Reportage

The Sound of . . . Tracht

August 31, 2021 -
Dirndl mit Leib aus Seiden-Jacquard und Rock aus Dupionseide. - © Gössl

Andernorts Folklore, hierzulande Teil des Lebens – das ist Tracht im deutschsprachigen Alpenraum. Bei Gössl Wien haben wir einiges über Klassiker und aktuelle Trends erfahren, warum Trachten „Lebensbegleiter“ sein können, und: Was trägt man am besten am Jägerball? (Inkl. Gewinnspiel am Ende des Textes)

Das gibt’s ja wirklich! Dass wir Österreicherinnen und Österreicher Dirndl, Lederhose und Trachtenjoppe tragen, im Alltag und nicht nur an Feiertagen, versetze vor allem Touristen in Staunen, meint Wolfgang Rosner, Gössl-Franchisenehmer und Geschäftsführer von Gössl Wien – Wolfgang Rosner GmbH.

Vor über fünfzig Jahren prägte der ­Musikfilm The Sound of Music das Bild Salzburgs und Österreichs auf der ganzen Welt. Die traditionelle Bekleidung ist heute sicherlich um ein Stück moderner, aber sie wird getragen und ist im ländlichen, wie auch im urbanen Raum anzutreffen; bei Veranstaltungen wie auch im täglichen Leben. Das ist eine Besonderheit des deutschsprachigen Alpenraums und etwas, worauf man durchaus stolz sein darf.

Das Salzburger Traditionsunternehmen Gössl wird in zweiter und dritter Generation von Mag. Gerhard Gössl und MMag. Maximilian Gössl geführt. Vom ursprünglichen Schneidern von Trachtenblusen ist das Unternehmen in seiner über 70-jährigen Firmengeschichte zum Trachtenspezialisten avanciert. Heute betreibt Gössl ein Franchise-System mit etwa 40 Markengeschäften.

Pro Jahr werden bei Gössl etwa 100.000 Modelle für Männer, Frauen und Kinder – großteils in Handarbeit veredelt – hergestellt, das trachtige Repertoire reicht vom Dirndl über Joppe und Sakko bis zur „Hanfernen“. Wir wollen wissen, wo die Bekleidungsstücke hergestellt werden. „Wir produzieren so regional wie irgend möglich. Nachdem es in Österreich keinen Säckler gibt, der die Stückzahlen herstellen kann, die wir brauchen, werden Lederhosen etwa in Bayern gefertigt“, so Rosner. Die Nähe zu Österreich setzt sich fort: Einige Stücke werden in Ungarn genäht. Accessoires und Herrenschuhe stammen direkt aus Wien. Auch Knöpfe, Stoffe, Hanf, Leinen und Blaudruck kommen aus Österreich, so Rosner.

„Die ganz besonderen Stücke werden direkt in Salzburg gefertigt, im ,Gwandhaus‘. Da gibt es eine große Näherei, in der die Musterkollektion entsteht, ebenso die Editionsteile bzw. ganz besondere Produkte, die nur in geringer Stückzahl hergestellt werden. Jedes Bekleidungsstück aus dem Gwandhaus entsteht in zahlreichen Stunden liebevoller Handwerklichkeit“, so Rosner. Das Schneider-Atelier ist übrigens bloß ein Teilbereich des trachtigen Schaffensortes. Im Gwandhaus befindet sich auch das Gössl’sche Haupt­geschäft, außerdem ein Trachtenmuseum – zumal Tracht eine lange Tradition hat.

Blaudruckdirndl mit seidener Handdruckschürze - © Gössl

Blaudruckdirndl mit seidener Handdruckschürze © Gössl

Arbeiter und Adelige

„In vergangener Zeit war Tracht die Arbeitsbekleidung am Land. Bäuerin und Bauer, Magd und Knecht trugen sie im Alltag. Erzherzog Johann fand Gefallen an dem praktischen Gewand. Er ehelichte die Postmeistertochter Anna Plochl in Bad Aussee – in Tracht. Seinem Vorbild folgten der Adel und das Bürgertum bei der Sommerfrische. Auch dadurch erfuhr Tracht etwas Abwandlung und Modernisierung, als ­Reminiszenz an die ländliche Bevölkerung wurde Schönes und Wertvolles auch von der Aristokratie getragen. Ein besonderer Liebhaber von Tracht war etwa Kaiser Franz Joseph I., der im Sommer und zur Jagd immer gern in Tracht erschien“, weiß Rosner. Das Wort ,Tracht‘ komme von ,tragen‘. Eine Bedeutung ist das Tragen von Bekleidungsstücken. Nun, was trägt man denn aktuell, und wer trägt es?

