Der Natur Raum geben

Feld mit Schild: "Hier geben Jäger Bienen Heimat"
Der Natur Raum geben


Die Jagdgesellschaft Großengersdorf hat beim Lebensraumpreis 2025 des NÖ Jagdverbandes alle überzeugt: Welche Maßnahmen der Gewinner gesetzt hat, wie viel Arbeit dahintersteckt und welche Bedeutung natürliche Lebensräume haben, zeigt ein Lokalaugenschein.

Eiskalter Wind pfeift uns um die Ohren, als wir den Geländewagen verlassen. Die Windräder drehen sich hurtig und liefern brav „grünen“ Strom ins Netz. Erwin Schramm, seit über 20 Jahren Biobauer und begeisterter Jäger von Kindesbeinen an, zeigt mir stolz, was die Jagdgesellschaft geleistet hat. Auf der einen Seite des Weges brauner Ackerboden, sauber gepflügt und gegrubbert. Der Wind kann ungehindert über die riesige, deckungslose Erde wehen. Auf der anderen Seite die erste von der Jagdgesellschaft renaturierte Fläche mit rund 1,5 Hektar. Da stehen Bäume und Sträucher, zwischen denen Brombeeren und umgeknickte Gräser eine Art Tunnelsystem bilden. Der Wind wird dadurch verlangsamt und in dem dichten Bewuchs findet das Wild jede Menge Deckung.  

„Wenn du ein Fasan wärest, auf welche Seite würdest du denn gehen?“, fragt Erwin Schramm mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Die Antwort fällt nicht schwer – auf der einen Seite gibt es keinen Schutz vor dem Wind und den fliegenden Beutegreifern, auf der anderen Seite gibt es viele Schlupfwinkel. Da tun sich die gefiederten Jäger schon viel schwerer, in dem dichten Bewuchs und zwischen den Ästen erfolgreich zu sein.

Wie hat alles begonnen?
Ab 1975 erfolgte eine Zusammenlegung (Kommassierung) der landwirtschaftlichen Ackerflächen der Gemeinde, was in vielen Fällen zum Ende der kleinstrukturierten Landwirtschaft und damit verbunden zum Verlust von Lebensräumen für etliche Tier- und Pflanzenarten führte. Heute schätzt Schramm, dass etwa ein Drittel der Revierfläche (ca. 500 Hektar) so für große Maschinen und möglichst optimierte Landwirtschaft genutzt wird. Viele Flächen werden im Lohndrusch abgeerntet. Nur langsam beginnt die Erkenntnis zu reifen, dass diese ausgeräumten Flächen auch für die Landwirtschaft nicht optimal sind: Der Wind führt zur starken Austrocknung der sandigen Böden und in der Folge geht durch Erosion die beste Humusschicht langsam verloren. Rasches Umackern von Stoppeln und laufendes Mulchen von Randstreifen führen dazu, dass weder Wild noch Insekten überleben können. Schramm erzählt, dass im Rahmen von ÖPUL (Österreichisches Programm für Umweltgerechte Landwirtschaft), die Anlage von Blühstreifen und Brachflächen eingeführt wurde. Allerdings werden diese immer noch gemulcht, was je nach Zeitpunkt Gelege von Bodenbrütern und Jungwild gefährdet. Jedenfalls gehen Deckung und Lebensraum für Insekten dabei verloren.

Die Jagdgesellschaft beschloss, etwas zu unternehmen. Die Gemeinde stellte 2018 das erste Grundstück mit rund 1,5 Hektar zur Verfügung (Bild Fläche I). Die Lage in der Nähe des Rußbachs und des von der Gemeinde auf der anderen Seite des Bachs geschaffenen Biotops war günstig. Es war ein landwirtschaftlich wenig attraktives Feldstück, das regelmäßig gemulcht wurde. Somit war es kein stabiler Lebensraum und die Jagdgesellschaft beschloss, es mit biodiversitätsbildenden Maßnahmen zu einem dauerhaften Biotop umzugestalten. Die Wildökolandaktion von Landesjagdverband und EVN zur teilweisen Finanzierung wurden genutzt und zu Beginn etwa 600 verschiedene Sträucher und 90 Wildobstbäume gepflanzt. Auf den freien Zwischenflächen wurden für Insekten attraktive mehrjährige Blühmischungen gesät (BlühMixPluss). Darin sind Buchweizen, Waldstaudenroggen, Süßlupine, Sommerfutterraps, verschiedene Kleesorten, Luzerne, Phacelia und weitere Pflanzenarten enthalten. Diese haben ein nahezu ganzjähriges Blütenangebot und bieten dadurch Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten und Schmetterlinge. Das Saatgut kostet rund 130 Euro pro Hektar. 

In den Jahren darauf wurde auch eine spezielle Wildkräutermischung aus dem Waldviertel eingesetzt, in der auch Wilde Möhre, Königskerzen, verschiedene Distelarten, Malven und andere Pflanzenarten enthalten sind (Voitsauer Wildblumensamen). Das Saatgut wurde von der Jagdgesellschaft auch an interessierte Landwirte abgegeben sowie Gehwege im Bereich der Weingärten damit renaturiert. In diesen höher gelegenen Teilen des Reviers konnte so eine Art von Netzwerk geschaffen werden, das dem Wild und Insekten Deckung und Äsung bietet.

