Drevjakt – Jagen in Südschweden

Foto Wald


Moore, Moos und Tannen, Rothirsche, Damschaufler und Sauen. Wer Land, Leute und Jagd des Nordens kennenlernen möchte, sollte im Jagdreisekatalog bei S wie Schweden genauer nachsehen.

Vom „Lufthavn“ in Kopenhagen geht es mit dem Zug in einer guten Viertelstunde über die berühmte Öresund-Brücke nach Malmö in Schweden. In der Krimiserie „Die Brücke“ hatte die attraktive Kriminalpolizistin sie oft mit ihrem jagdgrünen Porsche überquert, nun blicke ich aus dem Zugfenster auf die beeindruckende Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, den Koffer prallvoll mit Jagdgewand. Der schwedische Optikhersteller Aimpoint hatte zur vorweihnachtlichen Jagd auf Rot-, Dam- und Schwarzwild in ausgewählten Top-Revieren geladen, unterstützt vom finnischen Jagdwaffenproduzenten Sako, dem Munitionshersteller RWS, der norwegischen Schalldämpfer-Marke Svemko und der Jagd-App WeHunt.

Herzlicher Empfang
Das Aimpoint-Headquarter in Malmö liegt in einer Gewerbezone am Stadtrand und ist einer der vier imposanten Gebäudekomplexe der Sandberg-Gruppe, zu der die Premium-Marke ziviler und behördlicher Zielgeräte gehört. Die Herzlichkeit der uns empfangenden Mitarbeiter lässt gleich zu Beginn eine fast familiäre Atmosphäre entstehen, die das Unternehmen offenbar sehr bewusst lebt. Wir dürfen mit der Belegschaft ein traditionell schwedisches Weihnachtsbuffet genießen, das von Hering bis Rentierfilet kulinarische Einblicke in die nordische Lebensweise bietet. Die anschließende Werksführung verdeutlicht, warum Aimpoint mittlerweile der Inbegriff hochwertigster Rotpunktvisiere ist und so gut wie alle behördlichen Anwender der westlichen Hemisphäre auf die schwedischen „Red-Dots“ vertrauen; sauber wie die Intensivstation eines Spitals, stylisch wie eine Werbeagentur und technisch auf dem letzten Stand präsentieren sich die Arbeitsräume, in denen Mitarbeiter und Produktionsroboter die Produktlinien herstellen, deren Modelle für ihre Unverwüstlichkeit und Präzision weltweit geschätzt werden. Der kleinste Raum, lediglich mit einer Mitarbeiterin besetzt, ist die Abteilung für Kundenreklamationen. „Die paar Fälle schafft eine Person, meistens sind es ohnehin nur Bedienungsfehler wie verkehrt eingelegte Batterien“, erklärt man uns mit verschmitztem Lächeln. Eines der Geheimnisse von Aimpoint liege in der schonungslosen Art der Tests, denen alle Produkte unterzogen würden. „Die Spezialeinheiten, bei denen unsere Zielgeräte regelrecht gequält werden, haben kein Erbarmen mit uns – wer da überleben will, kann sich keine Schwächen erlauben. Wir produzieren einfach grundsätzlich nichts, das dem nicht standhält“, stellt unser Guide Carl Gustav nicht ohne Stolz fest.

Das Training
Der nächste Tag beginnt mit dem Ausfassen unserer Jagdwaffen, bei denen es sich um Sako 90 „Finnlights“ mit Kunststoffschaft und einige „Grizzlys“ mit klassischen Holzschäften handelt. Montiert ist das brandneue, äußerst kompakte Rotpunktvisier COA-R (für „Rifle“), eine für Jagdbüchsen optimierte Variante des Kurzwaffen-Visiers COA, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht offiziell am Markt ist. Die Mündung ziert ein Svemko-Schalldämpfer der Top-Modellreihe Pure aus Titan, somit ausgesprochen leicht und unempfindlich gegen Umwelteinflüsse. Zu meiner Finnlight im Kaliber .308 Win. erhalte ich die speziellen „Driven Hunt Short Rifle“-Patronen von RWS, deren 9,7 Gramm schweres, vernickeltes Kupfergeschoss eine sehr stumpfe Spitze mit großem Hohlspitz und flachem Kunststoffeinsatz aufweist. Wir beschießen damit gleich zu Beginn einen Block aus ballistischer Seife und sehen eindrucksvoll, wie das Geschoss seine Energie innerhalb von lediglich 28 cm Eindringtiefe komplett an das Zielmedium abgibt. Mit hoher Stoppwirkung soll es demnach eine der Hauptanforderungen bei Drückjagden erfüllen.

