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Ein Hirsch zählt nicht zum Rudel

Die Rotwildbrunft gilt für viele als Höhepunkt der Jagdsaison
Wildwiese


Doch der Brunftplatz ist weit mehr als Kampf- und Erlegungsort: Hier zeigt sich auch, ob ein Bestand gesund strukturiert ist. Der jagende Förster Christoph Hitz erklärt, worauf es während der Brunft ankommt.

Mitte Juli wurden die Wildwiesen gemäht oder gemulcht. Die frischen Grastriebe bieten nun im September eine attraktive Äsung für das Kahlwild. Größere Bäume wurden gefällt oder zurückgeschnitten, um eine gute Sicht auf den Hirsch zu haben. Die Kulisse für die Rotwildbrunft ist hier auf zwei besichtigten Plätzen in Annaberg penibel vorbereitet und idealtypisch gestaltet. Dabei zeigt Christoph Hitz seine besten Brunftplätze im zweiten von ihm betreuten Revier Ötscher gar nicht her: „Wir schauen, dass dort das ganze Jahr komplette Ruhe herrscht und das Kahlwild vertraut ist.“ 

Der Oberförster und Leiter der Reviere Annaberg und Ötscher, die zum Stift Lilienfeld gehören, überlässt so gut wie nichts dem Zufall. Die Rotwildbrunft beginnt für Hitz deshalb nicht mit dem ersten Röhren, sondern Monate und Jahre zuvor – mit der forstlichen Planung, der Pflege der Brunftplätze, einer störungsarmen Bewirtschaftung und einem konsequenten Kahlwildmanagement.

Nur das Verhalten und die Präsenz der Hirsche am Brunftplatz kann er letztendlich noch nicht nach der Uhrzeit regeln, so wie es manche Jagdgäste in Zeitnot gerne hätten. „Festbinden geht halt nicht“, schmunzelt Hitz: „Es spielt immer noch ein Quäntchen Glück mit – auch was Wind und Wetter betrifft.“ Optimal wären ein Nebelhauch, Morgentau und zwischen 10 und 12 Grad. Stürmischer Wind und Hitze sind hingegen wenig vorteilhaft. 

Abgestimmte Bewirtschaftung

Der jagende Förster kennt seine Reviere seit 27 Jahren und hat alles hergerichtet, um die Rotwildbrunft zum positiven Jagderlebnis werden zu lassen. „Das ist der Vorteil, wenn Jagd und Forst in einer Hand liegen. Ich kann mir einen Wald nicht ohne Wild vorstellen und das Wild nicht ohne Wald – die Bewirtschaftung muss abgestimmt und im Gleichgewicht sein.“ 

Die jagdliche Bewirtschaftung bezieht er in seine forstliche Raumplanung immer mit ein: Jagdmöglichkeiten wie Schneisen werden etwa je nach Wind und Zugänglichkeit bestmöglich geplant und angelegt. Dabei sind forstliche Arbeiten in Brunftplatznähe bereits Ende Juli beendet, um möglichst schnell wieder Ruhe ins Jagdgebiet zu bringen. 

„Die Revierkenntnis ist das Wichtigste, die zu erlangen, dauert etliche Jahre.“ Vor allem wenn sich, wie in seinem Fall, das Jagdgebiet über knapp 4.000 Hektar erstreckt. Auf dem Abschussplan stehen gesamt für beide Reviere 13 reife Hirsche und 17 Hirsche der Altersklasse III (ohne Spießer). Zusätzlich werden etwa 150 Stück Kahlwild erlegt. In der Regel hat Hitz schon vor der Brunft den Kahlwildabschuss großteils erfüllt, wobei die Zeit, in der Tier und Kalb für den Jäger sichtbar miteinander unterwegs sind, heuer erst Ende Juli begonnen hat. „Wichtig ist, das Tier zum Kalb, also möglichst beide Stücke zu erlegen. Dann gibt es keine Zeugen“, erklärt Hitz. 

Umtriebig und kampfbereit

In Annaberg gibt es drei Brunftplätze – kleinere Nebenschauplätze nicht mitgezählt – und im Ötscherrevier sieben. Die Hauptbrunft hat sich in den vergangenen Jahren Richtung Mitte September vorverlegt. „Früher war die Brunft Anfang Oktober, jetzt zehn bis vierzehn Tage früher. Ob das klimabedingt ist, weiß ich nicht“, rätselt der Praktiker. 

