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Gefährliche Nachsuchen im Sommer

26. Juli 2024 -
Nachsuchen im Sommer - © Desiree Schwers
© Desiree Schwers

Sommerliche Wildunfall-Nachsuchen erfordern höchste Präzision von Hundeführern und ihren Vierläufern. Erfahren Sie, wie Hitze, Trockenheit und Verkehrsgefahren die Suche erschweren und welche Maßnahmen für eine erfolgreiche und sichere Nachsuche wichtig sind. Annette Schmitt gibt wertvolle Tipps zur Vorbereitung und Durchführung von Nachsuchen in der warmen Jahreszeit.

Obwohl Wildunfälle das ganze Jahr über vorkommen, gibt es bestimmte Zeiten, in denen sich diese besonders häufen. Grund dafür ist die dann verstärkte Aktivität des Wildes. In den Sommermonaten bringen beispielsweise verschiedene saisonale Umstände die Tiere vermehrt in Bewegung. So zeigt sich das Wild in den kühleren Morgen- und Abendstunden, die durch die längsten Tage und kürzesten Nächte sehr früh beginnen und abends erst spät enden, deutlich länger aktiv als zu anderen Jahreszeiten. Außerdem vergrößert noch unerfahrenes Jungwild allmählich seinen Radius. Zusätzlich kündigt sich die Reh­wild­brunft an, die viele liebes­tolle Böcke samt ihrer Angebeteten recht planlos Straßen überqueren lässt. Und weil nun das Getreide in der Milchreife steht, werden auch Sauen aktiver. Zudem ist der Mensch in der wärmeren Jahreszeit wieder mehr in der Natur unterwegs. Wanderer mit frei laufenden Hunden und Freizeitsportler jeglicher Art bringen das Wild zusätzlich in ­Bewegung. Aufgrund der Biergartensaison sind selbst spätabends noch ­etliche Verkehrs­teilnehmer unterwegs. Besonders gefährlich ist nun der höhere Bewuchs an den Straßen­rändern, denn dadurch wird Wild oft erst gesehen, wenn es direkt auf die Straße springt. Häufig sind Autofahrer trotz Wildwechsel-Warnschildern viel zu schnell unterwegs. Gerade in Wald­gebieten und zwischen Feldern sollte jeder seine Fahrgeschwindigkeit stets so anpassen, dass er immer gefahrlos bremsen könnte. Auch ausreichend Abstand zum vorderen Fahrzeug ist ­extrem wichtig, wird aber oft nicht eingehalten.

Professionelle Hilfe nach Wildunfall: Polizei, Jäger und Nachsuchengespann verständigen

Unmittelbar nach einem Wildunfall muss die Polizei verständigt werden, die wiederum den zuständigen Jäger informiert. Dieser fordert dann ein Nachsuchengespann an. Da Straßen oftmals Jagdgrenzen sind, müssen im Fall der Fälle beide Revierinhaber ­benachrichtigt werden.
Vielfach ist aufgrund der stumpfen Verletzung durch den Zusammenstoß des Tieres mit dem Auto kein Schweiß zu finden. Besteht also beispielsweise eine Thrombose oder ein Milz- oder Leberriss und gibt es als einzige Birschzeichen nur Haare, Schalenabdrücke oder andere Bodenverwundungen, sind die echten Profis nötig. Nur ein eingespieltes Team aus routiniertem Hundeführer samt erfahrenem Nachsuchenhund, der sowohl auf Schweiß als auch mit dem Fährtenschuh eingearbeitet wurde, kann hier helfen. Außerdem ist absolut ­sicheres Verweisen Pflicht. Ledig­lich solch ein versierter Vierläufer hat hier – im wahrsten Sinne des Wortes – etwas zu suchen, denn allein aus Tierschutzgründen sollte eine Nachsuche möglichst zügig vonstattengehen und nicht länger als nötig dauern. Ein ­planloses Herumexperimentieren mit einem noch ungeübten Hund darf auf keinen Fall geschehen.

