Zum Inhalt springen

Faszination Blattjagd

Mehr als nur ein Fiepen
Rehbock steht in Wiese, Portrait, Sommer, NRW
Rehbock steht in Wiese, Portrait, Sommer, NRW

Ende Juli beginnt die Brunft beim Rehwild. Für viele Jäger das Highlight des Jagdjahres, da sie sich nun der Blattjagd widmen können. Damit das Blatten zum Erfolg wird, gilt es einiges zu beachten.


Jedes Jahr um Julibeginn steigt die Spannung im Rehrevier und die Vorfreude auf die Brunft unserer kleinsten Schalenwildart beginnt. Während regional in manchen Gebieten unterschiedlich geblattet wird, ist in einigen Revieren – da bereits vor der Brunft die meisten Böcke erlegt wurden – die Blattjagd kein Thema mehr. Bei der Blattjagd spielt die Struktur des Revieres (Feld oder Wald) und die traditionelle Einstellung der praktizierenden Jäger eine entscheidende Rolle. Rehähnliche Töne lassen sich mit Blättern, Gras- und Strohhalmen, im Handel erhältlichen Blattern, den Lippen, mit der Hand und sogar mit selbst gebauten Unikaten in der entsprechenden Klangfarbe, Tonlänge und -höhe akustisch modulieren.

Natürlich wäre es ein Leichtes, sein Smartphone am Ansitzplatz hervorzuholen und damit die entsprechenden Strophen abzuspulen. Neben dem Hinweis auf das jagdgesetzliche Verbot fehlt hier der Reiz dieser spannenden und emotionalen Täuschung des Rehwildes. Der lockende Mensch würde sich viel von der Faszination und dem Zauber der Lockjagd nehmen. Nur wer sich in den suchenden Bock, die getriebene Geiß oder das nach der Mutter ängstlich klagende Kitz hineinversetzen kann, wird auch die entsprechenden, oftmals geübten Töne mit Leidenschaft hervorbringen. Wie in einem Theaterstück nimmt der Jäger beim Blatten eine Rolle ein, in die er sich je nach angetroffener Situation im Revier hineinleben muss.

Zudem gibt es auch Locktöne, die außerhalb der Brunftzeit angewendet werden können und zum Erfolg führen. Fegen, Plätzen sowie ein Schrecken zum richtigen Zeitpunkt unterstützen die ausgewählte Strategie.

Perfekte Aussicht

Bevor man an ein Blatten im Revier denkt, müssen Vorkehrungen getroffen werden. Das bedeutet, dass die für die Lockjagd in Frage kommenden Reviereinrichtungen vorbereitet werden müssen. Nicht jeder Hoch- oder Bodensitz ist zum Blatten brauchbar. Zu Beginn (aber auch am Ende) der Brunft sollten die gewählten Lockplätze kritisch betrachtet werden. Nur weil sich an einem Ort ein neu erbauter Hochsitz befindet, bedeutet das nicht, dass es sich um einen erfolgreichen Blattstand handeln muss.

Die Frage, die man sich im Vorfeld stellen sollte, ist folgende: Hat an diesem Platz der Bock oder der Jäger mehr Chancen, zuerst entdeckt zu werden und kann ich diesen Platz im Vorfeld so verbessern, dass sich die Chancenverteilung zugunsten des lockenden Menschen verschiebt?

Kurz gesagt: Die Sichtbarkeit auf das zustehende Wild soll verbessert werden. Um dies zu erreichen, müssen sichtstörende Pflanzenteile wie Äste, Stauden, Gras und Springkraut entfernt werden. Nur wenn das anspringende Reh bereits von Weitem gesehen und angesprochen werden kann, ist der Jäger im Vorteil und kann dann weitere Entscheidungen bezüglich weiter Blatten, in Stellung bringen der Waffe, eventueller Erlegung oder weiterem Beobachten in Erwägung ziehen.

Unachtsamkeit mit Folgen

Steht ein im Astgewirr unentdeckt angesprungener Bock einmal unter dem Ansitzplatz, erspäht eine Bewegung des Jägers und hört, dass der Geißfiep aus dem Hochsitz stammt, so wird auch der brunftigste Bock laut schreckend das Weite suchen und diesen Platz für das restliche Jahr zumeist meiden. Es kann sogar passieren, dass er an einem anderen Platz beim Ertönen des Rehrufes in ähnlichem Klanggewand bereits nach der ersten Strophe fluchtartig das Weite sucht. Dieses Phänomen ist vor allem bei angeschweißten Böcken immer wieder zu beobachten, welche den Fieplaut und das Auftreffen der darauffolgenden Kugel an einem Teil des Wildkörpers, etwa Streif-, Lauf- oder Krellschuss, auch noch lange danach prägend in Verbindung bringen.

Ist der auserwählte Platz zur Zufriedenheit und selbstkritisch ausreichend vorbereitet, muss auch der Zugang – Weg oder Steig – entsprechend von Ästen gereinigt, ausgeblasen und gekehrt werden. Nur so ist gewährleistet, dass der Blattstand zu jeder Tageszeit erreicht werden kann. 

