Jäger in Niederösterreich sichten immer öfter Rehe mit seltsamen, dunklen Wucherungen. Eine aktuelle Diplomarbeit der Veterinärmedizinischen Universität Wien beleuchtet, wie weit sich die sogenannte Fibropapillomatose in NÖ bereits ausgebreitet hat und warum es tendenziell tiefer gelegene Landschaften betrifft.
Wer beim Waldspaziergang oder am Ansitz ein Reh beobachtet, erwartet eine glatte, rotbraune bis graubraune Decke. Doch das ist nicht immer so: es werden auch Tiere gesichtet, die dunkle, unterschiedlich große Hautwucherungen aufweisen. Wie „krank“ sind nun solche Rehe, was ist die Ursache und was kann dagegen getan werden?
Was steckt hinter der Fibropapillomatose?
Es handelt sich um eine virusbedingte Infektionskrankheit, mit der zungenbrecherischen Bezeichnung „Fibropapillomatose“, ausgelöst durch das Delta-Papillomavirus (CcPV-1). Dabei entstehen normalerweise gutartige Bindegewebswucherungen in der Haut. Diese Knoten sind oft dunkelgrau bis schwärzlich pigmentiert, meistens haarlos und können sowohl einzeln als auch in großer Zahl am ganzen Körper auftreten – besonders häufig treten diese Umfangsvermehrungen an den Läufen, am Bauch oder am Haupt der Tiere auf. Doch Vorsicht! Nicht jede Umfangsvermehrung ist auch tatsächlich ein Fibropapillom, denn es könnte sich z. B. auch um Schwellungen durch entzündliche Prozesse, wie bakterielle Infektionen (Abszesse), (alte) Knochenbrüche, Hämatome (Blutergüsse) und Tumoren anderer Genese, handeln.
Für den Menschen gibt es jedoch Entwarnung: Das Virus ist sehr wirtsspezifisch. Das bedeutet, dass es für Menschen ungefährlich ist und auch eine Übertragung auf Haustiere ist sehr unwahrscheinlich. Das Wildbret ist grundsätzlich genießbar, solange das Tier keine bedenklichen Merkmale aufweist, wie etwa Abmagerung, Wässrigkeit des Fleisches, Veränderungen innerer Organe, aber auch eitrige Entzündungen der Hautknoten.
Für das Rehwild selbst sieht die Prognose jedoch oft anders aus. Zwar sind die Tumore an sich gutartig, doch endet eine Infektion in freier Natur häufig tödlich. Die Knoten schränken die Tiere oftmals in ihrer Sinneswahrnehmung, der Bewegungsfreiheit und im Fluchtverhalten ein. Neben Begleiterscheinungen wie verändertem Allgemeinverhalten, Abmagerung, struppigem, glanzlosem Haarkleid und verzögertem Haarwechsel, stellen auch gerade größere Tumore, die leicht „aufplatzen“ können, eine Gefahr dar, da diese Wunden von Bakterien besiedelt werden und – eitrige – Entzündungen die Folge sind.
Bestandsaufnahme in Niederösterreich
Wie ist die Lage in Niederösterreich? Um diese Frage zu klären, wurde im Rahmen einer Diplomarbeit an der Veterinärmedizinischen Universität Wien eine umfassende Erhebung durchgeführt. Mithilfe des Niederösterreichischen Jagdverbandes und unter Mitwirkung des Fachausschusses „Rehwild“ wurden Hegeringleiter im ganzen Bundesland befragt.
Die Ergebnisse, die auf Rückmeldungen von 191 Hegeringen (also etwas mehr als 65 Prozent aller Hegeringe) basieren, zeichnen ein deutliches Bild: Die Krankheit ist in Niederösterreich angekommen und etabliert.
Weite Verbreitung:
In fast 62 Prozent der befragten Hegeringe wurden bereits Rehe mit den typischen knotigen Hautveränderungen gesichtet.
Alle Bezirke betroffen:
Aus jedem Bezirk erfolgten Meldungen über Sichtungen, allerdings zeigte sich ein Schwerpunkt im Norden und Osten Niederösterreichs, wie in der Abbildung zu sehen ist.
Landschaftliche Unterschiede:
Ein besonders spannendes Ergebnis der Studie ist der Zusammenhang zwischen der Landschaft und der Krankheit. Die Daten bestätigen Berichte aus den Nachbarstaaten: Die Fibropapillomatose ist eine Krankheit, die eher in ebenen Landschaften vorkommt. Hegeringe, in denen die Krankheit vorkommt, liegen durchschnittlich auf einer Seehöhe von 333 Metern. In höher gelegenen Gebieten (durchschnittlich 500 Meter Seehöhe) tritt sie deutlich seltener auf. Auch der Waldanteil spielt eine Rolle: In betroffenen Gebieten ist die durchschnittliche Bewaldung mit 30 Prozent geringer als in krankheitsfreien Zonen mit 50 Prozent.