Unfallhergang genau ermitteln: Wichtige Informationen für die Nachsuche

Bevor es an die Suche geht, sollten so viele Informationen wie möglich zum Unfallhergang eingeholt werden. Allerdings zeigt die Praxis, dass sich der Sachverhalt oft ganz anders darstellt, als zuvor vom Autofahrer beschrieben. Die Angaben zur Wildart, aber auch zum Kollisionsort sind aufgrund von Dunkelheit, Geschwindigkeit, Reaktions­zeit, hohem Bewuchs am Straßenrand und durch den Schock häufig nur sehr vage bzw. nicht zuverlässig. So wird ein Dachs schnell für einen Frischling ­gehalten oder ein Hase für ein Kitz. Normaler­weise entspricht die genaue Unfallstelle dem „Anschuss“ und wäre somit als Startpunkt für das Gespann äußerst wichtig zu wissen. Auch die Fluchtrichtung gilt es zu lokalisieren. Der Hundeführer wird sich in jedem Fall zunächst einmal ohne Vierläufer einen Überblick verschaffen. Grundsätzlich sollten in der Dunkelheit ­angefahrene Stücke erst bei Tageslicht nachgesucht werden. Selbst eine laue Vollmondnacht darf im Sommer nicht dazu verleiten. Auch dann nicht, wenn der Wildunfall bereits am späten Nachmittag stattfand – einerseits aus Sicherheits­gründen, andererseits aber auch, damit das kranke Stück erst einmal zur Ruhe kommt. Etwa vier Stunden Stehzeit sind Pflicht. Sucht man hingegen zu früh nach, zeigt sich das kranke Stück oft – noch vollgepumpt mit ­Adrenalin – als sehr mobil und flüchtet weit. Wobei meist generell nicht abzuschätzen ist, wie viele Reserven angefahrenes Wild noch für die Flucht vor einem hetzenden Hund aufbringen kann. Manchmal werden aber durchaus noch mehrere Kilometer zurückgelegt. Nicht selten flüchtet das Tier auch ­wieder zurück zur Straße oder wechselt noch einmal über eine andere, was ­wiederum sehr gefährlich für den ­geschnallten Vierläufer ist. Es versteht sich von selbst, dass ein Hund nie in unmittelbarer Straßennähe geschnallt werden darf.
Wurde ein Tier aus einem Rudel­verband angefahren, können nach der Kollision weitere Stücke die Straße queren. Oft ist das Rudel durch den Unfall auch so verschreckt, dass einzelne Tiere noch in längeren Zeitabständen immer wieder hin und her wechseln – eine sehr ­gefährliche Situation.

Nachsuchen im Sommer - Besonders im Sommer sind Wildtiere – wie auch der Mensch – sehr aktiv. Dabei kommt es immer wieder zu Verkehrsunfällen. - © Desiree Schwers

Besonders im Sommer sind Wildtiere – wie auch der Mensch – sehr aktiv. Dabei kommt es immer wieder zu Verkehrsunfällen. © Desiree Schwers

Verkehrssicherung und Teamarbeit für erfolgreiche Nachsuchen

Für die bevorstehende Suche sind vorab erst einmal entsprechende Verkehrs­sicherungsmaßnahmen durchzuführen. Außerdem sollte den Hundeführer stets eine zweite Person als Beobachter ­begleiten. Ansonsten ist es schwierig, entlang einer Straße den Überblick zu behalten. Ebenfalls wichtig ist, dass alle Beteiligten inklusive Hund durch entsprechende Signalkleidung, die mit ­Reflektoren versehen ist, schon von Weitem für alle Verkehrsteilnehmer gut zu sehen sind. Vor allem bei Regen kann selbst tagsüber die Sicht für Auto­fahrer erheblich beeinträchtigt sein, sodass eine möglichst frühe ­Erkennung des Nachsuchengespanns lebenswichtig ist.
Durch die hohe Geschwindigkeit des Autos wird das Wild nach dem Aufprall oft etwas weggeschleudert oder noch kurz mitgeschleift. Deshalb ist die ­Entfernung zwischen Kollisionsort und Fluchtstrecke meist größer als anfangs gedacht. Um den genauen Abgang zu finden, ist in der Regel erst einmal eine Vorsuche nötig. Diese beginnt zunächst in entsprechendem Sicherheits­abstand parallel zur Straße. Eventuell ist es auch erforderlich, auf beiden Seiten der Straße zu suchen. Muss hingegen aufgrund der Geländegegebenheiten direkt am Bankett vorgesucht werden, darf eine direkte Absicherung des Gespanns nicht fehlen. Bei stark befahrenen ­Straßen ist in jedem Fall ein ent­sprechender Sicherheitsabstand notwendig. Vor allem der oft hohe ­Bewuchs am Straßenrand kann durch Unübersichtlichkeit schnell zu gefährlichen Situationen führen. Andererseits verfangen sich hier durch den Fahrtwind der Autos leicht wichtige Birschzeichen, wie Haare, Wolle oder Borsten. Bei Wildunfällen ist – anders als bei Schussverletzungen – meist kein bzw. kaum Schweiß zu finden, da die Tiere in der Regel innere Verletzungen und Brüche erleiden. Vereinzelte Schweiß­spuren lassen eher auf eine äußere Wunde oder Nasenbluten schließen, Knochensplitter auf einen offenen Bruch. Auch Losung oder Mageninhalt zeigen sich manchmal. Trotz allem kann die gänzliche Schwere der ­Verletzung meist nicht festgestellt ­werden. Gerade bei einem Wildunfall muss sich der Hundeführer also ­komplett auf seinen Vierläufer ver­lassen und diesem auch die Zeit und Ruhe geben, die er braucht, um sich zu orientieren. Zudem ist schon allein aufgrund des Schocks eines angefahrenen Tieres mit völlig unbe­rechenbarem Verhalten desselben zu rechnen, was die Nachsuche nicht nur zusätzlich ­erschwert, sondern auch sehr gefährlich macht. So kann eine hochgemachte Sau sofort annehmen. Möglich ist ­außerdem, dass während der Nachsuche durch Hochmachen von gesundem Wild oder auch nur Aufmüden des kranken Stückes und dessen erneute Flucht über eine Straße weitere Unfälle verursacht werden können.
Stellt sich im Laufe der Suche heraus, dass die Verletzung derart ist, dass das Stück nicht oder nur durch eine sehr ausdauernde Hetze zu bekommen ist, heißt es: Hund vor Wild. Man ­verzichtet dann zum Wohle des Vierläufers auf ein Schnallen.

