Vielleicht ist auch aus jagdlicher Sicht etwas übersehen worden, aber solange keine Probleme auftreten, schaut man als Jäger natürlich, dass man einen Wildbestand aufbaut und nicht reduziert. Jetzt sehen wir allerdings, der Bestand muss reduziert werden und da sind wir fest dran“, erklärt Karl Bock, seit 2008 Jagdleiter im Revier Kattau im Bezirk Horn, im Kerngebiet des Damwilds in NÖ. In seinem Revier mit 600 Hektar Waldanteil wurden im Vorjahr 100 Stück Damwild – davon vier Schaufler – erlegt, im gesamten Hegering knappe 400 Stück. Und der Jagddruck ist weiterhin hoch: Ein kleiner Rundruf im Hegering hat gezeigt, dass auch in den ersten zwei Wochen der neuen Saison (16. bis 30. April) bereits über 30 Stück erlegt wurden.
Probleme bei Verjüngung
Waldbesitzern bereitet Damwild durch Verbiss- und Fegeschäden Probleme, aber auch auf landwirtschaftlichen Flächen zeigen sich zunehmend Wildschäden. „Früher wurde auf den Forst kein großer Wert gelegt, aber durch den Borkenkäfer in den Fichtenwäldern ist nun mehr Naturverjüngung gefordert. Vor etwa sechs Jahren begann es zu eskalieren“, erinnert sich Bock. Nicht nur die zunehmenden Wildschäden, auch vermehrte Sichtungen von Rudeln mit bis zu 70 Stück Damwild würden verdeutlichen, dass der Wildbestand zu hoch ist.
Das konzentriertere Auftreten des Damwilds im Rudel führte auch zu einem differenzierten Bild beim 2022 bis 2024 durchgeführten Verbiss- und Jungwuchsmonitoring. Bei manchen Erhebungspunkten hat sich die Verbisssituation verbessert, bei einigen deutlich verschlechtert. Eine Wildverbisserhebung im Dezember 2024 stellte auf einigen Grundstücken mit aufkommender Eichen-Naturverjüngung einen Verbissdruck von etwa 70 Prozent aller vorhandenen Eichenpflanzen fest.
„Die Jägerschaft ist sehr bemüht, das wieder zu reparieren“, betont Bock. Die Abschusszahlen des Vorjahres unterstreichen diese Bemühungen: Im gesamten Bezirk Horn wurden 513 Stück (der insgesamt 959 Stück in ganz Niederösterreich, das entspricht 53,5 Prozent) erlegt, das ist eine Steigerung um 162 Stück zum Jagdjahr 2024. Diese Steigerung wurde dabei von jenen Jagdgebieten im Kernlebensraum umgesetzt, welche diese Wildart über einen revierbezogenen Abschussplan bejagen.
Vom Gatter ins Freiland
Eine historische Aufarbeitung des Damwildvorkommens im Bezirk Horn belegt, dass vor dem 1. Weltkrieg im Bereich einer Eigenjagd im Bezirk ein Wildgatter für die Haltung von Damwild errichtet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Besatzungssoldaten die Einfriedung zerstört und das Damwild lebte ab dann in freier Wildbahn. Die interessante Schalenwildart wurde bis in die 1980er-Jahre gehegt und die Bestände sind gestiegen.
Die der Forst- und Jagdbehörde des Bezirkes Horn vorliegende Abschussentwicklung beginnt mit dem Jahr 1982. In den Jahren 1982 bis 1985 wurden jährlich 18 bis 26 Stück Damwild im Bezirk Horn erlegt. In den Jahren danach hat es einen kontinuierlichen Anstieg der Abschüsse gegeben, wobei seit etwa 2008 ein noch steilerer Anstieg zu verzeichnen ist (siehe Grafik).
Im Mai 2013 wurde nach einer Begehung in Theras erstmals eine „flächenhafte Gefährdung des forstlichen Bewuchses durch jagdbare Tiere festgestellt“ und die Jagdbehörde hat seither den revierübergreifenden Abschuss (Bezirksabschuss) weiter erhöht. So war 2012 die Erlegung von 45 Stücken vorgesehen, im Jahr 2013 bereits 59 Stücke. Seit 2020 kam es wieder zu vermehrten Schadensmeldungen und neue Maßnahmen wurden angeregt: So wurde die Schonzeit von Schmalspießern und Schmaltieren verkürzt und auf die Möglichkeit des Überschießens von weiblichem Wild und Nachwuchsstücken verwiesen. Die Wiedereinführung der vorrangigen Bejagung von Kahlwild (zwingende Erlegung von Kahlwild vor der Freigabe eines reifen Erntehirsches) steht im Raum.
