Gut geschützt

Gesundheit ist das wertvollste Gut – besonders dann, wenn sie einem abhandenkommt. Vor Schicksalsschlägen ist niemand gefeit, aber manches haben wir selbst in der Hand – beispielsweise den Schutz unseres Gehörs..
Gehörschutz beim Schießen

Wenn Mozarts Flötenkonzerte in den Ohren schmerzen statt uns zu verzaubern, wir das Gegenüber im Gasthaus kaum verstehen und den Fernseher immer ein wenig lauter stellen müssen, so ist das unangenehm und kostet Lebensqualität. Schlimmer noch, wenn Pfeif- oder Summtöne zu hören sind, obwohl alles ruhig ist. Als Jäger gehören wir zu einer Risikogruppe, in der Gehörschädigungen aller Graduierungen relativ häufig auftreten, denn Lärm ist scheinbar „part of the game“. Wer den Schussknall scheut, ist fehl am Platz – wenn sogar der Jagdhund ihn aushalten muss. So oder so ähnlich mag das Credo jener lauten, die beim Schüsseltrieb ihr langes, erfahrungsreiches Jägerleben mit Sprüchen wie „Red lauter, i jager net erst seit gestern“ unterstreichen möchten. Doch was in manchen Kreisen häufig mit einem Zwinkern oder Achselzucken abgetan wird, kann im Ex­tremfall zum Verlust eines – besonders bei der Jagd – wichtigen Sinnes führen. Und das, obwohl der Schutz der Ohren mittlerweile ausgesprochen komfortabel bewerkstelligt werden kann.

Faszination Ohr

Als äußerlich sichtbarer Bestandteil unseres Gehörs sind die Ohrmuscheln dafür zuständig, Schalwellen wie ein Trichter einzufangen. Ihre Form ist übrigens so einzigartig wie ein Fingerabdruck und ermöglicht überdies das Feststellen der Richtung, aus der ein Geräusch kommt. Die eindringenden Schallwellen treffen im Gehörgang auf das Trommelfell, das durch sie in Schwingung gerät und drei kleine Knöchelchen – Hammer, Amboss und Steigbügel – in Bewegung versetzt. Diese verstärken die Schwingungen und übertragen sie zum Eingang der Hörschnecke (Cochlea), die mit Flüssigkeit gefüllt ist und über Tausende feinster Haarzellen (Stereozilien) verfügt. Etwa 12.000 davon, die sogenannten Äußeren Stereozilien, dienen als Verstärker für leise Töne, während ungefähr 3.500 Innere Haarzellen die Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln. Als solche für das Gehirn verwertbar, unterscheidet dieses nun zwischen Geräuschen, Tönen, Musik oder Sprache. Der Vergleich der Hörsignale vom rechten und linken Ohr hilft, Sprache aus den Hintergrundgeräuschen herauszufiltern und ist wesentlich für das Erkennen, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt.

Die Bewegung der feinen Stereozilien in der Flüssigkeit der Cochlea kann man sich sinnbildlich wie ein Weizenfeld vorstellen, dessen Ähren sich im Wind wiegen. Solange dieser nicht zu heftig bläst, bleiben die Stängel unversehrt und richten sich wieder auf. Doch jeder kennt das Bild, das dauerhafter Starkwind oder Sturm hinterlassen: Die Analogie zum Weizenfeld trifft auch insofern zu, als geknickte Stereozilien – wie die Halme des Getreides – sich nicht wieder aufrichten können. Die Ernte ist unwiederbringlich verloren.

Sturm im Ohr – aus medizinischer Sicht   

„Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen klassischer Lärmschwerhörigkeit, ausgelöst durch dauerhaften Lärm, und plötzlich auftretenden Schalltraumata“, weiß Georg Sprinzl, Primar der HNO-Universitätsklinik St. Pölten. „Viele kennen das Gefühl, nach dem Besuch eines lauten Lokals oder nach einem Konzert wie durch ‚Watte‘ zu hören – eine vorübergehende Hörbeeinträchtigung, die sich meist nach einer Ruhepause zurückbildet.“ 

Schon geringere Lärmbelastungen können Stressreaktionen wie erhöhten Blutdruck oder schnelleren Puls auslösen. Ab etwa 85 Dezibel drohen bei längerer Einwirkung oder zu kurzen Ruhepausen bleibende Hörschäden: nicht nur am Arbeitsplatz, auch zuhause beim Rasenmähen oder in einem belebten Lokal. Musik bei einem Konzert kann auch schmerzhafte Lautstärken um 120 Dezibel erreichen, ein Schuss sogar 140 bis 160 Dezibel. „Solche Lautstärken können schon in Bruchteilen von Sekunden ein Schalltrauma auslösen, besonders in Kombination mit Durchblutungsstörungen“, führt der HNO-Arzt aus.