Viel Arbeit
Da es sich um sandige Böden handelt, war es aber mit dem Auspflanzen und Säen allein nicht getan: Laufende Pflege der Bäume (Verbiss- und Verfegeschutz) sowie ausreichende Bewässerung waren notwendig. Erwin Schramm schätzt, dass allein bei der ersten Fläche dafür rund 250 Arbeitsstunden notwendig waren. Die Erfolge der ersten Maßnahmen und positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung bestärkten die Jagdgesellschaft darin, den nächsten Schritt zu setzen: 2020 wurde mit der Bepflanzung von einem Hektar weiterer Ackerfläche neben einem Windschutzgürtel auf der Westseite begonnen (Bild Fläche II).  Zunächst wurde der Boden gepflügt und für die Bepflanzung aufbereitet und eine weitere Blühmischung für Bienenweiden ausgesät. Es wurde eine Pflanzung von Sträuchern und Wildobstbäumen (ca. 1.800 Stück) durchgeführt. Durch die extreme Trockenheit im folgenden Frühjahr musste zur Bewässerung über ein Kilometer Rohre verlegt werden, um dieses Projekt zum Erfolg zu führen. Nach zwei Jahren waren die Pflanzen so weit verwurzelt, das der Verbissschutz entfernt werden konnte und eine weitere Bewässerung nicht mehr erforderlich war.

Im Jahr 2024 konnte eine weitere Ackerfläche im Ausmaß von einem Hektar dazugewonnen werden. Diese Fläche wurde Anfang Dezember 2024 mit fast 2.000 verschiedenen Sträuchern und Bäumen in Reihen bepflanzt, um die Pflege zu vereinfachen. Auch das Bewässern in der Trockenzeit wurde dadurch erleichtert. Nach bewährtem Muster wurde Verbissschutz eingesetzt und im Frühjahr 2025 wieder eine Blühmischung zwischen die Pflanzenreihen gesät.

Weitere Maßnahmen
Die Jagdgesellschaft hat zusätzlich 25 dauerhaft betreute Wasserstellen geschaffen sowie Fütterungen mit Sämereien, die auch nicht jagdbare Vögel gerne annehmen. Im Rahmen eines Projektes der BOKU soll die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Vermeidung von Wildunfällen untersucht werden. Es wurden Reflektoren als Schutz­-
vorkehrungen auch entlang jener gut ausgebauten Güterwege angebracht, die trotz Fahrverbots von Autofahrern genutzt werden. Diese „Schleichwege“ nach Großbaustellen in der Umgebung haben sich als Abkürzungen gehalten. Aushänge und Information der Bevölkerung haben bisher keine wirklichen Verbesserungen gebracht. Selbst bei einem Wildunfall, bei dem zwei Kitze getötet und das Fahrzeug so beschädigt wurde, dass der Lenker nicht mehr weiterfahren konnte, gab es keine Konsequenzen. 

Erwin Schramm ist enttäuscht: „Leider hat das Leben von Wildtieren keinen Wert in unserer Gesellschaft. Artenvielfalt, intakte Lebensräume und Biodiversität sind leider noch nicht in Euro zu bewerten und werden daher von den Menschen nicht genug geschätzt und beschützt. Wir investieren als Jäger sehr viel Zeit und Geld in Lebensräume, aber nicht, um ein paar Fasane oder Hasen mehr zu erlegen. Uns geht es vielmehr um Verantwortung für die Zukunft und kommende Generationen.“ Daher macht die Jagdgesellschaft auch Informationsveranstaltungen wie „Schule und Jagd“, bei denen insbesondere Kinder durch die Ausgabe von Nistkästen für den eigenen Garten spielerisch an den Naturschutz herangeführt werden.

Foto Erwin Schramm
Erwin Schramm

Die Zukunft
Ziel ist es, in den kommenden Jahren nach dem bewährten Muster die verbleibende, etwa drei Hektar große Fläche als Biodiversitätsfläche zu integrieren (Fläche IV). Großräumiger gesehen entsteht dann rund um diese Flächen eine Art Biotop-Verbundsystem (rote Linie im Bild). Die Gemeinde hilft wie in der Vergangenheit schon kräftig mit – bei einem Wasser-Rückhaltebecken werden die Ränder nicht mehr gemäht und schon ist wieder ein weiterer Mosaikstein an Biodiversität entstanden.

Auf die Frage, was sich Erwin Schramm von der sprichwörtlichen Guten Fee wünschen würde, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Ein Biotop-Verbundsystem über das gesamte Revier. Wenn es verteilt drei bis vier jeweils 5 bis 10 Hektar große Biotope, vernetzt mit Windschutzgürteln und ständigen Krautstreifen, geben würde, wäre das unsere größte Belohnung!“

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