Trittsteine der Biodiversität

Die Bronzemedaille beim Lebensraumpreis 2025 des NÖ Jagdverbands ging an die Jagdgesellschaft St. Margarethen an der Sierning. Ein Lokalaugenschein zeigt, wie es gelungen ist, ein ganzes Netzwerk einzelner Klein-Biotope zu schaffen. Mehrere Generationen von Jägern haben gemeinsam geplant, gearbeitet und gelernt.
Klein-Biotop

Die Bronzemedaille beim Lebensraumpreis 2025 des NÖ Jagdverbands ging an die Jagdgesellschaft St. Margarethen an der Sierning. Ein Lokalaugenschein zeigt, wie es gelungen ist, ein ganzes Netzwerk einzelner Klein-Biotope zu schaffen. Mehrere Generationen von Jägern haben gemeinsam geplant, gearbeitet und gelernt.

Während wir beim ersten Biotop ein paar Schritte in der Sonne gehen, streicht ein Erpel heraus. Auf der kleinen Wasserfläche sind noch mehr Enten und Erpel zu sehen – sie stehen nach und nach auf, als wir näher kommen. Jagdleiter Alois Schmidl freut sich: „Dass die Enten bei uns in den Biotopen brüten, macht uns alle glücklich.“ Als ich ein paar Schritte weiter gehe, um ein Foto zu machen, wird ein starker Hase hoch. „Das ist das beste Beispiel dafür, was wir geschafft haben: Deckung, Windschutz, Wasser, Äsung – viele Arten nehmen diese Angebote dankbar an. Wir sind stolz darauf, in der intensiv landwirtschaftlich genutzten Region nicht nur jagdbarem Wild geholfen zu haben. Denn auch Kiebitze und Wiedehopfe fühlen sich wieder wohl. Und selbst zwei Adler haben hier schon Station gemacht.“

Dieses erste Biotop ist ein gutes Beispiel für das System, das die Jagdgesellschaft entwickelt hat. Dabei wird immer ein Teil des ganzen Bereichs neu gestaltet. Das bedeutet, ältere Stauden und teilweise Bäume werden stark zurückgeschnitten und frische Gräser, Stauden und kleine Nadelbäume gesetzt. Denn diese haben sich bewährt, weil sie sowohl im Winter als auch in der Vegetationsperiode zusammen mit Gräsern Hasen, Fasanen und Rebhühnern eine gute Deckung bieten. Durch diese rotierende Erneuerung bleibt jedes Biotop immer abwechslungsreich und attraktiv. Alois Schmidl ergänzt: „Als ganz wichtig hat sich Wasser herausgestellt. Das ist auf vielen landwirtschaftlichen Flächen der limitierende Faktor. Ohne Wasser kein Wild. Das berücksichtigen wir immer bei der Anlage von Biotopen und sind erfolgreich damit!“

Das Genossenschaftsjagdgebiet Sankt Margarethen hat eine Fläche von 1.460 Hektar. Die Fläche ist stark agrarisch geprägt, der Waldanteil ist mit rund 10 Prozent nur gering und außerdem in einem kleinen Bereich des Jagdgebietes konzentriert. Bei einer Revierfahrt zeigt sich auch, dass diese Waldflächen nur sehr eingeschränkt als Einstand genutzt werden. Denn um diese Jahreszeit sieht man weit in die Bestände hinein – es gibt kaum Unterwuchs zwischen den hohen Stämmen. Nur am Waldrand, wo genug Licht hinkommt, wachsen Brombeeren sowie einige Gräser und Stauden.

Pionierleistung und langer Atem

Begonnen hat alles in den 1970-Jahren. Im Zuge der Grundzusammenlegung (Kommassierung) wurde Augenmerk darauf gelegt, möglichst große und gut maschinell zu bearbeitende Parzellen für die Landwirtschaft entstehen zu lassen. Dabei wurde auch nicht vor Geländeumformungen, der Zusammenlegung von Flächen und Beseitigung von Strukturen Halt gemacht. Hecken, unbewirtschaftete Geländestufen, Raine und Flurgehölze wurden größtenteils entfernt. Das Ergebnis war eine weitestgehend ausgeräumte Landschaft. Im Unterlauf der Sierning wurde aufgrund wiederholter Überschwemmungen eine harte Verbauung errichtet. Begleitvegetation und Auwaldflächen wurden gerodet und der Wasserlauf stark kanalisiert. Das reduzierte die Attraktivität des Lebensraums stark.

Der damalige Jagdleiter Anton Hierner und sein Nachfolger Alois Schmidl beschlossen, diesem Verlust an Lebensraum etwas entgegenzusetzen. Sie starteten die langfristige Initiative, die bis heute anhält. Anton Hierner erzählt: „Damals hat uns keiner so richtig ernst genommen. Aus heutiger Sicht waren wir aber ‚Pioniere der Biotope‘. Und was mich besonders freut: In unserer Jagdgesellschaft gibt es vier Jäger über 70 Jahre, vier um die 60, fünf zwischen 40 und 45 Jahren sowie acht um die 30 Jahre. Alle gemeinsam investieren viel Zeit und Geld in die Pflege und laufende Erweiterung von Biotopen. Das ist für alle selbstverständlich geworden.“ Mehrere Generationen von Jägern sind also seither mit dem Grundgedanken, Lebensräume zu schaffen und laufend weiter zu verbessern, aufgewachsen – lange bevor es das Schlagwort der „Biodiversität“ im täglichen Sprachgebrauch gab. Auch die Änderungen beim ÖPUL (Österreichisches Programm für Umweltgerechte Landwirtschaft) wirkten aus Sicht von Alois Schmidl flankierend und leisteten vor allem in den vergangenen Jahren einen wesentlichen Beitrag.

