Lebensarchiv Zahn

Kiefer Rotwild
Kiefer Rotwild

Der Frühling ist die Zeit der Hegeschauen. Trophäen werden bewertet, was jedoch nicht immer so einfach
machbar ist. Kommt es bei Rothirschen zu Unklarheiten bei Grenzfällen zwischen Altersklassen, gibt eine Methode Aufschluss über das tatsächliche Alter von Rotwild: die Zahnschliffanalyse.

Wenn im Frühjahr die Hegeschauen stattfinden, werden sie zusammengetragen: Geweihe, Unterkiefer,
Erlegtes aus der vergangenen Jagdsaison. In den Schauräumen der Bezirke treffen jagdliche Praxis, Tradition und Kontrolle aufeinander. Trophäen werden vermessen, Abschüsse diskutiert – und bei Trophäenbewertungen steht nicht selten eine zentrale Frage im Raum: Wie alt war der Hirsch wirklich? Ist ein Hirsch durch über Jahre gesammelte Abwurfstangen im Revier bekannt, lässt sich das Alter leichter definieren. Doch ist der Hirsch ein Unbekannter, ein „Durchzügler“, kann sich die richtige Altersansprache als Herausforderung erweisen. In vielen Fällen genügt die Erfahrung der Kommission. Doch gerade bei Grenzfällen zwischen Altersklasse braucht es eine Methode, die hinter den Kulissen arbeitet und für Außenstehende unsichtbar bleibt: die Zahnschliffanalyse.

Diese gilt als objektivstes Verfahren zur Altersbestimmung beim Rotwild und kommt immer dann zum Einsatz, wenn visuelle Einschätzungen an ihre Grenzen stoßen. Verantwortlich für die Durchführung und Befundung am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Veterinärmedizinischen Universität Wien sind die Wissenschaftler Aldin Selimovic und Larissa Bosseler. Etwa 150 Rothirsch-Unterkiefer werden jedes Jahr an das FIWI geschickt. Das Gros kommt aus Niederösterreich, einiges auch aus Kärnten. Mit etwa zwei Wochen muss man rechnen, bis man das Ergebnis der Zahnschliffanalyse erhält, der Kostenpunkt eines Zahnschliffs beläuft sich
auf rund 70 Euro. Immer wieder einmal wird auch ein Reh- oder Damwild-Unterkiefer, selten ein Gams-Unterkiefer eingeschickt. Da die Methode nach Mitchell, die am FIWI zur Anwendung kommt, ausschließlich für Rotwild geeicht ist, dienen Altersanalysen von Rehwild und anderem lediglich privatem Interesse und haben vor Kommissionen keine Gültigkeit.

Bewertungsablauf
Orientierung für Trophäenbewertung von Rotwild bietet der in der Bejagungsrichtlinie enthaltene Bewertungsablauf (zu finden auf der Website des NÖ Jagdverbandes bzw. QR-Code dazu auf Seite 28). Im Rahmen der Abschussbewertung nach NÖ JVO § 26a nimmt die Hegeschau eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle der altersgerechten Bejagung ein. Die Altersbewertung erfolgt im Zuge der Hegeschau nach festgelegten Kriterien (ein Auszug): Spießer ohne Rosenbildung gelten als einjährig und werden als Schmalspießer eingestuft, während Hirsche mit noch nicht vollständig entwickeltem und noch nicht abgeschliffenem dritten Molar (M3) der Altersklasse III zugeordnet werden. Alle übrigen Stücke können mithilfe des vom FIWI entwickelten und vom NÖ JV unterstützten PC-Programms „Hirschalter“ ­ beurteilt werden, das unter Berücksichtigung der geologischen Gegebenheiten Niederösterreichs eine Genauigkeit von bis zu 95 Prozent erreicht. Bietet diese Methode keine eindeutige Einordnung, so kann ein Zahnschliff beim FIWI stattfinden. Diese Analyse bietet höchste Präzision, jedoch sind Rothirschzähne in etwa zehn Prozent der Fälle nicht auswertbar, sodass dann das Urteil der Bewertungskommission gilt. Wurde ein Ergebnis vom FIWI mit konkretem Alter des Hirsches erstellt, zählt diese Gültigkeit. Ausschließlich die vom FIWI durchgeführten Zahnschliffanalysen gelten als anerkannt.

Zahnschliff
Zahnschliff

Altersansprache im Revier
Die Altersansprache draußen im Revier stützt sich auf körperliche Merkmale, die Masse und das Geweih, auf Verhalten und das Habitat, den Lebensraum. Ein Blick in den Äser erfolgt klarerweise am erlegten Stück. „Je nachdem, wie die Zähne abgenutzt sind, kann man grob sagen, ob es ein jüngerer oder älterer Hirsch
war“, erklärt Larissa Bosseler. „Das Problem ist nur, dass es Fehlstellungen geben kann und dass Nahrung, Lebensraum oder Sandanteile im Äsungsspektrum den Abrieb stark beeinflussen.“ Gerade der erste Molar (M1), auf den sich viele Beurteilungen konzentrieren, kann durch solche Einflüsse stärker abgenutzt wirken, als es dem tatsächlichen Alter entspricht. Aldin Selimovic ergänzt: „Auch bei den hinteren Zähnen sieht man oft außen starken Abrieb, während die Innenseite noch hoch steht. Für eine grobe Einordnung ist das hilfreich – für ein exaktes Alter aber nicht ausreichend.“

