Eine präzise Erfassung von Schalenwildbeständen zählt zu den zentralen Herausforderungen eines zeitgemäßen Wildtiermanagements. Insbesondere in dynamischen Ökosystemen wie den Donau-Auen, die durch regelmäßige Überflutungen geprägt sind, stellen sich grundlegende Fragen nach Bestandsgröße, Verteilung und dem Einfluss natürlicher Faktoren. Im Nationalpark Donau-Auen kommt dabei seit mehreren Jahren eine Methode zum Einsatz, die nicht nur durch ihre Effizienz, sondern auch durch ihre Objektivität überzeugt: die kombinierte IR-VIS-Befliegung.
Im dichten Auwald
Bei dieser Methode wird ein fest montiertes Kamerasystem in einem Ultraleichtflugzeug eingesetzt, das in rund 400 Metern Höhe über dem Gelände fliegt. Herzstück der Erhebung ist die Kopplung eines Wärmebildsystems mit einer hochauflösenden optischen Kamera. Geflogen wird im Februar, kurz vor Laubaustrieb. Sobald im Wärmebild die Signatur eines Wildtiers erkannt wird, erfolgt automatisch eine fotografische HD-Aufnahme. Diese Kombination ermöglicht es, Tiere nicht nur zu detektieren, sondern im Anschluss auch zuverlässig zu bestimmen. Die Unterscheidung von Rot- und Damhirschen beispielsweise ist dank der detaillierten Fotos kein Problem.
Die Befliegung erfolgt entlang paralleler Transekte in einem systematischen Stichprobendesign. Pro zehn Kilometer Flugstrecke werden etwa 100 Hektar Fläche erfasst. Der große Vorteil dieser Methode liegt neben der respektablen Flächenleistung in ihrer Standardisierbarkeit und Wiederholbarkeit. Gleichzeitig ist sie vergleichsweise störungsarm und unabhängig von Wegen oder Geländestrukturen. Die Kamera ist fix senkrecht am Flugzeug montiert und schwenkt nicht, durch den genauen Flächenbezug können Dichtewerte berechnet werden und eventuelle Mehrfachzählungen verursachen keine Schwierigkeiten. Der Auwald im Spätwinter ist besonders geeignet, da die Kamera durch den geringen Anteil an Nadelbäumen freie Sicht hat. Mehrere Testläufe 2015 und 2017 zeigten die Robustheit der Methode, auch wiederholte Flüge brachten keine relevanten Varianzen in den Ergebnissen.
Auhirsch klar im Blick
Besonders Rotwild (der berühmte Auhirsch) kann durch die Befliegung zuverlässig erfasst werden: Die Entdeckungswahrscheinlichkeit liegt bei 70 bis 80 Prozent. Aufgrund der Homogenität des Geländes in den Donau-Auen wird sogar von einer Entdeckungswahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent ausgegangen. Auf dieser Basis lassen sich belastbare Dichtewerte berechnen. Für Reh- und Schwarzwild ist die Nachweiswahrscheinlichkeit etwas geringer, weshalb hier keine absoluten Dichten, sondern Indizes für den Vergleich zwischen Jahren herangezogen werden. Einschränkungen bestehen vor allem durch Wetterbedingungen, die Koordination mit der Flugsicherheit sowie den hohen Zeitaufwand der Datenauswertung.
Erfolg durch Kooperation
Befliegung und Analyse der gewonnenen Bilddaten erfolgen in den Donau-Auen durch Experten der Firma „Wildlife Monitoring by aerosense“. Es ist ein Vorteil, dass niemand von den verschiedenen Gebietsverwaltungen direkt in die Ergebnisermittlung eingebunden ist: Die manuelle Auswertung der Fotos durch externe Wildbiologen ist zwar zeitintensiv, sichert aber Datenqualität und Objektivität.
Ein wesentliches Element des Projekts ist die enge Zusammenarbeit mehrerer Institutionen. Der Nationalparkbetrieb der Österreichischen Bundesforste AG, der Land- und Forstwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien sowie die Nationalpark Donau-Auen GmbH bündeln ihre Kompetenzen in Planung, Durchführung und Interpretation der Ergebnisse. Mit jagdlichen Stakeholdern aus benachbarten Regionen werden die gewonnenen Erkenntnisse ebenso geteilt und diskutiert wie mit Fachexperten aus der Wissenschaft. Diese abgestimmte Zusammenarbeit ermöglicht eine fundierte Einbettung der Ergebnisse in das laufende Management. Gerade in einem Schutzgebiet, das in unmittelbarer Nachbarschaft zu ausgedehnten Kulturlandschaften sowie zwei Großstädten liegt, treffen unterschiedliche Nutzungsansprüche aufeinander – von Naturschutz (Prozessschutz) über Jagd und Landwirtschaft bis hin zur Erholungsfunktion. Eine gemeinsame Datengrundlage bietet hier einen großen Mehrwert. Die Befliegungen liefern Zahlen, die unabhängig von subjektiven Einschätzungen oder lokalen Interessen sind.
Ergebnisse und Dynamiken
Planmäßig ist die Befliegung in den Donau-Auen alle fünf Jahre eingetaktet, im Frühjahr 2024 wurde sie entsprechend durchgeführt, danach sollte wieder pausiert werden. Doch der Spätsommer brachte ein Jahrhunderthochwasser, die Pegelstände der Donau stiegen in kurzer Zeit bemerkenswert an. Den Schutzgebietsverwaltungen boten sich triste Szenen von geschwächten Hirschen, die versuchten, auf dem Schutzdamm Sicherheit zu finden, Fallwild hing in Baumkronen fest. Entsprechend groß war die Unsicherheit, welchen Einfluss das extreme Wetterereignis auf die Wildbestände genommen haben könnte. Über die Wirkungsintensität des natürlichen Regulators Hochwasser auf den Wildbestand war oft spekuliert worden, nun bot sich die Chance, ihn messen zu können. Durch die Bemühungen der verantwortlichen Wildmanager gelang die Organisation einer Wiederholungsbefliegung im Frühjahr 2025.