Dass es die Nordmänner ernst meinen, zeigt das anschließende Training im Schießkino, bei dem immer anspruchsvoller werdende Filmsequenzen zu bewältigen sind. Nach wertvollen Einweisungen durch einen versierten Schießtrainer müssen wir nicht nur eine gewisse Schießfertigkeit unter Beweis stellen, sondern auch situativ richtige Entscheidungen bezüglich Ansprechen des Wildes, Kugelfangsituation und Gefährdung von Treibern und Hunden treffen. Unmissverständlich macht man uns klar, dass Fehlabschüsse nicht toleriert und mit empfindlichen Geldstrafen belegt werden und ein mehrmaliges Anschweißen von Wild ebenfalls strenge Konsequenzen für den Schützen hat. Aus jagdethischer und sicherheitstechnischer Sicht ist mir die Einstellung der Schweden sofort sympathisch, denn unbedachte oder gar riskante Schüsse würde sich wohl keiner der Teilnehmer erlauben.

Die Technik
Es folgt eine Präsentationsrunde, bei der uns alle mitwirkenden Sponsoren ihre Produkte genau erklären. So schnell Funktion und Anwendung von Waffe, Optik und Schalldämpfer zu erfassen sind, so umfangreich stellt sich die Jagd-App WeHunt dar, die das jeweilige Jagdgebiet mit allen Reviereinrichtungen darstellt, die Bewegungen von GPS-besenderten Jagdhunden in Echtzeit abbildet und eine unglaubliche Fülle weiterer Funktionen bietet. Anfangs etwas überfordert, überzeugen mich die Begeisterung und Energie der jungen Vortragenden letztlich davon, mich auf dieses digitale Werkzeug einzulassen – durchaus zu Recht, wie sich noch herausstellen sollte. In solcher Weise auf die kommenden Drückjagdtage vorbereitet, können wir die Abfahrt ins erste Jagdgebiet, die rund 7.000 Hektar von Schloss Christinehof in der Region Österlen, kaum erwarten.

Der erste Trieb
Nullfünfhundert Tagwache, denn die verfügbaren Stunden sind rar; es ist der kürzeste Tag im Jahr und nach einem eiligen Frühstück erhalten wir unsere Funkgeräte mit Headset. Was für uns eher nach Spezial-Einsatzkommando als nach Jagd klingen mag, ist in nordischen Ländern allenthalben gelebte Praxis: Leise und zuverlässige Kommunikation von den Jagdleitern zu allen Teilnehmern und retour bietet den Vorteil, dass sicherheits- oder jagdrelevante Informationen in Echtzeit gehört werden. Ist beispielsweise der eine freigegebene, kapitale Trophäenträger im Trieb erlegt, so meldet dies der Schütze unverzüglich per Funk. Ebenso werden Jagdstörungen, medizinische Notfälle und sonstige Ereignisse in Sekundenschnelle wahrgenommen und entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

Meine anfängliche Befürchtung, durch ständiges Funk-Gequatsche von der Jagd abgelenkt zu werden, sollte sich nicht bestätigen, denn auch hier herrscht Disziplin. Vor dem Schloss empfängt uns Jagdleiter Emil mit freundlichen, aber auch zur Zurückhaltung mahnenden Worten: Bachen über 80 kg Lebendgewicht seien geschont, deren Erlegung oder Verwundung werde mit einem Strafgeld von mindestens 1.000 Euro zzgl. Steuer geahndet. Es ist in den Gesichtern der Teilnehmer förmlich zu sehen, wie alle in ihrem geistigen Ansprech-Repertoire zu kramen beginnen und lebende Sauen mit höchstens 75 kg imaginieren. Die noch weitaus höheren Pönalen für den Abschuss falscher Trophäenhirsche lassen mich schnell davon Abstand nehmen, in deren Richtung auch nur anschlagen zu wollen. Mein erster Ansteller ist Lars, der in fast kitschiger Weise den Prototyp eines Schweden verkörpert. Der rotblonde Zweimeter-Hüne könnte jederzeit in einem Wikinger-Film mitwirken, ist jedoch ausgesprochen herzlich und erwähnt auf meine respektvolle Erwähnung seiner Größe lachend, dass er unter seinen drei Brüdern der Kleinste sei. Auf dem Weg zu meinem Ansitzbock, der auf einer kleinen Lichtung in einem Kiefernwäldchen steht, kreuzt in geringer Entfernung eine Bache meinen Weg, deren Lebendgewicht ich auf etwa 100 kg schätze. „Und schon tausend Euro gespart“, denke ich schmunzelnd, nachdem ich die Sako 90 ja noch nicht einmal geladen hatte. Kein Schnee, leichter Nordwind, etwa 4 Grad Celsius und bewölkter Himmel, aus dem es hin und wieder leicht nieselt. Ich bin jedenfalls froh, die „Polar“-Garnitur von Pirscher Gear eingepackt zu haben, die mir in den kommenden Stunden und Tagen gute Dienste leisten sollte.

