Der König des Waldes entledigt sich zu dieser Jahreszeit seines imposanten Kopfschmuckes. Die Abwürfe helfen der Jägerschaft nicht nur bei der Altersansprache der Hirsche, sondern können auch weiterverarbeitet werden.
Bereits im Februar haben die ersten Rothirsche damit begonnen, ihr Geweih von den Häuptern abzuwerfen. In den nächsten Wochen schließen sich immer mehr Hirsche den älteren Artgenossen an (junge Vertreter, insbesondere Schmalspießer, werfen erst im Mai ihr Geweih ab), wodurch immer mehr Abwurfstangen in den Rotwildrevieren zu liegen kommen. Für eine effiziente und störungsarme Abwurfstangensuche muss auf einige Dinge geachtet werden.
Timing ist alles
Hirsche reagieren derzeit besonders empfindlich auf Störungen in ihrem Wintereinstand. Schon bei geringer Beunruhigung sind sie schnell vergrämt und wandern zu anderen Fütterungen ab. Daher ist es essenziell, nicht zu früh mit der Abwurfstangensuche zu beginnen. „Ein erfahrener, alter Rotwildjäger hat mir zu Beginn meiner jagdlichen Tätigkeit den Rat gegeben, niemals vor ‚Josefi‘ (19. März) in den Fütterungseinständen nach Abwurfstangen zu suchen. Diesen Rat habe ich befolgt und kann ihn nur weiterempfehlen“, erzählt Betriebsförster Johann Schweiger, ehemaliger Berufsjäger aus Lilienfeld.
Johann Schweiger hat in seinem Revier immer alleine nach Stangen gesucht. Aus einem einfachen Grund: Über die vielen Monate der Fütterungszeit kennt das Wild die Witterung des Betreuers, wodurch die Störung durch das Suchen gering ausfällt. Beinahe jedes Jahr lagen etwa ein Drittel der Abwürfe direkt am oder in unmittelbarer Nähe des Futterplatzes, die bereits bei der Fütterungsbetreuung ohne aktive Suche gefunden wurden. „Wer jahrelang eine Rotwildfütterung betreut, weiß auch, wo die Liegeplätze der Hirsche sind. Dort habe ich die meisten Abwurfstangen gefunden. Langsam der Schichtenlinie folgend habe ich diese Bereiche nach Abwürfen abgesucht“, so Johann Schweiger.

Da sich das Wild bei hoher Schneelage und kalten Wintern nahe an den Futterplätzen aufhält, liegen im März der Großteil der Abwurfstangen an den Futterplätzen. In milden Wintern entfernt sich das Wild jedoch weiter von den Fütterungen, wodurch sich die Abwurfstangensuche im Spätwinter schwieriger gestaltet.
Illegale Suchaktion
In Österreich dürfen nur Jagdausübungsberechtigte Abwurfstangen aus dem Revier mitnehmen. Jagdfremde Personen haben keine Berechtigung, sich Abwürfe anzueignen und machen sich beim Einsammeln strafbar (§ 137 StGB Eingriff in fremdes Jagdrecht). Darüber hinaus kann eine ungestüme Suche weitreichende negative Auswirkungen haben. Schweiger spricht aus Erfahrung: „In den 48 Jahren, in denen ich Rotwildfütterungen betreuen durfte, kam es zu einem Zwischenfall mit zwei revierfremden Personen, die den Fütterungseinstand abgesucht haben. Da sie die Liegeplätze der Hirsche nicht kannten, haben sie durch ihr ungestümes Verhalten den Kahlwildeinstand völlig ausgetrieben. Das Wild hat für die nächsten drei Tage die Fütterung kaum angenommen. Es kam zwar zu keiner ‚Schälkatastrophe‘, dennoch waren die Schäden in dem Jahr höher als sonst.“
Erblickt man als jagdfremde Person beim Spazierengehen zufällig eine Abwurfstange, so ist es empfehlenswert, den Abwurf zu fotografieren, die Koordinaten am Smartphone zu notieren und es dem örtlich zuständigen Jäger zu melden.
Abwurfstangenschauen
Doch warum sind die Abwurfstangen so wichtig? Zum einen gewähren sie einen Einblick in die Hirschbestände im Revier und zum anderen sind sie eine große Hilfe bei der Altersansprache der Hirsche. Vor allem bei der Hegeschau kann eine Serie von Abwurfstangen der entscheidende Schlüssel sein, um den Hirsch der richtigen Altersklasse zuzuordnen. Schweiger empfiehlt zusätzlich revierübergreifende Abwurfstangenschauen. Vor etwa 25 Jahren hat er gemeinsam mit Hegeringleiter Franz Schweiger aus Kleinzell die ersten abgehalten: „Erst bei diesen Schauen haben wir anhand der Abwürfe die große Strecke, die ein Hirsch zu seinem Fütterungseinstand zurücklegt, nachverfolgen können. Im Hegering Kleinzell wurden immer wieder Hirsche erlegt, die bei meiner Fütterung standen.“ Dazwischen liegen immerhin viele Kilometer.