Gössl Wien

In der Weihburggasse, einer schmucken Seitengasse der belebten Einkaufs- und Flaniermeile Kärntner Straße in der Wiener Innenstadt, befindet sich das Trachtengeschäft von Gössl Wien. Auf zwei Etagen werden Trachten für die Frau, den Mann und auch für Kinder geboten. Bereits beim Betreten des Geschäfts sind sie spürbar, die Herzlichkeit und die Liebe zum Detail. Wolfgang Rosner begrüßt uns, freilich in Tracht. Im Erdgeschoss fällt uns ein edler Holztisch auf, darauf drapiert sind Lederhosen in Brauntönen, von einem ganz dunklen Braun bis hin zu Beige. „Der Trend geht sehr stark in Richtung der helleren Farben. Die traditionelle Farbe – Altdeutsch (Dunkelbraun, Anm.) – hat ihren Bestand, ihre Wertigkeit und ihre Tradition. Ein Mann, der sich eine zweite oder dritte Hose zulegt, kauft sich gerne einmal eine hellere. Das ist eine Spur sommerlicher und vielleicht auch leichter zu kombinieren“, so Rosner. „Der modernere Kunde trägt die Lederhose auch mit einem T-Shirt, einem Poloshirt oder am besten mit einer lässigen ,Pfoad‘ (trachtiges Hemd, Anm.), mit Sneakers oder Flip Flops und geht so in die Stadt.“

Alternative zur "Ledernen": die "Hanferne": kniekurze Stoffhose mit Reliefstickerei - © Gössl

Alternative zur "Ledernen": die "Hanferne": kniekurze Stoffhose mit Reliefstickerei © Gössl

Eine Alternative zur „Ledernen“ ist die „Hanferne“: eine kniekurze Hose mit Reliefstickerei, ähnlich der Lederhose, jedoch aus einem leichten, geschmeidigen und dennoch festen, formstabilen Stoff. Und – im Gegensatz zur Lederhose (auf keinen Fall waschen!) darf die Hanferne bei 30 °C in der Waschmaschine gewaschen werden.

Im Verkaufsraum entdecken wir außerdem Joppen, Hemden, Gilets, bis hin zu Stutzen oder handgemachten Lederschuhen; trachtige Komplettoutfits. Zu ebener Erde werden Männer fündig. Eine Sitzgarnitur mit Bier­tender im hinteren Teil des Geschäfts, nebst der Ecke mit Accessoires, Schuhwerk und Seidenkrawatten, räumt letzte Zweifel aus dem Weg. Auf dem gekühlten Bierfässchen thront ein Hut – was für die Kunden immer signalisiert, dass Hausherr Wolfgang Rosner selbst zugegen ist.

Im ersten Stock finden Frauen unterschiedlichste Dirndln. Von schlichteren bis zu exklusiven, edlen Modellen wird eine große Bandbreite geboten. Ob für den Kirtag, den Jägerball oder die Trachtenhochzeit – für jeden Anlass findet frau etwas Passendes; mit Baumwolle, Leinen oder Seide sind auch unterschiedliche Stoffe abgedeckt.
Inklusive hauseigener Schneiderei und fachkundiger Beratung durch den Hausherrn und sein kompetentes Team. Neben den Dirndln wird bei Gössl Wien auch trachtige Alltagsbekleidung angeboten: Sommerkleider, Stiefelhose, Trachtenblusen und -blazer, Schuhe, Schals, Schmuck und mehr.

Eine Besonderheit des Hauses sind seidene Handdruckschürzen, einige davon sind exklusiv nur bei Gössl Wien zu erstehen. Hergestellt werden die edlen Stücke in Bad Aussee. „Auf einem Stück Rohseide wird Schicht für Schicht Farbe aufgetragen bzw. gestempelt; nicht gedruckt! Die Holz- bzw. Kupferstempel sind teilweise 70–100 Jahre alt. In vielen Einzelschritten entstehen Unikate in hundertprozentiger Handarbeit“, erklärt uns der Hausherr.

