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Versorgung mit Lenkungseffekt

Die Winterfütterung des Rotwildes ist in manchen Gebieten weiterhin unverzichtbar, um Wildschäden zu reduzieren. Dabei gibt es aber einiges zu beachten.
Rotwild_Fütterung

Früher galt die Winterfütterung des Rot- und Rehwildes als unumstrittener Bestandteil der jagdlichen Praxis. So wurde sie als Fütterungsgebot in den Notzeiten auch in den meisten Jagdgesetzen verankert, ohne den Begriff „Notzeit“ konkret zu definieren. Heute wird die Winterfütterung viel differenzierter betrachtet. Manchmal wird sogar die Frage gestellt, ob sie bei dem heutigen Verständnis der Jagd noch zeitgemäß und sinnvoll ist. Um darauf eine eindeutige Antwort zu geben, muss man sich zuerst im Klaren sein, welches Ziel diese Maßnahme hat und unter welchen Bedingungen sie erfolgt. Denn eines ist klar: Weder das Rot- noch das Rehwild brauchen die Winterfütterung, um selbst einen strengeren Winter zu überleben. 

Es ist bereits seit Jahrzehnten bekannt, dass die beiden Schalenwildarten sowie die meisten anderen Wildtiere während der Winterperiode einen stark herabgesetzten Stoffwechsel und somit auch niedrigeren Nahrungsbedarf haben. Dasselbe wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren auch bei den nordamerikanischen Verwandten unserer heimischen Hirscharten, dem Wapiti, Weißwedel- und Maultierhirsch sowie dem Elch, beschrieben. 

Die Winterfütterung kann aber trotzdem sehr sinnvoll sein, wenn es um die Vermeidung oder zumindest Minderung der Wildschäden geht. Dieser Effekt wird durch die räumliche Lenkung des Wildes von den schadensanfälligen Waldbeständen und Verminderung des Äsungsdrucks in den nahrungsarmen Wintereinständen erreicht. Das ist insbesondere beim Rotwild von großer Bedeutung. Denn dieses könnte in stabilen, nachhaltig jagdlich bewirtschaftbaren Beständen ohne Winterfütterung nur in bestimmten Gebieten vorkommen, die lediglich ein Teil seines jetzigen Verbreitungsareals darstellen würden. Der Grund dafür ist aber nicht der Mangel an geeigneten Lebensräumen, sondern vor allem die viel zu geringe Wildschadenstoleranz der Menschen. Denn das Rotwild kann bei eingeschränkter Äsungszugänglichkeit und fehlender Ruhe auch in einer geringen Stückzahl in schadensanfälligen Wirtschaftswäldern große Schäden verursachen. 

Es ist unbestritten, dass die schadensabhängige Tragfähigkeit des heutigen Lebensraums für das Rotwild gerade im Winter infolge seines Hinausdrängens aus den früheren natürlichen Überwinterungsräumen in die weniger geeigneten Standorte in vielen Gebieten sehr niedrig ist. Während der Vegetationsperiode ist hingegen das Äsungsangebot in den Sommereinständen und somit auch die Lebensraumtragfähigkeit für das Rotwild viel größer. So ist der eigentliche Zweck der Winterfütterung durch die beiden Funktionen – den Ersatz der fehlenden Winternahrung (Versorgungsfunktion) und die räumliche Wildlenkung (Lenkungsfunktion) – die Existenz des Rotwildes in den an die Tragfähigkeit des Lebensraums während der Vegetationszeit angepassten Beständen zu sichern und seine nachhaltige jagdliche Bewirtschaftung zu ermöglichen. Das hat mit den überhöhten Rotwildbeständen und einem vermeintlichen Trophäenkult, wie es manchmal irreführend behauptet wird, überhaupt nichts zu tun. 

Rotwild im Winter

Es ist also nicht so, dass das Rotwild die Winterfütterung benötigen würde, sondern der Mensch benützt sie, um seine eigenen Interessen zu wahren. Und es geht dabei nicht ausschließlich um die Interessen der Jagd- und Forstwirtschaft, denn die Erhaltung einer stabilen Rotwildpopulation in unserer Natur ist auch aus landeskultureller Sicht wünschenswert.  