Die Ergebnisse sind aufschlussreich und sorgten auch für Überraschungen: Im Ostteil des Nationalparks, einem hochproduktiven und störungsarmen Lebensraum, war zwischen 2015 und 2024 ein deutlicher Anstieg der Rotwilddichte um rund 30 Prozent zu verzeichnen. Auch andere Monitoringmethoden ergaben dort über die Jahre stetiges Ansteigen der Rothirschbestände: Die 20-jährige Statistik zeigt einen parallel zur Wilddichte verlaufenden Anstieg der Abschusszahlen. Für den gesamten Nationalpark wurde eine Rotwilddichte von etwas über 20 Tiere pro 100 Hektar ermittelt – in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger. „Wildlifemonitoring by aerosense“ hat ähnliche Dichten auch in anderen Gebieten in Deutschland festgestellt. Die Experten betonen, dass Rotwilddichten immer im großen Kontext mit der Produktivität des Habitats, dem Vorhandensein anderer Schalenwildarten und potenzieller Prädatoren, den Einflüssen des Menschen und vielen andere Faktoren betrachtet werden müssen.
Räumliche Umverteilung
Nach dem Hochwasser konnte durch die Befliegung 2025 im Ostteil des Nationalparks ein leichter Rückgang von etwa zehn Prozent festgestellt werden. Deutlicher waren jedoch die Veränderungen im benachbarten Westteil des Nationalparks. Dort blieb die Dichte seit 2017 zunächst annähernd konstant, stieg aber im Jahr 2025 (nach dem Hochwasserereignis) sprunghaft an – auf das Doppelte der Vorjahreswerte. Diese Entwicklung lässt sich plausibel nur durch eine Abwanderung der Tiere aus den stärker betroffenen östlichen Bereichen erklären, möglicherweise waren die westlichen Einstände im Schutzgebiet sicherer gelegen. Trotz des Hochwassers blieb der Gesamtbestand im Nationalpark insgesamt stabil, beziehungsweise zeigte sogar eine leichte Zunahme. Nach den Überschwemmungen im September 2024 wurde fünf Monate später der bisher höchste Wert für Frühjahrsbestände bei einer Befliegung gemessen.
Das Hochwasser hatte somit weniger Einfluss auf die Größe der Gesamtpopulation der Auhirsche als vielmehr auf deren räumliche Verteilung. Der Verschiebungseffekt war temporär und reversibel, ein Jahr später beobachten die Förster das Rotwild wieder in seinen gewohnten Einständen.
Bei Reh- und Schwarzwild zeigte sich eine größere Wirkung der Fluten: Während im Ostteil erhebliche Rückgänge festgestellt wurden, kam es im Westen zu Zunahmen, die jedoch die Verluste nicht vollständig kompensieren konnten. Besonders beim Schwarzwild ist aufgrund der hohen Reproduktionsrate jedoch davon auszugehen, dass sich die Bestände bereits wieder erholt haben.
Internationale Einordnung
Insbesondere in schwer zugänglichen oder dicht bewachsenen Lebensräumen haben sich die luftgestützte Erhebung und die Wärmebildtechnik als effektive Instrumente in der Wildtiererfassung etabliert. Untersuchungen aus Skandinavien und Kanada belegen ähnliche Vorteile hinsichtlich Flächenleistung, Genauigkeit und geringer Störwirkung. Allerdings unterstreichen diese Studien auch die Notwendigkeit einer sorgfältigen Kalibrierung der Entdeckungswahrscheinlichkeit sowie einer standardisierten Auswertung, um belastbare Vergleichswerte zu erhalten. In diesem Kontext nimmt das Projekt im Nationalpark Donau-Auen eine Vorreiterrolle ein, da es über mehrere Jahre hinweg konsistente Datenreihen liefert. Für Auwälder findet man kaum vergleichbare Referenzwerte zu Wilddichten.
Die Ergebnisse der Befliegungen ermöglichen eine realistische Einschätzung der Bestandsgrößen und damit ein besseres Verständnis der Dynamik innerhalb des Lebensraums. Insbesondere die Erkenntnis, dass das Extremereignis eines Hochwassers primär die Verteilung und weniger die Populationsgrößen beeinflusst, hat Auswirkungen auf naturschutzfachliche Maßnahmen. Ziel ist es, ein adaptives Management zu etablieren, das dem Prozessschutz im Nationalpark gerecht wird und Störungen auf der Fläche minimiert.
Zahlen statt Spekulationen
Fazit: Die Erhebung der Wilddichte im Nationalpark Donau-Auen zeigt, wie Technologie, Expertise und institutionelle Zusammenarbeit zu einem besseren Verständnis komplexer Ökosysteme beitragen. Der finanzielle und organisatorische Aufwand, den eine Befliegung mit sich bringt, wird mit validen Ergebnissen belohnt, auf die man sich im Schutzgebietsmanagement stützen kann. Für die Praxis bedeutet das: belegbare Zahlen statt Spekulationen – und damit eine solide Grundlage für nachhaltige Entscheidungen im Sinne von Wild, Wald und Mensch.










