Zwischen Anpassung und Optimum

Ein Habitateignungsmodell für Niederösterreich zeigt, dass geeignete Lebensräume für Gamswild weit mehr sind als das, was im Revier beobachtet wird.

Trittsicher, wachsam und scheinbar perfekt an den Lebensraum angepasst. Doch was ist eigentlich der ideale Lebensraum der Gams? Diese zentrale Frage stellen sich nicht nur Jäger, sondern auch Wildbiologen und Naturschutz. Die Antwort darauf ist weniger offensichtlich, als man zunächst vermuten würde. Denn das, was wir im Revier beobachten, ist nicht zwingend das Optimum, sondern oft das Ergebnis historischer Entwicklung, Nutzung und Anpassung. 

Gams leben dort, wo sie sich behaupten konnten – nicht immer dort, wo die Bedingungen am besten wären. Genau hier setzt ein sogenanntes Habitateignungsmodell (HSI – Habitat Suitability Index) an. Es bewertet Lebensräume unabhängig vom tatsächlichen Vorkommen und ermöglicht damit einen differenzierteren Blick darauf, welche Flächen für die Gams besonders geeignet sind. Um diese Frage für Niederösterreich genauer zu beleuchten, wurde ein solches Modell für jene Regionen entwickelt, in denen Gamswild vorkommt – also für die südlichen Landesteile entlang der nördlichen Kalkalpen. Ein Blick auf die daraus entstandenen Karten zeigt sehr deutlich, wo sich geeignete Lebensräume konzentrieren und wie sie sich saisonal verändern.

Sommer und Winter

Ein zentrales Ergebnis ist, dass sich die Ansprüche der Gams im Jahresverlauf deutlich verändern. Im Sommer steht neben der Nahrungsverfügbarkeit vor allem die Thermoregulation im Vordergrund. Gamswild versucht Hitzestress zu vermeiden – was dazu führt, dass eher kühlere und weniger stark besonnte Bereiche genutzt werden. Gleichzeitig müssen ausreichend hochwertige Äsungsflächen vorhanden sein. 

Im Winter hingegen bleibt Nahrung ein zentraler Faktor, allerdings unter völlig anderen Rahmenbedingungen. Schneelage, Erreichbarkeit der Äsung und Energieeinsparung werden entscheidend. Sonnige Lagen und vergleichsweise tiefere Lagen gewinnen an Bedeutung, da sie zu geringerer Schneebedeckung und damit besserer Zugänglichkeit der Nahrung führen. Diese Unterschiede sind so grundlegend, dass Sommer- und Winterlebensräume getrennt betrachtet werden müssen.

Standortfaktoren

Das Modell basiert auf mehreren Umwelt- bzw. Standortfaktoren, die gemeinsam die Eignung einer Fläche bestimmen. Ein Faktor, der oft überschätzt wird, ist die Seehöhe. Zwar zeigt sich auch in Niederösterreich ein Trend zu höherer Eignung in größeren Höhenlagen, doch ist die Höhe allein wenig aussagekräftig. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel mit der Nahrungsverfügbarkeit sowie dem Vorhandensein von sicheren Rückzugsräumen. Gerade diese Rückzugsräume sind zentral. 

Steile, felsige Strukturen bieten Sicherheit und sind ein wesentliches Element des Gamshabitats. Wichtig ist dabei, dass solche Strukturen nicht nur oberhalb der Waldgrenze vorkommen. Auch im Wald, etwa in steilen, felsdurchsetzten Beständen, erfüllen sie diese Funktion. Steiler, felsiger Wald ist dabei kein Ersatzlebensraum, sondern war schon immer Teil des natürlichen Lebensraums der Gams. Die Hangneigung spielt eine wichtige Rolle, da Gamswild steilere Bereiche bevorzugt, die Übersicht und Sicherheit bieten. Die Exposition wirkt vor allem über die Sonneneinstrahlung, ist aber stark vom Lebensraum abhängig. Oberhalb der Waldgrenze ist sie ein zentraler Faktor, während sie im Wald deutlich an Bedeutung verliert, sowohl im Sommer als auch im Winter. 

