Wenn die kalte Jahreszeit langsam Abschied nimmt, wird so manches Gerät aus dem Winterschlaf geholt. Rasenmäher, Gasgriller, Motorrad und Co. werden sorgsam gereinigt und gründlich durchgecheckt, nötigenfalls auch in einer Fachwerkstatt. Und die Büchse zum Rehjagern? Wird schon noch passen…
Viele kennen das unsichere Gefühl, wenn man eine schon lange nicht mehr verwendete Jagdbüchse aus dem Schrank nimmt: Auf welche Laborierung war die nochmal eingeschossen? GEE oder 100 Fleck? Hat bei der nicht letztes Mal die Sicherung ein wenig geklemmt? Funktioniert die Absehensbeleuchtung überhaupt noch? Mit solchen Zweifeln im Hinterkopf eine Waffe bei der Jagd zu verwenden, ist nicht nur unangenehm, sondern auch höchst unverantwortlich. Ein „Frühjahrsputz“ im Waffenschrank ist jedoch hervorragend geeignet, sich mit seinen Waffen wieder vertraut zu machen und die wertvollen Jagdwerkzeuge auf Vordermann zu bringen.
Grundsätzlich empfiehlt es sich, hierbei nach einer „Checkliste“ vorzugehen, die zuerst die mechanische Funktion und Sauberkeit der Waffe, dann die Munition und zu guter Letzt das Ein- oder Probeschießen der Waffe umfasst.
Die Reinigung: von außen nach innen
Nimmt man die Waffe aus dem Schrank, so ist die erste Tätigkeit – in jedem Falle, ohne Wenn und Aber – eine Ladezustandsüberprüfung: Bei (nach Möglichkeit) gesicherter/entspannter Waffe das Magazin – wenn technisch möglich – abnehmen, den Verschluss öffnen und ebenfalls entnehmen. Kipplaufwaffen brechen und anschließend in die Hauptbestandteile auseinandernehmen (alles, was ohne Werkzeug möglich ist). Erst jetzt widmet man sich der Waffenreinigung, wobei folgende Utensilien griffbereit sein sollten:
- Waffenöl dünnflüssig (z. B. Brunox, M4, Ballistol Gunex, Birchwood Casey RIG): dient zur Reinigung, sollte für die Anwendung im Lauf keine Nano-Beschichtungs-Eigenschaften haben
- Waffenöl zähflüssig/Waffenfett (z. B. Ballistol GunCer, Brunox Lub&Cor, Break Free CLP, Ostermayer Waffenfett): dient zur Schmierung und gewährleistet Korrosionsschutz an der Oberfläche, kann (keramische) Nanopartikel enthalten
- Schaftöl/ Ballistol Universalöl für Holzschäfte
- Entfettungsmittel (z. B. Ballistol Kaltentfetter, Bremsenreiniger, Aceton)
- Gummihandschuhe
- Textile Putzlappen (am besten alte, oft gewaschene T-Shirts)
- Microfaser-Optikputztuch, Linsenreinigungsflüssigkeit/Glasreiniger
- Reinigungsbürste mit Kunststoffborsten
- Laufreinigungswerkzeug: Schnellreinigungsschnur, Putzstock mit kugelgelagertem Griff, Messing-/Bronzebürsten im richtigen Durchmesser, Laufreinigungs-Solvent flüssig oder Paste, Textilpatches/Filzpfropfen)
- Waffenhalter/Reinigungsgestell/Schraubstock mit weichen Schonbacken
- Druckluft-Kompressor: der heiße Tipp für intelligente Faule, gibt es in kleinen, leisen, zimmertauglichen Ausführungen schon unter 100 Euro.
