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Wildtiermanagement: Strategien & Beispiele

2. Juni 2024 -
Wolf - © Karl-Heinz Volkmar
© Karl-Heinz Volkmar

Die Österreichische Jägertagung gilt seit jeher als Treffpunkt der internationalen Jagdszene, um sich in aktuellen Themen auszutauschen. Diesmal stand das Wildtiermanagement im Zentrum der Betrachtungen. – 3. und letzter Teil: Wolf & Ethik.

Spätestens seit letztem Jahr ist der Wolf in Österreich in aller Munde. Grund dafür sind die immer häufigeren Sichtungen, sei es nun auf den Wildkameras im eigenen Revier, beim abendlichen Ansitz oder im Zuge bedenklicher Begegnungen im Siedlungsgebiet.

Dr. Michaela Skuban, Österreichische Jägertagung 2024 - "Um den Wolf besser verstehen zu können, ist es essenziell, sich mit den Räuber-Beute-Wechselwirkungen zu beschäftigen." – Dr. Michaela Skuban, Wildbiologin - © Martin Grasberger

"Um den Wolf besser verstehen zu können, ist es essenziell, sich mit den Räuber-Beute-Wechselwirkungen zu beschäftigen." – Dr. Michaela Skuban, Wildbiologin © Martin Grasberger

Großraubtier Wolf

Wildbiologin Dr. Michaela Skuban ging auf das Thema Wolfsmanagement in der Slowakei ein. Ihr Vortrag widmete sich vor allem eigenen Praxiserfahrungen vor Ort, bei denen es zum engen Austausch mit Jägern, Förstern und Weidetierhaltern gekommen ist.

Wenn man sich mit der Biologie des Wolfes auseinandersetzt, ist es essenziell, sich mit den Räuber-Beute-Wechselwirkungen zu beschäftigen. Es werde unterschätzt, so Skuban, wie wichtig es sei, Beutetiere wie das Rotwild besser zu verstehen, um Rückschlüsse auf das Verhalten des Wolfes ziehen zu können.

Allgemein haben Raubtiere wie Wolf und Bär in der slowakischen Bevölkerung einen anderen Stellenwert als hierzulande. Grund dafür ist, dass beide Prädatoren durchgehend vor Ort gelebt haben, während sie bei uns lange Zeit verschwunden waren und jetzt zurückkehren. Beim Thema Wolf entstehen aber automatisch immer zwei extreme Gruppen in der Bevölkerung: Zum einen die Wolfsliebhaber und zum anderen die pathologischen Wolfshasser. Während das eine Lager behauptet, dass lediglich 500 Wölfe in der Slowakei vorkommen, ist das andere felsen-fest davon überzeugt, dass mindestens 2.500 Individuen dauerhaft dort leben würden. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, denn laut derzeitigem Stand belaufen sich die Wolfsbestandeszahlen in der Slowakei bei etwa 800–900 Individuen.

Die Slowakei hat es als einziges Land 2016 geschafft, einen Aktionsplan für den Wolf auszuarbeiten, mit dem Ergebnis, dass der Wolf in einer Regulationsjagd bejagt werden durfte. Es handelte sich dabei um eine offene Saison, die immer wieder schwankte, aber weit weg von der Weidesaison stattfand. Eine wichtige Errungenschaft war es, dass die zunächst willkürlich festgelegten scharfen Quoten reduziert werden konnten: „Aus dem Bauch heraus“ wurde eine Quote von 160 Wölfen, die erlegt werden dürfen, entschieden. Mit der Zeit wurde diese jedoch aufgrund von Ergebnissen einer wissenschaftlichen Studie herabgesetzt. Bei dieser Studie aus den Jahren 2016/2017 wurde die Wolfswelpenzahl in einer Karte eingetragen und der Nettozuwachs der Welpen berechnet.

Ein weiterer essenzieller Schritt war es, nur noch individuell zu jagen und keine Drückjagden mehr durchzuführen. Davor kam es regelmäßig vor, dass zum Teil Wälder umzäunt wurden und darin ein halbes Dutzend Wölfe pro Wochenende erlegt wurde.

Im Jahr 2021 wurde vom damaligen Umweltminister im Alleingang, ohne der Zustimmung der staatlichen Naturschutzbehörde, beschlossen, dass keine Wölfe mehr bejagt werden dürfen. Schafherden, die geschützt werden mussten, bekamen vom Staat keine finanzielle Unterstützung, weder für den Herdenhund noch für den Zaun oder den Schäfer. Hinzu kommt, dass die Herdenschutzmaßnahmen strenger wurden: Unter anderem muss der Herdenschutzhund mindestens 18 Monate alt sein und es müssen mehr Hunde als bisher eingesetzt werden. Ein zusätzliches Problem in der Slowakei ist die Tatsache, dass keine jüngere Generation an Schäfern nachkommt.

Studien zeigen, dass 75–80 % der Weidetierschäden auf den Wolf zurückzuführen sind. Es handelt sich dabei um etwa 600 gerissene Weidetiere, wobei viele Schäfer aufgrund der mangelnden Unterstützung der Regierung die Risse nicht melden. Auffällig ist jedoch, dass ein Drittel der Schafe, die in den letzten drei Jahren gerissen wurden, demselben Betrieb zugeordnet werden können. Eine aktuelle Studie bestätigt jedoch, dass die Wolfsbejagung in der Slowakei die Nutztierrisse nicht reduziert hat. „Auch wenn die Schäfer mit der Bestimmung des Umweltministers ein hartes Los gezogen haben, so werden zumindest nach wie vor Schalenwildrisse in der Slowakei entschädigt“, so Skuban.

