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Jagd & Selbstversorgung

2. Juni 2024 -
Junger Hirsch im Morgennebel. - © Karl-Heinz Volkmar
© Karl-Heinz Volkmar

Wie der Trend zur gesunden Ernährung das Thema Jagd wieder „schmackhaft“ macht.

In der öffentlichen Meinung hat die Jagd seit Jahren einen immer schlechteren Stand. Zwar nimmt die Zahl der Jäger tendenziell leicht zu, das Gros der restlichen Bevölkerung hat jedoch mittlerweile meist alle Berührungspunkte mit der Jagd verloren. Gleichzeitig erfreuen sich viele andere, eng mit der Jagd verbundene Aspekte des Landlebens steigender Beliebtheit. Denn eigentlich ist ein beschauliches Leben im Einklang mit der Natur gerade das, was sich viele Leute als Ausstieg aus dem Alltag wünschen würden. Gerade wenn es um Ernährung geht, wächst das Interesse an ländlicher Naturverbundenheit und der eigenen Lebensmittelversorgung. Wenn es also das Ziel sein soll, die Jagd im öffentlichen Auge wieder besser dastehen zu lassen, ist die Darstellung als „Weg zur Natur“ in Gemeinschaft mit den anderen Facetten dieser Bewegung eine vernünftige Überlegung. Sprichwörtlich geht auch hier die Liebe durch den Magen.

Ernährungsbewusstsein

Menschen achten in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus den verschiedensten Gründen vermehrt auf ihre Ernährung. Waren Vegetarier vor einigen Jahrzehnten noch eine sonderbare Randerscheinung, haben sie sich heute fest etabliert und werden in jeder Menüplanung berücksichtigt. Je nachdem, welche Zahlen man sich ansieht, liegt der Anteil der vegetarisch lebenden Bevölkerung in Österreich etwa im Bereich um 10 % und damit weit über dem der Jäger, die es gerade einmal auf etwa 1,5 % bringen – keine Frage also, wer heute die Randerscheinung ist. Zu der großen Anzahl an Vegetariern gesellt sich in jüngerer Vergangenheit aber auch eine Vielzahl weiterer Gruppierungen, die ihre eigene Ernährungsphilosophie verfolgen. Während Veganer noch einen Schritt weitergehen und auch von tierischen Produkten, wie Eiern oder Milchprodukten, für deren Erzeugung das Tier nicht getötet werden muss, Abstand nehmen, konsumieren die Anhänger der Paläo-Diät gerne Fleisch, meiden aber Getreide und Milchprodukte, die vor Entwicklung der Landwirtschaft nicht auf dem ursprünglichen Speiseplan unserer Vorfahren standen. Wer im Stil der klassischen katholischen Fastenzeit zwar auf Fleisch, nicht aber auf Fisch verzichtet, trägt heute den klangvollen Namen Pescetarier. Und wer öfter einmal bewusst auf Fleisch verzichtet und sich nur ab und zu einen wortwörtlichen Sonntagsbraten gönnt, wird im selben Stil als Flexitarier bezeichnet. Gerade Letztere sind für Fleischgewinnung aus heimischer Jagd eine sehr interessante Zielgruppe.

Wer den Konsum von Fleisch als Nahrungsmittel nicht generell ablehnt, dafür aber Wert auf dessen Qualität, Herkunft und Ökobilanz legt, dem fällt die Entscheidung, dieses vom Jäger seines Vertrauens zu beziehen, oder gar gleich selbst zum Jäger zu werden, nicht so schwer. Tatsächlich ist das Motiv der Fleischversorgung für eine bewusstere Ernährung für immer mehr Jungjäger ein Anreiz, die Jagdprüfung zu absolvieren. Eine besonders konsequente Anwendung dieses Gedankens findet sich bei Personen, die nur noch Wild essen und auf landwirtschaftlich erzeugtes Fleisch verzichten, wie zum Beispiel der deutsche Food-Blogger und Buchautor Fabian Grimm – ganz im Stil der anderen Bezeichnungen werden diese auch scherzhaft als „Jägetarier“ bezeichnet. Außerdem ist der Anteil derer, die verstärkt auf die qualitativen Aspekte ihrer Ernährung achten, auch unter der regelmäßig Fleisch essenden Bevölkerung stetig wachsend. Die Idee von der Jagd als Weg der gesunden, natürlichen und herkunftsbewussten Ernährung trifft hier auf fruchtbaren Boden und macht sehr viel mehr Sinn, als zu versuchen, jemanden zu überzeugen, der sich aus welchen Gründen auch immer gegen den Konsum von Fleisch entschieden hat – gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz bleiben hier das Limit.

