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Die Natur regelt sich selbst – aber wie?

Das Rewilding-Projekt Oostvaardersplassen (Niederlande)


Im Rewilding-Projekt Oostvaardersplassen (Niederlande) hat man sich dazu entschieden, der Natur freien Lauf zu lassen. Doch statt erhofftem Wildtierparadies kam es zum Massensterben und Verlust der Artenvielfalt.

Jeder Lebensraum bietet eine begrenzte Menge an Äsung, Wasser und Deckung an. Solange ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, kann eine Population unter optimalen Bedingungen wachsen. Mit steigendem Wildtierbestand sinkt jedoch die Ressourcenverfügbarkeit und resultiert in einer zunehmenden Konkurrenz innerhalb und zwischen den Arten. Die Tiere werden schwächer, der Fortpflanzungserfolg nimmt ab, Krankheiten breiten sich leichter aus und Individuen sterben. Der Wildtierbestand kann somit einen bestimmten Maximalwert an Individuen nicht überschreiten. Dieser Maximalwert ist auch als Lebensraumkapazitätsgrenze bekannt und gibt an, wie viele Lebewesen ein Lebensraum langfristig tragen kann, bevor die Ressourcen knapp werden und die Population nicht weiter wachsen kann.

Sobald die Tragfähigkeit eines Lebensraums erreicht wurde, bleibt den Wildtieren nichts anderes übrig, als diesen zu verlassen oder ein Teil der Population verendet. Das Rewilding-Projekt (Naturentwicklungsprojekt) Oostvaardersplassen zeigt diese Abläufe eindrucksvoll vor.

Wie alles begann

30 Kilometer von Amsterdam entfernt befindet sich Oostvaardersplassen, ein Rewilding-Projekt, das 1968 durch künstliche Trockenlegung des südlichen IJsselmeeres (größter See der Niederlande) entstand. Ursprünglich war geplant, in diesem Areal Öl- und Schwerindustrie anzusiedeln, da der tiefste Teil des Polders jedoch nicht trocken wurde, mussten die Pläne verworfen werden. Als Alternative wurde angedacht, dass Gebiet den Landwirten zur Verfügung zu stellen, doch aufgrund der hohen Feuchtigkeit waren die Flächen schwer kultivierbar und somit auch für die Landwirtschaft unbrauchbar. Das Gebiet wurde daher brach gelegt.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich die brachliegende Fläche zu einem der größten Tiefland-Niedermoorgebiete Mitteleuropas und bot ein wahres Paradies für zahlreiche Vogelarten wie Zwergdommel, Seidenreiher und Löffler. Um zu verhindern, dass das kurzgrasige Grasland – eine wichtige Nahrungsquelle für die ebenfalls dort lebenden Graugänse (1990 etwa 60.000 Individuen während der Mauserzeit) – zuwächst, hat man sich dazu entschieden 32 Heckrinder (im Jahr 1983), 18 Konikpferde (im Jahr 1984) und 44 Stück Rotwild (1994) in Oostvaardersplassen einzuführen. Die Herbivoren konnten nun 5.486 Hektar ihre neue Heimat nennen; ein strukturreiches Ökosystem, das zu zwei Drittel aus einem großen Moor-, Schilf- und Wasserbereich und zu einem Drittel aus einem trockenen Weidegebiet bestand, wobei nur letzteres ganzjährig als Äsungsfläche nutzbar war.

Warum ist ihr Lebensraum auf exakt 5.486 Hektar begrenzt? Das liegt daran, da es sich bei Oostvaardersplassen um ein eingezäuntes Ökosystem handelt. Dies bedeutet nicht nur, dass es den pflanzenfressenden Neuankömmlingen nicht möglich ist, bei Nahrungsengpass auf andere Gebiete auszuweichen, sondern auch, dass keine Großprädatoren in den Lebensraum eindringen können, um schwache oder kranke Tiere zu erbeuten.

Biodiversitätsverlust

Zu Beginn des Projekts hat man sich dazu entschieden, die Natur sich selbst regeln zu lassen. Die Rinder-, Pferde- und Rotwildbestände wurden somit nicht durch (jagdliche) Eingriffe auf einen festgelegten jährlichen Zielbestand gehalten, sondern Nahrungsknappheit, Geburtenrückgang und natürliche Sterblichkeit bei Überschreiten der Lebensraumkapazität sollten die Bestände regulieren. Diese Entscheidung führte dazu, dass die Bestände von Jahr zu Jahr immer weiter anstiegen, bis sich im Jänner 2005 schließlich etwa 3.100 große Pflanzenfresser in Oostvaardersplassen befanden. Die stark gestiegene Populationsdichte sorgte über die Jahre hinweg dafür, dass die ursprünglich vielfältige und strukturreiche Landschaft aus Holunder, Weißdorn, Disteln und Gräsern sich immer mehr und mehr in eine riesige, monotone Graslandschaft entwickelte. Dies führte nicht nur zum Verschwinden zahlreicher seltener, bis dahin noch dort lebender Vogelarten, sondern resultierte auch in einem immer stärker werdenden Nahrungsmangel für Hirsche, Rinder und Pferde, was sich drastisch auf die Kondition der Tiere auswirkte.

Die Lage spitzte sich schließlich im Winter 2004/2005 zu, als es im März 2005 über eine kurze Periode zu einem Kälteeinbruch mit starkem Schneefall kam. Die Kombination aus schlechter Kondition und wechselhaften Wetterbedingungen sorgte dafür, dass 22 Prozent des dort lebenden Rotwildes (340 Stück), 34­­ Prozent der Heckrinder (231 Stück) und 14 Prozent der Konikpferde (126 Stück) starben. Um das Leid der sterbenden Tiere zu verringern, hat man sich dazu entschlossen, die Stücke zu erlegen.