Die Landschaft in diesem südschwedischen Revier ähnelt dem Truppenübungsplatz Allentsteig im Waldviertel, hat aber dennoch ihre Besonderheiten und einen eigenen Charakter; der Boden ist moorig-weich, sehr dicht mit Gräsern und Moosen bewachsen und offenbar das ideale Substrat für Birken, die großflächig das Antlitz nördlicher Weiten prägen. Dazwischen Tannen, Kiefern und Fichten, gelegentlich Horste von aufkommenden Buchen. Vorsichtig zu meinem Stand pirschend, kann ich mir prüfende Blicke auf Terminaltriebe und Rinden des Baumbewuchses nicht verkneifen. So gut wie kein Verbiss und keine Schälschäden zu sehen, soweit ich es beurteilen kann. Angesichts der angeblich legendären Dam- und Rotwildbestände in dieser Region hätte ich ein anderes Bild erwartet und hoffe darauf, noch mit einem hiesigen Forstmann darüber ins Gespräch zu kommen.

Erste Anblicke
Die Bodenbretter meines Drückjagdstandes sind so moosig wie die übrige Landschaft und lassen mich beim ersten Schritt fast straucheln. Nach unfreiwilliger Grätsche beziehe ich einigermaßen lautlos, lade sanft meine finnische Begleiterin und mache mich mit der Umgebung vertraut. Während ich skeptisch die häufig wechselnden Windrichtungen registriere, nehme ich bereits Bewegung hinter einer Tannenreihe wahr. „Sind das die Schaufeln eines Damhirsches?“ denke ich noch, als sich das Rudel schon in Bewegung setzt. Mehrere Hirsche, einige Tiere und Kälber ziehen nur etwa dreißig Meter entfernt, aber zumeist von mannshohen Bäumchen verdeckt, an mir vorbei. Im Gegensatz zu Rotwild, dessen Anwesenheit man bei günstigem Wind oft auch geruchlich wahrnimmt, hatte sich dieses Damwildrudel weder olfaktorisch noch akustisch bemerkbar gemacht. An einen Griff zur Büchse denke ich in keiner Sekunde, denn die für mich ungewohnte Wildart möchte ich erst noch erschauen und erkunden, meine Beurteilung von Geschlecht, Alter und Trophäe schärfen.

Als in einiger Entfernung das helle Geläut der hier eingesetzten Laikas zu hören ist, bricht eine Rotte Sauen über die Lichtung und ich schaffe es gerade noch, den Leuchtpunkt meines COA-R ans Blatt des letzten Stückes zu heften. Der sichtbare Pinsel lässt mich schon den Abzug ertasten, doch da der Jungwald im Hintergrund keinen Kugelfang darstellt, bleibt das Geschoss im Lauf. Das Durchwechseln einer weiteren Tausend-Euro-Bache nütze ich als Gelegenheit, das saubere Mitziehen und ein ruhiges Überholen des Zieles zu üben – mit gesicherter Waffe, versteht sich. Zwischenzeitlich sind gedämpfte Schüsse zu hören. Manche dürften demnach passenden Anlauf haben oder sich ihrer Sache schon sehr sicher sein. Da spüre ich mein Handy vibrieren und vermute, dass auf WeHunt schon erste Fotos erlegter Stücke zu sehen sind. Als per Funk das Ende des Triebes verkündet wird, entlade ich meine Waffe und sehe nach; tatsächlich erfreut sich die App bereits reger Nutzung und bietet einen guten Überblick der bisher gemachten Strecke.