Permanente Lärmschwerhörigkeit bleibe oft lange unerkannt, weil sich die anfangs kleinen Schäden über die Jahre kulminieren. Erste Anzeichen sind undeutlich wahrgenommene Gespräche, besonders in lauter Umgebung, sowie schlechtes Verstehen des TV-Tons. Besonders Frauen- und Kinderstimmen werden schwer verständlich. „Eine Hörmessung zeigt anfangs nur eine leichte Senke der Hörkurve bei Frequenzen um 4.000 Hertz, die sich mit den Jahren vertieft und ausweitet“, so der Mediziner. Für den Jäger wird der Verlust der hohen Hörfrequenzen beispielsweise durch fehlende Wahrnehmung des Vogelgezwitschers erkennbar.

Die Höreinbußen bringen oft soziale Herausforderungen und psychische Belastungen bis hin zu Folgeerkrankungen mit sich, berichtet Georg Sprinzl: „Nur einseitige Hörschäden beeinträchtigen das Sprachverstehen in lauter Umgebung sowie die Wahrnehmung, aus welcher Richtung Schall kommt – ein Zuruf, das Läuten des Mobiltelefons oder auch ein Gefahrensignal.“ Deswegen sollten Betroffene erste Symptome nicht verharmlosen, sondern möglichst zeitnah einen HNO-Arzt konsultieren. „Im Anfangsstadium können konventionelle Hörgeräte helfen. Wird auch damit Sprache nicht mehr deutlich genug verstanden, können Cochlea-Implantate zum Einsatz kommen. Gerade beim Jagen ist ein gutes Gehör unabdingbar. Durch moderne Technologien können wir helfen, unterschiedliche Grade der Hörminderung zu rehabilitieren“, erklärt der Mediziner.

Technische Aspekte

Vor diesem medizinischen Hintergrund sollte die Frage nicht mehr lauten, ob man einen Gehörschutz verwendet, sondern nur mehr, zu welchem Produkt man greift. Hier empfiehlt sich eine persönliche Bedarfsanalyse, die den jagdlichen Gepflogenheiten Rechnung trägt. Wer viel Zeit am Schießplatz verbringt, etwa Niederwildjäger beim regelmäßigen Flintentraining, ist Dauerlärm ausgesetzt und wird im Regelfall mit anderen Schützen kommunizieren. Gleichzeitig sollte der Gehörschutz möglichst schlank ausfallen, um beim Anschlagen nicht mit dem Schaft zu kollidieren. 

Ansitz und Pirsch erfordern wiederum exaktes Richtungshören, stellen aber keinen Dauerlärmpegel dar. So unterschiedlich die Anforderungen, so vielfältig ist mittlerweile das Angebot an geeigneten Produkten. Ein wichtiger Faktor ist erfahrungsgemäß, dass der jeweilige Gehörschutz angenehm und komfortabel zu tragen ist, ohne sich als störender Fremdkörper anzufühlen – denn nur dann wird er auch verwendet.

