Drei Jährlinge, drei Wege

Was die Forschung über die Abwanderung junger Rehböcke weiß. Ein Feldgehölz im Marchfeld, kaum größer als ein Hektar. In der Dämmerung löst sich ein Jährlingsbock aus den Weißdornsträuchern. Er verhofft, sichert, tritt auf den Acker hinaus. Seit Tagen liegt Unruhe über seinem Einstand. Hundert Kilometer westlich, im hügeligen Mostviertel, steht ein zweiter Jährling am Waldrand. Gestern hat ihn die Geiß mit einem Vorderlaufschlag davongetrieben – die neuen Kitze werden bald gesetzt. Jetzt sichert er über die Streuobstwiesen.
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Was die Forschung über die Abwanderung junger Rehböcke weiß.

Ein Feldgehölz im Marchfeld, kaum größer als ein Hektar. In der Dämmerung löst sich ein Jährlingsbock aus den Weißdornsträuchern. Er verhofft, sichert, tritt auf den Acker hinaus. Seit Tagen liegt Unruhe über seinem Einstand. Hundert Kilometer westlich, im hügeligen Mostviertel, steht ein zweiter Jährling am Waldrand. Gestern hat ihn die Geiß mit einem Vorderlaufschlag davongetrieben – die neuen Kitze werden bald gesetzt. Jetzt sichert er über die Streuobstwiesen.

Im Waldviertel duckt sich der dritte in eine Fichtendickung. Er hat die Kernzone des Revierinhabers gemieden, hält sich am Rand. Seine Strategie: unsichtbar bleiben. Drei junge Böcke, drei Landschaften, derselbe Druck. Und dann, eines Morgens im Mai, sind sie weg. Erlegt hat sie niemand. Jedes Frühjahr wechseln junge Böcke aus Revieren in ganz Niederösterreich aus – sie verlassen ihren angestammten Einstand. 

Was nun folgt, nennt die Wildbiologie die Abwanderung der Einjährigen. Nicht planlos, sondern nach einer Logik, die die Forschung erst in den letzten Jahrzehnten entschlüsselt hat.

Was treibt sie fort?

Es beginnt mit einer Trennung. Kurz bevor die Geiß ihre neuen Kitze setzt, bricht sie die Bindung zum Vorjahresnachwuchs ab. Für Jährlingsböcke verschärft sich die Lage zusätzlich: Der etablierte Bock duldet keine sexuell reifenden Konkurrenten. Der kleine Knöpfler wird geduldet, der starke Spießer verjagt. In Konfrontationen gewinnt der etablierte Bock vier von fünf Auseinandersetzungen. Doch nicht jeder Jährling wandert ab. 

Eine GPS-Studie an 154 Rehen unterschied sechs Verhaltensmuster: vom strikten Daheimbleiber über den Erkunder, der sich umschaut und zurückkehrt, den Pendler zwischen mehreren Einständen bis zum klassischen Abwanderer. Geißkitze bleiben übrigens häufiger im Einstand der Mutter – die Abwanderung betrifft vor allem die Böcke.

Ob ein Jährling geht oder bleibt, entscheidet zunächst seine Kondition. Wer im Frühjahr weniger als 15 Kilogramm Lebendgewicht auf die Waage bringt, bleibt. Doch woher kommt dieses entscheidende Startgewicht? Wildbiologisch spricht man vom „Goldenen-Löffel-Effekt“: Starke, gut konditionierte Geißen führen starke Bockkitze, die von Anfang an mehr Energie in Wachstum investieren können. Früh geborene Kitze bringen es als Adulte im Schnitt auf drei Kilogramm mehr als spät geborene – ein Vorteil, der ein Leben lang nachwirkt. Die Weichen werden nicht erst im Frühjahr gestellt, sondern schon am Tag der Geburt.

Neben dem Gewicht spielt auch die Persönlichkeit eine Rolle: Künftige Abwanderer sind mutiger, rastloser, nutzen offenes Gelände häufiger bei Tag. Der eine duckt sich in die Dickung, der andere sucht das Weite. Diese Unterschiede sind vererbbar.

Planen statt blindlings laufen

Wie aber sieht der Aufbruch konkret aus? Kehren wir zum Mostviertel-Jährling zurück. Es ist sein dritter Erkundungsgang. Er steht am Waldrand, sichert über die Streuobstwiesen zum nächsten Waldzug. Dreihundert Meter Offenland, dann wieder Deckung. Beim ersten Mal kehrte er nach vier Stunden um. Beim zweiten Mal blieb er eine Nacht. Diesmal wird er 28 Stunden im neuen Gebiet verbringen, Duftmarken anderer Böcke prüfen, äsen und zurückkehren. Beim nächsten Mal wird er bleiben.

Französische GPS-Studien zeigen: 76 Prozent der späteren Abwanderer führen solche Erkundungsgänge durch. Mehrere Vorstöße, durchschnittlich gut dreieinhalb Kilometer weit, über zwei Wochen verteilt. Das Entscheidende: Die Richtung der Erkundungsgänge stimmt mit der späteren Abwanderungsrichtung überein. Der Jährling zieht dorthin, wo er schon war – keine blinde Flucht, sondern eine informierte Entscheidung. Die Distanzen sind kürzer als oft vermutet: In stabilen, dicht besetzten Populationen liegt der Median bei zwei bis vier Kilometern. Wo überall Böcke sitzen, lohnt die weite Wanderung nicht – der Jährling fügt sich am nächsten Revierrand ein. Langstrecken über zehn Kilometer sind selten.

