gedankenspiel: Sie verstehen ihre Kinder, Enkelkinder, Nichten plötzlich nicht mehr. Sie wollen verstehen, was sie Ihnen mitteilen möchten, können aber nicht – was für ein Gefühl hinterlässt das?

Gründe & Auslöser
Die Ursachen für Hörverlust bzw. Verminderung des Hörvermögens sind vielfältig. Neben Erkrankungen und Unfällen führen Lärmentwicklung in unserer Arbeits- und Freizeitwelt zu einer kontinuierlichen Belastung dieses Sinnesorgans, das nie „ruht“. Im jagdlichen Kontext fallen viele Revierarbeiten an, wie Mähen mit der Motorsense, Schneiden mit der Motorsäge etc. Bei diesen Arbeiten wird ein Geräuschpegel von 106–112 Dezibel erreicht. Hier empfiehlt es sich, einen Helm mit integriertem Gehörschutz zu tragen.
Eine die Ohren schonende Alternative zu den mit Benzinmotoren angetriebenen Geräten sind Akkusägen/Akkusensen. Sie eignen sich ausgezeichnet zum Hochstandbau oder für kleinere Fällarbeiten. Wie wurde ich damals noch belächelt, als ich voller Stolz mit meiner neuen Akkusäge im Dienst daherkam. Wenig später hatte einer der Kritiker selbst eine.
Der größte Risikofaktor für die jagdliche Hörleistung ist definitiv die Schussabgabe, insbesondere in geschlossenen Kanzeln. .
Der Büchsenknall kann ohne Schalldämpfer bis zu 170 Dezibel (je nach Kaliber) erreichen, mit Schalldämpfer sind es immerhin 25–35 Dezibel weniger. Dazu ist anzumerken, dass Dezibel eine logarithmische Einheit ist. So entsprechen 10 Dezibel weniger etwa einer Schallreduktion um die Hälfte. Ein Schalldämpfer ist somit eine lohnende Investition und auch der treue Vierbeiner, der uns am Hochstand begleitet, wird es Ihnen danken. Eine oft unterschätzte Ursache für Hörverlust/-minderung ist der altbekannte Stress. Die laufende Schussbelastung kann problematisch werden, aber auch andauernde psychische Belastung kann zu einem Hörsturz bzw. einem teilweisen Hörverlust führen. In derartigen Fällen ist umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Durch eine rasche Behandlung, in Verbindung mit viel Ruhe, stehen die Chancen gut, das alte Hörvermögen wiederzuerlangen.

Auswirkungen
Die Auswirkungen von Hörverlust/-minderung sind bereits eingehend untersucht worden. Negativ wirken sich diese Schädigungen auch auf die Psyche aus. In der Folge führen sie zu einem Rückzug aus dem Sozialleben (Isolation), zu beruflichen Problemen (eventuelle Benachteiligung) und zu einem erhöhten Risiko, an Demenz zu erkranken (aufgrund der reduzierten Hirnaktivität). Die zwischenmenschlichen Beziehungen können massiv unter der Hörminderung leiden, wenn das Verständnis der Gesellschaft bzw. die Rücksichtnahme des Umfelds fehlen. Die Strategie sollte sein, offen damit umzugehen und Bedürfnisse zu kommunizieren.
Im beruflichen Kontext kann die Kommunikation insbesondere über das Handy oder in lauter Umgebung (Maschinen, Auto, . . .) schnell zu kleineren oder größeren Turbulenzen führen. Ein ruhigeres Umfeld ist in solchen Fällen vorzuziehen. Ein weiteres Problem stellt das gestörte Richtungshören dar. Umso größer der Unterschied im Hörvermögen zwischen dem linken und dem rechten Ohr, desto schwieriger wird das Bestimmen der Richtung. Negative Auswirkungen kann dies in Gefahrensituationen oder beim Ansitz (wo sind die Sauen bloß?) haben. Eine besondere Herausforderung selbst für „Hearies“ (Synonym für eine hörende Person in der US-amerikanischen Gebärdensprache) ist das Anbirschen/Lokalisieren des kleinen oder großen Hahnes. Das „Schleifen“ des Auerhahnes dauert nur wenige Sekunden. ­Dieses zu orten gleicht einem Hoch­leistungssport.
Apropos Hochleistungssport: Das Hören mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten erfordert mehr Konzentration, da die Hörreserven viel schneller erschöpft sind, und die Konzentration schneller nachlässt. Hörreserven sind die Kapazität an Aufmerksamkeit beim Zuhören. Sinken sie, so hören wir, verstehen das Gesagte aber nicht mehr. Eine große Rolle bei einer Hörminderung spielen Gestik und Mimik sowie die Kunst des Lippenlesens. Diese ist erlernbar und für viele Menschen ein unverzichtbarer Halt in der täglichen Kommunikation. Sollte eine Person oder ihr Gegenüber auf die Mimik angewiesen sein, so wäre das mitzuteilen, um auf einen entsprechenden Umgang achten zu können. Je rücksichtsvoller die Kommunikation verläuft, desto besser und wohler fühlt sich die betroffene Person.