Auskundschaften

Noch bevor die Brunft beginnt, sollten vor allem die Standorte der Geißen ausgekundschaftet und aus der Ferne beobachtet werden. Der kundige Jäger wird seine erfolgversprechenden „Revierecken“ bereits kennen und über die Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt haben. Somit werden auch die Äsungsgewohnheiten des Rehwildes in den Brunftwochen im eigenen Revier vertraut sein. Sehr ruhige Revierteile mit heiklem Zugang oder wechselnden Windsituationen werden im Vorfeld der Brunft gemieden und erst an Tagen der höchsten jagdlichen Erfolgschance besucht. Das Wild – insbesondere die alten, heimlichen Böcke – wird nicht mehr unnötig gestört.  

Erfolgschancen

Etwa 50 Prozent des Erfolges entfallen auf die Vorbereitung, etwa 20 Prozent auf die musikalischen Darbietungen mit der entsprechenden Tonfindung und der Fähigkeit, sich in das Wild hineindenken zu können. Es gibt jedoch Tage, an denen die Böcke auf alle möglichen Lockgeräusche springen, wodurch es selbst Blattjagd-Anfängern einfach fällt, einen Rehbock anzulocken. Weitere 20 Prozent des Erfolgs entfallen auf das Verhalten am Stand, mit der entsprechenden Ruhe, einer umsichtigen Bewegungseinschränkung und der notwendigen Geduld. 

Die restlichen 10 Prozent hängen vom Tagesglück ab: Dazu gehören der Wind, die Wettersituation, die Beunruhigung durch andere Naturnutzer und die Erfahrung des Wildes sowie die Brunftbereitschaft der Böcke, dem Lockruf zu folgen. Bei letzterem spielt vor allem das Geschlechterverhältnis in den jeweiligen Revieren eine entscheidende Rolle. Denn warum sollte ein Bock, der seinen Windfang nahe der Schürze einer brunftigen Geiß trägt, auf das Blatten eines Jägers zustehen, wenn er dem Ziel seiner Begierde, den bevorstehenden Beschlag durchzuführen, doch so nahe ist. Das Vernachlässigen der Regulation weiblicher Stücke kann sich somit erschwerend auf die Blattjagd auswirken. 

Verräterischer Wind

Bevor ein Standort zum Blatten in Erwägung gezogen wird, sollte der Wind geprüft werden. Als praxistaugliche Windprüfer können Seifenblasen oder am Hutband aufgeklemmte, getrocknete Bovisten dienen, deren Sporen die leichteste Brise verraten. Eine weitere Option sind Golfbälle mit eingelochter Gänsefeder, die in der Sichtnähe des Ansitzplatzes platziert werden. So lässt sich ebenfalls die vorherrschende Windsituation erkennen. Sobald der Wind dreht, sollte der Standort gewechselt werden!

Passt die Windsituation an einem ausgewählten Platz, wird vorsichtig zum Ansitz geschlichen. Ausnahmen sind regelmäßig begangene Wege oder Steige, wo das Rehwild den Lärm der Naturnutzer über Jahre gewöhnt und damit vertraut ist. Hier kann man auch laut redend, etwa mit einem Jagdgast, bis in die Nähe des Sitzes gehen und muss erst die letzten Meter pirschen.

Erst nach einer halben Stunde Wartezeit, wenn sich Eichelhäher und Co wieder beruhigt haben, werden die ersten Strophen nach verschiedenen Seiten und gedämpft durch die hohle Hand in den Einstand geschickt. Es könnte ja in der unmittelbaren Umgebung ein Reh eingebettet sein und bereits auf den Ruf reagieren. Vor allem in uneinsichtigen Waldparzellen hat sich dieser Einstieg in die Blattzeremonie bewährt. 

Beginnend mit dem Geißfiep und am Ende der Ansitzzeit mit dem Kitzfiep. Denn wenn der Bock bei seiner Geliebten steht, hilft in den meisten Fällen nur mehr das Vortäuschen eines Kitzes in Gefahr. Mit dem aktivierten Mutterinstinkt folgt auch der Bock der Geiß und kann so sichtbar gemacht werden. Der Bock kann nicht zählen, wie oft geblattet wird und reagiert nur auf den Ton. Je öfter ein geiß-ähnlicher Ton ausgeschickt wird, desto schneller wird ein Bock springen.

Übung macht den Meister

Wer seine Hausaufgaben im Vorfeld der Rehbrunft gewissenhaft durchgeführt hat, wird mit dem geeigneten Blattinstrument und den eingeübten Tönen so manchen Bock bezirzen können. Selbstverständlich bedarf es einer gewissenhaften Übung mit den Instrumenten. Nur so kann während der Blattjagd auch der gewünschte Ton in der entsprechenden Situation getroffen werden.

Tipp vom Profi:

Die Stunden um die Mittagszeit, in kühlen Laubaltholzbeständen oder in der Nähe von Gräben mit Wasserläufen gehören zu den Geheimtipps eines lockenden Jägers an hochsommerlichen Brunfttagen.

Gesamt
0
Aktien
Vorherige
Wildzählung aus der Luft
Wildzählung Aufnahme von oben

Wildzählung aus der Luft

Eine zuverlässige Erhebungsmethode im Nationalpark Donau-Auen

Das könnte dir auch gefallen