Attraktives Futtermittel

Damit der schadensmindernde Effekt der Winterfütterung tatsächlich erreicht werden kann, muss sie zum einen den physiologischen Anforderungen des Wildes Rechnung tragen und zum anderen eine ausreichende Lenkungswirkung haben. Die wichtigsten Grundvoraussetzungen dafür sind die richtige Standortwahl der Fütterungen, regelmäßige und ausreichende Futtervorlagen sowie geeignetes Futter. Die Futterauswahl ist aber primär von der Zielsetzung der Fütterung und den lokalen Bedingungen abhängig. So könnte beispielsweise der Erhaltungsbedarf des Rotwildes im Winter auch nur mit gutem Wiesenheu als Alleinfutter ausreichend gedeckt werden. Allerdings ist die Lenkungswirkung vom Heu selbst bei dessen bester Qualität oft nicht stark genug, um das Rotwild beim schneearmen Winterverlauf und vor allem im Frühjahr ausreichend an die Fütterungsstandorte zu binden. Damit erhöht sich das Schadensrisiko, falls das Rotwild die Fütterung nur teilweise nutzt oder sie im Frühjahr vorzeitig verlässt. Das hängt von den lokalen Bedingungen ab. Es gibt selbstverständlich Gebiete, wo Winterfütterungen ausschließlich mit qualitativ gutem Wiesenheu ihren Zweck gut erfüllen. Dort, wo mit dieser Maßnahme eine starke Lenkungswirkung erzielt werden soll, sind jedoch zusätzliche Vorlagen von geschmacklich hoch attraktiven Futtermitteln, wie zum Beispiel Mais- oder Grassilagen bzw. Apfeltrester oder Rüben, als Ergänzung zum Heu oft sehr sinnvoll.

Sicherheitsgefühl auch bei Tag

Für den maximalen Effekt der Fütterung ist es auch sehr wichtig, dass das Rotwild die Fütterungsstandorte seinem Nahrungsrhythmus entsprechend auch tagsüber aufsuchen und sich dort möglichst lange aufhalten kann. Ist dies nicht der Fall und das Rotwild kommt aufgrund des mangelnden Sicherheitsgefühls zu der Fütterung nur zeitweise (oft nur nachts) oder unregelmäßig, wird sein Nahrungsbedarf nur bis zu einem gewissen Teil vom vorgelegten Futter und der Rest von der Naturäsung in den umliegenden Einständen gedeckt. 

Was das in der Praxis bedeutet, kann man sich anhand eines einfachen Rechenbeispiels gut vorstellen: Wird beim Rotwild beispielsweise nur etwa die Hälfte des Nahrungsbedarfs durch das bei der Fütterung vorgelegte Futter gedeckt, liegt die zusätzliche Aufnahme von Naturäsung in den umliegenden Einständen immer noch bei etwa 1 bis 2  kg je Stück und Tag. Bei einem Rudel von 10 Stück bedeutet das eine Menge von etwa 10 bis 20 kg Naturäsung zusätzlich zu dem aufgenommenen Futter. Selbst wenn nur ein kleinerer Teil davon aus Baumtrieben und Baumrinde besteht, sind gravierende Schäden in den Einständen trotz der Fütterung nicht zu verhindern. Wenn das Durchschnittsgewicht der abgebissenen Baumtriebe bei etwa 5 Gramm liegt, würde die tägliche zusätzliche Aufnahme von 10 kg Naturäsung einem Äquivalent von rund 2.000 Baumtrieben entsprechen. Selbst dann, wenn nur ein Teil von diesem Verbiss waldbaulich relevant wäre, würde es einen beträchtlichen Schaden bedeuten. 