Der Grund dafür liegt vermutlich in den Übertragungswegen. Das Virus wird unter anderem durch blutsaugende Insekten wie Zecken oder Stechmücken übertragen. Diese Insekten fühlen sich in den wärmeren, offenen und oft wasserreicheren Tieflagen deutlich wohler als im kühlen Gebirge. Historisch gesehen breitete sich die Krankheit von der Pannonischen Tiefebene, aus dem Südosten kommend, in Richtung Nordwesten aus. Neben Ostösterreich sind betroffene Nachbarländer, in denen die Krankheit bisher registriert wurde, vor allem Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Nordkroatien.
Folgen für die Jagd
Die Krankheit ist längst nicht mehr nur ein unschöner Anblick, sondern hat konkrete Auswirkungen auf den Jagdbetrieb. Rund 30 Prozent der betroffenen Hegeringe gaben an, dass die Fibropapillomatose die Jagdausübung erträglich bis stark beeinträchtigt. In etwa ein Drittel der betroffenen Hegeringe wird Fallwild mit Fibropapillomen gefunden, was jedoch nicht automatisch bedeutet, dass die Stücke an dieser Krankheit verendet sind. Ebenso berichten etwa 54 Prozent der betroffenen Hegeringe von einzelnen oder häufigeren Hegeabschüssen von Rehen mit Fibropapillomen. Obwohl die Fibropapillome „nur“ Zubildungen der Haut sind, kann es durch Infektionen, Abmagerung und andere Veränderungen zur Genussuntauglichkeit des Wildbrets kommen – 60 Prozent der betroffenen Hegeringe berichten von diesem Problem (siehe Infografik „Wildbret“).
Die Frage, in welcher Stärke und Häufigkeit diese Probleme in den einzelnen Hegeringen auftreten, wird in einer weiteren Studie genauer erhoben. Auch die vereinzelt gemachte Beobachtung, dass ältere und weibliche Stücke häufiger oder stärker betroffen zu sein scheinen, bedarf weiterer Untersuchungen.
Es zeigte sich, dass in ganz Niederösterreich mit dem Auftreten von Rehen mit knotigen Hautveränderungen zu rechnen ist, allerdings mit regionalen Unterschieden. Eine Einschränkung der Wildbretverwertung wurde immerhin von 60 Prozent der Hegeringe berichtet.
Von 18 Hegeringen wurden andere Hautveränderungen, und zwar Scheuerstellen, haarlose Stellen, wunde Stellen und/oder Krusten berichtet, möglicherweise der „Haarseuche“ zuzuschreiben. Haarlingsbefall wurde von zwei Hegeringen berichtet.
Ein Blick in die Zukunft
Erste Sichtungen wurden von Hegeringen im Osten Niederösterreichs schon für die Jahre 2000 bis 2005 berichtet. Die Studie zeigt, dass knapp 26 Prozent der Hegeringe eine Zunahme der Fälle beobachten. Experten vermuten, dass der Klimawandel diese Entwicklung noch beschleunigen könnte: Mildere Winter und wärmere Sommer begünstigen die Vermehrung der Insekten, die das Virus übertragen können und ermöglichen zum anderen eine Ausweitung der Verbreitungsgebiete wärmeliebender Arten in nördlichere Breiten.
Aufmerksam bleiben
Das Fazit der Untersuchung ist klar: Die Fibropapillomatose ist in Niederösterreich endemisch geworden – also dauerhaft präsent. Für die Jägerschaft bedeutet das, die Bestände weiterhin genau zu beobachten und deutlich erkrankte Tiere konsequent zu erlegen (siehe Infokasten Hegeabschuss), um Tierleid zu vermeiden und den Infektionsdruck gering zu halten.
Nicht jeder Hautknoten muss ein Fibropapillom sein, und abgesehen von Knoten gibt noch viele andere Hautveränderungen. Eine genaue Abklärung kann von Untersuchungsstellen vorgenommen werden und hilft, auch neue Krankheitsbilder zu erkennen. Die Kontaktaufnahme mit dem Institut für Wildtierkunde und Ökologie („FIWI“) in Wien und ggf. die Einsendung von Proben ist gerade für Jägerinnen und Jäger in Niederösterreich sehr sinnvoll.









