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Reaktion der Murmel auf den Klimawandel

Wie anpassungsfähig sind die Winterschläfer?
Murmeltier, Marmota marmota, liegendes Alttier, Nationalpark Hohe Tauern, Oesterreich
Murmeltier, Marmota marmota, liegendes Alttier, Nationalpark Hohe Tauern, Oesterreich

Die Folgen des Klimawandels sind offensichtlich. Laut dem zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2, 2025) ist die Jahresmittel-Temperatur in Österreich in den vergangenen 125 Jahren um 3°C angestiegen. Somit übertrifft die Erwärmung die globalen Durchschnittswerte. Zudem konnte ein klarer Rückgang der Tage mit schneebedecktem Boden festgestellt werden. Hierfür verantwortlich ist vor allem eine zeitigere Schneeschmelze im Frühjahr. Ausnahmen davon werden dennoch wiederholt auftreten. 

Falls keine global wirksamen Maßnahmen ergriffen werden, dürfte in Zukunft in Österreich die sommerliche Niederschlagsmenge beträchtlich abnehmen, so die Voraussagen. Überdies wird die Skisaison merklich verkürzt werden müssen. Demgegenüber ist jedoch im Winter in Westösterreich mit einer Zunahme der Niederschläge zu rechnen. Indes dürfte dieser Niederschlag infolge der gleichzeitig steigenden Temperaturen häufig als Regen und nicht als Schnee fallen.

Hitzeempfindlichkeit 

Entgegen der landläufigen Meinung sind Murmeltiere nicht sonnenhungrig, sondern erstaunlich hitzeempfindlich. Unstreitig liegen die Tiere regelmäßig äußerst flach wie eine Flunder in der prallen Sonne vor den Baueingängen. Unsere Untersuchungen der „Wiener Gruppe“ belegen jedoch, dass zwar die Oberseite des Balgs stark erwärmt wird, aber gleichzeitig durch die locker behaarte Bauchseite Wärme an den kühlen Untergrund abgegeben wird. Dadurch vermindert sich die Körpertemperatur. Vermutlich werden durch die starke Einstrahlung auf das Rückenfell blutsaugende Milben vertrieben. Sonst weisen unsere Murmel außer Fadenwürmern nur noch artspezifische Bandwürmer im Darm auf. Gleichwohl dürften die Nagetiere nun durch die Ausbreitung anderer Parasiten in die Berge mittlerweile auch beispielsweise von Zecken befallen werden. Inwiefern das Immunsystem der Murmeltiere diese Belastung künftig wegstecken kann, ist unbekannt. Das ist zweifellos ein wichtiger Faktor, den es zu beachten gilt. Denn das Alpenmurmeltier besitzt eine sehr geringe genetische Vielfalt. 

Wenn es ihnen zu warm wird, fahren sie in ihre kühlen Röhren ein. Hier verbringen sie 90 Prozent ihres Lebens. So äsen Murmeltiere an heissen Sommertagen fast nur in den Morgen- und Abendstunden. Durch diese Pause geht ihnen durchaus wertvolle Zeit verloren, die sie an sich für den Fettaufbau benötigen. Von diesem zehren die Tiere ohne weitere Nahrungsaufnahme während ihres sechsmonatigen Winterschlafs. Da Murmeltiere nachtblind sind, ist es ihnen nicht möglich – wie etwa das Schalenwild – ihre Äsungszeit in die kühleren Nächte zu verlegen. 

Murmeltier, Marmota marmota, Alttier, Nationalpark Hohe Tauern, Oesterreich
Murmeltier, Nationalpark Hohe Tauern, Österreich

Verschlechterung der Äsung 

Mit unseren Freilandforschungen in Graubünden untersuchten wir, welche Pflanzenarten beim Äsen aufgenommen werden. Es zeigte sich, dass Murmeltiere ausgesprochene Nahrungsspezialisten sind. Insbesondere Alpen-Klee und Alpen-Mutterwurz wurden von Tieren aufgesucht und gefressen. Diese nur stellenweise vorhandenen Pflanzen enthalten für den Winterschlaf sehr spezielle Fettsäuren. Je mehr die Tiere im Herbst davon in ihrem Speicherfett aufweisen, umso gestärkter kommen die Murmel im Frühjahr aus dem Winterschlaf. 

Nährstoffkonzentration

Hier kommt wieder der Klimawandel ins Spiel. Bei wärmeren Temperaturen wachsen zwar die Pflanzen besser, solange genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. Aber gleichzeitig verdünnen sich die Nährstoffkonzentrationen in schneller/größer wachsenden Pflanzen. Folglich müssen die Tiere mehr fressen. Außerdem verringert sich mit zunehmender Trockenheit im Sommer nicht nur die Produktivität der Pflanzen, sondern genauso die Konzentration an Fettsäuren – was speziell für die Winterschläfer fatal ist. Des Weiteren begünstigt der Temperaturanstieg die Ausbreitung von subalpinen Sträuchern oder sich rasch ausbreitenden Gräsern in höhere Lagen. Entsprechend werden die an kältere Regionen angepassten Blütenpflanzen wegen der geringeren Konkurrenzstärke verdrängt – namentlich die Arten, die nicht nur für das Murmeltier sehr wichtig sind. 

