Mieschersche Schläuche

In zwei Revieren in Niederösterreich (Bezirk Neunkirchen) wurden bei Rehen nach dem Aufbrechen zahlreiche und verteilte Veränderungen in einzelnen Muskeln beobachtet. Die Tiere waren beim Ansprechen unauffällig und wiesen einen guten Ernährungszustand auf.
Krankheit

Fallbericht

In zwei Revieren in Niederösterreich (Bezirk Neunkirchen) wurden bei Rehen nach dem Aufbrechen zahlreiche und verteilte Veränderungen in einzelnen Muskeln beobachtet. Die Tiere waren beim Ansprechen unauffällig und wiesen einen guten Ernährungszustand auf.

Bei dem einen Reh handelte es sich um eine ältere Geiß. Hier waren nach dem Ausweiden zahlreiche weiße längliche Verfärbungen (bis zu 1 mm x 3 mm groß) im Zwerchfell sichtbar. Nach Abziehen des Brust- und Bauchfells waren die zwischen den Muskelfasern eingelagerten Gebilde deutlicher sichtbar. Bei dem anderen Stück, einem älteren Bock, wurden beim Absetzen und Enthäuten des Hauptes zahlreiche weiße längliche Gebilde in der Wangenmuskulatur (etwa 1 mm x 3 mm groß) beobachtet. Weitere Veränderungen, wie etwa gelbliche, bräunliche Verfärbungen oder Auflagerungen, Verhärtungen oder wässrige Stellen, waren nicht zu sehen.

Mögliche Ursachen

In beiden Fällen handelte es sich um zahlreiche längliche bis spindelförmige Gebilde in der Muskulatur, und in beiden Fällen waren gut durchblutete Muskeln betroffen. Grundsätzlich können solche kleinen weißen Gebilde Parasitenstadien oder lokale Entzündungen, Gewebseinschmelzungen oder (wenn hart) Verkalkungen sein.
Hinsichtlich Parasiten sollte immer an Bandwurmfinnen gedacht werden, die als stecknadelkopf- bis über erbsengroße Gebilde in Muskulatur und auch inneren Organen vorkommen können. Die Bandwurmfinnen sind dabei ein Zwischenstadium, wobei der Bandwurm als Endstadium im Darm von Fleischfressern parasitiert.

Die Bilder legen aber nahe, dass es sich hier zwar auch um einen Parasiten, aber um einen Einzeller handelt, nämlich Sarcocystis. Die weißen Gebilde sind mit hoher Sicherheit Gewebszysten („Mieschersche Schläuche“), in denen zahlreiche Parasitenstadien eingeschlossen sind. Die Rehe sind Zwischenwirte im Entwicklungszyklus des Parasiten.

Im Endwirt vermehrt sich der Parasit in der Darmschleimhaut und entlässt Eier (Oozysten) in den Darm, in denen sich jeweils mehrere Sporozysten befinden. Diese werden ausgeschieden, gelangen in die Umwelt, und können von Pflanzenfressern aufgenommen werden. In diesen erfolgt über den Darm eine Besiedelung der Blutgefäße und dort eine ungeschlechtliche Vermehrung, schließlich eine Besiedelung der Muskulatur und eine weitere Vermehrung unter Ausbildung einer länglichen bis spindelförmigen Hülle, eben der „Miescherschen Schläuche“.

Es sind zahlreiche Sarcocystis-Arten bekannt, wobei der Mensch als Endwirt nur von wenigen Arten besiedelt werden kann. Die Erkrankung beim Menschen kann symptomlos oder mit bis zu zwei Tage dauernden Magen-Darmbeschwerden einhergehen, wobei über Wochen bis Monate eine Ausscheidung von Oozysten mit dem Stuhl erfolgt. Allerdings kann der Mensch auch als Zwischenwirt fungieren (wenn z. B. mit Losung verschmutzte Waldfrüchte oder Wasser aufgenommen werden), wobei dies eine biologische Sackgasse darstellt. Weltweit sind aber nur wenige Fälle einer solchen Infektion des Menschen als Zwischenwirt (d.h. Besiedelung der Muskulatur) beschrieben worden.