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Landbedeckung. Besonders geeignet sind alpine Matten, spärlich bewachsene Felspartien sowie lichte, strukturreiche Wälder, während dichte Bestände und intensiv durch den Menschen genutzte Flächen deutlich weniger geeignet sind. Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren ergibt ein räumlich zusammenhängendes Bild der Lebensraumeignung.

Verteilung und Bedeutung für die Praxis

Die Modellierung zeigt ein klares Muster: Geeignete Lebensräume konzentrieren sich wie erwartet entlang der alpinen Bereiche Niederösterreichs. Im Sommer sind diese Flächen großräumiger und zusammenhängender, während sie sich im Winter stärker auf bestimmte Hanglagen beschränken. Dabei zeigt sich, dass die größten zusammenhängenden und am besten geeigneten Flächen vor allem in den Bezirken Lilienfeld, Neunkirchen und Scheibbs liegen. Gerade im Winter zeigt sich, wie begrenzt solche Flächen sein können und wie wichtig sie für das Überleben sind.

Der praktische Nutzen eines solchen Modells ist vielfältig. Es hilft, räumliche Zusammenhänge innerhalb von Populationen sowie deren Abgrenzung besser zu verstehen. Für eine endgültige Abgrenzung sind zwar genetische Untersuchungen notwendig, doch liefert das Modell eine wichtige Grundlage. Auch im Hinblick auf den geforderten günstigen Erhaltungszustand kann das Modell unterstützen, indem es zeigt, wie groß und wie gut geeignet die verfügbaren Lebensräume sind und welche Einheiten sich sinnvoll für das Monitoring abgrenzen lassen. Darüber hinaus lassen sich Verbindungsbereiche zwischen Lebensräumen erkennen, die für den Austausch zwischen Teilpopulationen von Bedeutung sein können. Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die Identifikation sensibler Winterlebensräume, in denen Störungen besonders kritisch sein können. Ebenso können potenzielle Konfliktbereiche sichtbar gemacht werden, etwa dort, wo hochwertige Gamshabitate mit wichtigen Objektschutzwäldern zusammentreffen.

Eignung und Vorkommen

Ein geeigneter Lebensraum ist nicht automatisch besiedelt. Unterschiede zwischen Eignung und tatsächlichem Vorkommen können verschiedene Ursachen haben, etwa Barrieren, übermäßige Bejagung oder andere historische Entwicklungen. Umgekehrt zeigt sich bei der Gams jedoch häufig eine gute Übereinstimmung zwischen ­geeigneten Lebensräumen und tatsächlicher Verbreitung. Besonders interessant sind daher jene Bereiche, in denen hohe Eignung besteht, aber vergleichsweise geringe Dichten beobachtet werden. Solche Gebiete verdienen eine genauere Betrachtung.

Fazit

Das Habitateignungsmodell zeigt vor allem eines: Es bietet eine flächige Perspektive auf den Lebensraum der Gams und macht Zusammenhänge sichtbar, die im Revier oft nur schwer zu erkennen sind. Es geht dabei weniger darum, einzelne Faktoren isoliert zu betrachten, sondern darum, ein Gesamtbild zu bekommen. Genau darin liegt der große Nutzen. Das Modell kann helfen, räumliche Strukturen besser zu verstehen, etwa welche Gebiete zusammengehören, wo wichtige Verbindungen liegen oder welche Bereiche im Winter besonders bedeutend sind. Damit liefert es eine wertvolle Grundlage für viele praktische Fragestellungen. 

In der Jagd und im Wildtiermanagement kann das Modell unterstützen, Maßnahmen besser abzustimmen und Populationen ganzheitlicher zu betrachten. In der Forstwirtschaft hilft es, potenzielle Überschneidungen mit Wäldern mit hoher Schutzfunktion zu erkennen. Auch für Naturschutz, Raumplanung sowie für Maßnahmen im Bereich Wildbach- und Lawinenverbauung kann es wichtige Hinweise liefern. Vor allem aber ermöglicht es, über Reviergrenzen hinauszudenken und den Lebensraum der Gams als zusammenhängendes System zu betrachten. Genau das wird in Zukunft wichtiger werden. Damit ist das Modell kein Selbstzweck, sondern ein praktisches Werkzeug, das hilft, Entscheidungen besser zu fundieren und den Lebensraum der Gams langfristig zu sichern.  

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