Pirschen wie ein Profi

Wildmeister Karl Apfl ist ein wahrer Meister der Pirschjagd mit dem Hund auf Schalenwild. Worauf es dabei ankommt und welche Erfahrungen er als Berufsjäger mit etwa vierzig Jahren Jagdpraxis gemacht hat, verrät er im Interview.
Jäger Karl Apfl mit Hund

Wildmeister Karl Apfl ist ein wahrer Meister der Pirschjagd mit dem Hund auf Schalenwild. Worauf es dabei ankommt und welche Erfahrungen er als Berufsjäger mit etwa vierzig Jahren Jagdpraxis gemacht hat, verrät er im Interview.

Was begeistert Sie an der Pirschjagd?

Karl Apfl: Für mich ist es eine naturnahe, effektvolle und ehrliche Jagdart, denn für Wild und Jäger bleiben die Chancen bis zum Ende gerecht verteilt. Allerdings ist diese Jagdmethode nicht überall gleich auszuüben. Dennoch sind in fast allen Revieren, in erster Linie in Revieren mit hohem Waldanteil, kürzere oder längere Pirschgänge möglich.

In welchem Gebiet pirschen Sie zumeist?

Apfl: Bei uns im Semmering-Wechselgebiet ergeben sich viele Möglichkeiten, um auf Rot-, Reh- und Gamswild zu pirschen. Die großen Waldgebiete hier sind zum größten Teil mit Fichten, Tannen und Lärchen bestockt. Laubholz ist nur in geringem Ausmaß vorhanden. Die Bestände sind zum Teil stark aufgelichtet. Man pirscht daher bei einigermaßen sichtigem Holz vorbei an Schneisen, breiten Rücke-gassen, Lichtungen und an Windwurfflächen. Auch kleine Ansitzplätze haben wir eingerichtet. So kann man in kurzer Zeit sehr gute Jagderfolge erzielen, wenn man einige wichtige Dinge beachtet.

Worauf muss man denn aufpassen?

Apfl: Das beginnt beim Zeitfenster: Ich pirsche nur in den Monaten August, September und Oktober. Da befindet sich das Rot-, Reh- und Gamswild im Sommerhaar. Tiere in der Sommerdecke sind durch den deutlicheren Kontrast zum Waldboden für das menschliche Auge schneller erkennbar. Und in
diesem Zeitraum haben die drei Schalenwildarten Schusszeit. Wenn man pirscht, soll man auch
Strecke machen dürfen, weil ein unnötiges „Herumschleichen“ die Wildtiere nur mit vermehrtem Stress belastet. 

Wie sollte die Pirschjagd also geplant werden?

Apfl: Um größeren Jagddruck zu vermeiden, darf man denselben Revierteil auch nicht öfter als zwei bis drei Mal pro Jahr durchpirschen. Am besten man teilt sein Jagdrevier in vier Teile, um dann jeden Teil in räumlichen Intervallen konzentriert bejagen zu können. Auch sollte man nur jene Gebiete stärker bejagen, in denen Wildschäden zu erwarten sind – zum Beispiel auf frischen Aufforstungs- oder auf Umwandlungsflächen. Das ist wie bei einem Brand: Gelöscht wird ja auch nur dort, wo es brennt!

Welche Ausrüstung hat sich bewährt?

Apfl: Kurz gesagt: Kein unnötiges Zeug mitnehmen. Für die Pirschjagd eignet sich leichte, geräuschlose Kleidung, die den sommerlichen Temperaturen angepasst ist. Dazu Hut, Wetterfleck, als Gewehr am besten ein Repetierer und ein Fernglas. Meiner Erfahrung nach ist es beim Pirschen am besten, so wenig Ballast mit sich zu tragen wie möglich. Dann kommt man beweglicher und ruhiger voran. Ganz wichtig für mich ist der Pirsch- oder Bergstock. Heute werden schon meist klappbare Schießstöcke aus Carbon verwendet. Ich verwende aber nach wie vor meinen selbstgeschnittenen, nicht zu dünnen Haselnussstock, den ich nach dem Schneiden zum Trocknen ein paar Monate in der Holzhütte aufhänge. Der Vorteil des hölzernen Bergstocks ist, dass er mich nichts kostet. Zusätzlich ist er mir beim Gehen im steilen Gelände eine „Bergstütze“. Der Stock wird dabei zum Stützen und Abfedern jeden Trittes eingesetzt. Ich halte ihn dazu – bergseitig – mit beiden Händen seitlich. 

Wie schießen Sie dann? Vom Bergstock?