Herausforderungen und Tipps für Nachsuchen im Sommer

Verweist der Hund schließlich am ­Kollisionsort und fällt die Fährte an, unterscheidet sich die eigentliche Arbeit am langen Riemen grundsätzlich nicht von einer „normalen“ Nachsuche. Allerdings ist diese in den Sommermonaten für den Hund generell höchst anspruchsvoll. Gerade Hitze und Trockenheit bergen diverse Tücken. Während eine konzentrierte Riemenarbeit in den kühlen Morgenstunden auf taufeuchtem Boden einfacher vonstattengeht, ist es um die heiße Mittagszeit bei staub­trockenem Untergrund äußerst beschwerlich für den Vierläufer, denn der Boden absorbiert die Wildwittrung regelrecht. Und dies betrifft nicht nur trockene Ackerflächen, Sand-, Kies- oder Asphaltböden, sondern auch Wald­bereiche, die mit dürrem Laub oder Nadeln bedeckt sind. Geht dann auf einer kargen Freifläche noch Wind, kann dies für das Nachsuchengespann der Supergau sein, weil schließlich so gut wie keine Wittrung für den Vierläufer übrigbleibt. In einem solchen Fall ist es empfehlenswert, Wasser mitzuführen, von dem der Hund nicht nur immer wieder schöpfen darf, sondern mit dem auch ab und zu seine Nasenschleimhaut befeuchtet wird. Ständiges Hecheln wirkt sich ebenfalls eher nachteilig auf die Nasenleistung, Konzentration und somit eine zügige Arbeit aus. Deshalb sollte speziell bei einer Wildunfall-Nachsuche im Sommer kein hektischer Hund eingesetzt werden, denn dieser kommt bei hohen Temperaturen noch schneller an seine Grenzen als ein ruhigerer. Nachsuchen bei hochsommerlichen Temperaturen mit eventueller abschließender Hetze bergen für den Hund die große Gefahr eines Hitzschlages. Vorbeugend kann die Schutzweste des Vierläufers vor dem Anlegen zunächst in Wasser getaucht werden, damit sie am Hund eine kühlende Wirkung entfaltet. Letztlich ist bei großer Hitze generell abzuwägen, ob eine Hetze wirklich Sinn macht oder damit nur das Leben des Hundes ­gefährdet wird. Bei längerer Arbeit in der Sonne droht dem Vierläufer unter Umständen ein Sonnenstich. Diesem kann eine prophylaktische Kühlung der Kopf- und Nackenpartie mit Wasser entgegenwirken. Da ein passionierter Schweiß­hund auch in großer Sommerhitze nicht von selbst Pausen einlegen wird, ist es wichtig, dass der Hundeführer vorausschauend für Erholungsphasen sorgt – wenn möglich allerdings nicht an besonders schwierigen Stellen der Fährte wie in Bereichen, in denen sich gerade das Geruchsumfeld durch Vegetationswechsel oder Ähnliches ­ändert. Ansonsten fällt dem Vierläufer der erneute Einstieg in die Fährte sehr schwer. Pausen sollten erst beendet werden, wenn der Hund nicht mehr stark hechelt.
Ein Bachlauf zwischendurch bietet ebenfalls eine willkommene Abkühlung. Auch der Hunde­führer und sein Helfer müssen stets mit einem entsprechenden Trinkvorrat sowie einer Kopfbedeckung als Sonnenschutz ausgerüstet sein.