Maus auf Pilz - Jagen und Sammeln gingen seit jeher Hand in Hand. Das Sammeln von Nahrungsquellen im Wald erfreut sich großer Beliebtheit – ob Pilze, Beeren oder Kräuter. Beide Gruppen sollten einander als Schnittmenge, nicht als Ausschluss verstehen. - © Reiner Bernhardt

Jagen und Sammeln gingen seit jeher Hand in Hand. Das Sammeln von Nahrungsquellen im Wald erfreut sich großer Beliebtheit – ob Pilze, Beeren oder Kräuter. Beide Gruppen sollten einander als Schnittmenge, nicht als Ausschluss verstehen. © Reiner Bernhardt

Jäger & Sammler

Um ein positiveres Bild der Jagd als Nahrungsquelle, aber eben auch als Lebenseinstellung zu schaffen, lohnt es sich, sie in diesem Kontext nicht einzeln zu betrachten. Vielmehr sollte man sich in die Vielzahl der anderen ländlichen Selbstversorger integrieren und mit diesen gemeinsam auftreten, einen uns doch alle gemeinsame Motive und eine tiefe Verbundenheit zur Natur und zum ländlichen Raum. Für die Jagd im Speziellen liegt hierin der Vorteil, von der größeren Akzeptanz und Popularität anderer Aktivitäten profitieren zu können.

Im Allgemeinen wird gerne der feste Ausdruck „Jäger & Sammler“ gebraucht und der Jagd eine zweite Option der Nahrungsgewinnung zur Seite gestellt. Das Sammeln gewinnt allerdings deutlich leichter an Zuspruch bei ansonsten naturfernen Mitbürgern. Wenn im Frühjahr der Bärlauch geerntet werden kann, lockt dies oft mehr Menschen in den Wald als einige Wochen später der Aufgang der Bockjagd. Auch Schwammerlsucher sind vielerorts regelmäßige Gäste im Revier.

Anstatt die „Sammler“ nur als Störfaktor für das Wild zu sehen, sollte man sich auf die gemeinsamen Interessen konzentrieren. Es sind in beiden Fällen die Wünsche nach Naturerleben und nach gesunden, schmackhaften Spezialitäten aus heimischen Revieren, die Jäger und Sammler nach draußen locken. Die Schnittmenge der beiden Gruppen fällt zudem sehr groß aus, deshalb – damals wie heute – Jäger UND Sammler. Die nötige Ortskenntnis, um ergiebige Stellen zum Sammeln zu finden, die Geländegängigkeit, um diese auch mühelos zu erreichen und die Artenkenntnis, um sich nicht versehentlich mit den gesammelten Pilzen, Beeren oder Kräutern zu vergiften, sind Eigenschaften, die bei Jägern besonders häufig zu finden sind. Ein Blick in die Runde des privaten jagdlichen Umfeldes wird es bestätigen, wie viele Mitjäger auch diese Form der Selbstversorgung praktizieren.