Um das Hantieren zu erleichtern, sollte man den Gewehrriemen abnehmen und dabei diesen und die Riemenbügel gleich auf mögliche Risse oder Beschädigungen überprüfen. Man bedenke, dass an diesem vergleichsweise günstigen Gegenstand eine teure und potenziell gefährliche Schusswaffe hängt. Wer Druckluft mit dosierbarer Düse zur Verfügung hat, kann als ersten Schritt die Waffe durch gründliches Abblasen von Staub und Schmutzpartikeln befreien; Abzugszüngel, Sicherungs-/Spannschieber, der Spalt zwischen Lauf und Schaft, Laufschienen und der Magazinschacht können so bequem von leicht lösbarem Schmutz befreit werden. Ohne Kompressor können diese Arbeitsschritte mit Tüchern und Bürsten erledigt werden.
Abnehmbare Zielfernrohre (Schwenk-, Einhak- und Aufkippmontagen) werden nun von der Waffe genommen, die mechanischen Teile der Zielfernrohrmontage mit einem trockenen Tuch von Öl- und Fettresten befreit. Um alte, eventuell verharzte und zähe Schmiermittelreste zu entfernen, tränkt man ein Textiltuch mit Entfettungsmittel (zum Schutz der Haut sollte man dabei Gummihandschuhe verwenden und währenddessen gut lüften) bzw. sprüht die betroffenen Stellen damit ein. Vorsicht – Entfettungsmittel sollten keinesfalls mit Schaftholz, Kunststoffen, Gummiteilen und Optiklinsen in Berührung kommen, da sie deren Oberflächen beschädigen können! Die Linsen der Zieloptik sollten ausschließlich mit dafür gedachten Microfasertüchern und im Idealfall nur durch Anhauchen gereinigt werden. Glasreiniger nur bei starker Verschmutzung und sparsam anwenden. Klebestellen (besonders bei Zielfernrohrmontagen) sollten nur kurzfristig mit Entfettungsmitteln in Kontakt kommen. Mit Putztuch und Bürsten gründlich alle Fettreste entfernen, ggf. zwischendurch mit Druckluft abblasen.
Die gereinigten Bauteile sollten dabei gleich auf einwandfreie mechanische Funktion und Unversehrtheit der Oberflächen kontrolliert werden. Die Gängigkeit gleitender Teile, spielfreie Verriegelungsmechaniken und die feste Verschraubung von Teilen müssen gewährleistet sein. Falls hier Funktionsmängel zutage treten, sollten diese unverzüglich beim Büchsenmacher abgeklärt werden – was anfangs nur ein kleiner, leicht zu behebender Mangel ist, kann im Dauergebrauch zum sicherheitsrelevanten (und dann oft teuren) Problem werden.
Die Behandlung stark korrodierter (rostender) Oberflächen und Teile sollte man in jedem Fall Fachleuten überlassen, leichte Oberflächenkorrosion wird am besten durch häufiges Abwischen mit einem öligen Tuch behandelt. Die nun grundsaubere, entfettete Waffe wird daraufhin erneut mit dem schützenden Film eines eher zähflüssigen Öles oder mit einem Nanopartikel-Oberflächenschutz versehen (einsprühen, mit einem leicht getränkten Lappen abwischen).
Mechanisch beanspruchte Teile (Zylinderverschlüsse, Drehzapfen von Schwenkmontagen, Laufhaken, Baskülradius bei der Anlagefläche des Vorderschaftes – überall, wo Metall auf Metall gleitet) werden mit schmierfähigem, nicht zu dünnflüssigem Öl, Waffenfett oder einer Mischung aus Fett und Öl (durch gutes Verrühren anmischen) benetzt. Holzschäfte freuen sich über eine „Ölmassage“, wobei ein geeignetes Produkt (kein erdölbasiertes Waffenöl verwenden!) mit dem Daumenballen in kreisenden Bewegungen so lange in das Holz eingerieben wird, bis eine seidenmatte, gesättigte Oberfläche entstanden ist. Bei stark vernachlässigten Schäften kann dieser Vorgang im Abstand von jeweils einem Tag mehrmals wiederholt werden.
Mit oder ohne Einschießen?
