Zum Inhalt springen

Myxomatose beim Feldhasen

Das Virus wird sich langfristig etablieren.
Feldhase

Die Myxomatose ist spätestens seit ihrer raschen Ausbreitung beim Feldhasen in Niederösterreich im vergangenen Jahr in aller Munde. Nach einem Jahr mit teils erheblichen Besatzrückgängen und einer größtenteils ausgesetzten Hasenjagd blicken viele Jägerinnen und Jäger mit Sorge in die Zukunft.

Dennoch handelt es sich bei der Myxomatose keineswegs um eine unbekannte Wildkrankheit. Das Myxomatosevirus wurde im Jahr 1952 absichtlich nach Frankreich eingeführt, um die hohen Wildkaninchenbesätze zu reduzieren. Von dort aus verbreitete sich das Virus in den folgenden Jahrzehnten über weite Teile Westeuropas und wurde zu einer typischen Viruskrankheit des Europäischen Wildkaninchens.

Ursprünglich kommt die Myxomatose aus Südamerika. Dort tritt sie natürlicherweise bei der Gattung der Baumwollschwanzkaninchen auf und verursacht harmlose Bindegewebswucherungen, die in der Regel ohne schwerwiegende Erkrankung wieder verheilen.

Bei Europäischen Wildkaninchen hingegen verursacht das Virus bei seinem erstmaligen Auftreten in bisher nicht angepassten Besätzen eine meist tödlich verlaufende Erkrankung. Schwellungen und/oder Entzündungen im Bereich der Seher, Geäse, Löffel oder Genitalien begleitet von Apathie und verminderter Nahrungsaufnahme können innerhalb von ein bis zwei Wochen nach der Infektion zum Tod führen. Die Übertragung geschieht über Direktkontakt zwischen Individuen und blutsaugenden Stechmücken.

Vom Wildkaninchen zum Feldhasen

Alle bis dahin in Europa vorkommenden Stämme des Myxomatosevirus hatten eine Gemeinsamkeit: Infektionen beim Feldhasen waren im Vergleich zum Wildkaninchen eine Seltenheit. Im Jahr 2018 wurde in Spanien und Portugal jedoch erstmals ein bis dahin unbekannter neuartiger Virusstamm des Myxomatosevirus beim Iberischen Feldhasen nachgewiesen. Die Besätze reduzierten sich innerhalb eines Jahres um mehr als 50 Prozent. Sowohl das Krankheitsbild als auch die hohen Ausfälle nach dem erstmaligen Auftreten des Virus ähnelten den gängigen Myxomatose-Ausbrüchen beim Europäischen Wildkaninchen. Ein erstes Auftreten dieses neuartigen Virusstammes beim Europäischen Feldhasen folgte 2023 in Nordrhein-Westfalen, was im Jahr 2024 zu einer Verbreitung entlang der deutsch-niederländischen Grenze führte.

Im Frühjahr 2025 wurden schließlich auch in Niederösterreich erstmals Fälle von Myxomatose beim Feldhasen dokumentiert. Über den genauen Weg der Einschleppung kann nur spekuliert werden. Es handelte sich jedoch um denselben neuartigen Virusstamm, der zuvor in Deutschland und den Niederlanden ausgebrochen war.

Initiative der Jägerschaft

Infolge des Myxomatose-Ausbruchs in Niederösterreich verstärkten die Jäger in den Niederwildrevieren großflächig die Hegemaßnahmen. Die ­ Bejagung des Feldhasen wurde dementsprechend freiwillig weitestgehend ausgesetzt, um die Besätze nicht zusätzlich unter Druck zu setzen. Dadurch gingen die Abschusszahlen im Jahr 2025 um knapp 80 Prozent zurück.

Auf Initiative der Jägerschaft wurde in Zusammenarbeit mit dem NÖ Jagdverband, dem Fachausschuss für Niederwild und der Forschungsstelle für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) ein Forschungsprojekt zur Verbreitung der Myxomatose und ihrem Einfluss auf den Feldhasen in Niederösterreich ins Leben gerufen.

Für dieses Projekt sandten Jäger großflächig an Myxomatose verendete Feldhasen an das FIWI zur Untersuchung ein. Gleichzeitig wurden alle Hegeringleiter mittels Fragebogen zum Einfluss der Myxomatose auf die Feldhasenbesätze im August 2025 befragt. Die großflächigen von der Jägerschaft erhobenen Daten ermöglichten eine genaue Dokumentation des zeitlichenm Verlaufs der Myxomatose-Ausbreitung in Niederösterreich. Innerhalb von sechs Monaten breitete sich die Viruskrankheit nahezu flächendeckend über das Bundesland aus (siehe Tafel).

