Rotfuchs auf Beutesuche. - © Reiner Bernhardt
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 2. Teil: der Rotfuchs.

Listig, tückisch, durchtrieben und auch weise . . . Fabeln und alte Geschichten reichen bis weit ins europäische Mittelalter zurück. Reineke wird er bei uns teils heute noch ­genannt. Doch nicht nur bei uns, ­sondern überall dort, wo der Rotfuchs vorkommt – das ist immerhin beinahe die gesamte nördliche Hemi­sphäre –, haben sich die Menschen mit ihm ­befasst und ihm verschiedenste ­Charaktereigenschaften zugeschrieben. Was davon stimmt? Wurde der Fuchs seit jeher vermenschlicht oder hat er es wirklich faustdick hinter den ­Gehören? Immerhin wird eine be­sonders findige Person im Volksmund auch heute noch als „schlau wie ein Fuchs" bezeichnet.

Fuchshochzeit

Das Jahr beginnt für den bei uns erfolg­reichsten heimischen Vertreter der Hundeartigen mit der Hochzeit, im Jagdjargon „Ranz" genannt. Dabei wird die Paarungszeit von der Fähe eingeleitet, die ihr Streifgebiet mit Harn und Duftstoffen markiert und den Rüden somit ihre Paarungsbereitschaft signalisiert. Fuchsrüden machen durch das sogenannte „Ranzbellen" auf sich aufmerksam. Fähen sind immerhin nur zwei bis drei Tage im Jahr aufnahmebereit, an denen sie sich auch mit mehreren Rüden verpaaren. Die Welpen eines Wurfes müssen damit nicht unbedingt alle vom selben Vater stammen. Die ersten Jungfüchse des Vorjahres sind nun schon geschlechtsreif. Die erfolgreiche Teilnahme der jungen Rüden an der Ranz hängt ­jedoch davon ab, wie stark die ­Konkurrenz innerhalb des Geschlechts ist und ob sie über den Winter ein ­Revier gefunden haben.

Sieben Wochen

Nach der Ranz werden die Wurfbaue von den Fähen besetzt. Nach 51–53 Tagen, also ziemlich genau nach sieben Wochen, werden die Welpen gewölft. Diese sind anfangs noch blind und bleiben die ersten Wochen im Bau. Heute weiß man, dass sich auch die Rüden an der Aufzucht des Nachwuchses beteiligen, indem sie das Territorium und damit die Nahrungs­ressourcen verteidigen und der Fähe Nahrung in den Bau bringen. Im April beginnt der Haarwechsel, und der Winterbalg weicht in den nächsten Monaten immer mehr dem Sommerbalg. Bald verlässt auch die Fähe ­auf der Suche nach Nahrung für die Welpen wieder den Bau. Dabei ist sie nun auch tag­aktiv. Die Jungtiere verlassen teilweise bereits Ende April das erste Mal den Bau. Im Mai sind sie dann schon regelmäßig mit ihren Geschwistern unterwegs. Die Fähen wirken optisch etwas verwahrlost und „räudig". Grund dafür ist die Um­stellung des Stoffwechsels durch die Rundumversorgung der kleinen Racker. Immerhin nehmen diese neben der Milch bereits feste Nahrung auf. Alle Mäuler zu stopfen, ist kein einfaches Unterfangen und zollt Tribut. Haben wir also Nachsicht, dass sich die „Damen" in dieser Zeit nicht in ihrer vollen Pracht präsentieren . . .

Jungfüchse

Im Juni verlassen die Jungfüchse nun endgültig den Bau, der von nun an wieder leer steht. Entgegen dem Volksglauben, dass Füchse das ganze Jahr über im Bau leben, wird dieser nur zur Jungenaufzucht und gelegentlich zur Ranz und als Unterschlupf im Winter genutzt. Jungfüchse erlernen nun durch kleinere Balgereien unter Geschwistern auf spielerische Art und Weise zu jagen und nebenbei auch das Sozialverhalten bzw. die Hierarchie in der Fuchs­gesellschaft. Der Balg der Jungfüchse gleicht nun immer mehr dem der Elterntiere. Sie sind körperlich aber noch geringer und daher klar von diesen zu unterscheiden. Im Juli machen die Jungfüchse bereits ihre erste Beute und werden damit immer selbstständiger. Im ­August endet die mütterliche Fürsorge, die Jungtiere werden von der Fähe abgebissen. Die Körper­proportionen ähneln nun schon denen der Altfüchse.