Kleines Biotop

Trittsteine schaffen

Von Beginn an wurde von der Jagdgesellschaft der Ansatz gewählt, jede sich ergebende Möglichkeit zu nutzen: Ob das nun Flächen der örtlichen Landwirte, des öffentlichen Guts oder der Pfarre Sankt Margarethen waren, oder Flächen, die aktiv gepachtet wurden, um zum Beispiel Windschutzstreifen anzulegen. Auch Mitglieder der Jagdgesellschaft, die selbst Landwirte sind, stellten Flächen außer Nutzung, um Biotope und damit wieder Inseln der Vielfalt für Pflanzen und Tierwelt zu schaffen – seien es nun Feldhölzer, Windschutzanlagen oder Uferbegleitvegetation. Schmidl: „Wir nennen es Trittsteine, weil wir versuchen, daraus ein zusammenhängendes Netz von Biotopen zu schaffen. Und der lange Atem gibt uns recht: Neben Wachteln, Feldlerchen, Kiebitzen und dem Wiedehopf hat das auch Wildtieren wie dem großen und kleinen Wiesel, Zieseln und Hamstern geholfen zu überleben. Natürlich haben auch Rebhühner, Fasane und Hasen profitiert.“ 

„Tag der Biologischen Vielfalt“

Mittlerweile wird jeweils am 3. März ein „Tag der Biologischen Vielfalt“ begangen. Da soll sich der Blick auf den Zustand der Artenvielfalt richten. Denn weltweit sind die Probleme ähnlich: Arten verschwinden, Ökosysteme verlieren an Stabilität und damit geraten auch die natürlichen Grundlagen von Ernährung, Wasserhaushalt und Klimabalance unter Druck. Der Verlust vollzieht sich schleichend – und genau das macht ihn so schwer greifbar. Das wirft eine Frage auf, die über diesen Tag hinausreicht: Was braucht unsere Gesellschaft, um die biologische Vielfalt zu erhalten? Dazu wurde kürzlich Volker Homes, Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) in Deutschland, zitiert. „Forschende belegen seit Jahren eine zunehmende Entfremdung von Natur in städtischen Gesellschaften. Wo unmittelbare Naturerfahrung fehlt, wächst Distanz – und aus Distanz wird Gleichgültigkeit.“

Kommunikation ist wichtig

Dazu meint Alois Schmidl: „Wir erklären immer wieder, was wir da tun. Es geht uns nicht darum, ein paar Stück mehr auf der Strecke liegen zu haben. Wir wollen vielmehr der ganzen Natur wieder Raum geben – von Insekten über Singvögel bis zum Niederwild. Und das vermitteln wir den Menschen laufend.“ Dazu nutzt die Jagdgesellschaft nicht nur den Jägerball, der alle zwei Jahre stattfindet und Gelegenheit gibt, vielen Menschen die Leistungen der Jäger zu kommunizieren. Im Rahmen der Sommerspiele der Gemeinde gestalten die Jäger auch immer spezielle Stationen für Kinder: Im Elefantengras werden Gänge angelegt und verschiedene Stationen aufgebaut. Dort gibt es Tierspuren oder Tierstimmen zu entdecken, was den Kindern viel Spaß macht und die oben beschriebene Distanz zur Natur verringert. Zusätzlich werden immer wieder Kooperationen eingegangen, so zum Beispiel im Rahmen des Projektmarathons der Landjugend, wo neben der Bepflanzung eines Aussichtspunktes zur Förderung der Naherholung auch auf Bedürfnisse des Wildes eingegangen wurde.

Viel Arbeit und Einsatz

Auf der Gesamtfläche des Jagdgebietes wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 50.000 Pflanzen gesetzt, teilweise auch wieder auf den Stock gesetzt oder Flächen gesäubert und wieder bepflanzt, um eine hohe Attraktivität der kleinen Flächen sicherzustellen. Es wurden regionale Laub- und Nadelhölzer sowie Sträucher verwendet. Die Wildökolandaktion wurde immer wieder für den Ankauf von Pflanzmaterial genutzt. Diese wurden manuell gesetzt, der Jungwuchs gepflegt und gegen Verbiss und Verfegen einzeln geschützt. Alle Arbeiten wie Pflanzung, Pflege, Bewässerung und Schutz der Jungpflanzen wurden durch die Jagdgesellschaft selbst erbracht. Die beiden Jagdleiter schätzen, dass von der Jagdgesellschaft zwischen 400 und 500 Arbeitsstunden unentgeltlich geleistet wurden. Auch die notwendige Ausrüstung kam von Mitgliedern.

Das alles zeigt Wirkung auch für das Wild: Neben nachhaltigen Niederwildstrecken bei Hase und Fasan weist das Rebhuhnmonitoring stabile Bestände nach. Auch beim Rehwild ist der Bestand gesund und stabil, obwohl pro Jahr etwa 25 Stück durch Wildunfälle verloren gehen, vor allem entlang der B 29. Bei einer Strecke von rund 100 Stück ist das immerhin rund ein Viertel. Während unserer Revierfahrt sehen wir immer wieder große Sprünge. Es sind durchwegs starke Stücke und zum Teil auch kapitale Böcke dabei. 

Gemeinsam erfolgreich

Der Lokalaugenschein hat gezeigt: Langfristigkeit und Nachhaltigkeit – über Generationen hinweg, die gute Partnerschaft mit der Gemeinde, den Grundeigentümern und der Pfarre sowie kontinuierliche Kommunikation hat zum Erfolg geführt. Die Biotope als Trittsteine der Biodiversität funktionieren und der größte Profiteur ist die Natur.

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Kitzrettung

Rettung aus der Deckung

Schätzungsweise bis zu 25

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