Einer Tatsache sollte man sich bewusst sein: Sobald Schrauben der Zielfernrohrmontage oder der Systembettung im Schaft gelockert – oder auch fester angezogen – werden, kann es zu massiven Verlagerungen des Trefferbildes kommen. Wer also beispielsweise Innenteile der Waffe, wie die Abzugsgruppe oder die Sicherungsmechanik, reinigen möchte und dazu das System aus dem Schaft nimmt, den Magazinkasten abschraubt, die Position des Zielfernrohres auch nur minimal ändert oder auf eine andere Patronentype umsteigt, muss seine Waffe von Grund auf neu einschießen.
Kurz gesagt: Fast alle Tätigkeiten an einer Waffe, für die man Werkzeug benötigt, erfordern danach zwingend ein neuerliches Einschießen der Zieloptik. Selbst wenn ohne Werkzeug gearbeitet und die Patronenlaborierung nicht gewechselt wird, ist ein gewissenhaftes Kontrollschiessen (Gruppen zu 5 Schuss mit kühlem Lauf, 100 Meter) unbedingt anzuraten, wenngleich ein wenig mehr Training zum „Reinkommen“ nie schadet. Die Richtlinie des NÖJV zum regelmäßigen Übungsschießen sieht hierfür die Anschlagsarten sitzend aufgelegt und stehend angestrichen auf die Rehbock-Scheibe vor.
Die Laufreinigung – eine Wissenschaft?
Eines gleich vorweg: Die fachgerechte Reinigung eines Büchsenlaufes ist zwar keine komplizierte „Wissenschaft“, sollte aber nach ein paar logischen Grundsätzen erfolgen. So ist einmal zwischen Pulverresten und Geschoßabrieb zu unterscheiden: erstere führen, vor allem in Verbindung mit (Luft-) Feuchtigkeit schnell zu Korrosion, was den Lauf unwiderruflich schädigen kann. Pulverreste sind jedoch einfach und ohne Zuhilfenahme von Solvent-Lösungen zu entfernen, beispielsweise mit kalibergenauen Filzpfropfen oder Putz-„Schlangen“ (Bore Snake, Quick Clean etc.). Wer nach jeder Revierrunde (besonders in der kalten Jahreszeit), jedenfalls aber nach jeder Schussabgabe eine kurze Trockenreinigung durchführt, bewahrt seinen Lauf vor chemisch induzierter Oberflächenschädigung.
Speziell in den Zügen des Drall-Profils sammelt sich jedoch das Abriebmaterial von Geschossen an, was ab einem gewissen Grad die Schusspräzision beeinträchtigt (anderslautende Behauptungen putzfauler Zeitgenossen können Fachleuten nur ein müdes Kopfschütteln entlocken). Die Beseitigung dieser Rückstände erfordert in gewissen Abständen, je nach Schussanzahl, Geschoßtyp und -material, die Verwendung einer geeigneten Lösungsflüssigkeit. Wer sich öfter Zeit für diese gründliche Form der Laufreinigung nimmt, wird zumeist mit materialschonendem, dünnflüssigem Waffenöl auskommen, bei gröberen Ablagerungen sollte kupfer- und messinglösendes Solvent (Robla Solo, Hoppes #9, Milfoam Forrest etc.) verwendet werden. Grundsätzlich geht man so vor, dass man die jeweilige Flüssigkeit mit einer Laufbürste aus Kunststoff (Öl) oder Messing/Bronze (Solvent) vollflächig und in ausreichender Menge in den Lauf einbringt. Darauf folgt eine Einwirkzeit, die bei Waffenöl mehrere Stunden betragen sollte, bei chemischen Laufreinigern ist genau nach Gebrauchsanweisung vorzugehen. Bei den agressiveren Solvents empfiehlt es sich, mit einem „falschen Schloss“ zu arbeiten oder zumindest den Bereich des Magazinschachtes/Patronenlagers großzügig mit Tüchern oder Küchenrolle abzudecken, um Oberflächenbeschädigungen durch Spritzer zu vermeiden.
