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Feuchtgebiete: Bleischrot verboten

30. Oktober 2023 -
Feuchtgebiete:  Bleischrot verboten - © Martin Grasberger
© Martin Grasberger

Während die Wasserwildjagd bereits seit einigen Jahren ohne Bleischrot auskommen muss, gibt es seit 15. Februar diesen Jahres eine weitere Einschränkung: Der bleihaltige Schrotschuss ist in Feuchtgebieten inklusive einer Pufferzone von hundert Metern ebenfalls Geschichte.

Die Verordnung (EU) 2021/57 der Kommission dient in erster Linie dem Schutz von Wasservögeln, etwa Enten, Gänsen oder Schwänen. Der Grund: Dieses Wasserwild nimmt kleine ­Steinchen auf, die dem Zermahlen der ­Nahrung im Muskelmagen dienen („Magensteine“). Wenn diese Vögel nun Bleikörner aus verschossener Schrotmunition aufnehmen, sorgt der Abrieb im Magen für eine gesundheitlich ­bedenkliche Bleikonzentration. Dies ist in erster Linie für die Vögel selbst eine Gefahr, aber auch für Greifvögel, die Wasserwild schlagen und fressen. Es gibt Schätzungen, nach denen jährlich eine Million Wasservögel in Europa an Bleivergiftung eingehen. Was gilt es nun bei der Jagd zu beachten?

  • Der Geltungsbereich der Verordnung bezieht sich auf sogenannte Feuchtgebiete. Die Verwendung von bleihaltigem Schrot sowie das Mit­führen von bleihaltigem Schrot ist in Feuchtgebieten und in einer Pufferzone hundert Meter rund um Feuchtgebiete verboten.
  • Was ein Feuchtgebiet im Sinne der Verordnung ist, ist im Einklang mit dem Ziel der Beschränkung, nämlich dem Schutz von Wasser­vögeln, auszulegen. Klargestellt wurde seitens der Europäischen Kommission und dem zuständigen Ministerium in Österreich, dass die Funktion des Feuchtgebiets gemäß der Ramsar-Konvention als Lebensraum/Brutgebiet für Wasservögel maßgeblich für diese Beurteilung ist. Dieser Lebensraum soll durch die Verordnung geschützt werden. Wasser­lacken nach einem Regenguss sind daher nicht von diesem Begriff umfasst.
  • Temporäre Feuchtgebiete, das sind zum Beispiel feuchte Sutten, zeitweise überschwemmte Feucht­wiesen, Salzlacken oder Moore, sind umfasst, unabhängig, ob in der Trocken- oder Feucht­periode.
  • Wichtig ist die Beweislastumkehr: Darunter versteht man die ­Umkehrung des Grundsatzes, dass eine Behörde dem Jäger ein schuldhaftes Verletzen einer ­Vorschrift nachweisen muss. Im Anwendungsbereich der Ver­ordnung (EU) 2021/57 der ­Kommission hat nunmehr der Jäger den Nachweis zu erbringen, dass mitgeführte bleihaltige ­Munition nicht zur Jagd auf ­Wasservögel verwendet wurde, ­sondern das Feuchtgebiet etwa nur durchquert werden sollte.

"Den Jagdleitern kommt hier eine enorm wichtige Funktion zu, denn sie müssen vor der Jagd klar kommunizieren, wo mit Blei gejagt werden darf und wo nicht." – DI Josef Pröll, Landesjägermeister von Niederösterreich

Was tun?

  • Vor der Jagd ist zu klären, ob diese in einem Feuchtgebiet stattfindet. Die Frage, die man sich als Erstes stellen sollte: Könnten dort, wo ich jagen will, realistischerweise Wasservögel leben/brüten?
  • Achten Sie darauf, dass Sie ein Feuchtgebiet mit bleihaltiger Schrotmunition nur betreten, wenn Sie dieses lediglich durchqueren. Bei einer allfälligen Kontrolle müssen Sie schlüssig erklären können, dass Sie mit der bleihaltigen Schrotmunition keinen Schuss im Feuchtgebiet bzw. der Pufferzone abgeben wollen, sondern dieses lediglich durchqueren.
  • Wie gewohnt halten Sie sich an die bereits bestehende nationale Verordnung, die ein Verbot der Bejagung von Wasservögeln mit Bleischrot auch außerhalb von Feuchtgebieten regelt. Diese bleibt aufrecht und ist weiterhin anwendbar, insofern ändert sich nichts.
  • Im eigenen Revier machen Sie sich im Zuge einer Revierrunde ein Bild und beurteilen die Lage, indem Sie sich die Frage stellen, in welchen Revierteilen bei Ihnen Wasservögel leben/brüten könnten; teilen Sie diesen Bereich auch Ihren Jagdausübenden mit. Im fremden Revier fragen Sie den Jagdausübungs­berechtigten nach solchen Gebieten.
Schrotkorn-Ø (in Millimeter) Internationalen Bezeichnung Geeignet für
4 0 Dachs, Auerhahn, Gans
3,5 2 Feldhase, Fuchs
3,3 3 universell Treibjagd
3 5 Fasan, Enten, Kaninchen
2,8 6 Fasan, Enten, Tauben
2,5 7 Rebhuhn, Waldschnepfe, Tauben
kleiner 7,5; 8; 9 Sport


