Wie die Erderwärmung die Tierwelt verändert.
Der Klimawandel ist längst nicht mehr nur ein abstraktes Zukunftsszenario, sondern bereits heute ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von Ökosystemen. Besonders deutlich wird das an jenen Wildtierarten, die sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Temperaturanstieg, veränderte Niederschläge und häufigere Extremwetterereignisse greifen ineinander und verändern Lebensräume tiefgreifend. Diese Veränderungen betreffen nicht nur einzelne Arten, sondern wirken sich auf komplexe ökologische Zusammenhänge aus, die über lange Zeiträume hinweg vergleichsweise stabil waren.
Viele Wildtierarten sind eng an die Jahreszeiten angepasst. Ihr Verhalten, ihre Fortpflanzung und ihre Nahrungsaufnahme folgen einem fein abgestimmten Rhythmus, der durch Temperatur und Tageslänge gesteuert wird. Der Klimawandel verschiebt diese Abläufe, allerdings nicht gleichmäßig. Pflanzen reagieren häufig schneller auf steigende Temperaturen und beginnen früher zu wachsen oder zu blühen. Tiere hingegen orientieren sich oft stärker an der Veränderung der Tageslänge und passen ihr Verhalten langsamer an. Dadurch entstehen zeitliche Verschiebungen zwischen Nahrungsangebot und -bedarf, die für viele Arten problematisch sind.
Werden zum Beispiel Insekten früher aktiv, können insektenfressende Vogelarten ihre Brutzeiten nicht im gleichen Ausmaß anpassen. Das führt dazu, dass Jungvögel nicht mehr ausreichend Nahrung finden, wenn sie sie am dringendsten benötigen. Solche sogenannten „Mismatch“-Effekte zeigen, wie empfindlich ökologische Systeme auf Verschiebungen reagieren.
Auch Winterschläfer sind betroffen. Mildere Winter führen dazu, dass Arten wie etwa Murmeltier, Siebenschläfer oder auch Fledermäuse während des Winterschlafs ihren Stoffwechsel häufiger hochfahren. Jeder dieser Aufwärmphasen braucht Energie, die eigentlich für die gesamte kalte Jahreszeit eingeplant ist. Wenn die Energiereserven zu früh aufgebraucht sind, kann das Überleben gefährdet sein. Gleichzeitig fehlt bei zu frühem Beenden des Winterschlafs die Nahrung, da die Vegetation noch nicht ausreichend entwickelt ist.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Problematik der saisonalen Tarnung. Tiere wie Schneehasen oder Schneehühner wechseln im Winter ihr Fell beziehungsweise Gefieder zu Weiß, um sich im Schnee zu tarnen. Wenn jedoch der Schnee ausbleibt oder später fällt, sind diese Tiere auf dunklem Untergrund deutlich sichtbar. Ihre Anpassung an eine schneereiche Umgebung wird dadurch zur Gefahr. Der Klimawandel greift hier direkt in evolutionäre Strategien ein, die über lange Zeiträume hinweg zuverlässig funktioniert haben.
Neben diesen sichtbaren Veränderungen spielen auch weniger offensichtliche Faktoren eine wichtige Rolle. Gewässer in alpinen Regionen erwärmen sich zunehmend. Für viele Fischarten, die an kaltes Wasser angepasst sind, wird ihr Lebensraum dadurch ungeeignet. Wärmeres Wasser enthält weniger Sauerstoff, was die Lebensbedingungen für Bachforelle oder Äsche zusätzlich verschlechtert. Gleichzeitig können sich andere, wärmeliebende Arten wie die Schwarzmeergrundel ausbreiten und neue Konkurrenzsituationen für heimische Arten wie die Mühlkoppe schaffen.
Auch Trockenheit ist ein zentrales Thema. Reptilien wie die Sumpfschildkröte leiden unter austrocknenden Lebensräumen. Gleiches gilt natürlich auch für Amphibien, die zumindest für die Fortpflanzung auf Feuchtlebensräume oder Gewässer angewiesen sind. Wenn temporäre Gewässer schneller verschwinden, verlieren viele Arten ihre Fortpflanzungsgrundlage. Diese Veränderungen betreffen nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze Populationen und können langfristig zu Rückgängen führen.
Der Klimawandel zeigt sich jedoch nicht nur in schleichenden Veränderungen, sondern auch in der Zunahme extremer Wetterereignisse. Hitzewellen, Dürren oder Starkregen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Tierwelt. Insbesondere Wildtierarten, die sich bei Hagel oder heißen Tagen nicht in Höhlen zurückziehen können, sind betroffen. Hierzu gehören sowohl alle Bodenbrüter wie Rebhuhn und Fasan als auch Säugetiere, die ganzjährig oberirdisch leben, wie zum Beispiel Feldhasen. Hochwasserereignisse wirken sich auf diese Arten ebenfalls dramatisch aus, trifft aber auch jene, die unterirdisch in Höhlensystemen leben. Für kurze Zeit sind nach Überschwemmungen Wildtierbestände in betroffenen Gebieten lokal erloschen.