Hase Myxomatose

Einfluss auf die Feldhasenbesätze

Im Mai 2026 wurde erneut ein Fragebogen an alle Hegeringleiter versendet. 165 Hegeringe beteiligten sich an der Erhebung (2025: 163), wodurch erneut nahezu alle Hegeringe mit stärkeren Feldhasenvorkommen in Niederösterreich erfasst werden konnten. 50 Prozent aller Hegeringe berichteten über ein Vorkommen der Myxomatose. Der Frühjahrsstammbesatz 2026 zeigte im Vergleich zum Vorjahr einen durchschnittlichen Rückgang von 49 Prozent. Die Besatzentwicklung variierte jedoch erheblich: Während einzelne Hegeringe nur geringe bis keine Rückgänge verzeichneten, kam es in anderen zu Besatzverlusten von bis zu 90 Prozent. Diese deutlichen Unterschiede deuten darauf hin, dass die Feldhasenbesätze unterschiedlich stark auf das Auftreten der Myxomatose reagieren.

Der neuartige Virus befällt sowohl Feldhasen als auch Wildkaninchen. In 75 Prozent der Hegeringe mit Wildkaninchenvorkommen wurde neben dem Feldhasen auch Myxomatose beim Wildkaninchen festgestellt. Die Besatzrückgänge waren dabei mit jenen des Feldhasen vergleichbar.

Wie geht es weiter?

Wie bereits bei der „klassischen“ Myxomatose ist davon auszugehen, dass sich auch das neuartige Myxomatosevirus langfristig etablieren wird. Die große Frage bleibt: Wie werden sich die Feldhasenbesätze unter diesem Einfluss in Zukunft entwickeln?

Mit dem erstmaligen Auftreten der Myxomatose beim Wildkaninchen in Frankreich gingen die erstmals infizierten Besätze ähnlich den Hasenbesätzen in Niederösterreich stark zurück. Nach wenigen Jahren sank die Sterblichkeit infizierter Tiere jedoch deutlich. Der Rückgang der Sterblichkeit war nicht auf ein Verschwinden der Myxomatose zurückzuführen, sondern auf natürliche Selektion infolge der anfangs hohen Sterblichkeit in erstmals infizierten Besätzen.

Genetisch besser angepasste Wildkaninchen überlebten die Infektion häufiger. Gleichzeitig setzten sich Virusstämme mit milderen Krankheitsverläufen durch, da infizierte Tiere länger am Leben blieben und sich das Virus dadurch länger in den Besätzen halten konnte. Dadurch wurden die Krankheitsverläufe mit der Zeit milder, während die Widerstandsfähigkeit der Besätze gegenüber dem Virus zunahm.

Hinweise auf Anpassung

Einen ersten Hinweis auf eine mögliche Anpassung liefert eine Studie aus Tschechien: Entlang der niederösterreichisch-tschechischen Grenze wurden erstmals Antikörper gegen das Myxomatosevirus bei äußerlich symptomfreien Feldhasen nachgewiesen. Der Antikörpernachweis belegt einen Kontakt mit dem Virus und eine Immunreaktion, bedeutet jedoch weder einen sicheren Schutz vor einer erneuten Infektion noch eine Überlebensgarantie. Die Wirksamkeit und Dauer dieses Immunschutzes sind derzeit noch unklar.

Ergänzend zu den Antikörper-Nachweisen deuten jedoch auch Beobachtungen aus den von Myxomatose betroffenen Gebieten auf eine veränderte Entwicklung nach dem ersten Jahr des Ausbruchs hin. In Niederösterreich schätzten 81 Prozent der im Jahr 2026 befragten Hegeringe die aktuellen Ausfallserscheinungen der Feldhasenbesätze als „keine“ bis „mäßig“ ein. Auch in Nordrhein-Westfalen halbierte sich der Anteil der von Myxomatose betroffenen Hegeringe zwischen 2024 und 2025.

Ob sich beim Feldhasen aber eine Anpassung an das Virus einstellt, bleibt abzuwarten. Ein solcher Prozess kann mehrere Jahre dauern. Gezielte Hegemaßnahmen können jedoch weiterhin die Entwicklung gesunder Feldhasenbesätze fördern und damit die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anpassung verbessern.

Gesamt
0
Aktien
Vorherige
Reaktion der Murmel auf den Klimawandel
Murmeltier, Marmota marmota, liegendes Alttier, Nationalpark Hohe Tauern, Oesterreich

Reaktion der Murmel auf den Klimawandel

Wie anpassungsfähig sind die Winterschläfer?

Das könnte dir auch gefallen