Nach dem harten Winter im Jahr 2005 wurde schließlich die erste internationale Kommission (ICMO1) eingesetzt, die nach genauer Betrachtung des Status quo mehr Schutz- und Rückzugsmöglichkeiten, Monitoring und das Erlegen von Tieren im schlechten Zustand empfahl. Nach einem weiteren langen, kalten Winter im Jahr 2010 mit ähnlichen Auswirkungen empfahl eine zweite internationale Kommission (ICMO2) die Bestände frühzeitig reaktiv zu reduzieren.

Massensterben

Trotz der Kommissionsempfehlungen spitzte sich die Lage weiter zu. Über die Jahre hinweg wuchsen die Bestände weiter an (trotz einer durchschnittlichen Wintersterblichkeit von etwa 1.150 Stück in den letzten acht Jahren), wodurch im Oktober 2017 schließlich 5.230 Pflanzenfresser im Gebiet vorzufinden waren. Ein weiteres Mal sorgte der starke Nahrungsmangel für miserable Konditionen bei den Herbivoren, die schlussendlich im darauffolgenden extrem kalten und nassen Winter zum Tod von 3.226 Tieren führten. Der Großteil der abgemagerten Rinder, Pferde und Hirsche (89 Prozent) wurde von den Rangern von Staatsbosbeheer (die staatliche Forstbehörde) notgetötet, um zu verhindern, dass die Tiere qualvoll verhungern.

Das Rewilding-Projekt stand stärker unter Kritik denn je. Anstatt eines lebhaften Naturschutzgebietes sahen Menschen, die an dem Areal vorbeigingen, den stark abgemagerten Tieren in einer trostlosen Einöde beim Sterben zu. Über das komplette Areal verstreut lagen Knochen toter Tiere, karger schwarzer Boden so weit das Auge reicht und von Bäumen und Sträuchern fehlte jegliche Spur. Kurz gesagt, es musste sich etwas ändern.

Wendepunkt 

Nach zahlreichen Protesten und dem Einsatz einer finalen Kommission (Van Geel) kam es zu einem Kurswechsel in den Oostvaardersplassen. Seit 2018 greifen die Ranger der staatlichen Forstbehörde aktiv ein, um eine lebensfähige Population ohne Tierleid zu erhalten.

Dies äußert sich primär durch drei Managementmaßnahmen: Zum einen wird der Ernährungszustand der Tiere anhand eines Körperkonditionswertes (liegt zwischen 1 und 5) genauestens überwacht. Fällt ihr Durchschnittswert unter den Wert 2, so werden die betroffenen Individuen zugefüttert. Eine Maßnahme, die Wirkung zeigt, denn seit 2018 ist kein einziges Tier mehr verhungert.

Zum anderen wird der Herbstbestand auf maximal 1.500 Tiere begrenzt. Dies soll nicht nur das bisherige Wintersterben verhindern, sondern auch eine strukturreichere Landschaft ermöglichen, die wieder Heimat für zahlreiche Vogelarten bietet. Um den jährlichen Zielbestand zu erreichen, wird überzähliges Rotwild durch die Ranger erlegt sowie Konikpferde gefangen und in Gebiete transferiert, in denen die Kapazitätsgrenze noch nicht erreicht wurde.

Zu guter Letzt wird neben den Tieren auch der Lebensraum gemanagt. Durch das Bepflanzen von Bäumen und Sträuchern wurde ein etwa 300 ha großes, halboffenes Wald-Weide-Mosaik im Kern des Areals erschaffen, um den Tieren einen Rückzugsort vor diversen Witterungseinflüssen zu bieten. Zusätzlich werden die Wasserstände in den unterschiedlichen Gebieten von Oostvaardersplassen gesteuert. Durch das gezielte Senken von Wasserständen in den Sumpfgebieten können die Schilfbestände wieder wachsen und erneut einen Lebensraum für zahlreiche Vogelarten bieten.

Status quo

Acht Jahre nach dem Strategiewechsel zeigt sich, dass die Regulierungsmaßnahmen in Oostvaardersplassen Früchte tragen. Holunder- und Weißdornsträucher zieren heute die Landschaft, durch die auch wieder gesundes, starkes Rotwild wechselt. Reiher waten durch klare Wasserflächen, während Seeadler Kreise über das gesamte Areal ziehen. Es bietet sich ein Bild, das vor zehn Jahren noch völlig unvorstellbar war.

Das Rewilding-Projekt in Oostvaardersplassen zeigt einmal mehr auf, dass es in einer vom Menschen erschaffenen Kulturlandschaft nicht mehr möglich ist, die Natur sich selbst zu überlassen ohne dabei Tierleid und Biodiversitätsverlust zu verursachen. Erst recht nicht, wenn es Wildtieren nicht möglich ist, sich frei zu bewegen und den Großprädatoren keine Möglichkeit geboten wird, kranke und schwache Individuen zu erbeuten.

Den Wildtieren in der heutigen Kulturlandschaft stehen somit zwei Schicksale bevor: Entweder leben sie ohne jagdliche Regulierung, wodurch ihre Bestände stark zunehmen und die Kapazitätsgrenze ihres Lebensraums rasch überschritten wird. Die Folge sind Nahrungsknappheit, qualvolles Verhungern, Krankheiten und nicht zuletzt ein damit verbundener Verlust an Biodiversität. Oder ihnen wird ein durch die Jagd reguliertes, artgerechtes Leben mit ausreichend Nahrung in strukturreichen Lebensräumen geboten. Für mich steht außer Frage, welches Schicksal davon lebenswerter ist.

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