Nachsuchen im Sommer - © Desiree Schwers

© Desiree Schwers

Herausforderungen und Risiken bei Nachsuchen in höheren Feldern

In höheren Feldern oder auf Wiesen ist die Nachsuche für den Vierläufer im Sommer einfacher, denn durch den Bewuchs speichert der Boden immer etwas mehr Feuchtigkeit als ohne Vegetation. Außerdem hinterlässt flüchtiges Wild auch Wittrung an den Halmen. Wurde das Feld allerdings erst kürzlich gespritzt oder gedüngt, können sich olfaktorische Irritationen ergeben. Gerade wegen des höheren Bewuchses und der damit verbundenen Unübersichtlichkeit des Feldes kann hier eine Nachsuche aber auch sehr gefährlich werden, vor allem, wenn es sich bei dem kranken Stück um ein Wildschwein handelt. Zudem stellen Grannen von Getreide und Wild­gräsern eine Gefahr dar. Sie bleiben mit kleinen Wider­haken leicht im Fell langhaariger Hunde hängen, können sich in die Haut bohren und von dort ins Gewebe gelangen, wo sie schmerzhafte Entzündungen verursachen. Auch Augen, Ohren, Nase und die Zehenzwischenräume sind gefährdet. Besonders heikel ist es, wenn Grannen in den Nasen- oder Rachenbereich gelangen, denn von hier aus können sie in die Lunge wandern und dort zu schweren Abszessen führen. Daher sollte der Vierläufer nach jeder Nachsuche, die in Feldern oder Wiesen stattfand, nach Grannen abgesucht werden. Bei Symptomen, wie anhaltendem Husten oder Niesen, ist sofort ein Tierarzt aufzusuchen. Gerade bei großer Trockenheit sind die Übergänge von einem etwas feuchteren Feldboden zu einem staubtrockenen Weg schwierig für den Hund. Findet er die Fährte auch nach mehrmaligem Kreisen nicht mehr, empfiehlt sich eine erneute Vorsuche. Und zwar vor allem dann, wenn höhere Vegetation einen Weg säumt, denn hier kommt er leichter wieder zurück auf die Duftspur der Fährte.

Wesensfestigkeit und Erfahrung: Anforderungen an Nachsuchenhunde an Straßen

Nachsuchen an Straßen verlangen vom Hund Wesensfestigkeit, Souveränität und Erfahrung. Damit sich der Vier­läufer nicht vom vorbeirasenden Verkehr aus der Ruhe bringen lässt, ist ein stabiles Nervenkostüm Pflicht. Der Hund muss gelernt haben, selbst nach einer Unterbrechung genau dort weiterzusuchen, wo er aufgehört hat. Zudem ist die Hundenase bei einem Wildunfall noch mehr gefordert als bei einer Nachsuche im Wald, und das nicht nur wegen des häufig kaum zu findenden Schweißes. Auch die vielen anderen Gerüche (Autoabgase, Reifenabrieb, Pestizide an Feldrändern, Müll am Straßen­rand) erschweren ihm die Suche. Ein noch unerfahrener Jungspund stößt schnell an seine Grenzen und sollte nur im Zusammenspiel mit einem erfahrenen, älteren Vierläufer eingesetzt werden, der zuverlässig in den Bereichen „Vorsuche“ und „Verweisen“ arbeitet. Außerdem ist reichlich Wildschärfe Pflicht. Je weniger hiervon vorhanden ist, umso länger und gefährlicher wird eine eventuelle Hetze.
Der Hundeführer selbst muss erfahren genug sein, um abschätzen zu können, ob es im Fall der Fälle eine kurze oder lange Hetze geben wird. Dabei spielt beispielsweise eine Rolle, wie lange das Stück braucht, um ins Wundbett zu gehen, ob es mit allen vier Läufen gleichmäßig auftritt, welchen Weg es nimmt und nicht zuletzt, wie schnell es hoch wird, wenn man mit dem Hund herankommt. Je nach Straßendichte und Fluchtrichtung gilt es abzuwägen, ob ein oder mehrere Hunde geschnallt werden oder ob man aus Sicherheitsgründen besser davon absieht.