Technische Hilfsmittel
Sollte es einmal so weit sein, dass eine Hörhilfe benötigt wird, gilt: Scham oder Angst sind hier fehl am Platz. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Jeder Betroffene erweist sich und seinem Umfeld einen Gefallen, wenn entsprechende Hörhilfen verordnet und angewandt werden. Die technische bzw. technologische Entwicklung im Bereich der Hörprothesen zeigt Quantensprünge in den letzten drei Jahrzehnten. Die „Helferleins“ werden immer kompakter und sind weniger auffällig. Hier werden drei Hilfsmittel vorgestellt:
Hörgerät
Man unterscheidet zwischen dem IOG- Gerät (Gerät ist in der Ohrmuschel und wird der Ohrmuschel der Person angepasst, es ist klein und unauffällig) und dem HDO-Gerät (das Gerät wird hinter dem Ohr platziert, ist über die Otoplastik mit der Ohrmuschel verbunden). Das kleinere Gerät reicht für den leichteren Hörverlust aus, bei mittlerer Schwerhörigkeit ist das HDO-Gerät für ein ausreichendes Verstehen notwendig. Die Handhabung ist per App einfach möglich, der Akustiker sorgt für eine gute Grundeinstellung. Die Eingewöhnung kann zwei Wochen oder mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Kranken­kassen übernehmen je nach Grad des Hörverlustes die Kosten zum Teil bzw. gänzlich.
Cochlea-Implantat
Das Cochlea-Implantat ist ein künstliches Gehör, das operativ implantiert wird. Dabei werden vier Elektroden an die Cochlea (die Hörschnecke) angehängt. Das Implantat selbst wird oberhalb des Ohres unter der Haut eingesetzt. Für die Schallaufnahme wird ein Prozessor (gleicht dem Hörgerät) mit der zugehörigen Spule außen getragen. Das kurz „CI“ genannte Implantat ist für Personen gedacht, die an hoher Schwerhörigkeit/Ertaubung leiden. Es kann je nach Notwendigkeit auf einer oder auf beiden Seiten implantiert werden. Hier sei ausdrücklich erwähnt, dass der operative Eingriff nur ein kleiner Schritt in einem langen Rehabilationsprozess ist. Nach einer Eingewöhnungsphase muss das Hören neu erlernt werden. Dies kann, abhängig von der Person, zwischen schnellen ersten Erfolgen nach drei Monaten bis zu mehreren Jahren (bei zwei CIs) dauern. Unterstützt wird der Reha-Prozess durch Logopäden, die auf Hörtraining spezialisiert sind und über spezielle CI-Reha.
KI- Brillen
Noch sehr neu, aber immer stärker im Kommen, sind „Künstliche-Intelligenz-Brillen“. Sie sind teilweise auf gehörlose Personen zugeschnitten oder es wird einfach die Übersetzung genutzt. Der Träger der Brille kann lesen, was sein Gegenüber ihm mitteilt. Es gleicht den Untertiteln aus dem Fernsehen. Das Tragen ist anfangs sehr ungewohnt, kann sich dennoch zu einer guten Unterstützung entwickeln. In Niederösterreich wurden diese kürzlich in die Hilfsmittelliste aufgenommen und werden gefördert.

Gebärdensprache
Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, Vokabeln und Syntax. Diese muss ­erlernt werden wie eine Fremdsprache, sie arbeitet über Gestik und Mimik ohne Lautsprache. Eine Kommunikation über Distanz ist ebenfalls möglich und im Jagdbetrieb, gerade auf der Birsch, ein toller Vorteil. In Österreich wird die Gebärdensprache von ca. 10.000 Menschen zur Kommunikation genutzt. Dies ist ein extrem geringer Anteil, gemessen an der Anzahl der Einwohner.
Spannende Erkenntnis am Rande: Taubheit bei der Jagd ist nicht das Ende, im Gegenteil. Das Hirn fokussiert sich auf die anderen Sinnesorgane wie Riechen, Sehen und den Tastsinn, die Anwesenheit von Rot- und Schwarzwild oder dem Fuchs wird bei einem Lufthauch eher wahrgenommen. Auch der Sehsinn wird geschärft, da die Ablenkung durch das Hören oft unterschätzt wird. Schon Immanuel Kant sagte: „Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht Hören trennt von den Menschen.“

Eine Wildschweinrotte, genauer gesagt eine Bache mit ihren Frischlingen, durchstreift im Winter einen Wald in Schleswig-Holstein, Deutschland
Bache mit Frischlingen im Schnee

Würdiger Abschluss
Eine Stunde war vergangen und ich lauschte hochkonzentriert zu meiner Rechten, hatte aber keinen Anblick. Ich spürte die Anwesenheit von stärkerem Wild, hörte eine Bache, einen Frischling und dann plötzlich Stille. Angespannt saßen wir mit dem Blick nach vorne da, und tatsächlich stand die Rotte wenige Augenblicke später bereits vor uns. Kurzes Ansprechen des Wildes und wortloses Verständigen mit dem Jagdgast. Ich öffnete vorsichtig das Fenster, er visierte und trug die Kugel sauber an. Das Stück verendete im Feuer. Erleichterung machte sich breit, die Freude war auf beiden Seiten groß.
Mein neues Hörvermögen hat mich also in puncto Wildgeräusche nicht im Stich gelassen. Der anschließende Schüsseltrieb gestaltete sich in der Kommunikation alles andere als einfach, doch das konnte mir meine Stimmung nicht vermiesen. Mit einem kleinen Hauch mehr Selbstbewusstsein führte ich meine Lehrzeit fort und konnte wenig später den nächsten Jagdgast erfolgreich auf einen Keiler führen. Mit einem guten Gefühl startete ich in den Berufsjägerlehrgang.

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