Für Wildtiere gilt, dass immer mit einem geringen, nicht sichtbaren Befall mit Sarcocystis gerechnet werden muss, besonders in Zwerchfell, Zunge, Herzmuskulatur und anderen gut durchbluteten Muskeln. Die Häufigkeit liegt im hohen zweistelligen Prozentbereich. Derzeit gibt es keinen Hinweis, dass die in den Rehen nachgewiesenen Arten den Menschen als Endwirt besiedeln können. Es gibt allerdings einen Bericht aus Deutschland aus dem Jahr 2019, in dem 5 bis 6 Stunden nach dem Verzehr von Rehbraten Erbrechen und Durchfall auftraten. In dem verwendeten Rehfleisch wurden bei der mikroskopischen Untersuchung massenhaft Sarkosporidienzysten entdeckt. Das legte den Verdacht nahe, dass die Magen-Darmbeschwerden eine Reaktion auf Giftstoffe in den Parasiten waren.

Zusätzlich zur Ausbildung der Miescherschen Schläuche kann es zu Entzündungsreaktionen in der Muskulatur, mit grünlich-gelblichen bis braunen Verfärbungen kommen (eosinophile Fasciitis/Myositis). Bei Wildenten können die Gewebszysten übrigens etwa reiskorngroß werden, was den englischen Namen „rice breast disease“ erklärt. Wenn in der Muskulatur von Schwarzwild solche Gebilde auftreten, wäre ev. an verkalkte, eingekapselte Trichinenlarven (harte Veränderungen) oder ggf. an Zysten mit eingekapselten Muskelegeln (Alaria alata) zu denken.

Verwertung des erlegten Wildes?

Auf Grund der Veränderungen liegen „Bedenken gegen die Lebensmitteleignung“ vor, und eine Weitergabe als Lebensmittel ist nicht möglich. Das gilt für den gesamten Tierkörper – also auch für die unveränderte Muskulatur!

Nachdem ein geringer Befall mit Sarcocystis nicht mit freiem Auge entdeckt werden kann, empfiehlt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, Fleisch vom Wildwiederkäuer entweder vor der Zubereitung tiefzufrieren (–20 °C, >2 Tage) oder bei der Zubereitung mind. 2 Minuten auf 71°C Kerntemperatur zu erhitzen. Dies gilt auch für die Verfütterung an den Jagdhund! Das Verbringen von solchem Wild auf den Luderplatz ist nicht zu empfehlen, da damit eine Ansteckung von Raubwild ermöglicht und der Infektionszyklus geschlossen wird.

Jagdliche Bewirtschaftung

Die Sarkozystose ist weltweit verbreitet, aber die Stärke des Befalls oft gering. Beim lebenden Wild ist die Sarkozys­tose in der Regel nicht feststellbar und insbesondere bei einem leichteren Befall bleibt sie auch bei dem Ausweiden und Zerwirken von erlegten Stücken oft unerkannt.

Es kann nur dringend empfohlen werden, Wild mit punkt- bis strichförmigen hellen Veränderungen in der Muskulatur einer tierärztlichen Untersuchung zuzuführen, um deren Ursache zu ermitteln. ′

Weiterführende Informationen

Fallberichte zu Sarkosporidien in Rehfleisch, Deutschland:

https://www.ua-bw.de/pub/beitrag_printversion.asp?ID=3297

https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=3&Thema_ID=8&ID=4297&lang=DE&Pdf=No

Information des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung zu Parasiten in Wildfleisch: 

https://www.bfr.bund.de/stellungnahme/wildfleisch-gesundheitliche-bewertung-von-humanpathogenen-parasiten/

Fallbeschreibung beim Rothirsch, Schweiz: https://sat.gstsvs.ch/fileadmin/media/pdf/archive/2012/12/SAT154120539.pdf

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