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Im Rhythmus der Wildschweine

Im Waldrevier verhält sich das Schwarzwild im Jahresverlauf durchaus berechenbar.
Wildschwein
Wildschwein (Sus scrofa), Vulkaneifel, Rheinland-Pfalz, Deutschland, Europa


Mit September endet die Bejagungsruhe und eine aktivere Periode beginnt. 

Jagdlicher Erfolg und gute Revierführung entstehen nicht durch möglichst viel Druck, sondern durch den richtigen Druck am richtigen Ort zur richtigen Zeit – und durch Ruhe an allen anderen Orten“, erklärt Hans Matzinger, Hegeringleiter im Bezirk Klosterneuburg. Der Bestand werde nicht in einem starken Jagdmonat reguliert, sondern erfordere konsequente Entscheidungen über das gesamte Jahr. 

Matzinger beobachtet schon seit seiner Kindheit die Tiere im Wald ganz genau und ist vor 25 Jahren schließlich Jäger geworden. Seither analysiert er vor allem das Verhalten von Schwarzwild intensiv, geht Fährten aus und rundet das Gesamtbild mit Hilfe von Wildkameras ab. Daraus hat er schließlich empirische Monatsbänder erstellt, ein Rezept für eine erfolgreiche Kirrjagd abgeleitet und sich Gedanken über eine ruhige und selektive Revierführung gemacht. 

Für Hans Matzinger ist die Jagd kein Hobby, sondern eine Aufgabe und Schwarzwild kein „Schadwild“, sondern eine faszinierende Herausforderung. Dessen Intelligenz – „nach einem Monat kennen sie die Angewohnheiten der Jäger“ – und „Ritterlichkeit“ – wie etwa eine Bache ihre Frischlinge verteidigt – verlangen von Jägern eine strukturierte Herangehensweise, ein gutes Verständnis für die Lebensweise der Tiere und die Bereitschaft, das eigene Vorgehen laufend zu hinterfragen. 

In seinem 130 Hektar großen Waldrevier am Klosterneuburger Sauberg – nomen est omen – setzt Matzinger auf das Zusammenspiel von genauer Beobachtung, gezielt platzierten Jagdeinrichtungen und einer zeitlich abgestimmten Bejagungsstrategie. Seine Erkenntnisse für eine zeitgemäße Schwarzwildbejagung können auch Mitjäger und Jungjäger sensibilisieren und Orientierung geben, deshalb hat Matzinger nun begonnen, sein Wissen zu dokumentieren. 

„Im Herbst, wenn die Bäume ihre Blätter verlieren, wechseln die Sauen vom Sommer- in den Wintereinstand und fühlen sich nicht wohl, weil ihnen die Deckung fehlt“, beschreibt der Jäger die aktuelle Lage. Durch die Hitze sind die Wildschweine heuer eher hochläufig und haben Hunger, deshalb hat Matzinger die Kirrungen auch im Sommer regelmäßig mit Mais beschickt. Dann sind auch Bachen und Frischlinge unterwegs, oft kommen sie im Sommer noch bei Tageslicht. In seinem Revier hat er drei Kirrungen, um die Bejagung verteilen zu können. Meist wird aber nicht direkt auf den Kirrungen geschossen und auch nicht am Wechsel. Nur der Keiler bildet eine Ausnahme, da es keinen Vergrämungseffekt für die Gruppe hat. Generell müsse heuer durch die guten Frühjahrsbedingungen intensiver bejagt werden. Wann der beste Zeitpunkt für die Bachen, Frischlinge, Überläufer und Keiler ist, zeigt die Tabelle auf Seite 32 – mit folgenden Begründungen: 

Bachen im Oktober und November

Nichtführende Beibachen können im Spätherbst und Winter gut angesprochen und erlegt werden. Ranghöhere Bachen und ihre Frischlinge bilden in diesem Zeitraum eine Einheit, aber nichtführende Bachen ziehen oft allein am Rand des Kirrplatzes. Bachen sind für Matzinger eigentlich nur im Oktober und November sinnvoll zu bejagen und nur bei einem eindeutigen Ansprechen. Das heißt, das Stück wurde über längere Zeit beobachtet und zeigt keine Bindung an abhängige Jungtiere. Die Rottenstruktur ist vollständig erfasst und kleinere Stücke werden nicht verdeckt oder abseits geführt. Sicht, Winkel und Entfernung müssen eine zuverlässige Beurteilung erlauben. Bleibt nur ein Punkt offen, hat der Finger gerade zu bleiben.

Frischlinge im Februar sowie Oktober/November

Für Frischlinge hat Matzinger zwei Bejagungsspitzen ausfindig gemacht: „Im Oktober und November, wenn die Bachen mit den Keilern beschäftigt sind, gehen Frischlinge in der Nähe des Tageseinstandes zeitweise führungslos auf Fraßsuche.“ Eine zweite Spitze zeigt sich im Februar und März: Befindet sich die Bache im Wurfkessel, ziehen Frischlinge ebenfalls  selbstständig zu einstandsnahen Kirrungen.