Das gilt hauptsächlich (zumindest vorläufig noch) für die unterhalb, aber ebenso an der Baumgrenze lebenden Alpenmurmeltiere. Durch die fortschreitende Ausbreitung der Waldfläche verschärft sich die Situation deutlich. Gerade für Murmeltiere ist ein ausreichender Überblick ein entscheidender Faktor für das Überleben. Selbst nur schwach beweidete Flächen erhöhen die Gefahr, von Prädatoren wie Fuchs oder Adler erwischt zu werden. Hinzu kommt die ganz klare Zunahme der Bestände von allen Prädatoren. Das nicht nur wegen der Klimaerwärmung. Für die Murmeltiere ist es ein schwacher Trost, dass die Ausdehnung des Waldes in erster Linie bei offeneren, locker bestandenen Baumgrenzen erkennbar ist. Und bei einem Temperaturanstieg von eins bis zwei Graden kommt es voraussichtlich nur zu einer Anhebung der Baumgrenze um 100 bis 200 Meter. Es ist auch ein schwacher Trost, dass durch das bewegte Mikrorelief in alpinen Regionen kleine Populationen für bestimmte Pflanzenarten in Fluchtnischen überleben könnten. Es entspricht so oder so einem Lebensraumverlust für die Murmel. 


Jedoch, wie es nach einer Untersuchung im Raum Davos scheint, sind Murmeltiere in der Lage, höhergelegene Bereiche vermehrt zu nutzen. Dort leben nun die meisten dieser Nagetiere – gegenüber vor 40 Jahren – fast 100 Meter weiter oben. Dieselbe Verschiebung konnte die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in Graubünden bereits beim Stein-, Gams- und Rotwild feststellen, ebenso eine Verlagerung nach oben beim Alpenschneehasen. Beim Mankei ist zu bemerken, dass allerdings die absolute Obergrenze von 2.700 m Seehöhe gleich blieb. Somit schrumpft der Lebensraum auf jeden Fall, zumal der Raum nach oben immer kleiner wird. Folglich werden – wenn die Temperaturen weiter ansteigen – die potenziellen Lebensräume in den Alpen immer kleiner und zerstückelter. Dies führt dazu, dass die Bestände sich nicht nur verkleinern, sondern zusätzlich noch weiter auseinanderliegen. Deshalb – und das gilt für alle alpine Wildarten – wird der Austausch zwischen den lokalen Beständen immer schwieriger. 

Murmeltiere (Alttier und Jungtier) im Nationalpark Hohe Tauern, Sommer, Österreich,
Murmeltiere (Alttier und Jungtier) im Nationalpark Hohe Tauern, Sommer, Österreich,

Verschlechterung im Winter 

Viele Male im letzten Jahrzehnt verzeichneten wir im Winter eine Schneearmut. Bekanntlich profitieren die Murmeltiere, wenn während ihres Winterschlafs über dem Bau eine mächtige Schneedecke liegt. Diese schützt den Winterbau vor tief eindringender Kälte. Für Murmeltiere ist es normal, dass die Temperatur im Winterbau erst ab Mitte April knapp über dem Gefrierpunkt liegt. Davor misst die Kesseltemperatur erst ab Ende November unter 5 Grad und unter 3 Grad ab Mitte Dezember. Wohlgemerkt bei günstigem Schneeaufbau, also mit viel Lufteinschluss und kein Nassschnee. Wenn diese Schneedecke jedoch nur dünn ist, nützen selbst mildere Aussentemperaturen wenig, da diese dennoch ausreichend kalt sind und den Boden stärker auskühlen. Das setzt den Tieren allgemein deutlich zu. 

Darüber hinaus müssen im Winterschlaf die Affen (Jungtiere) von den starken Bären durchgewärmt werden. Je weniger von diesen im Bau stecken, desto größer ist die Gefahr, dass noch mehr Affen sterben. Diese bilden allerdings die Grundlage für größere Gruppen, notabene die späteren Helfer als „Wärmeflaschen“. Fallen diese weg, müssen die stärksten Tiere in der Gruppe, also der älteste Bär und das Muttertier (Katze), diese Aufgabe allein übernehmen. 