Zwischen den Trieben
So diszipliniert und streng unsere Gastgeber den jagdlichen Ablauf vorgeben, so gesellig und freundschaftlich gestalten sich die Zusammenkünfte aller Schützen zwischen den Trieben. Bevor aber zu (klarerweise alkoholfreien) Getränken und einer Jause gegriffen werden darf, hat jeder Schütze Auskunft über Anzahl und Art des angewechselten Wildes, Anzahl abgegebener Schüsse, Erlegungen oder vermutete Treffer und Fehlschüsse zu geben. Kennt man in heimischen Revieren den Spruch „Nicht geschossen ist auch gefehlt“ nur allzu gut, strebt man in Schweden einen Schnitt von höchstens 1,5 abgegebenen Schüssen pro erlegtem Wild an. Dieser hohe Anspruch mag auch damit begründbar sein, dass in einigen nordischen Ländern der Großteil des jährlichen Gesamtabschusses entweder auf der Pirsch oder bei Bewegungsjagden in Herbst und Winter getätigt wird, deren Strecken somit auch die Hauptmasse des „geernteten“ Wildbrets ausmachen.
Die Gewinnung von hochwertigem Fleisch steht für die Jäger des Nordens zudem im Vordergrund, nicht die Trophäe. Solchermaßen mental „eingenordet“, konnten auch wir Jagdgäste unseren Schnitt bis zum letzten Trieb beträchtlich verbessern. Auf dem Sammelplatz nach einem Trieb treffe ich Rasmus, einen jungen Land- und Forstwirt aus Mittelschweden und kann endlich meine Frage anbringen, warum ich hier kaum Wildschäden entdecken kann. „Wir lassen dem Wild die meiste Zeit des Jahres Ruhe und bejagen es eher in Intervallen. Dann ist es entspannter, als wenn jeden Tag ein Jäger draußen ist. Vielleicht ist das der Grund?“ lautet die durchaus einleuchtende Antwort. Auch das bewusste Einbringen von beliebten Äsungspflanzen zur Ablenkung vom Nutzholz sei eine Methode, die er erfolgreich anwende.

Jagd vorbei
Beim letzten Trieb darf ich mir eine weitläufige, aber gut versteckte Waldlichtung, die ein Schauplatz aus „Herr der Ringe“ sein könnte, mit der Vertreterin von WeHunt teilen. Während ich im dicht bewachsenen Kiefernwald auf dem Weg dorthin fast die Orientierung verliere, hat Caroline schon die App geöffnet, blickt auf die Luftaufnahme unseres Standortes und führt uns zielsicher durchs Moor. Eins zu Null für sie und die Technik, muss ich neidlos anerkennen. Noch einmal sauge ich den Duft der Moose und Flechten ein, die hier alles zu beherrschen scheinen, genieße die Spannung, wenn es im Unterholz knackt oder der weiße Spiegel von Damwild zwischen den Bäumen hervorblitzt.

Caroline lässt einen Überläuferkeiler gekonnt rollieren, während sich auf meiner Seite der Lichtung keine Gelegenheit zum Schuss ergibt. Als es schon dämmert, knackt es im Ohrmikrofon – die Durchsage „The hunt is over“ lässt die Anspannung sinken und eine gewisse Wehmut aufkommen. Ich habe insgesamt ein Damkalb, ein Schmaltier und einen Überläuferkeiler erlegt, gottlob alle mit nur einem Schuss. Mengenmäßig nicht gerade rekordverdächtig, aber diese erste Jagd in Schweden forderte mehr meine Sinne als den Abzugsfinger. Landschaft, Wild und Jäger dieses Landes haben mich in ihren Bann gezogen und mehr schauen als schießen lassen, mehr erkunden als erlegen. Kapitale Rothirsche, schier endlose Damwildrudel und Schwarzkittel aller Gewichtsklassen durfte ich sehen, hören und in den Adern spüren, für immer in mein Gedächtnis brennen. Als ich wieder auf den Öresund schaue und Möwen träge in den Sonnenuntergang gleiten, höre ich noch die Hunde und rieche den Wald. Hej da, Schweden, ich komme wieder!

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