Was bedeutet das in der Praxis?

„Das bedeutet, dass wir Jäger noch ­genauer aufpassen müssen, wo wir mit bleihaltiger Munition jagen und wo wir Blei­munition mitführen“, sensibilisiert LJM DI Josef Pröll die Jägerinnen und Jäger, „und hier kommt den Jagdleitern eine enorm wichtige Funktion zu, denn sie müssen vor der Jagd klar kommunizieren, wo mit Blei gejagt werden darf und wo nicht. Danach ist jeder Schütze für seinen Schuss selbst verantwortlich.“
Wenn Bleischrot in Feuchtgebieten mitgeführt wird, muss im Fall einer Kontrolle oder Anzeige glaubhaft dargelegt werden, dass man den Bleischrot nicht zur Abgabe von Schüssen im Feuchtgebiet mitführt, sondern dieses lediglich damit durchquert. Zuständig für die Kontrolle sind im Übrigen weder die Polizei noch die Jagdaufseher, ­sondern die Chemikalieninspektoren der Bundesländer. Gerade die Beweislastumkehr ist rechtlich kritisch zu sehen. Aus diesem Grund ersucht die Geschäftsführerin des Niederösterreichischen Jagdverbandes, Mag. Sylvia Scherhaufer, die Jägerinnen und Jäger, sich, falls es zu einer Anzeige kommen sollte, umgehend mit dem NÖ Jagdverband (Tel. 01/405 16 36-0) in Verbindung zu setzen.

Bleifreie Schrotpatronen

An dieser Stelle möchten wir esnicht versäumen, grundlegendes Wissen zum Schrotschuss aufzufrischen: Dieser tötet das Kleinwild nicht wie der ­Büchsenschuss durch mechanische Zerstörung von Organen oder Blutgefäßen, sondern durch die Schockwirkung, ­welche durch das gleichzeitige Auf­treffen möglichst vieler Schrotkörner auf dem Wildkörper erzielt wird. Der dabei auftretende „Aufschlag­impuls“ ist wiederum abhängig von der Geschwindigkeit und Größe der Schrotkörner. Dies ist auch der Grund, warum die Schussentfernung beim Schrotschuss bei etwa 35 m enden sollte.
Bei bleifreien Patronen, welche mit Alternativschrot, wie Bismut, Kupfer, Weicheisen, Wolfram, Zink usw., ge­laden sind, muss die Schussentfernung allerdings nach unten korrigiert werden. Um zu beantworten, warum dem so ist, hilft uns die Physik: Schrotkörner aus alternativen Materialien sind im Vergleich zu Bleischrot – bei gleicher Korngröße – in der Regel leichter, ­weswegen sie auf dem Weg zum Ziel schneller an ­Geschwindigkeit verlieren und somit, etwa auf eine Schuss­entfernung von 30 m, nicht dieselbe Auftreffenergie ­liefern können wie jene aus Blei. Um diesen Umstand zu ­kompensieren, ­werden bleifreie Schrotpatronen häufig mit erhöhtem Gasdruck geladen. Wichtig ist, dass die Verwendung von Stahl- oder Alternativschrot einen Stahlschrotbeschuss – erkennbar an der im Lauf ein­gestanzten „Lilie“ – der Flinte erforderlich macht.
Verfügt die Flinte – etwa, weil sie schon älter ist – über keinen ­gültigen Stahlschrotbeschuss, ist man bei der Jagd auf Wasserwild natur­gemäß eingeschränkt (siehe Tabelle auf Seite 24). Da man in diesem Fall etwa im Kaliber 12/70 mit einem Schrotkorndurch­messer von 3,25 mm limitiert ist, kann man mit einer solchen Flinte wohl kaum eine Einladung zur Gänsejagd annehmen. Wichtig: Bevor auf bleifreie Flinten­munition umgestiegen wird, unbedingt den Beschuss der Flinte prüfen! Bei Unsicherheiten lohnt sich jedenfalls der Gang zum Büchsenmacher oder zum Beschussamt.