Welche Auswirkungen der Klimaveränderung konnten bisher beim Alpenmurmeltier festgestellt werden? Tatsächlich verzeichneten Untersuchungen der Universität Lyon in den Savoyer Alpen, dass im Verlauf der letzten Jahrzehnte die Anzahl an Tieren in den Familiengruppen und die Wurfgrößen abgenommen haben. Zusätzlich reduzierte sich die Überlebensrate der Affen. Das Körpergewicht der Katzen nahm allmählich ab. Das bewirkt längerfristig auch in den Kolonien mit zahlreichen Gruppen einen schrittweisen Rückgang der Populationen. Die französischen Forschenden führen diese einschneidenden Abnahmen auf die schwierigen Winterverhältnisse zurück.

Wir wissen bei den Katzen auch, dass nur starke Weibchen eine höhere Anzahl an Jungtieren werfen. Bei Murmeltieren bildet sie, als ältestes Weibchen der Gruppe, mit dem ältesten Bär das dominante Paar. Sie verteidigen ihr Revier gegen Eindringlinge. Sie dulden es nicht, dass gruppenfremde Murmeltiere in ihr Territorium gelangen. Gerade in der Bärzeit nach dem Winterschlaf versuchen immer wieder jüngere, erwachsene Murmel von außerhalb, ihre Positionen streitig zu machen. Ein Eindringling kann diese Position in der Regel nur mit einem Kampf übernehmen. 

Der Verlierer muss das Territorium verlassen und seinerseits versuchen, woanders ein gleichgeschlechtliches dominantes Tier rauszuwerfen. Das kostet natürlich bei dominanten Tieren viel Kraft. Mit anderen Worten müssen speziell nach dem Winterschlaf noch genügend Fettreserven vom Vorjahr übrig bleiben. Fehlt ihnen diese Reserve, kommt es nicht selten vor, dass das neue dominante Tier fast die ganze Gruppe aufmischt. Dabei werden gleichgeschlechtliche potenzielle Konkurrenten, wenn diese mindestens zweijährig sind, ebenfalls nicht mehr in der Gruppe geduldet. Demzufolge kann an einem Ort selbst bei recht großen Gruppen beobachtet werden, wie dort innerhalb von drei Jahren nur noch ein dominantes Paar in Anblick genommen werden kann. 

Verschlechterung im Sommer? 

Wie eingangs erwähnt schmilzt der Schnee heutzutage im Frühling oft viel schneller weg. Offenbar können Murmeltiere davon nicht profitieren. Der limitierende Faktor bleibt auf jeden Fall der Winterschlaf mit seinen Bedingungen. Ändern sich zusätzlich weitere Gegebenheiten, wie verschlechterte Nahrungsgrundlage oder erhöhte Tagestemperaturen wie auch Prädation, verstärken sie eindeutig das Risiko des Aussterbens des Alpenmurmeltiers in vielen Gebieten. 

Noch ein Blick auf die Verhältnisse im Sommer: Mit zunehmender Trockenheit verringert sich u.a. die Konzentration an Fettsäuren. Was speziell für die Winterschläfer fatal ist, weil diese gerade bei tiefen Temperaturen im Bau benötigt werden. Der Wassermangel und die Sommerhitze betreffen hauptsächlich die unterhalb der Baumgrenze lebenden Alpenmurmeltiere. Bei einer Begehung im Nationalpark Berchtesgaden konnte im Jahr 2022 genau in diesem Bereich zwischen 1.000 und 1.700 m Seehöhe festgestellt werden, dass die im Jahr 1996 noch stark besetzten Südosthänge mittlerweile fast verwaist waren. Im Gegensatz dazu waren auf derselben Höhenlage insbesondere Nordhänge gut von den Murmeltieren besiedelt. Insofern könnte daraus auf die Anpassungsfähigkeit dieser Tiere geschlossen werden. Ob diese Verschiebung der Tiere auf bisher „unbeliebte“ Habitate nur zufällig ist, muss noch systematisch verifiziert werden. Das gilt auch in den angrenzenden, etwas höher liegenden Gebieten. Ebenso kann damit eruiert werden, ob die Bestände gegenüber früher eher abnehmend sind. 

Abschusszahlen

Auch über der Waldgrenze, also in den Gebieten, wo die stärksten Bestände an Murmeltieren vorkommen, könnte sich die Anzahl der Tiere vermindert haben. Einen möglichen Hinweis dazu liefern die Abschusszahlen des Kanton Graubünden: in den Jahren 2005 bis 2010 (und auch davor) konnten fast immer über 5.000 Murmeltiere erlegt werden – in den letzten fünf Jahren (2019 bis 2024) nahm der Abschuss von etwas über 4.000 auf knapp über 3.000 ab. Können diese Zahlen ein Indiz auf bereits abnehmende Bestände sein? Ich hoffe doch sehr, dass dem nicht so ist. In Tirol gibt es diese Tendenz nicht, hier stehen die Abschüsse seit über zehn Jahren konstant um die 4.000 Murmeltiere pro Jahr. Ebenso in Kärnten, wo schwankend um die 800 Stück erlegt werden. Im Bundesland Salzburg steigt die Jahresstrecke sogar leicht auf über 1.700 Stück an.

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