Manches im Leben lässt sich nur schwer erklären. Beispielsweise die Faszination für kantiges Blech, brachiale Kraft, grobstollige Reifen und Technik, die den Hauch der Unvergänglichkeit atmet. Wie sich das anfühlt, erfährt man am Steuer eines „Huntire“.
Ein Land Rover ist wie eine Schwiegermutter – ständig ein bisschen krank, will aber nicht sterben“, lautet ein bissig-sarkastischer Spruch unter Berufsjägern in Afrika. Gemeint ist damit der seit 1948 in mehreren Serien im britischen Solihull gebaute Geländewagen, dessen unverkennbar kantiges Design sich im Laufe der Jahrzehnte so wenig veränderte, dass seine Form zum Inbegriff von Expedition und Abenteuer wurde. Seit 1990 als „Defender“ bezeichnet, ist er einerseits für seine legendäre Robustheit und Geländegängigkeit bekannt, andererseits aber auch wegen einer Vielzahl an technischen Macken, teilweise etwas salopper Verarbeitungsqualität und hartnäckigem Komfortverzicht berüchtigt.
Im Jahr 2016 endete die Produktion des kantigen Urgesteins. Von den insgesamt etwas über zwei Millionen hergestellten Exemplaren sind angeblich noch annähernd 75 Prozent im Einsatz. „Moderne Autos erreichen im Schnitt eine Lebensdauer von 10 bis 12 Jahren“, antwortet der KI-Modus von Google, nach der Haltbarkeit moderner PKW befragt, wobei der Fokus auf geringem Verbrauch und Elektronikkomplexität liege. Auch für technische Laien könnte angesichts dessen eine gewisse Diskrepanz zwischen Anschaffungspreis, Produktionsaufwand, Ressourcenverbrauch und Nutzungsdauer spürbar werden, eventuell die Frage der Nachhaltigkeit auftauchen. Gibt es so etwas wie das „Auto fürs Leben“ eigentlich noch? Im ungarischen Sárvár setzt man alles daran, solche zu bauen.
Die Retter-Manufaktur
Aus einer Tiroler Familie von Huf- und Wagenschmieden stammend, deren handwerkliche Geschichte bis 1673 zurückreicht, hat Firmengründer Pascal Türtscher die Mobilität offenbar in den Genen. Der ausgebildete Baumaschinentechniker lernte im elterlichen Hotel einst seine Frau Maria kennen, eine Ungarin, deren männliche Verwandte allesamt Automechaniker sind oder waren. So verlegte man den Lebensmittelpunkt in Marias Heimat, um das familiäre Know-how nützen und einigermaßen kostengünstig neue Infrastruktur errichten zu können. Doch es sollte kein herkömmlicher Kfz-Betrieb entstehen, denn Türtscher stand der Sinn nach etwas Besonderem: „Mächtige Baumaschinen haben mich immer fasziniert, die viel aushalten und nicht umzubringen sind. Deshalb fahre ich auch am liebsten Geländefahrzeuge, die eine ähnliche Robustheit aufweisen. Wir waren uns also einig, dass die Restauration und Modifikation von langlebigen Offroad-Fahrzeugen genau unser Thema ist und haben 2016 die Retter-Manufaktur gegründet, nach der Familie mütterlicherseits, den Retters, benannt.“
Die Spezialisierung auf den Defender sei aus logischen Gründen erfolgt, führt Türtscher aus. „Wenn man sich ansieht, wie viele Defender es noch gibt und wo die überall herumfahren, dann spricht das für eine gute Grundkonstruktion. Seine simple Bauweise, die geraden Bleche, drei unterschiedlich lange Radstände und eine Vielzahl an Variationsmöglichkeiten machen ihn so universell, dass er vom Jagdauto über einen Allrad-Transporter bis zum Expeditionsfahrzeug alles sein kann. Die Teile der Karosserie sind schnell ab- und aufzubauen, die Mechanik ist gut zugänglich.“ So ideal der britische Haudegen als Grundfahrzeug auch sei, kenne man jedoch auch seine Schwächen sehr gut. „Wir nehmen das Basisfahrzeug bis auf die letzte Schraube auseinander, was man im Video auf unserer Website übrigens im Zeitraffer sehen kann. Dann haben wir die Gelegenheit, alle bekannten Fehler zu beheben – schlecht verlegte Kabel und Seilzüge, Dichtheitsprobleme und mangelhafte Mechanik sind dann Geschichte. Je nach Budget des Auftraggebers nähern wir uns dem konstruktiven und maschinenbaulichen Idealzustand an, einem für Jahrzehnte funktionierenden Auto.“
Flaggschiff „Huntire“