Gleichzeitig gibt es auch Arten, die von den veränderten Bedingungen profitieren, z.B. Schwarzwild. Mildere Winter führen dazu, dass mehr Tiere überleben und sich stärker vermehren können. Zudem finden sie auch in der kalten Jahreszeit ausreichend Nahrung, was ihre Population zusätzlich begünstigt. Solche Arten gelten als besonders anpassungsfähig und können sich schnell auf neue Bedingungen einstellen.
Höhere Anpassungsfähigkeit
Ein weiteres Beispiel ist die Ausbreitung des Goldschakals, der zunehmend auch in Mitteleuropa vorkommt. Diese Entwicklung wird durch die veränderten klimatischen Bedingungen begünstigt. Der Goldschakal findet in neuen Regionen geeignete Lebensräume und breitet sich entsprechend aus. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch bei Insektenarten aus der Mittelmeerregion beobachten, von denen einige inzwischen in Österreich auftreten, in denen sie früher nicht vorkamen.
Diese Veränderungen in der Tierwelt können aber nicht einfach als Verlust oder Gewinn beschrieben werden. In manchen Regionen kann die Artenzahl sogar zunehmen, weil neue Arten hinzukommen. Gleichzeitig gehen jedoch spezialisierte Arten verloren, die an bestimmte Lebensräume gebunden sind. Langfristig kann dies zu einer globalen Vereinheitlichung der Tierwelt führen, bei der sich vor allem anpassungsfähige Arten wie Fuchs oder Krähen durchsetzen. Diese gehören aufgrund ihres opportunistischen und flexiblen Verhaltens schon jetzt zu den Gewinnern in der Kulturlandschaft.
Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Geschwindigkeit der Veränderungen. Während sich Arten grundsätzlich an neue Bedingungen anpassen können, geschieht dies normalerweise über viele Generationen hinweg. Der Klimawandel verändert Lebensräume jedoch innerhalb weniger Jahrzehnte. Viele Arten können diesem Tempo nicht folgen. Besonders betroffen sind solche, die auf spezifische Umweltbedingungen angewiesen sind oder sich nur langsam fortpflanzen. In Österreich betrifft dies insbesondere die alpinen Arten wie Schneehasen oder Murmeltiere.
Auch die Möglichkeit, in andere Lebensräume auszuweichen, ist entscheidend. Viele Wildtiere versuchen, in kühlere Regionen auszuweichen. Je nach Exposition und alpiner Lage verschieben sich zum Beispiel Schneehasen oder Gämsen in höhere Lagen, wenn diese nicht südexponiert oder in den Südalpen liegen. Doch diese Ausweichbewegungen sind nicht unbegrenzt möglich. Irgendwann stoßen diese Arten an geografische oder ökologische Grenzen, etwa wenn kein geeigneter Lebensraum mehr vorhanden ist. Alternativ verlegen sie ihre Lebensraumnutzung in tiefere Lagen, in den Wald. Hier sind nicht nur das Monitoring und die Bejagung ungleich schwerer, sondern auch das Konfliktpotential mit der Forstwirtschaft höher.
Vielschichtiges Fazit
Insgesamt zeigt sich also ein vielschichtiges Bild. Der Klimawandel wirkt nicht nur auf einzelne Arten, sondern verändert ganze Ökosysteme. Er verschiebt Lebensräume, verändert Nahrungsnetze und beeinflusst die Beziehungen zwischen Arten. Einige Tiere profitieren von den neuen Bedingungen, viele jedoch geraten unter Druck.
Fest steht allerdings schon jetzt, dass die Veränderungen bereits im Gange sind. Die Tierwelt, wie wir sie heute kennen, ist nicht statisch, sondern Teil eines dynamischen Systems, das sich kontinuierlich anpasst. Der Klimawandel beschleunigt diesen Prozess erheblich und macht ihn in einer Intensität sichtbar, die in dieser Form neu ist.
Für die Jagd bedeutet dies, dass künftig ein erhöhtes Maß an Flexibilität gefordert sein wird, sowohl in der Reviergestaltung als auch in den Jagdstrategien. Wichtig ist hierbei ein tiefgreifendes Monitoring, um die genannten Veränderungen zu erkennen und kommunizieren zu können. Mehr denn je sind Jägerinnen und Jäger als Experten der Natur gefragt, denn sie haben das Wissen im Revier und setzen Maßnahmen vor Ort im Sinne eines gesunden und artenreichen Wildbestandes um. ⁄