Nach der jeweiligen Einwirkzeit werden die angelösten Geschoßreste mechanisch, also durch häufiges Durchstoßen des Laufes mit einer Messing- oder Bronzebürste, entfernt. Diese Tätigkeit hat einen durchaus sportlichen Aspekt, denn um die hundert Hübe mit dem Putzstock sollten es schon sein.
Auch das Patronenlager benötigt gelegentlich eine gründliche Reinigung, die mit speziellen Patronenlagerbürsten am besten gelingt. Ob Öl oder Solvent – der „Matsch“ muss dann unbedingt gründlich aus dem Lauf entfernt werden. Hierzu verwendet man textile Patches in der richtigen Größe mit geeignetem Patch-Halter oder Filzpfropfen. Erst wenn Patch oder Pfropfen einigermaßen sauber wieder zum Vorschein kommen, wird der Vorgang abgeschlossen. Bei der Reinigung mit ammoniakhaltigen Solvents – die für „Normalverbraucher“ nur bedingt zu empfehlen sind – ist es unerlässlich, abschließend durch mehrmaliges Wischen mit einem geölten Filzpfropfen eine Neutralisierung herbeizuführen, damit Solvent-Reste nicht unbemerkt weiterarbeiten und zu Lochfraß führen können. Danach den Lauf sorgsam trockenwischen.
Bei besonders starker Verschmutzung kann es sein, dass die Laufreinigung wiederholt werden muss – ein Blick vom Fachmann, eventuell mit einem Endoskop, bringt hier Gewissheit. Unbedingt zu beachten ist, dass nach solch einer Laufreinigung die Treffpunktlage oftmals von der zuletzt eingeschossenen abweicht, da sich aufgrund des geringeren Reibungswiderstandes im Lauf etwas höhere Geschoßgeschwindigkeiten ergeben. Um wieder eine konstante Trefferlage zu erhalten, sollten nach einer „nassen“ Reinigung zwei bis drei Schüsse am Schießstand abgegeben und der Lauf danach trocken durchgewischt werden. Beim Umstieg auf andere Patronen-Laborierungen ist grundsätzlich eine chemische Laufreinigung zu empfehlen, bei Verwendung bleifreier Geschosse kann dies aus Präzisionsgründen alle 20 bis 30 Schüsse erforderlich sein.
Und während der Saison?
Es ist zu wenig, seiner Waffe nur einmal im Jahr etwas Pflege angedeihen zu lassen. Funktion, Präzision, Aussehen und Wert bleiben nur dann erhalten, wenn schädlichen Umwelteinflüssen sofort entgegengewirkt wird, nicht erst Tage oder Wochen später. Nach dem winterlichen Sauansitz oder einer Regenpirsch die Waffe bei geöffnetem Verschluss erst einmal „schwitzen“ zu lassen, sie nach einer kurzen Aufwärmphase ordentlich zu trocknen (auch hier leistet ein Druckluftkompressor großartige Dienste!), mit etwas Öl oder einer Nano-Beschichtung einzulassen und den Lauf durchzuziehen, sollte selbstverständlich sein.
Schalldämpfer müssen vor Verwahrung der Waffe immer abgenommen werden, da durch Bildung von Kondensat massiver Rostfraß im Lauf und am Mündungsgewinde entstehen kann. Rostschutz und Gängigkeit von Schalldämpfergewinden wird durch Einschmieren mit hitzebeständigen Spezialfetten gewährleistet. Regelmäßig durchgeführt, dauern diese Tätigkeiten nicht lange und stellen zudem auch keine unangenehme Arbeit dar. In Anbetracht der Tatsache, dass gut gepflegte Jagdwaffen oft Generationen überdauern, sind Zeit und Mühe in jedem Falle gut investiert.