Apropos: Je nachdem, welche Schürze man zum Dirndl wählt, mutet das Outfit völlig verändert an, wie wir feststellen. „Das – mit Abstand – meistgetragene und meistgekaufte ist das Ausseer Dirndl. Das Besondere daran sind die Farben. Der dunkelgrüne Leib, der rosafarbige Kittel und, im Original, die Baumwollschürze in Lila“, so Rosner. Aber das Ausseer Dirndl ist sehr vielseitig: So kann es etwa mit Leinenleib und Baumwollrock getragen werden oder, wie linkerhand auf dieser Seite zu sehen, mit seidener Handdruckschürze. Je nachdem, mit welchen Accessoires (etwa Dirndljacke, Schal oder Blütenkranz) man das Ausseer Dirndl kombiniert, sieht es entsprechend unterschiedlich aus.

Das meistgetragene und meistgekaufte Dirndl bei Gössl Wien ist das Ausseer Dirndl.  - © Gössl

Das meistgetragene und meistgekaufte Dirndl bei Gössl Wien ist das Ausseer Dirndl. © Gössl

Ein weiteres Highlight und eine Innovation bei Gössl ist der Dirndl­pullover (siehe l. o.), erhältlich in unterschiedlichen Farben und Längen. Dirndlpullover können unter dem Dirndl getragen werden, aber auch zu einem Blazer, einer Jeanshose oder zu einem Trachtenrock. Er besteht aus feiner Merinowolle und eignet sich für den Winter wie auch für den Sommer.

Leinendirndl mit Rock aus Anna Plochl Baumwoll-Satin, Merinowolle-Dirndlpullover, Leinen-Bindegürtel - © Gössl

Leinendirndl mit Rock aus Anna Plochl Baumwoll-Satin, Merinowolle-Dirndlpullover, Leinen-Bindegürtel © Gössl

Trends & Jägerbälle

Welche Farben sind denn heuer angesagt? „Es gibt die klassischen Farben, die immer ihre Berechtigung haben und gerne gewählt werden. Neben dem Ausseer Dirndl sind heuer auch Beerentöne stark. Blau ist ein Klassiker. Auch Schwarz wird immer gerne getragen, im Sommer wie im Winter. Ein schwarzes Dirndl kann man vielseitig kombinieren, das schaut am Jägerball toll aus und kann auch am Kirtag super wirken. Man muss es nur anders zusammenstellen.“

Was trägt man denn am besten am Jägerball? „Für den Mann: Eine Möglichkeit ist die Lederhose. Meine Empfehlung ist ein festlicher Anzug, etwa der Steirer oder ein ,Leobener‘. Noch besser ist ein Jagdsmoking. Das Besondere am Jagdsmoking sind die Farben Dunkelgrün und Schwarz und die dazu kombinierte rosa Krawatte, das rosa Stecktuch bzw. das schwarze Mascherl. Für Frauen empfehle ich ein langes Dirndl (alternativ: eine Midi- oder Dreiviertellänge). Ich würde gedeckte Farben präferieren, und besonders festlich macht es das Material; ein (Seiden-)Dirndl mit Seidenschürze, einer edlen Bluse, entsprechender Frisur und passendem Schmuck wäre eine perfekte Kombination. Ob das Balldirndl jetzt ein schwarzes, dunkelgrünes oder bordeauxfarbenes ist, ist zweitrangig. Es muss natürlich zur Trägerin passen. Nicht jeder und jedem steht alles. Es kommt auch stark auf die Haar- und Augenfarbe und den Teint an“, weiß Rosner.

Zeitlos in Tracht. Rechts mit heller Lederhose - ein Trend der Saison (r.). - © Gössl

Zeitlos in Tracht. Rechts mit heller Lederhose - ein Trend der Saison (r.). © Gössl

Zufall oder Schicksal?