Drei Schicksale

Wie die Abwanderung verläuft, hängt entscheidend von der Landschaft ab. Unsere drei Jährlinge zeigen das exemplarisch.

Der Marchfeld-Bock 

Gut genährt, schlecht geschützt. Die energiereichen Feldfrüchte haben ihn kräftig gemacht. Doch es gibt keinen sicheren Weg. Im Marchfeld fehlen bewaldete Korridore als gedeckte Wechsel fast völlig. Der Jährling muss offenes Gelände und Straßen queren. Jährlinge tragen ein vierfaches Unfallrisiko gegenüber älteren Stücken. Der Frühjahrsgipfel der Wildunfälle hat sich klimabedingt um einen Monat nach vorn verschoben und überlappt nun mit der Abwanderungsphase im April. Überlebt er die Abwanderung, findet er gute Bedingungen – sofern er ein Gehölz mit Einstand entdeckt. Der satteste Jährling hat den gefährlichsten Weg.

Der Waldviertel-Bock 

Der goldene Käfig. Unter dem geschlossenen Kronendach riecht es nach feuchtem Laub und nach etwas Anderem: Überall Plätz- und Fegestellen, Duftmarken. Ein schwedisches Forschungsprojekt zählte rund 3.500 Markierungen pro Platzbock und Saison – Plätzen mit den Vorderläufen, Fegen und Schlagen an Stämmchen. Jede Marke ist eine chemische Visitenkarte über Alter, Gesundheit und Rang des Inhabers. Unser Jährling liest diese Botschaften und wählt die Rolle des stillen Untermieters am Revierrand. Unsichtbar, ohne Konfrontation. Besonders riskant wird es für Jährlinge, die ein starkes Geweih schieben: Sie werden als Konkurrenten wahrgenommen und aktiv verjagt. Wer kein starkes Geweih schiebt, wird geduldet. Nur rund 20 Prozent der Jährlinge wechseln im geschlossenen Wald aus. Die Nahrungsgrundlage ist karg, die Jährlinge bleiben leicht, erreichen die Abwanderungsschwelle nicht. Zu leicht zum Gehen, zu nachrangig zum Bleiben.

Der Mostviertel-Bock 

Die Lehrbuch-Abwanderung. Unser Erkunder hat die besten Karten. Im Wald-Feld-Mosaik wechseln 38 Prozent der Jährlinge aus – doppelt so viele wie im geschlossenen Wald. Hecken und Waldzungen bieten gedeckte Wechsel. Nach Wochen der Vorbereitung ist die eigentliche Wanderung ein Sprint: 90 Prozent stehen innerhalb von sechs Stunden nach Ankunft im neuen Einstand ein. Wo andere Rehe leben, muss es taugen – als Zeiger für gute Revierqualität. Über 93 Prozent bleiben lebenslang im gewählten Gebiet.

Was bringt die Reise?

Eine französische Langzeitstudie liefert überraschende Zahlen: In guten Jahren überleben Abwanderer sogar besser als Daheimbleiber – 93 von 100 gegenüber 82 von 100 standorttreuen Böcken. Die Fittesten wandern ab und kommen besser durch. Die Kehrseite zeigt sich spät: Wer gewandert ist, altert im hohen Alter schneller. Beunruhigend ist der Langzeittrend: Die Abwanderungsrate ist in 30 Jahren um mehr als 30 Prozent gesunken. Der Klimawandel bremst das Jugendwachstum, weniger Kitze erreichen die Gewichtsschwelle. Die Vernetzung unserer Rehwildbestände wird dünner.

Was passiert, wenn wir einen Platzbock erlegen?

Die Entnahme zerstört nicht das Gefüge. Reviergrenzen überdauern ihren Inhaber und die stillen Untermieter am Revierrand stehen als Nachrücker bereit. Was bleibt, ist die Revierstruktur; was wechselt, ist der Inhaber.

Was heißt das für uns Jäger?

Korridore erhalten und schaffen. Hecken, Feldgehölze, Waldzungen sind die Autobahnen der Abwanderung. In der offenen Agrarlandschaft des Marchfelds oder Weinviertels entscheiden sie, ob ein Jährling sicher ankommt oder auf der Straße endet.

Gelassenheit üben. Der Jährling, der im Mai verschwindet, ist kein Verlust. Er ist ein Wanderer, der anderswo ankommt, sich Zugang zu Geißen während der Brunft sichert und seine Gene weiterträgt. Das System funktioniert, wenn wir ihm den Weg lassen.

Unsere drei Jährlinge vom Aprilmorgen? Der Marchfeld-Bock kämpft sich durch die Agrarlandschaft. Der Mostviertel-Bock hat sein neues Einstandsgebiet bezogen. Der Waldviertel-Bock wartet still. Die Abwanderung ist älter als unsere Reviergrenzen. Wir tun gut daran, sie zu verstehen, statt sie zu beklagen.

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