Nur weil bestimmte Herdenschutzmaßnahmen in der Slowakei funktionieren, können diese nicht 1:1 auf andere Länder übertragen werden. Die Herdenhunde in der Slowakei sind sehr gut sozialisiert, wachsen bei den Schäfern auf und sind nie allein. Es stelle sich die Frage, so Skuban weiter, ob hierzulande eine ähnliche Bereitschaft existiere oder ob die Hunde nicht nach der dreimonatigen Weidesaison für das restliche Jahr auf einer Fläche abgestellt würden und dort allein dahinvegetieren müssten.

Dr. Prof. Markus Moling, Österreichische Jägertagung 2024 - "Handle als Jäger stets so, dass deine Eingriffe in die Natur verantwortungsvoll, respektvoll, gerecht und nachhaltig sind." – Dr. Prof. Markus  Moling, Philosophisch-Theologische Hochschule Brixen, Südtirol - © Martin Grasberger

"Handle als Jäger stets so, dass deine Eingriffe in die Natur verantwortungsvoll, respektvoll, gerecht und nachhaltig sind." – Dr. Prof. Markus  Moling, Philosophisch-Theologische Hochschule Brixen, Südtirol © Martin Grasberger

Jagdethik

Dr. Prof. Markus Moling (Philosophisch-Theologische Hochschule Brixen, Südtirol) befasste sich mit dem Thema „Jagdethik – wie wir jagen wollen“. Die Jagdethik ist eine Disziplin, die erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Bereits Platon unterschied zwischen einer ehrenhaften und einer unehrenhaften Jagd, die in ihren Jagdmethoden voneinander abwichen. Später hat sich daraus vermutlich der Begriff „Weidgerechtigkeit“ entwickelt. Wichtig ist jedoch, dass Ethik nicht mit Moral verwechselt wird. Denn während sich die Moral mit diversen Regeln, Prinzipien und Vorstellungen, wie eine Gesellschaft handeln darf, beschäftigt, befasst sich die Ethik mit dem Thema, ob jene moralischen Prinzipien auch heute noch Gültigkeit haben.

Ethische Fragen bei der Jagd beginnen oder enden nicht beim Erlegen des Wildes, sondern gehen sehr viel weiter. In unserer Gesellschaft kam es zu einem Wertewandel im Bezug auf das Verständnis von Tieren. Es wird heutzutage von einer wesentlich geringeren anthropologischen Differenz, also dem Unterschied zwischen Mensch und Tier, ausgegangen. Auch auf der emotionalen Ebene zeigen sich Änderungen im Umgang mit Tieren. Als bestes Beispiel kann man Haustiere ins Treffen führen, die zum Teil schon als Familienmitglied angesehen werden und somit die Stellung eines Menschen einnehmen. Darüber hinaus sorgen Umweltkrisen wie der Klimawandel dafür, dass Menschen sich wesentlich stärker mit dem Thema Umwelt und Tiere auseinandersetzen und sensibler damit umgehen.

Der moderate Anthropozentrismus besagt, dass der Mensch eine Sonderstellung in der Umwelt hat und diese mit einer besonderen Verantwortung wahrzunehmen hat. Durch diese Verantwortung ergeben sich unterschiedliche ethische Fragen. Eine dieser Fragen ist, inwieweit man Tieren Schmerzen zufügen darf, denn heutzutage ist wissenschaftlich bewiesen, dass Tiere Schmerzen empfinden. Und dieses Wissen beeinflusst natürlich die Art und Weise, wie gejagt werden darf, denn Jägerinnen und Jäger wollen mit einem gezielten Schuss das Tierleid so gering wie möglich halten und weidgerecht jagen. Dies sorgt darüber hinaus natürlich auch für eine höhere Akzeptanz der Jagd in der Bevölkerung.

Während es sich beim eben genannten um primäres Leid handelt, muss auch das sekundäre Leid beachtet werden. Dabei sind tierökologische Kenntnisse essenziell. Denn durch den Abschuss einzelner Wildtiere können Sozialverbände (zum Beispiel der Muttertier-Verband) auseinandergerissen werden. Durch diesen Verlust der Artgenossen leiden die überlebenden Wildtiere. Rotwild und andere hoch soziale Wildtiere sind davon besonders betroffen.

Kolbenhirsche - © Karl-Heinz Volkmar

© Karl-Heinz Volkmar

Bei der Jagd sollte es sich um einen respektvollen, nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur handeln. Wobei der Respekt auf drei verschiedenen Ebenen basiert. Zum einen der Respekt gegenüber den Wildtieren (Brauchtum), zum anderen der Respekt gegenüber anderen Naturnutzern (Dialog mit Kritikern & Naturpädagogik) sowie der Respekt gegenüber Jagdkameraden (kein Neid und Streit). Jäger haben aber auch eine Verantwortung, da sie Entscheidungen zum Wohle anderer Lebewesen treffen müssen. Diese betreffen nicht nur Tiere, sondern auch andere Menschen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jedes Revier individuell zu betrachten ist und wildökologische Maßnahmen an die regionalen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Uns Jägern muss bewusst sein, dass wir nur durch eine nachhaltige, weidgerechte und verantwortungsvolle Jagdausübung mit der Akzeptanz der nicht jagenden Bevölkerung rechnen können.