Zwischen diesen Spitzen können Frischlinge nur mit Bedacht aus der Rotte entnommen werden. Matzinger achtet darauf, dass die Rotte bereits im Abziehen ist oder ein Teil schon abgegangen ist. Zieht sie nicht zielstrebig zur nächsten Kirrung weiter, sondern bummelt und bricht in der Nähe, kommen häufig einzelne Stücke nochmals zurück. Diese Stücke sind bevorzugt zu bejagen: „Die Frischlingsbejagung hat meines Erachtens höchste Priorität; sie muss jedoch so erfolgen, dass der Vergrämungseffekt für Bache und Rotte möglichst gering bleibt.“

Überläufer im Juli und August 

Überläuferbachen werden nach Matzingers Beobachtungen eher im Dezember und Jänner beschlagen (Nebenrausche). Eine Bejagung über den Jänner hinaus erachtet er deshalb als nicht sinnvoll; hier gelten dieselben strengen Überlegungen wie bei den Bachen. Überläuferrotten, die sich im März, April oder Mai bilden, sowie Geschwisterpaare sind häufig relativ ortstreu, unbekümmert und daher leicht zu bejagen. Von der Rotte abgeschlagen, erscheinen sie oft mehrere Tage hintereinander am selben Kirrplatz. Solche kleinen Gruppen können ab Juni sinnvoll bejagt werden. Zu Beginn ziehen vermehrt auch weibliche Überläufer mit ihren Brüdern; sie verlassen die Gruppe später häufig wieder und kehren zu den Muttertieren zurück. Danach sind überwiegend männliche Überläufer unterwegs. Im Sommer kann man die hochläufigen Überläufer relativ gut ansprechen und zu vernünftiger Uhrzeit erwischen. Ohne größere Störung kommen sie auch tagelang zur gleichen Uhrzeit. „Ein sauber angesprochener Überläufer ist eine gute jagdliche Chance. Ein nur vermuteter Überläufer ist kein Ziel“, betont Matzinger. 

Keiler im November

Jahrelange Beobachtungen zeigen, dass sich die Rauschzeit in zwei Intervallen abspielt. Die Hauptrauschzeit beginnt im Oktober und erreicht im November ihren Höhepunkt. Gute Keiler stellen sich zur Rotte, separieren sich zeitweise mit der Leitbache und kommen oft in den Morgenstunden im Geleit der Bache zur Kirrung. Die Nebenrauschzeit folgt danach und betrifft eher Nebenbachen und Überläuferkeiler. Grobe Keiler gehen in den frühen Morgenstunden auf spärliche Fraßsuche – stets in der Nähe der Bachen beziehungsweise des Einstandes.

Keiler kommen auch im Februar und März häufig zur Kirrung und werden vielerorts intensiv bejagt. Wegen der Verwechslungsgefahr mit Bachen bilden diese Monate für Matzinger jedoch keinen Bejagungsschwerpunkt. Im Frühsommer und Sommer werden sie sehr ortstreu und beziehen bevorzugte Dickungen. Bei Störungen gehen sie nach Matzingers Analyse nicht kopflos ab, sondern stellen sich in die Dickung, warten die Störquelle ab und sondieren zuvor eine Fluchtrichtung.

Drei Fehler gilt es bei der Keilerjagd zu vermeiden: den Schuss wegen einer Trophäenerwartung zu beschleunigen, auf einen spitzen oder verdeckten Winkel zu improvisieren und davon auszugehen, dass ein allein kommendes Stück automatisch ein alter Keiler ist.

Stabile Bestände durch Zurückhaltung

Die Qualität der Schwarzwildbejagung zeigt sich für Hans Matzinger nicht nur an der Strecke, sondern vor allem an den Entscheidungen, aus denen diese Strecke entstanden ist: „Wer ruhig plant, sauber anspricht, sicher schießt und auch nach dem Schuss verantwortungsvoll handelt, wird langfristig erfolgreicher sein als jener, der jede Gelegenheit erzwingen möchte.“ Wobei die Anpassungsfähigkeit auch bei den Jägern aufgrund der technischen Hilfsmittel besser und sicherer geworden ist. Gerade im Umkreis von Wien sind in der Nacht immer wieder Menschen auf den Wiesen mittels Wärmebild zu erkennen.  

„Das Waldrevier belohnt nicht den Lautesten und nicht den Eiligsten. Es belohnt denjenigen, der beobachtet, versteht und im entscheidenden Augenblick die notwendige Ruhe besitzt“, erklärt Matzinger. Er diszipliniert sich zur Beobachtung, indem er nur jedes zweite passende Stück Schwarzwild erlegt. 

Im gesamten Hegering wurde der Bestand in den vergangenen Jahren stabil gehalten. Die Abschusszahlen auf 7.500 Hektar liegen bei 350 bis 420 Stück Schwarzwild, die man über den Jahresverlauf abschöpft. Da es keine Riegeljagden im Revier gibt, habe man eine völlig beruhigte Population und keine Verdrängung. Das meiste Wildbret wird selbst vermarktet. Als ambitionierter Jägetarier landet bei Matzinger viel Selbsterlegtes auf dem Grill. 

„Gute Saujagd bedeutet, genau zu wissen, wann geschossen werden kann und wann nicht“, gibt Matzinger zu bedenken. Als Hundeführer appelliert er zudem an die Mitjäger, zur Sicherheit bereits vor der Jagd daran zu denken, wen man bei einem Fehlschuss anrufen kann. 

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Qualität vor Strecke
Feldhase

Qualität vor Strecke

Bei der Niederwildvermarktung steht höchste Wildbretqualität an oberster Stelle

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