„Für Innenräume, also beispielsweise Indoor-Schießanlagen, empfehlen sich Kapselgehörschützer, da hier Schallwellen reflektiert werden und somit auch der Schädelknochen rund um den Gehörgang geschützt werden sollte. Bei besonders starkem Schalldruck kann die zusätzliche Verwendung von Stöpseln erforderlich sein, um die Gesamtbelastung zu minimieren“, erklärt Peter Estinghausen, Vertriebsleiter des Gehörschutz-Herstellers ISOtunes. „Insbesondere beim Tragen von Brillen und bei längerem Gebrauch sind Gel-Dichtkissen hilfreich, da sie Brillenbügel besser umschließen und kaum Druckschmerz verursachen.“ Im Freien stehen oft Kommunikation und Wahrnehmung der Umgebung im Vordergrund, und das reine Verschließen der Gehörgänge ist zumeist ausreichend. Für jagdliche Zwecke gibt es kabellose elektronische In-Ear-Systeme, die bei guter Dämmleistung normales Hören gewährleisten und bei Pirsch und Ansitz nicht stören. Speziell hier ist auf den dichten Sitz im Ohr zu achten, weshalb für regelmäßige Anwender ein individuell angepasstes Produkt (Otoplastik) die Ideallösung darstellt. 

Normen und Prüfsiegel

Wie man es im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes erwarten darf, unterliegen Gehörschutzprodukte unterschiedlichen Normen und sollten gesetzliche Kriterien erfüllen. Eine wichtige Kennzahl für den europäischen Markt stellt der sogenannte SNR-Wert (Single Number Rating) dar, den seriöse Hersteller stets angeben. Dieser Schallreduktionswert sollte im Bereich zwischen 25 und 30 dB liegen, Produkte mit deutlich tieferen SNR-Werten verwendet man besser nur in Kombination mit anderen oder bei geringer Schallbelastung. Zusätzlich liefern HML-Werte (High, Medium, Low) gute Anhaltspunkte, wie gut der Schutz in hohen, mittleren und tiefen Frequenzen wirkt – besonders der H-Wert ist beim Schussknall entscheidend. 

Bei elektronischen (aktiven) Gehörschützern ist es zudem entscheidend, innerhalb welcher Zeit die Mikrofone auf ein Schallereignis reagieren; eine Abschaltung sollte im Bereich von rund zwei Millisekunden erfolgen und für einige Sekunden anhalten, um auch Folgeschüsse nicht ungedämpft durchdringen zu lassen. Der Garant für die Konformität mit EU-Sicherheitsstandards ist das bekannte CE-Prüfzeichen, womit das Produkt der EN 352-Normenreihe entsprechen muss. So sollte das Datenblatt eine Prüfung gemäß EN 352-1 (Kapsel), EN 352-2 (In-Ear) oder 352-4 bei pegelabhängigen (aktiven) Gehörschützern dokumentieren. Für die Verwendung im Freien empfiehlt sich zudem ein garantierter Spritzwasserschutz, mindestens Schutzklasse IP54 oder höher.

Weitere empfehlenswerte Eigenschaften

Um beim Tragen eines aktiven Gehörschützers nicht das Gefühl zu haben, von der Umwelt abgekapselt zu sein, sollte dessen Tonwiedergabe möglichst verzerrungsfrei und naturgetreu sein. Auch das Richtungshören muss weitgehend gewahrt bleiben, was qualitativ hochwertige Mikrofone voraussetzt. Ein entsprechender Test im Geschäft ist anzuraten. Kapselgehörschützer sollten auch die Möglichkeit bieten, mittels sogenannter ­Hygienesets die Dichtkissen und Dämmeinlagen tauschen zu können. Eine ausreichende Batterielaufzeit mit akustischer Ladestands-Warnung sowie eine Ausschaltautomatik mit hörbarer Abschalt-Ankündigung sind bei vielen Produkten bereits Standard, doch auch High-End-Lösungen aus dem behördlichen Bereich werden immer beliebter, wie Peter Estinghausen berichtet: „Die Entwicklung geht einerseits natürlich in Richtung immer kompakterer Geräte mit hoher Dämmleistung, andererseits wird aber auch Konnektivität immer wichtiger. So kann es sinnvoll sein, sich abseits des Jagens über Bluetooth mit dem Handy zu verbinden, um beispielsweise bei Revierarbeiten mit der Motorsense dennoch erreichbar zu sein. Je mehr Flexibilität das Produkt bietet, desto eher wird es auch verwendet – und nur dann kann es das Gehör auch schützen.“

Gesamt
0
Aktien
Vorherige
Gut im Schuss
Schießübung

Gut im Schuss

Sichere Handhabung und präzise Schussabgabe erfordern regelmäßiges Üben

Das könnte dir auch gefallen
Enable Notifications OK No thanks