Höhere Abschusspläne
Die behördlichen Abschusszahlen wurden bis zuletzt auf insgesamt 105 Stück Damwild beim revierübergreifenden Abschuss erhöht. Trotzdem lässt das Verbiss- und Jungwuchsmonitoring auf eine unveränderte Wildeinflusssituation schließen, erklärt Stefan Rosner, Bezirksforsttechniker der Bezirkshauptmannschaft Horn: „Für die Abschussplanperiode 2026–2028 wurden deshalb Damhirsche der Klasse III, Damtiere und Damkälber von der Abschussplanung ausgenommen, um so eine vereinfachte Bejagung außerhalb des Kernlebensraumes zu ermöglichen.“ Mit dieser Freigabe hoffe man die Bejagung von Damwild anzuregen, um so die Gefährdung von Wald durch Wild wieder in den Griff zu bekommen.
„Wie stark die Damwild-Population im Bezirk Horn tatsächlich ist, kann ohne flächendeckende Wildbestandserhebung kaum festgestellt werden. Die Sichtung größerer Rudel lassen jedoch den Schluss zu, dass es trotz der Steigerung der Abschusszahlen zu einer weiteren Vermehrung des Damwildvorkommens gekommen ist“, analysiert der Bezirksforsttechniker und ergänzt: „Laufende Beschwerden von Land- und Forstwirten über teilweise untragbare Damwild-Stückzahlen auf landwirtschaftlichen Flächen sowie im Wald zeigen die Notwendigkeit einer massiven Reduktion dieser Wildart im gegenständlichen Raum.“
Aufgrund des erhöhten Jagddrucks kommt es zu Veränderungen im Verhalten: Das Damwild stellt sich zu größeren Rudeln zusammen, wechselt in angrenzende Reviere und wird immer nachtaktiver sowie vorsichtiger. „Das Damwild passt sich schneller an als wir Jäger“, spitzt Karl Bock die Situation augenzwinkernd zu. „Deshalb jagt man heute nur mehr auf Stückzahlen und nicht mehr auf Selektion“, erklärt der Jagdleiter. Allerdings gebe es beim Damwild ohnehin keine schwachen Stücke im Revier und beim Geschlechterverhältnis sei man heute auch ausgewogen. Das spiegelt sich genauso bei der Abschussstatistik 2025 im Bezirk wider: Der Anteil der Damhirsche lag bei 33 Prozent, der Tiere bei 38 Prozent und der Kälber bei 29 Prozent.
Herausfordernde Bejagung
Im Vorjahr wurden die Abschusspläne in nahezu allen Revieren im Bezirk Horn zu 120, 130 Prozent erfüllt. Auf dieser Basis wurden die Pläne für heuer erneut nach oben gesetzt. Im Revier von Karl Bock sind es heuer 106 Stück: „Wenn wir die Abschusszahlen nicht mehr zusammenbringen, dann wird man Riegeljagden durchführen müssen, aber momentan geht es noch so.“
Die Vermarktung der erlegten Stücke sei jedenfalls kein Problem, wie Bock hinzufügt, denn Damwild liefert qualitativ hochwertiges Wildbret. Das Fleisch ist zarter als vom Rotwild und geschmacksneutraler als Rehfleisch und wird von vielen Jagdgebieten regional vermarktet.
Wenn man die Abschusspläne in den nächsten zwei, drei Jahren erfüllen kann, werde „die Situation wieder repariert sein“, prognostiziert der Jagdleiter: „Das geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht seine Zeit.“ Stefan Rosner ist überzeugt, dass ein Gleichgewicht zwischen Wildbestand, Waldentwicklung und landwirtschaftlicher Nutzung gemeinsam wieder hergestellt werden kann: „Eine aktive und verantwortungsvolle Wildbewirtschaftung, die sowohl jagdliche Interessen als auch forstliche und landwirtschaftliche Anforderungen berücksichtigt, ist entscheidend.“