Jagen light

Betrachtet man, was heutzutage üblicherweise als Partnerbegriff der Jagd beigestellt wird, ist es allerdings nicht das Sammeln, sondern die Fischerei. Beide Themenbereiche werden oft von denselben Behörden verwaltet, auf denselben Messen ausgestellt und auch die Aktivitäten an sich haben viel gemeinsam. Da zum Angeln jedoch keine Feuerwaffen benötigt werden und die Ausrüstung allgemein etwas weniger aufwendig ist, gibt es mehr Angler als Jäger (etwa 1,5-mal so viele), und insbesondere für Jugendliche ist die Jagd nach Fischen damit noch etwas geeigneter als die nach Wild. Die Hemmschwelle, einen Fisch zu töten, ist für die meisten Menschen auch deutlich geringer, als es beispielsweise bei einem Reh der Fall wäre. Daher ist für viele die Fischerei der Einstieg auf dem Weg zur Jagd, bei dem man erste Erfahrungen mit dem Töten von Tieren macht, um sie anschließend zu essen. Dementsprechend hoch fällt auch der Anteil der jagenden Angler bzw. angelnden Jäger aus. In der öffentlichen Meinung hat die Fischerei noch weniger Feinde als die Jagd, aber auch hier nimmt die Kritik von Seiten der Tierrechtsszene zu. So äußert sich etwa PETA immer wieder gegen die Fischerei und sieht darin den „Mord zu Sportzwecken“, der auch der Jagd immer wieder unterstellt wird. Es wäre also wohl auch für die Fischer sinnvoll, sich ebenso wie die Jägerschaft mehr als naturverbundene Selbstversorger zu präsentieren, um von diesem positiven Image zu profitieren.

Traktor trägt Spritzmittel auf Feld aus. - Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. - © Karl-Heinz Volkmar
Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. © Karl-Heinz Volkmar
Mohnfeld - Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. - © Österreichischer Jagd- und Fischerei-Verlag
Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. © Österreichischer Jagd- und Fischerei-Verlag
Fischer am Wallsee. - Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. - © Wolfgang Hauer
Ackerbau, die Unterstützung von Insekten wie Bienen durch das Anlegen von Blühflächen oder Fischen als „Jagd light“ – Landleben, Jagd und Selbstversorgung hängen eng zusammen. © Wolfgang Hauer

Ackerbau & Viehzucht

Die Liste der Arten von Selbstversorgung ist lang. Nicht alles muss in der Natur erjagt oder gesammelt werden. Auch die landwirtschaftliche Selbstversorgung gewinnt zurzeit stark an Sympathie. Jagd und Landwirtschaft lassen sich besonders gut kombinieren – wer schon beruflich viel Zeit des Tages auf Flächen im Revier verbringt, weiß bestens über den Aufenthalt des Wildes Bescheid. Die Möglichkeit, selbst mit der Büchse gegen Wildschäden vorgehen zu können, ist für viele Land- und Forstwirte ein Anreiz zur Jagd. Auch eint beide Gruppen ein bodenständiges Verständnis von Natur, Ernährung, Leben und Tod. Allerdings soll hier nicht auf die Gruppe der Berufslandwirte abgezielt werden, die aus den eben genannten Gründen ohnehin positiv mit der Jagd verknüpft ist. Denn Landwirte sind, ebenso wie Jäger, eine eher kleine Gruppe, die gerade in den Augen der „ökologisch bewussten“ Gesellschaft ein schlechtes Image hat.

Die Vorreiter der bewussten Ernährung, die für ihre landwirtschaftlichen Ambitionen bewundert werden, haben selbst oftmals nur eine einzelne Tomatenstaude auf dem Balkon ihrer Stadtwohnung. Mit modernen Schlagwörtern wie „Urban-Gardening“ oder „Homesteading“ werden verschiedenste Arten der mehr oder weniger ausgeprägten landwirtschaftlichen Selbstversorgung heutzutage in den Sozialen Medien zum Trend. Der Wunsch zu wissen, wo das eigene Essen herkommt, betrifft den Salat ebenso wie das Filet. Gerade der Gartenbau harmoniert natürlich eher mit einer fleischlosen Lebensweise und dem begrenzten Platzangebot in einem städtischen Wohnumfeld, aber auch die Haltung von Nutztieren zur Selbstversorgung gewinnt stetig an Beliebtheit. Besonders beliebt ist dabei aufgrund des noch moderaten Platzverbrauchs und der quasi täglichen Ausbeute die Haltung von Geflügel für das tägliche Frühstücksei aus glücklicher Haltung. Wer nicht glauben kann, wie beliebt die Hobbyhaltung von Geflügel mittlerweile geworden ist, dem sei ein Blick auf den YouTube-Kanal „Happy Huhn“ des Tirolers Robert Höck geraten, der im deutschsprachigen Raum zur Autorität in diesem Thema geworden ist und dessen steigende Abonnentenzahlen über die letzten Jahre gut das Interesse an diesem Thema widerspiegeln. Gerade für jagdlich vorgeprägte Personen ist die Tierhaltung natürlich noch etwas interessanter, da auch das Schlachten für Jäger deutlich einfacher ist als für Laien, denen der Prozess vom Lebewesen zum Lebensmittel mittlerweile fremd ist. Da die Mehrzahl der Jäger auch eher ländlich lebt und darum meist auch mehr Platz zur Verfügung hat, ist sie auch in dieser Hinsicht als Selbstversorger im Vorteil, egal, ob als Tierhalter oder Gärtner. Zusammen mit einem besonders ausgeprägten Naturverständnis und guten Beziehungen zur „richtigen“ Landwirtschaft ist es daher kein Wunder, dass etliche Jäger sich auch landwirtschaftlich versorgen.