Individuelle Zuordnung
Als Jungjäger kann es eine Herausforderung darstellen, die gefundenen Abwurfstangen einem spezifischen Hirsch zuzuordnen. Jeder Rothirsch besitzt jedoch kleine, zum Teil auch größere, markante Merkmale an den Stangen, anhand derer man die Abwürfe zweifelsfrei einem Individuum zuordnen kann. Dazu gehören die Kronenform, die Stellung und die Form der Aug- sowie Eisenden. Weitere Merkmale sind die Perlung am Geweih, die Form der Rosen sowie die Färbung des Geweihs. Für das ungeschulte Auge sind vor allem die Abnormitäten der üblichen Stangenform besonders auffällig. Diese können durch Bastverletzungen oder durch sonstige schwere Verletzungen, die der Hirsch im Zuge seines Lebens erlitten hat, entstehen.

Als gutes Beispiel dienen hier die Abwurfstangen von Josef Schweigers „Geisterhirsch“: Der Hirsch ist jahrelang zur Rotwildfütterung gekommen, jedoch nie in Anblick. Vermutlich war eine frühe Verletzung der Brunftkugeln die Ursache für die abnormen Abwurfstangen; dem Hirsch fehlten links immer die Rosen und das Augende nahm eine eigenartige Stellung ein. „Die Abwurfstangen des Geisterhirsches wurden zufällig im Zuge forstlicher Arbeiten gefunden. Letzten Dezember hat mich mein Nachfolger FÖ Lukas Zinner darüber informiert, dass der Geisterhirsch völlig abgemagert und überaltert der natürlichen Auslese zum Opfer gefallen ist“, so der ehemalige Berufsjäger.
Weiterverarbeitung
Erlegt ein Jäger einen alten Hirsch, so wird diesem oft die Serie der Abwurfstangen als Geschenk angeboten. Existiert daran kein Interesse, so werden die Stangen nach einiger Zeit verschenkt oder verkauft. Ein Bezieher von Abwurfstangen ist unter anderem Karl Pfeffer aus Türnitz. Er ist ein Experte in der Weiterverarbeitung von Rothirschgeweihen. Nach seinem Abschluss der Maschinenschlosserlehre 1975 hat er für seinen Vater, einen begnadeten Weidmann, einen Jagdnicker mit einem Griff aus Hirschgeweih angefertigt. Ab diesem Zeitpunkt entflammte seine Leidenschaft für das Messermachen.
Wolfgang Pfeffer, Oberjäger im Stiftsrevier Lilienfeld, unterstützt seinen Bruder bei seiner Passion. Von ihm bezieht Karl zum Großteil seine Abwurfstangen. Da es sich bei Rothirschgeweihen um qualitativ hochwertige Naturprodukte handelt, spiegelt sich dies auch im Preis wider: „Der Preis für Hirschabwurfstangen liegt je nach Aussehen und Farbe bei bis zu 30 Euro pro kg. Die Abwurfstangen, die ich weiterverarbeite, haben meist ein Gewicht von zwei bis fünf Kilogramm“, erklärt uns der Maschinenschlosser.
Produktvielfalt
Hirschgeweihe werden jedoch nicht nur zu Messergriffen weiterverarbeitet, sondern finden in zahlreichen Anwendungsbereichen eine nachhaltige Verwendung. Sei es nun als große Hirschgeweih-Luster oder Modeschmuck wie Ohrringe bis hin zu Knöpfen – die Palette ist vielfältig. Selbst für den vierbeinigen Jagdbegleiter können Hundekauknochen hergestellt werden. Die Arbeitszeit und die zum Einsatz kommenden Werkzeuge variieren dabei je nach Endprodukt. „Für die Anfertigung eines original Türnitzer Nickers fallen etwa 13 bis 18 Stunden Arbeitszeit an. Die Wärmebehandlung – damit ist die Härterei und Anfertigung einer handgenähten Lederscheide aus Rindsleder gemeint – ist dabei miteingerechnet“, so Karl Pfeffer, der 2018 das Handwerksgewerbe angemeldet hat.
Masseverkleinerung
Egal ob das Geweih von einem kapitalen Hirsch oder einem Schmalspießer stammt, die Verarbeitung läuft immer gleich ab. Der Verwendungszweck, beispielsweise die Griffgröße eines Jagdnickers, ist jedoch ausschlaggebend, ob das Geweih eines kapitalen Hirsches oder jenes eines Schmalspießers zum Einsatz kommt. Einen Geheimtipp hat Karl Pfeffer jedoch: „Da die Rothirschgeweihe über die Jahre an Feuchtigkeit verlieren, verarbeite ich in der Regel jene Abwurfstangen, die bereits fünf bis sieben Jahre abgelegen sind. Bei ihnen ist die Masseverkleinerung bereits abgeschlossen.“
Mit der Verwertung der Abwurfstangen schließt sich häufig der Kreis der jahrelangen Hege von Rotwild. Auch dies ist ein Beispiel für die umfassende Verwertung der natürlichen Rohstoffe, die unser Wild zur Verfügung stellt und kann damit einen weiteren Beitrag zur Förderung der Akzeptanz gegenüber der Jagd in unserer Gesellschaft leisten.