Biologisches Jahresarchiv
Im Zahnzement lagern sich im Laufe des Lebens jährlich Linien ab. Ähnlich wie bei den Jahresringen eines Baumes entstehen helle, breitere Sommerlinien und dunkle, schmale Winterlinien. „Im Winter fährt der Stoffwechsel herunter, das ergibt diese dichten, dunklen Linien“, erklärt Bosseler. „Im Sommer ist der Stoffwechsel aktiv, die Linien sind heller und breiter. Für die Altersbestimmung zählen wir ausschließlich die Sommerlinien.“

Der erste Molar (M1) bricht im ersten Lebensjahr durch und ist zwischen dem 12. und 14. Monat vollständig entwickelt. „Bei einem Schmalspießer, welcher im ersten Kopf ist, ist bereits eine Linie sichtbar, er hat also ein vollendetes Lebensjahr“, sagt Bosseler. „Der M1 ist der einzige Dauerzahn, der im ersten Lebensjahr vorhanden ist. Deshalb ist er ideal für die Altersbestimmung.“ Ein häufig gehörter Irrtum ist, dass das „Kälberjahr“ zusätzlich gezählt werden müsse. Falls der M1 nicht bestimmbar ist, etwa durch extreme Abnutzung, kann in Ausnahmefällen der zweite Molar (M2) herangezogen werden. Doch in der Praxis gilt: Ist der M1 nicht auswertbar, ist es meist auch der M2 nicht.

Zahnschliffanalyse
So läuft die Zahnschliffanalyse ab: Der erste Molar wird vorsichtig aus dem Unterkiefer gelöst. Mit einer Präzisionstrennmaschine mit Diamanttrennscheibe wird der Zahn in 0,1–0,5 mm dicke Scheiben geschnitten. Der Wasserbehälter der Maschine dient der Kühlung sowie als Auffangbecken für die Schnitte. Beim Rotwild entstehen mindestens fünf Schnitte – ein einzelner Mittelschnitt wäre nicht aussagekräftig genug. Die Zahnscheiben werden getrocknet und anschließend unter dem Mikroskop untersucht. Gezählt werden die Sommerlinien, im Vier-Augen-Prinzip. „Nicht jede Scheibe zeigt alle Linien“, betont Bosseler. „Wir hatten schon Fälle, bei denen auf zwei oder drei Schnitten eine Linie gefehlt hat. Deshalb sind mehrere Schnitte zwingend notwendig.“ Für die Einsendung genügt eine Seite des Unterkiefers. Name, Adresse und Telefonnummer reichen aus, um den Befund korrekt zuzuordnen und zurückzusenden. Eine Alters- oder Klassenangabe ist nicht vorgesehen. Wo die Methode an ihre Grenzen stößt, ist etwa bei sehr alten Hirschen. „Wenn die Abnutzung so weit geht, dass sie in den Zahnzement hineinreicht, werden Linien wieder abgebaut“, erklärt Bosseler. „Dann ist eine exakte Bestimmung nicht mehr möglich.“ Solche Fälle sind selten, denn nur wenige Hirsche erreichen ein Alter von 18, 20 oder mehr Jahren. Dennoch hängt viel vom individuellen Abrieb, vom Lebensraum sowie von der Äsung ab, die das Rotwild in seinem Habitat vorfindet.

Aldin Selimovic und Larissa Bos-
seler, die am FIWI Zahnschliffanalysen
durchführen.
Aldin Selimovic und Larissa Bosseler, die am FIWI Zahnschliffanalysen durchführen.

Lebensraum prägt Linien
Besonders stark sind die Unterschiede zwischen Berg- und Auhirschen: Berghirsche leben in Lebensräumen mit ausgeprägtem Sommer-Winter-Kontrast und unterscheiden sich dadurch sowohl in ihren Temperaturbedingungen als auch in ihrem Habitat deutlich von Auhirschen. Berghirsche weisen klar ausgeprägte und gut trennbare Jahreslinien im M1 auf, während diese bei Tieren aus Aulandschaften oder wärmeren Regionen häufig verschwimmen. In solchen Fällen lassen sich keine eindeutigen Jahresringe definieren. „Wenn sich keine eindeutigen Jahresringe definieren, ist das Alter eines Hirsches nicht bestimmbar. Es ist aber eher selten, dass wir ein Mindestalter
angeben und da auch nur ab Klasse I“, so Bosseler. Durch das regelmäßige Einsenden von Kiefern aus dem eigenen Revier können Jägerinnen und Jäger ihre Altersansprache überprüfen und erkennen, ob sie Stücke tendenziell zu jung oder zu alt einschätzen. Da sich die standörtlichen Bedingungen im Revier kaum verändern, entsteht mit zunehmendem Vergleichsmaterial ein verlässliches Gespür für die eigene Beurteilung. Insgesamt sorgt die Zahnschliffanalyse für mehr Transparenz und Objektivität bei der Altersbestimmung und bietet besonders bei Hegeschauen eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen, ohne dabei die Erfahrung im Revier zu ersetzen.

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