Apfl: Der Schuss vom Bergstock aus ist nicht schwer, wenn man vorher die Handhabung und das freistehende Schießen ordentlich geübt hat. Außerdem wird er ja auch nur, wenn’s schnell gehen muss, auf kürzere Entfernungen verwendet. Bei größerer Entfernung streiche ich knieend an und bei Weitschüssen kann man sich meist liegend in gute Schussposition bringen. Schaue ich meine Gesamtabschüsse pro Jahr an, ist die durchschnittliche Entfernung nur ungefähr 80 Meter. 

Haben Sie noch weitere Helfer?

Apfl: Ja, der wichtigste ist mein Jagdgehilfe, der Hund! Ich führe schon beinahe vierzig Jahre hindurch Bayrische Gebirgsschweißhunde (BGS). Wer das Glück hat, in seinem Berufsleben einen vierbeinigen Begleiter zu haben, der dich jeden Tag auf all deinen Revierarbeiten – sei es beim Salz tragen, Hahnverlosen, Holzauszeigen, auf der Wundfährte oder eben bei der Pirsch auf Schalenwild – begleitet, dem wird das Arbeiten mit dem Hund zur Selbstverständlichkeit. Vom ersten Tag an, nachdem ich den Welpen vom Züchter bekommen habe, begleitet er mich von früh bis spät ins Revier. Halsung und Riemen kennen meine Hunde nur bei der Nachsuche. Gepirscht wird „frei bei Fuß“. Das bringe ich meinen Hunden schon im Welpenalter bei – durch gewaltfreies Training und mit einer vertrauensvollen Bindung. Dafür eignet sich der BGS besonders gut. Er ist ruhig, ausgeglichen und hat ein stabiles Wesen.

Wie funktioniert das Pirschen mit Hund?

Apfl: Das Pirschen mit dem „freien“ Hund hat den Vorteil, dass ich als Schütze mehr Bewegungsfreiheit habe. Der Hund bewegt sich drei bis fünf Meter vor mir. Dadurch kann ich den Hund gut beobachten. Denn anhand seines Verhaltens erkenne ich, ob Wild in der Nähe oder kurz vor uns gezogen ist. Würde der Hund neben mir oder hinter mir gehen, hätte ich keinen guten Blick auf ihn.

Hebt der Hund dann seinen Fang und dreht sich in eine bestimmte Richtung, hat er Wild in der Nase. Fixiert er einen gewissen Punkt und äugt abwechselnd zu diesem Punkt und zu mir, weiß ich, er hat Wild in Anblick. Interessant ist, dass alle meine Hunde bis jetzt eine „Lieblingswildart“ hatten. Sie reagieren meist bei Rotwild energischer als bei Rehwild. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich zur Ausbildung für die Riemenarbeit Rotwild verwende und die Hunde damit ihre ersten Lebenserfahrungen sammeln durften. 

Heute verwenden viele Jägerinnen und Jäger Wärmebildgeräte. Funktioniert das beim Pirschen auch?

Apfl: Das funktioniert natürlich auch. Ein Nachteil ist aber, dass man sich verleiten lässt, schon frühmorgens im Stockfinsteren zu pirschen, wenn noch kein Schusslicht herrscht. Werden die Wildtiere auf diese Art mehrmals beunruhigt, ziehen sie sich noch bei Dunkelheit in die Dickungen zurück und man bekommt kaum mehr Wild bei Schusslicht in Anblick. Das ist auf längere Sicht kontraproduktiv. 

Mit dem Wärmebildgerät ist man auch andauernd am Schauen und somit führt man ständig die Hand zum Gesicht. Diese Bewegung wiederum wird von den Wildtieren leichter wahrgenommen. Auch sieht man mit diesen Geräten nicht in Gräben, über Kuppen oder hinter aufgedrehte Wurzelteller. Der Hund aber hat Wild auch ohne direkte Sichtlinie in der Nase.

Haben Sie noch weitere Tipps, die zum Erfolg führen?

Apfl: Immer den Wind beachten! Bei Aufwind sind Wege oder Forststraßen im oberen Bereich von Hängen zum Pirschen günstig. Durch die Erwärmung des Erdbodens durch Sonneneinstrahlung wird die Luft erwärmt und steigt auf. Diese Thermik am Berg nutzen auch Segelflieger oder Greifvögel. Ein leichtes Lüfterl von unten verschluckt die Geräusche viel besser. So kann man bei „halbem Wind“ Wildtiere auch auf kurze Distanz von oben her gut anpirschen.

