Ersehnte Ruhe

Hirsch im Schnee
Rothirsch im Winter, Nationalpark Bayerischer Wald, Deutschland

Um Reh- und Rotwild gut über den Winter zu bringen, brauchen sie gutes Futter, Deckung und vor allem Ruhe. Störungen durch Menschen oder Hunde erhöhen den Energieverbrauch und schaden der Gesundheit des Wildes.

Ein Erwachsener, der mit zwei Kindern auf der Rodel den Hang hinunter bis zur Hirschfütterung fährt – diese Erinnerung sorgt bei Wolfgang Pfeffer bis heute für heftiges Kopfschütteln. In St. Veit an der Gölsen ist der Berufsjäger momentan vor allem damit beschäftigt, hunderte Hirsche auf mehreren Plätzen im Jagdgebiet des Stifts Lilienfeld zu füttern. Eisige Temperaturen, wenig natürliche Äsung und hohe Anstrengung bei Bewegung im Schnee stellen das Wild vor große Herausforderungen. Zu den Aufgaben der Jägerschaft gehört es deshalb – in Niederösterreich auch gesetzlich verpflichtet –, Rot- und Rehwild in Notzeiten zu füttern, um Tierleid zu vermeiden und Wildschäden vorzubeugen.

Vor allem bei Schnee sind Reh- und Rotwild auf vorgelegte Äsung angewiesen. „Wenn wir nicht füttern würden, müssten sie sich zwangsläufig vom Forst ernähren – das wollen wir vermeiden“, erklärt Klaus Kratzer, Forstdirektor von Stift Lilienfeld. Das liegt auch daran, dass eine Überwinterung in den Auen für Hirsche – anders als früher – straßenbaulich und siedlungstechnisch kaum mehr möglich ist. Gefüttert wird im Revier bereits ab Mitte November, damit das Schalenwild ausreichend Fett- und Energiereserven vor dem ersten Schneefall anlegen kann und die Einstände rechtzeitig kennt. Je nach Schneelage erfolgt die Fütterung bis etwa Ende April. Große Rotwildfütterungen müssen von der Forstbehörde bewilligt werden, die dabei sowohl den Standort als auch das vorgelegte Futter kontrolliert. Ein zentrales Kriterium ist, dass dem Wild ausreichend Rückzugsräume zur Verfügung stehen. 

Reserven schonen
„Wildtiere brauchen regelmäßig gutes Futter, Deckung und viel Ruhe, um gut über den Winter zu kommen“, erklärt Kratzer. Reh- und Rotwild fahren in der kalten Jahreszeit nämlich ihren Stoffwechselhaushalt stark herunter, sogar die Körpertemperatur sinkt. Die Tiere verhalten sich ruhig, bewegen sich weniger und nutzen feste Wechsel, um unnötige Anstrengung zu vermeiden. „Jede Beunruhigung ist in dieser Situation problematisch: Der Energiehaushalt muss schlagartig hochgefahren werden, um flüchten zu können. Diese Energie fehlt dann, um den Winter zu überstehen“, verdeutlicht Kratzer. 

Die Wildtiere flüchten oft kilometerweit und kehren ein bis zwei Tage nicht mehr zu den Fütterungen zurück. Stattdessen beginnen sie, weiter oben im Wald Bäume zu schälen. Neben Verbiss- und Schälschäden im Forst verschlingt diese Flucht wertvolle Energiereserven. Die Folgen zeigen sich oft erst im Frühjahr: durch geschwächte, kranke oder verhungerte Tiere sowie durch einen schwächeren oder ausbleibenden Nachwuchs.

Markierte Sperrzonen
Um Störungen durch Menschen zu minimieren, werden die Bereiche rund um die Fütterung als jagdliche Sperrgebiete ausgewiesen. Jagdfremde Personen dürfen sich dort abseits öffentlicher Wege nicht näher als 200 Meter an die Wildfütterung heranbewegen. Der gesetzliche Verbotsbereich muss entsprechend beschildert sein. In St. Veit an der Gölsen sind diese Hinweistafeln deutlich auf einem Schranken angebracht und trotzdem verirren sich immer wieder Skitourengeher oder Wanderer in die Verbotszone. „Wer sich in der Natur bewegt, sollte auf öffentlichen, markierten Wanderwegen oder freigegebenen Forstwegen bleiben und nicht querfeldein durch den Wald laufen“, mahnt Kratzer. Für Wildtiere sind diese Wanderer auf Abwegen nämlich schon aus großer Entfernung wahrnehmbar. 

Auf Forststraßen, die rechtlich zum Wald und nicht zu den Wegen gehören, ist es zudem verboten, Hunde von der Leine zu lassen. Dennoch kommt es auch regelmäßig vor, dass Hunde frei laufen und dem Wild hinterherhetzen. „Es ist verständlich, dass Menschen nach der Arbeit Erholung in der Natur suchen“, sagt Kratzer, aber dafür müssten Regeln eingehalten werden – etwa nicht in der Dämmerung oder sogar nachts mit Stirnlampe unterwegs zu sein. „Wir befinden uns im Wohnzimmer unserer Wildtiere und man muss Rehen, Hasen und Rotwild dieses Rückzugsgebiet gönnen, damit sie vor allem in der Nacht in Ruhe Äsung aufnehmen können.“ Berufsjäger Wolfgang Pfeffer sucht in solchen Fällen das direkte Gespräch, ermahnt Störenfriede und erklärt ihnen die Folgen ihres Handelns für die Tiere. 

SPUREN Aufsichtsjäger Josef
Ebenberger lenkt Skitourengeher,
indem er selbst Spuren in den
frischen Schnee zieht.

Vorgespurte Skitouren
Eine andere Methode zum Wildtierschutz verfolgt Josef Ebenberger, Aufsichtsjäger in Türnitz: Er lenkt am Annaberg Skitourengeher an Einständen vorbei, indem er gemeinsam mit befreundeten Tourengeher frühmorgens kontrollierte Spuren in den frischen Schnee zieht und Hinweistafeln aufstellt. „Das bringt wirklich etwas, damit nicht jeder wild durch den Wald geht.“ Auch in einem Nachbarrevier in St. Veit habe man damit gute Erfahrungen gemacht. „Wenn die Tourengeher nicht gelenkt werden, verteilen sich die Spuren überall hin. Aber sobald ein paar Spuren und Tafeln da sind, funktioniert das sehr gut.“ Begonnen hat Ebenberger damit während der Coronazeit, als viele Menschen vermehrt sportliche Aktivitäten im Freien suchten und dann manchmal direkt mit den Skiern durch die Fütterung gefahren sind. „Gerade dort sind die Tiere nochmals empfindlicher. Wenn das Rotwild zwei, dreimal bei der Fütterung stört, wirkt sich das 14 Tage aus“, erklärt Ebenberger. 

Da der Lebensraum des Rotwildes durch Holzarbeiten und Fremdenverkehr ohnehin begrenzt ist, sollte jeder seinen Beitrag leisten, damit das Wild im Winter die nötige Ruhe findet. Als Wintersportler sollte man die markierten Wege nicht verlassen und die Route vorher sorgfältig planen, so Ebenberger. Der Aufsichtsjäger setzt dabei auch auf den direkten Dialog: „Man muss mit den Touristen und Freizeitsportlern auf Augenhöhe reden. Die meisten handeln nicht aus böser Absicht, sondern aus Unkenntnis.“ Aufklärungsarbeit sei daher unerlässlich – denn solange sich Menschen vorhersehbar auf markierten Wegen bewegen, fühlt sich das Wild deutlich weniger gestört. 

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