Füchse präsentieren sich nur für wenige Wochen im Sommerbalg. - © Michael Breuer

Füchse präsentieren sich nur für wenige Wochen im Sommerbalg. © Michael Breuer

Junggesellen

Im September lösen sich die Familien­verbände auf, und die Jungfüchse machen sich auf die Suche nach ­eigenen Territorien. Dabei wandern vor allem die Rüden von September bis Februar umher. Junge Fähen ­bleiben überwiegend im Revier des Muttertieres, verzichten damit vorerst allerdings auch auf eigenen Nachwuchs. Ähnlich wie bei den Murmeltieren bekommt nämlich in aller Regel nur die dominante Fähe Nachwuchs – Ausnahmen sind ­möglich. Studien zeigen, dass ein ­soziales Miteinander im selben ­Revier von einem dominanten Rüden und ­mehreren verwandten Fähen möglich ist, wenn es der Lebensraum – und damit ins­besondere die Nahrungs­situation – zulässt! Im September ist auch der ­Haarwechsel abgeschlossen, und die Füchse präsentieren sich für wenige Wochen im Sommerbalg, bevor im ­Oktober die Grannenhaare und das dichtere Winterhaar wieder zu wachsen beginnen. Im November werden die Nahrungsquellen knapp, weshalb ­Luderplätze gut angenommen werden. Für die ­Bejagung spricht nun auch, dass der Winterbalg, der sich zur Weiter­verarbei­tung sehr gut eignet, in dieser Zeit „reif" wird.

Der Rotfuchs ist – was die von ihm tolerierten Umwelt­bedingungen betrifft – mit einer unglaublichen Anpassungs­fähigkeit aus­gestattet. Er gilt daher als „Gene­ralist", der grundsätzlich struktur- und abwechslungsreiche sowie vielfältige Lebensräume bevorzugt. Verständlich, denn dort findet er auch am leichtesten Nahrung. Diese besteht nicht ausschließlich aus Fleisch, wie man aufgrund seines Gebisses meinen könnte. Auch hier verfügt der Fuchs über eine große Flexibilität. Und gerade dieser Umstand ermöglicht es ihm, in unterschiedlichsten Situationen zurechtzukommen. Der Fuchs ist ein „Nahrungs­opportunist", das heißt, er frisst, was ohne großen Aufwand zu holen ist. So nimmt er Fische, Amphibien, Reptilien, Käfer, Heuschrecken, Regenwürmer und Aas, ist Sekundärnutzer bei Rissen – auch hier lässt er die schwierige Arbeit oft andere machen –, und frisst Früchte, wie Beeren oder Fallobst im Herbst. Natürlich werden auch Jungtiere von Hasen oder Rehen ange­nommen, wenn diese einfach zu holen sind. Als Hauptnahrung gelten aber – auch hier muss man unterscheiden, welchen Lebensraum man betrachtet – Wühlmäuse. Diese sind in der Regel in großer Zahl vorhanden und einfach zu ­erbeuten. Sehr typisch und immer wieder zu beobachten ist der Rotfuchs dabei beim sogenannten „Mäusesprung". Nun verknüpft man mit dem Fuchs auch den Begriff des „Hühnerdiebes", auch das Volkslied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen" dürfte jedem ein Begriff sein und prägt das Bild, das wir vom Fuchs seit unserer Kindheit haben. Tatsächlich werden (Hühner-)Vögel fast ausschließlich während der Aufzucht des Nachwuchses gerissen, um den schier ­unendlichen Hunger der Welpen zu stillen. Und noch etwas: Füchse verstecken Nahrungsreserven. Nicht wie Eichhörnchen oder Tannen­häher, die ganze Depots anlegen, sondern in kleinen Mengen über eine größere Fläche verteilt.