Auf Forststraßen pirschen! Das bringt einige Vorteile. Erstens braucht man die Wege nicht zu säubern, denn die Spurrinnen sind meist glatt gefahren. Zweitens werden bei uns die Forstwege alle paar Jahre geschlegelt (gemulcht), damit sie nicht durch schnellwüchsige Bäume und Sträucher zuwachsen. Forstwege werden von Forstarbeitern, Holztransportern und auch Wanderern benützt. Das Wild reagiert bei Störungen auf den Straßen nicht so empfindlich wie auf Pirschsteigen, die in Einstandsflächen führen. Ideal ist auch, dass es meist einsehbare Gegenhänge mit passender Schussdistanz gibt. „Übern Graben“ ist man auch immer aus dem Wind. 

Wie läuft eine erfolgreiche Pirsch bei Ihnen zum
Beispiel ab?

Apfl: Am Morgen pirschen wir erst bei Büchsenlicht vom abgestellten Auto weg. Es ist dann schon so hell, dass ich auf kürzere Distanz Wild mit freiem Auge ansprechen kann. Mit leisen, langsamen Schritten bewegen sich mein Hund – drei bis fünf Meter vor mir – und ich westwärts gegen den Wind. Dadurch haben wir die aufgehende Sonne im Rücken. Der kühle Westwind ist bei uns beständig, er hält seine Richtung. Mein Begleiter zeigt mir jeden Wechsel an oder ob Wild in der Nähe ist. Ich kenne meinen Hund gut und verstehe sein Verhalten. Plötzlich wird er unruhig und dreht sich zur Böschungskante, seinen Blick fixierend nach unten gerichtet, dann zu mir und wieder nach unten. Ein kurzes Handzeichen zu meinem Rüden und er sitzt, während ich mich in Schussposition bringen kann. Keine 70 Schritte unter uns ziehen ruhig äsend Kalb und Tier. Weiter hinten, den beiden folgend, ein Schmaltier. Kurzes Warten, bis das Kalb einen größeren Abstand zum Alttier einhält. Kalb und Tier liegen mit zwei schallgedämpften Hochblattschüssen im Feuer. Das Schmaltier ist noch unschlüssig. Es verhofft noch einmal zurückäugend. Im Schuss sehe ich hochschnellende Vorderläufe, bevor es in den Graben flüchtet.

Worauf sollte man aus Ihrer Erfahrung nach dem Schuss achten? 

Apfl: Nach einem oder auch mehreren Schüssen immer unbedingt still bleiben und lange warten, auch wenn die Stücke im Feuer liegen. Der Schuss darf nicht in Verbindung mit dem Menschen stehen. Ganz wichtig ist, dass man mit dem Hund nicht gleich zum Anschuss geht, sondern nach längerer Zeit des Wartens mit ihm einfach weiterpirscht. Der Hund soll verstehen: Schuss heißt nicht gleich Nachsuchen oder noch schlechter Nachhetzen! Auch kann es vorkommen, dass nach einiger Zeit des Weiterpirschens wieder schussbares Wild in Anblick kommt. Dann alles wiederholen: Ansprechen, Schuss, still sein, zuwarten… Über Umwege geht es dann erst nach etwa einer Stunde mit dem Hund zum Anschuss oder zu den Anschüssen. Von dort aus wird dann im Bedarfsfall mit langem Riemen der Wundfährte gefolgt.

Deshalb bevorzugen Sie die Morgenpirsch…

Apfl: Ja, denn am Abend wäre ein solcher Pirschgang mit langem Zuwarten, Nachsuche, Bergung des Wildes und Versorgung alleine kaum möglich. Außerdem: Wer Wildtiere am Abend in der sensiblen Phase des Ausziehens zur Äsung beschießt oder mit Hund und Taschenlampe in den Einständen herumläuft, belastet Revier und Wild mit hohem Jagddruck.

Worauf achten Sie beim Abschuss generell?

Apfl: Kitz und Geiß oder Kalb und Tier sollten immer gezielt auf einmal entnommen werden. Der größte Fehler ist der Abschuss in großen Verbänden mit vielen Zeugen! Zu einer für den Wildbestand stressfreien Abschusserfüllung gehört in jedem Fall eine kurze, aber dafür intensive Jagd. Ob Ansitz-, Pirsch- oder Riegeljagd – die Beunruhigung sollte sich jedenfalls auf wenige Wochen im Jahr reduzieren und für den Rest der langen Jahreszeit sollte für alles Wild Ruhe herrschen.

Vielen Dank für die wertvollen Tipps und dass Sie Ihre
Erfahrungen geteilt haben.

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Die Superspürnasen

Die Nachsuchen haben sich im Vorjahr in NÖ vor allem auf Schwarzwild erhöht

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