Am grundlegenden Verhalten hat sich allerdings nichts verändert: Das Kahlwild steht das ganze Jahr auf den Wiesen und die Hirsche stellen sich im September ein und kämpfen darum, wer der Platzhirsch ist. Rudel, welche die Hirsche noch in der Feistzeit bilden, lösen sich Ende August auf und die Hirsche ziehen oft kilometerweit zum jeweiligen Brunftplatz. In der Regel wandern die Hirsche ab dem sechsten Kopf immer zum gleichen Ort, außer der Platz und die dortigen Gegebenheiten verändern sich. Wildwiesen sind deshalb ideal, weil sie durch nachhaltige Bewirtschaftung gleichbleibende Bedingungen für das Wild bieten. 

„Am Brunftplatz steht meist ein Hauptrudel von etwa 15 bis 20 Stück Kahlwild mit dem Brunfthirsch, meist ein Acht- bis Zehnjähriger, also keine ganz alten Hirsche, der will schon abseits mit ein, zwei Stück Kahlwild seine Ruhe haben“, beobachtet Hitz. Am gleichen Platz befinden sich meist auch Beihirsche. Wenn sich die zwei Hirsche zu nahe kommen, kommt es meist zu Kämpfen. Aber auch ein Überhang an Hirschen gegenüber den Tieren spiegelt sich in einem aggressiven Verhalten wider. „Wenn zwei gleichstarke Hirsche Anfang der Brunft mit noch bis zu 180 Kilogramm Lebendgewicht aufeinandertreffen, ist das schon imposant“, unterstreicht Hitz. 

Meist gibt ein Rivale schon nach Scheinkämpfen mit Drohgebärden, also wenn die Hirsche im Parallelschritt ziehen, auf. Manchmal wird ein Hirsch allerdings beim Raufen auch mit den Augenden unglücklich geforkelt und er verendet später, vor allem wenn er seine Wunde nicht lecken kann. Geforkelte Hirsche findet man immer wieder bei Reviergängen oder auch erst Jahre später bei Forstarbeiten.  

Gut strukturiert

Für erfahrene Revierleiter ist also der Brunftplatz weit mehr als ein attraktiver Jagdort, er ist ein Seismograf für das gesamte Revier. Hier zeigt sich, ob Altersstruktur, Geschlechterverhältnis und Kahlwildbestand harmonieren. „Am Brunftplatz kann man ablesen, ob das Gefüge passt: Wenn die Altersstruktur stimmt – auch beim Kahlwild –, wird weniger gerauft und die Brunft ist relativ kurz und intensiv. Das wäre für die Natur und die Stücke optimal“, betont Hitz. Denn in den kräftezehrenden zwei bis drei Wochen nehmen Hirsche etwa 30 bis 40 Kilogramm ab. Wenn keine alten Hirsche da sind, dann zieht sich die Brunft in die Länge, genauso wenn die erfahrenen weiblichen Stücke fehlen. „Da spielt alles zusammen“, verdeutlicht Hitz die Komplexität der Brunftzeit. Auch die Trophäenstruktur müsse ausgewogen sein, etwa nicht nur Kronenhirsche. 

Jagdliches Highlight

Einen starken Hirsch zu erlegen, ist ein jagdliches Highlight und nirgendwo bekommt man den Anblick so eindrucksvoll vermittelt wie auf dem Brunftplatz. Der Jagderfolg während der Brunft ist auch wahrscheinlicher, weil, wie Hitz erklärt, die Hirsche zu der Zeit im Ausnahmezustand sind: „In der Brunft schaltet das Hirn aus.“ Auf das Kahlwild müsse man allerdings aufpassen, denn wenn man das vergrämt, ziehen die Hirsche mit. Anders als manche Jäger, die öfters hingehen, um einen Hirsch zu bestätigen, geht Christoph Hitz nur einmal vor der Brunft – meist Anfang September – nachschauen, denn für ihn ist klar: „Der Jäger ist einer der größten Unruhefaktoren.“ Manche Brunftplätze kann er zumindest aus größerer Entfernung mit dem Spektiv beobachten. Wildkameras oder Fotofallen nutzt er keine. Ansonsten geht er immer nur mit dem Jagdgast zum Ansitz. 

Ruhe bewahren

Alle Brunftplätze sind so erreichbar, dass das Wild möglichst nicht beunruhigt wird. Dabei gibt es Plätze für Westwind und welche für Ostwind. 90 Prozent der Abschüsse erfolgen im Rahmen des Abendansitzes. Gepirscht wird hier aufgrund der Gräben und Windsituation nicht. Etwa 200 Windanzeiger – Golfbälle mit Feder – hat Hitz um die meist offenen Hochstände und Bodensitze hängen, um die Luftströmungen zu erkennen. 