Verweilt das Rotwild, dessen Nahrungsbedarf nicht ausreichend an der Fütterung gedeckt wird, tagsüber in schälanfälligen Einständen, nimmt es verstärkt die Baumrinde auf. Zum Beispiel betrug in den Fütterungsversuchen mit verschiedenen Modellsituationen betrug bei dem Rotwild, das nur etwa die Hälfte seines Bedarfs durch die Aufnahme des an der Fütterung vorgelegten, nur mäßig attraktiven Futters (Wiesenheu) deckte, der Umfang der Schäle an den Stämmen von jungen Fichten im Durchschnitt fast 0,4 m2 geschälter Stammfläche je Stück und Tag. Im Vergleich dazu war bei dem mit geschmacklich attraktivem Futter ausreichend versorgten Rotwild die zusätzliche Aufnahme der Baumrinde minimal. Diese Beispiele zeigen, welchen Beitrag eine richtig durchgeführte Winterfütterung auf vor Beunruhigung geschützten Fütterungsstandorten mit attraktivem Futter bringen kann.

Einfluss auf Wildbestände?

Es wird manchmal auch behauptet, dass die Winterfütterung zu höheren Wildbeständen führt. Das ist aber zu kurz gegriffen. Die Winterfütterung beeinflusst zwar die räumliche Verteilung des Wildes und kann somit zu lokal erhöhten Wildkonzentrationen führen, ihr Einfluss auf den gesamten Bestand ist jedoch marginal. Natürlich kann die verbesserte Nahrungssituation des Rot- und Rehwildes im Winter ihre Vermehrung begünstigen, wirklich entscheidend für die Wildbestandshöhe sind jedoch die gesamten Lebensbedingungen und die Bejagung. 

Für den Populationszuwachs des Rot- und Rehwildes ist in erster Linie die Nahrungssituation während der Vegetationsperiode ausschlaggebend. Erst, wenn sich die Bestandshöhe den Grenzen der biologischen Lebensraumtragfähigkeit nähert (diese ist viel höher als die schadensabhängige Lebensraumtragfähigkeit), werden die natürlichen Regulationsfaktoren, wie zwischenartliche und innerartliche Konkurrenz, Verknappung des Äsungsangebots und die Vermehrung der Krankheitserreger, zunehmend wirksam. Das Überschreiten der meist wesentlich niedriger liegenden schadensabhängigen Lebensraumkapazität kann man nur mit einer ausreichenden Bejagung verhindern. Gibt es also in Bezug auf die Schadensituation viel zu hohe Wildbestände, sind die nicht auf die Winterfütterung zurückzuführen, sondern primär auf die unzureichende oder falsch durchgeführte Bejagung. 

Fazit

Daraus ergeben sich eindeutige Schlussfolgerungen: Weder das Rotwild noch das Rehwild müssten gefüttert werden, hätten sie eine freie Wahl der Aufenthaltsräume und wäre bei den Menschen eine ausreichende Bereitschaft zum Tolerieren von Wildschäden gegeben. Mit der richtig durchgeführten Winterfütterung können die Wildschäden im Winter weitgehend reduziert werden. Die Behauptung, dass sich ihr Bestand ohne Fütterung durch das verringerte Nahrungsangebot im Winter selbst regulieren würden, bedeutet nichts anderes, als ein langsames Verenden der durch Nahrungsmangel geschwächten Tiere und zuvor noch hohe Schäden in Kauf zu nehmen. Allerdings stellen milde Winter mit wenig Schnee, so wie sie in letzter Zeit immer häufiger ­werden, für das Schalenwild in Wirklichkeit keinen ernstzunehmenden Regulationsfaktor dar; die Schadensanfälligkeit bei geringer Schneedecke wird aber umso höher. Diese Tatsachen werden meist in der Diskussion um die natürliche Regulation ausgeblendet. 

Die Jagd ist eine legitime und mit dem Grundbesitz verbundene Form der Naturnutzung und auch deshalb sind die jagdlichen Entnahmen die einzig sinnvolle Möglichkeit der Abschöpfung des natürlichen Populationszuwachses der Wildtiere, anstatt sie der Selbstregulation zu überlassen. Das ist auch aus ethischer Sicht richtig, denn das Produkt der Jagd ist das Wildbret als eines der wertvollsten Lebensmittel. So ist eine sinnvolle Nutzung der Wildbestände jedenfalls die bessere Alternative zu der natürlichen Regulation.

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