Füchse sind neugierig. - © Michael Breuer

Füchse sind neugierig. © Michael Breuer

Stadtfüchse

Der Fuchs, der im Feldrevier die Wind­schutzgürtel entlangschnürt oder auf der Nahrungssuche eine Wiese quert oder gar Heu­ballen erkundet, dürfte für kaum jemanden etwas Neues sein. Oft vergisst man aber die immer häufiger vorkommenden Stadtfüchse. Wie, Stadtfüchse? Füchse verstehen es, sich neue Lebensräume zu erschließen, wodurch sie als ausge­sprochene Kulturfolger gelten. Apropos: Auch der Mensch hat zur Verbreitung des Fuchses beigetragen. Einerseits unbewusst durch Ver­besserung der Lebens­umstände – Stichwort: Nahrungs­angebot – oder bewusst, wie etwa durch die englischen Siedler, die den Rotfuchs nach Aus­tralien mitnahmen, um dort weiterhin die traditionelle Fuchsjagd betreiben zu können. Der Fuchs hat gelernt, dass es in der Nähe des Menschen immer etwas zu holen gibt. Seien es Aufbrüche am Luderplatz, Reste der Jause bei einer Wanderung oder einfach Lebensmittel, die oft gedankenlos weggeworfen ­werden. Das allgemeine Preisdumping der Lebens­mittel beeinflusst auch ­unseren Umgang mit ihnen, aber das ist ein anderes Thema ... Neben dem reichhaltigen Nahrungsangebot bieten Siedlungen und kleinere Städte auch Deckung und ­erfüllen damit das Sicherheits­bedürfnis dieser Raubwildart. Sogar im ersten Wiener Gemeindebezirk ­sollen schon Füchse gesichtet worden sein. Interessierte können Sichtungen von Wild­tieren in der Stadt unter http://wien.stadtwildtiere.at einsehen und selbst ergänzen.

Bestandesdynamik

Mehrere Studien geben Hinweis darauf, dass die Fuchsbestände in den letzten Jahren um ein Vielfaches zugenommen haben. Ein Grund dafür ist unter ­anderem die Veränderung der Kulturlandschaft. So haben wir schon gehört, dass Füchse abwechslungsreiche Landschaften bevorzugen. Auch haben wir gehört, dass sich Füchse zunehmend Städte als neuen Lebensraum er­schließen. Wieso auch nicht? Hier ruht die Jagd! Außerdem müssen dort meist keine langen Streifzüge unternommen werden, um auf etwas ­Fressbares zu stoßen. Unter­suchungen ­zeigen, dass Streif­gebiete der Füchse in der Stadt deutlich kleiner sind als auf dem Land. Das bringt uns zu einem Problem, das mit dem Anstieg der Fuchs­bestände einhergeht: Krankheiten. Kein schönes Thema, doch sollten wir einen kurzen Blick darauf werfen. Sie kommen überall dort vermehrt zum Tragen, wo die Dichte ihrer Wirte hoch ist. Auf gut Deutsch: Je mehr Individuen auf ­kleinem Raum vorkommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Infektion mit Krankheits­erregern. Eine der bekanntesten Krankheiten der Füchse ist die Tollwut, die dank aufwendiger Bekämpfungsmaßnahmen in den letzten Jahrzehnten in Österreich, Deutschland und der Schweiz aus­gerottet worden ist. Doch ein Blick auf die Verbreitungskarten dieser Krankheit zeigt, dass längst nicht alle unserer Nachbarländer tollwutfrei sind. Schutz vor einer ­Infektion mit dieser auch für den ­Menschen beinahe ausnahmslos töd­lichen Krankheit ­bieten Sicherheits­vorkehrungen, wie Schutzhandschuhe und Mundschutz beim Abbalgen er­legter Füchse. An die Stelle der Tollwut ist nun der Kleine Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) getreten. Auch hierbei handelt es sich um eine Zoonose, also um eine von Wildtieren auf den Menschen übertragbare Erkrankung. Sogar eine der gefährlichsten der nördlichen ­Hemisphäre!

Der Fuchs hat gelernt, dass es in der Nähe des Menschen immer etwas zu holen gibt. Seien es Aufbrüche am Luderplatz, Reste der Jause bei einer Wanderung oder einfach Lebensmittel, die oft gedankenlos weggeworfen ­werden.