Den Hirsch richtig anzusprechen, ist für den Revierleiter anhand seiner Erfahrung und der vorhandenen Abwurfstangen bzw. von Bildern meist möglich. Das passende Stück wird direkt am Brunftplatz erlegt; dann heißt es Ruhe bewahren. „Selbst wenn der Hirsch einen Blattschuss hat und gleich im Feuer liegt oder am Wiesenrand zum Liegen kommt, muss zum Verenden eine halbe Stunde Zeit sein. Das Fatalste wäre, unmittelbar nach dem Schuss zum Stück zu gehen“, betont Hitz, so könne man das Geschehen auf dem Brunftplatz schnell negativ und vor allem nachhaltig beeinträchtigen. Das Kahlwild ist schließlich irritiert und darf den Schuss und die Gefahr nicht mit dem Menschen oder einem Auto in Verbindung bringen. Ein Schussverbot aus dem Auto versteht sich von selbst und Erlegerfotos auf Brunftplätzen gibt es hier in der Regel ebenfalls keine. 

Stattdessen fährt Hitz dann mit dem Jagdgast zum erlegten Hirsch und hievt diesen allein mit der Winde auf das Auto: „Das dauert nicht lange und ich bin wieder weg. Da ist keine große Beunruhigung. Im Rückspiegel sehe ich das Kahlwild oft schon wieder ausziehen.“ Es komme sogar vor, dass drei, vier Tage hintereinander am gleichen Platz Trophäenträger geschossen werden. „Das macht dem Kahlwild nichts, denn ein Hirsch zählt nicht zum Rudel. Das Erlegen eines Spießers oder eines jungen Hirsches am Brunftplatz wird jedoch nicht verziehen.“ 

Andere Schusszeichen 

In der Brunft sind Hirsche voll Testosteron und Adrenalin. „Die Schusshärte ist ganz anders als in der Feistzeit“, gibt Hitz noch zu bedenken. Mit einem Schuss, der im August unmittelbar tödlich ist, kann der Hirsch in der Brunft noch etliche Meter flüchten. Das weiß der erfahrene Hundeführer, der auch ­Bereichshundeführer für den NÖ Jagdverband ist und etwa 150 Nachsuchen jährlich mit seinen Hannoverschen Schweißhunden Eyka und Ambra durchführt. 

Wenn am Abend ein Stück angeschossen wird, geht Hitz erst am Morgen nachsuchen: Die Nachsuche noch in der Nacht zu beginnen, birgt entsprechende Gefahren für Hund und Führer und sei nicht professionell. Eine zu schnell nach der Schussabgabe angesetzte Nachsuche gibt dem Wild zu wenig Zeit, um krank zu werden. Genau diese Zeit ist deshalb nötig, um die Chancen auf eine erfolgreiche Nachsuche zu erhöhen und das Tier letztendlich von seinen Qualen zu erlösen. Hier wird auch bewusst in Kauf genommen, das Wildbret eventuell nicht mehr verwerten zu können.  

Alles anders

Die Brunftplätze sind also vorbereitet, aber noch herrscht Ruhe. „Jeder muss sein Revier kennen und schauen, was für ihn optimal ist. Was bei mir perfekt passt, kann in anderen Revieren schon komplett verkehrt sein“, so Hitz und umgekehrt. Vom Imitieren des Hirschrufes mit diversen Hilfsmitteln hält er wenig, diese Praktik hat sich in seiner jagdlichen Arbeit nicht bewährt. 

Eine – im übertragenen Sinne – „gmahde Wiesn“ ist die „Hirschjagerei“ in Annaberg trotzdem nicht. Wenn etwa ein Schwammerlsucher in der Nähe des Brunftplatzes unterwegs ist, beeinflusst dies das Brunftgeschehen und damit den Jagderfolg maßgeblich. Auch die Witterung nimmt immer wieder Einfluss – vor zwei Jahren sind im Ötschergebiet während der Brunft 20 bis 30 cm Schnee gefallen. Dadurch hat sich das Brunftgeschehen in tiefere Lagen verschoben. Derartige Beispiele zeigen, dass es auch heuer wieder das angesprochene Quäntchen Glück für die Erlegung der Hirsche brauchen wird.  

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