Blühwiesen & Insektenhotels

Was in den letzten Jahren neben Hochbeeten und Hühnerställen ebenso mehr geworden ist, sind Bienenkästen. Auch die Imkerei ist eine naturverbundene Form der Selbstversorgung und erfreut sich als solche steigender Beliebtheit. Der hohe Bedarf an Ausrüstung, Platz und Fachwissen sorgt dafür, dass diese Aktivität noch eher von einem kleinen Personenkreis erschlossen wurde, die Tendenz ist aber auch hier steigend. Wer nicht selbst imkert, unterstützt jedoch auch gerne die Bienen anderer durch die Anlage von Blühflächen. Sowohl Honig- als auch Wildbienen sind beliebte Objekte des Naturschutzes und erfreuen sich auch aufgrund ihrer Nützlichkeit einer breiten Wertschätzung. Sowohl das Anpflanzen von speziellen Bienenweiden als auch das Aufhängen von teilweise mehr dekorativen als funktionalen „Insektenhotels“ ist schwer in Mode gekommen. Und auch in kleinen Gärten wird eine Parzelle hierfür reserviert. Auch beim Thema Lebensraumverbesserung hat die Jägerschaft einen klaren Vorteil: Während der Großteil der Bevölkerung nur den eigenen Garten zur Verfügung hat und seine Maßnahmen daher auf Insekten, Singvögel und andere kleine Tiere beschränken muss, gibt es für Jäger im Revier immer wieder Möglichkeiten, Lebensräume auch in größerem Maßstab zu gestalten.

Jäger als Selbstversorger

Wenn man nun bedenkt, wie positiv das Bild der Gesellschaft von Selbstversorgern ist, die im Einklang mit der Natur ihre eigenen Lebensmittel erzeugen und sich ganz bewusst von diesen ernähren, muss es einen schon wundern, dass dies anscheinend nicht für die Jagd zu gelten scheint. Dabei sind viele Jägerinnen und Jäger besonders eifrige Selbstversorger, die neben der Jagd oft noch auf weiteren Wegen ihre Nahrung erzeugen.

An dieser Stelle sei jeder Einzelne einmal angehalten zu überlegen, wer denn alles aus dem eigenen Umfeld auch abseits der Jagd selbstversorgerisch tätig ist – als Imker, Angler, Pilzsucher, Tierhalter, Gemüsegärtner usw. Dabei wird die enge Verknüpfung von Landleben, Selbstversorgung und Jagd offensichtlich. Diese Verbindung gilt es, im Zuge der jagdlichen Öffentlichkeitsarbeit hervorzuheben. Das Alleinstellungsmerkmal, über das sich die Jagd am besten bewerben lässt – in der Wirtschaft spricht man hier vom USP, dem „Unique Selling Point“ – ist zweifellos die Möglichkeit zum ökologisch und ethisch einwandfreien Fleischkonsum durch nachhaltige Nutzung frei lebender Tiere. Und wer mit der Jagd per se wenig anfangen kann, ist meist trotzdem empfänglich für ihre kulinarischen Endprodukte, hergestellt aus Wildfleisch – die Liebe zur Jagd geht bekanntlich durch den Magen. Das sollte man nicht vergessen, wenn man neue Leute für das „Lebensgefühl Jagd“ begeistern möchte.