Jagd & Verwertung

Als wohl häufigste Jagdmethoden ­können der Ansitz am Luder­platz oder die Baujagd mit Bau- bzw. Erdhunden (Dackel, Terrier) genannt werden. Unter anderem werden noch die ­Lockjagd (etwa mit Mauspfeiferl oder Hasen­klage) und die Beizjagd – neben dem Uhu ist der Steinadler einer der wenigen natür­lichen Feinde des ­Fuchses – durchgeführt. Längst vergangen, doch Teil der Geschichte Mitteleuropas ist das „Fuchsprellen". Diese Form der „Jagd" war vor allem vom 16. bis in das 18. ­Jahr­hundert an den Höfen Europas ein gängiges Spektakel für die Oberschicht. Zur Belustigung des Adels und zum Näherkommen von Pärchen wurden erst Füchse lebend gefangen und dann in eingefriedeten Arenen freigelassen. Dort warteten die Teil­nehmer, immer zu zweit die Ecken eines langen Tuches in Händen haltend. Der Fuchs – wahlweise auch ­anderes wildes Getier – ­versuchte zu fliehen und wurde, sobald er das Tuch querte, durch die Teil­nehmer in die Luft katapultiert. Es ging dabei darum, die Tiere möglichst hoch in die Luft zu schleudern, bis diese qualvoll verendeten. Heutzutage ist Pelz speziell im ­urbanen Raum verpönt, weil die in der Regel wenig informierte Gesellschaft keinen Unterschied macht, ob ein Pelz von in Gefangenschaft ­gehaltenen Zuchtnerzen stammt oder von frei lebenden Rotfüchsen heimischer Reviere. Doch der Unterschied ist durchaus ein gewaltiger! Fuchsbälge, die im Zuge der Jagd von Rotfüchsen gewonnen werden, stellen eine „nachwachsende Ressource" dar und sind in der Regel auch nicht mit Tierleid verbunden. Um das Image des Fuchspelzes zu fördern, wurde beispielsweise der Red Fox Austria Award ins Leben gerufen, bei dem Modelle der besten Meisterkürschner Österreichs, bestehend aus Fuchspelz, gekürt werden. In ­Vorarlberg findet zudem jährlich im Frühjahr ein Raubwildfellmarkt statt, und auch in der Schweiz werden ­alljährliche Fellmärkte veranstaltet. Dennoch werden leider immer noch zu wenige Fuchsbälge einer sinnvollen Verwertung zugeführt!

„Wozu wird der Fuchs überhaupt gejagt, wenn er anschließend nur vergraben wird?", fragen Leute, die sich nicht näher mit der Jagd beschäftigen. Diese Frage wird meist mit der Notwendigkeit der Raubwildreduktion zur Hege des Niederwildes, allem voran die der Bodenbrüter, beantwortet. Studien zeigen aber, dass eine Reduktion des Fuchsbestandes in der Praxis nur durch großflächig angelegte Jagden realisiert werden kann. Eine hohe Fuchsstrecke heißt zum Beispiel noch lange nicht, dass der Bestand nachhaltig reduziert worden ist, sondern in erster Linie nur, dass viele Füchse da sind. Dies kann etwa durch günstige Umweltbedingungen und eine gute Nahrungsver­sor­gung – da wären wir wieder bei den Wühl­mäusen – der Fall sein. Werden nun in einem Revier Füchse entnommen, entstehen „Leerräume", die von den Füchsen der Nachbarreviere besetzt werden. Vor allem in Zeiten rückläufiger Niederwildstrecken ist es zwingend ­erforderlich, die Beutegreifer zu ­regulieren. Einer von ihnen ist der ­Rotfuchs. Dort, wo es möglich ist, ­sollten aber auch Maßnahmen zur Verbesserung der Niederwildlebensräume gesetzt werden. Und: Bei der ­Bejagung des Fuchses sollten wir Jäger generell dieselbe Weid­gerechtigkeit an den Tag legen wie bei allen anderen Wildarten, denn sonst ist es möglich, dass das Image der Jagd leidet und die Fuchsjagd von der nicht jagenden Be­völkerung bald nur noch als „Schädlings­bekämpfung" wahr­genommen wird. Und das hat der schlaue Rotfuchs nicht ­verdient ...

Der "Mäusesprung" ist typisch. - © Michael Breuer

Der "Mäusesprung" ist typisch. © Michael Breuer

Foto Reiner Bernhardt