Wolfgang Rosner hat vor fünf Jahren Gössl Wien übernommen. Dass er selbst einmal die Branche wechseln und Trachten verkaufen würde, war nicht geplant und ergab sich recht spontan und zufällig – oder war es Schicksal? Heute könne er sich nichts anderes mehr vorstellen. Der gebürtige Oberösterreicher war zwei Jahrzehnte lang im Bankwesen tätig. Bereits zu dieser Zeit hatte er trachtige Bekleidung für sich entdeckt. „Mit meinem ersten selbst verdienten Geld wollte ich mir was kaufen, an dem ich möglichst lange Freude habe, und da habe ich mir eine Trachtenjoppe aus Leinen gekauft. Um ein Vermögen – sie kostete mehr als meinen halben Monatslohn. Aber ich dachte mir, die Joppe kaufe ich mir jetzt, die gefällt mir hundertprozentig.“

Jäger unter sich: Wolfgang Rosner, Originalfotografie aus 1912, Kaiser Franz Joseph I. nach der Jagd - © WEIDWERK/Landbauer

Jäger unter sich: Wolfgang Rosner, Originalfotografie aus 1912, Kaiser Franz Joseph I. nach der Jagd © WEIDWERK/Landbauer

Dem Bankwesen kehrte Rosner irgendwann den Rücken; lange genug war er in dem Metier tätig gewesen. Den Wunsch nach Selbstständigkeit, wie sie seine Familie mit dem Motto „Lieber ein kleiner Herr als ein großer Diener“ verband, wollte er sich erfüllen. „Ich wollte interessante und spannende Leute treffen. Und etwas tun, das mir Spaß macht.“ – Neben den Trachten liegen Rosners Leidenschaften in der Jägerei (immer in der Lederhose!) und dem Kochen von Selbsterlegtem für Familie und Freunde. Was ihn besonders freut: Auch sein Sohn Hugo zeigt bereits Interesse an der Jagd. Hugo begleitet seinen Vater bei der Jagd und hilft ihm bei Revierarbeiten.

Im Geschäft nimmt sich Wolfgang Rosner gerne Zeit, um mit seinen Kunden zu plaudern. Viele gute Bekanntschaften und auch Freundschaften sind daraus entstanden. Geschichten über das Jagern hört er immer gerne, und selbst zu erzählen bereitet ihm natürlich ebenfalls Freude.

Jedes Jahr gibt es neue Modelle, doch Trachten sind zeitlos und können einen ein Leben lang begleiten. Schulterpolster sind nicht mehr „in“? Das Dirndl oder die Lederhose sind zu klein oder zu groß? Alles kein Problem; ­Änderungen können in jede Richtung vorgenommen werden. Mit hochwertiger Tracht ist man immer gut angezogen, langlebig ist sie, wie gesagt, obendrein. Wolfgang Rosner lebt es vor. Die Joppe, die er sich damals mit dem ersten selbst verdienten Geld geleistet hat, trägt er immer noch.

Gössl Wien –Wolfgang Rosner GmbH
Weihburggasse 5, 1010 Wien
Öffnungszeiten: Montag bis
Freitag von 10 bis 19 Uhr,
Samstag von 10 bis 17 Uhr
+43 (0) 1/513 04 03
wien@goessl.com
www.goessl.com/goessl-wien

Titelbild: Dirndl mit Leib aus Seiden-Jacquard und Rock aus Dupionseide. Bluse aus weichem Anna Plochl Baumwoll-Satin. Schürze aus reiner Seide mit handgedruckten Modeln. © Gössl

Gewinnspiel: Tickets für den Gössl Wien-Trachteng’wandsonntag

Gewinnen Sie 10×2 Tickets für den traditionellen & exklusiven Trachteng’wandsonntag, veranstaltet von Gössl Wien – Wolfgang Rosner GmbH. Mit Hubertusmesse in einer Kirche in der Wiener Innenstadt und anschließendem gemütlichem Beisammensein bei Speis & Trank, Networking und Philosophieren über das Jagern. Limitierte Teilnehmerzahl. Nur auf Einladung.

Wie können Sie mitmachen? Schreiben Sie uns in einem E-Mail an m.landbauer@weidwerk.at, warum gerade sie am Trachteng’wandsonntag teilnehmen möchten. Das Gewinnspiel läuft bis zum 15. September 2021. Die Gewinner geben wir in der Oktober-Ausgabe bekannt. – Viel Glück!