Feuchtgebiete:  Bleischrot verboten - Bleischrot darf in Feuchtgebieten nicht mehr verwendet werden. - © Martin Grasberger
Bleischrot darf in Feuchtgebieten nicht mehr verwendet werden. © Martin Grasberger
Feuchtgebiete:  Bleischrot verboten - Die „Lilie“ auf dem Flintenlauf zeigt an, ob die Flinte über einen Stahlschrot­beschuss verfügt - © WEIDWERK-Archiv/Steinhauser
Die „Lilie“ auf dem Flintenlauf zeigt an, ob die Flinte über einen Stahlschrot­beschuss verfügt © WEIDWERK-Archiv/Steinhauser

Alternativen & Beschuss

Neben zahlreichen bleifreien Laborie­rungen, die aktuell am Markt erhältlich sind, sorgte der Hersteller BioAmmo bei seiner Markteinführung vor wenigen Jahren für Aufsehen: Hier ist nicht nur der Schrot bleifrei, auch die Hülse ist biologisch abbaubar. Generalimporteur ist übrigens die Schärdinger Waffenstube GmbH, erhältlich ist die Munition im Waffengeschäft Hanz (das-waffengeschaeft.at). Die Betreiber, Hermann und Christoph Hanz, sind begeistert von der spanischen Munition. Wir haben dort nach den Vorzügen der neuen Schrotpatrone ­namens „BioAmmo Blue“ gefragt: „Der große Vorteil ist die Legierung aus Zinn, Zink und Alu. Diese ist zwar ähnlich leicht wie Stahl, hat aber den großen Vorteil, dass sich die Schrote beim Auftreffen deformieren wie Blei. Damit ist die Schockwirkung besser als bei den härteren Stahlschroten. Weiters ist die Gellergefahr am Boden in Feucht­gebieten wesentlich geringer als mit Stahl.“ Es gebe schon einige positive Rückmeldungen aus den Revieren, so Christoph Hanz weiter, wo diese Munition für Krähen, Enten und Hasen bereits verwendet werde. Auch er weist vor dem Kauf bleifreier Munition darauf hin, die eigene Flinte auf einen gültigen Stahlschrotbeschuss hin zu überprüfen. Wer auf allseits bekannte Marken setzen möchte, wird auch bei Rottweil fündig (die neue Patrone „BI-Load“ ist etwa mit Schroten aus Bismut und Stahl geladen).
Der Leiter des Beschussamts Wien, Thomas Dietrichsteiner, schlägt in dieselbe Kerbe: „Wenn eine Flinte stahlschrotbeschossen ist, ist auf dem Lauf das entsprechende CIP-Zeichen, eine Lilie, zu finden. Es gibt allerdings auch den Fall, dass Flinten mit 76er-­Patronenlager über einen verstärkten Beschuss verfügen und keine Lilie aufweisen – Vorsicht, ein verstärkter Beschuss ist kein Stahlschrotbeschuss!“ Auch mit verstärkt beschossenen Flinten ohne Stahlschrotbeschuss sei man auf gewisse Schrotgrößen beschränkt, betont Dietrichsteiner. Falls die eigene Flinte keinen Stahlschrotbeschuss aufweise, könne man sich gerne an das Beschussamt wenden (Tel. 01/7346 26 80, E-Mail: office-wien@beschussamt.gv.at), ergänzt er.

Fazit

Die neue Verordnung bedeutet nicht, dass Jäger, in deren Revieren Feuchtgebiete zu finden sind, ihre Flintenun an den Nagel hängen müssen. Sie sind jedoch angehalten, sich eingehend mit dem bleifreien Flintenschuss auseinanderzusetzen, die eigene Flinte auf einen Stahlschrotbeschuss hin zu prüfen und die „richtige“ Laborierung zu finden. Denn eines muss jedem von uns klar sein: Blei wird früher oder später wohl aus allen für die Jagd verwendeten Munitionsarten verschwinden.