Das Maximum des Machbaren verwirklicht die Retter-Manufaktur in ihrem Top-Modell „Huntire“, einer Wortkonstruktion aus Hungary, Tirol und Hunting. Endet das (verhältnismäßig kurze) Leben moderner Fahrzeuge meist am multiplen Versagen ihrer elektronischen Eingeweide, ist der limitierende Faktor bei Geländefahrzeugen oft der Rost. Deshalb werden beim Huntire der Heavy- Duty-Leiterrahmen und alle stählernen Elemente feuerverzinkt und beschichtet, zusätzlich hochwertige Komponenten aus Edelstahl verbaut. „Damit erreichen wir eine Haltbarkeit, die den Huntire zum Auto fürs Leben macht. Zu einem starken Körper gehört aber auch ein kräftiges Herz. Deshalb verwenden wir hier händisch aufgebaute V8-Benzinaggregate auf Chevrolet-Basis mit 6,2 Liter Hubraum und 430 PS, die der Euro-5- Norm entsprechen. Das mag vielleicht auf den ersten Blick nicht zeitgemäß klingen, aber mit einem reellen Durchschnittsverbrauch von 11 bis 15 Litern und fast unbegrenzter Lebensdauer sieht die Rechnung schon wieder anders aus“, erklärt Türtscher die zugrundeliegende Philosophie. „Wir verbinden unsere Motoren entweder mit einem hochwertigen Automatikgetriebe mit hydraulischem Drehmomentwandler oder verbauen ein Schaltgetriebe, je nach Kundenwunsch. Volle Sperrbarkeit für das harte Gelände ist sowieso klar.“
Erklettert man das Innere so eines Kraftprotzes, setzt sich der Anspruch auf Wertigkeit bis ins Detail fort. Feinste Lederbestuhlung in jeder denkbaren Farbe, digitale Instrumente, edle Tapezierung und Beschläge aus gebürstetem Alu vermitteln gediegenen Komfort, prahlen aber nicht. Da der Defender in seiner Grundkonstruktion das Lenkrad auf der rechten Seite hat, ist der Fußraum linksgesteuerter Modelle – vor allem für den Fahrer – ergonomisch meist suboptimal. Nicht so beim Huntire, denn in der Retter-Manufaktur wird die Blechgeometrie in diesem Bereich samt Pedalerie an den links befindlichen Fahrer angepasst. Eine sinnvolle Maßnahme, die so mancher Defender-Fahrer zu schätzen wüsste.
Fahrerlebnis
Nun, mit dem Interieur schon ein wenig vertraut, wollen wir den Hund von der Kette lassen; ein Druck auf den Startknopf und ein tiefes Grollen erfüllt die Werkshalle – intoniertes Drehmoment, das Gänsehaut und Vorfreude erzeugt. „Im Unterschied zu einem Turbodiesel, der nur innerhalb eines gewissen Drehzahlfensters anschiebt, hat man beim V8 die 480 Newtonmeter quasi aus dem Standgas zur Verfügung“, erklärt der Firmenchef und schlägt vor, mit dem jagdgrünen Pick-up gleich morgen Früh zur Jagd zu fahren.
„Wir sind hier in einem der besten Jagdgebiete Ungarns, da fahren wir nicht einfach nur zum Spaß durch die Gegend!“, verkündet Türtscher in breitem Tirolerisch. Auf die Frage nach seinem jagdlichen Werdegang ist er erfrischend ehrlich und berichtet, dass sein Interesse ursprünglich viel mehr dem Reisen galt und ihn ein befreundeter Jäger erst mit dem Argument zur Ablegung der Jagdprüfung überzeugen konnte, dass man auch zum Jagen auf Reisen gehen könne. „Nach den ersten paar Jagdeinladungen hier und in meiner Heimat Galtür bin ich dann vollends hineingekippt und nebenbei draufgekommen, wie viele meiner Freunde und Geschäftspartner begeisterte Jäger sind. Natürlich sehe ich auch unsere Fahrzeuge mit den Augen eines Jägers und weiß deshalb, was ein Jagdauto können soll.“
Die Preisfrage
Bedenkt man, dass ein gebrauchtes Grundfahrzeug in verwertbarem Zustand im Einkauf mit rund 30.000 Euro zu Buche schlägt, anschließend etwa 1.000 Arbeitsstunden aufgewendet werden und alle Komponenten beim Huntire aus dem Premiumsegment stammen, stellt man die Frage nach dem Preis naturgemäß etwas verhalten, bereit zum Luftschnappen. „Mit V8-Motor und Schaltgetriebe bauen wir den Huntire ab 159.870 Euro netto, anmeldefertig mit Einzelgenehmigung LKW N1 und Wertgutachten. Ein handgefertigtes Unikat ist in dieser Qualität darunter nicht realisierbar, aufgrund des Aufwandes verlassen auch nur sechs bis sieben Stück pro Jahr unsere Hallen. Wer sich einen bauen lässt, denkt aber für gewöhnlich langfristig und nicht nur bis zum Ende eines Leasingvertrags. Das ist kein modisches Accessoire, sondern ein Begleiter fürs Leben.“ Dass in dieser Preisklasse das Käufersegment schmal ist, weiß Pascal Türtscher realistisch einzuschätzen. Doch Defender-Enthusiasten, die mit der
originalen Motorisierung und Schaltgetriebe das Auslangen finden, aber dennoch ein vollverzinktes, langlebiges und von werksseitigen Unzulänglichkeiten befreites Fahrzeug haben möchten, werden hier ab 98.050 Euro netto zum Besitzer ihres Traumautos.
Wer nun damit liebäugelt, die Retter-Manufaktur in Sárvár zu besuchen und am Steuer eines Huntire den Hauch der Unvergänglichkeit zu verspüren, sollte eventuell mit darauffolgendem Suchtverhalten rechnen. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.









