Den großen Löffeln entgeht (fast) nichts. - © Michael Breuer
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 7. Teil: Feldhase.

Der Osterhase ist ein erfolgreich vermarktetes Abbild des Feldhasen. Werfen wir einmal einen Blick auf ­seinen Jahreslauf. Während Reh-, Sika-, Gams- und Steinwild im April mit dem Fellwechsel beginnen und den Meta­bolismus langsam wieder ankurbeln, sind die Feldhasen schon mitten in der Fortpflanzungs- beziehungsweise Rammelzeit. Diese kann bei gutem Wetter ­bereits im Jänner beginnen, wodurch Ende Februar die ersten Junghasen möglich sind. Deren Überlebens­wahrscheinlichkeit ist durch die nasskalte Witterung jedoch äußerst gering. Üblicherweise geht die Rammelzeit daher erst im Februar los, was zum Setzen der Junghasen im März – der sogenannten „Märzhasen" – führt.

Steppenbewohner

Ursprünglich sind Feldhasen Bewohner halboffener Landschaften, wie Steppen. In geringen Dichten können sie auch in Wäldern und im Gebirge bis über die Waldgrenze hinauf vorkommen. Das Steppenleben ist entbehrungsreich, Nahrung kommt nur spärlich vor, und ent­sprechend gering sind die Dichten der Feldhasen in diesen Lebensräumen. Mit dem Sesshaftwerden des ­Menschen, der Rodung von Wäldern und dem Anlegen von landwirtschaftlichen Flächen eröffneten sich dem Feldhasen auch in unseren Gefilden neue Lebensräume. Er zählt damit zu einem der ältesten Kulturfolger und hat seinen Lebensraum um reich strukturierte Agrarlandschaften mit Brachen, Hecken und Randlinien erweitert. Bevorzugt werden ein ausgeglichenes Klima und geringe Niederschlagsmengen. Diese Ansprüche konnten unsere Agrarflächen bis etwa in die 1970er-­Jahre erfüllen. Dann wurde der Agrarsektor umgestellt und die Technisierung vorangetrieben. Hinzu kommen der Ausbau des Verkehrswegenetzes und die teils steigende Population von Beute­greifern. Im Gegensatz zum Lebens­raum mangelt es dem Feldhasen nicht an Fressfeinden!

Feldhasen leben überwiegend solitär. Nur zur Paarung kommen sie zusammen. - © Franz Bagyi

Feldhasen leben überwiegend solitär. Nur zur Paarung kommen sie zusammen. © Franz Bagyi

Scharfe Sinne

Doch Feldhasen sind anpassungsfähig. Sofern geeignete Lebensräume vor­handen sind, hat Meister Lampe, wie er in der Fabel genannt wird, noch ein paar Tricks auf Lager. Er ist sehr flink – bis zu 80 km/h schnell –, schlägt Haken und verfügt über ausgezeichnete Sinne. Angefangen mit den Sehern, die an den Kopfseiten liegen und quasi einen Rundumblick bieten. Die großen Löffel sind drehbar und erfüllen gleich zwei Funktionen: Einerseits fungieren sie als Schall­trichter, andererseits dienen sie dem Hasen zur Regulierung der Körper­temperatur. Die „Allen’sche Regel" besagt, dass die Körperanhängsel nahe verwandter Organismen mit sinkender Temperatur kleiner werden. So hat auch der Schneehase kleinere Gehöre als der Feldhase. Dasselbe Phänomen lässt sich auch bei Füchsen feststellen: Der Polarfuchs hat kleinere Ohren als der Rotfuchs und der wiederum hat kleinere Gehöre als der Wüstenfuchs (Fennek). Zudem ist der Geruchssinn des Feld­hasen gut ausgebildet.

Flinke Boxer

Die Rammelzeit findet fast ganzjährig statt, außer in den kalten Winter­monaten Oktober bis etwa Jänner. Der Höhe­punkt der Fortpflanzung liegt im März und April. Dabei kämpfen die Rammler um die Gunst der Häsin, was sich oft in wilden Boxkämpfen äußert, dass die Fetzen – die „Rammelwolle" – nur so fliegen. Schlussendlich entscheidet die Häsin nach den Kriterien Kraft und Ausdauer der Umwerber, wer der Vater ihrer Nachkommen wird. Eine Partnertreue, die etwa Uhus an den Tag legen, sucht man jedoch vergeblich: Die Häsin verpaart sich – analog zum Rotfuchs oder Braunbär – innerhalb kurzer Zeit mehrfach, wodurch Mehrfachvaterschaften möglich sind. Nach ziemlich genau sechs Wochen kommen die 2–4 (selten bis sechs) ­Jungen zur Welt. Diese werden verteilt abgelegt und einmal täglich in der Dämmerung für wenige Minuten gesäugt, wobei die Häsin sitzen bleibt, um den Rundumblick zu behalten.

Die Laktationsperiode (Säugezeit) dauert etwa vier ­Wochen, wobei bereits ab der dritten Woche pflanzliche ­Nahrung aufgenommen wird. Mit etwa sieben Monaten sind die Junghasen dann erwachsen. In dieser Phase ­verschwindet auch das „Stroh’sche ­Zeichen", ein erbsengroßes Knötchen an der Außenseite der Vorderläufe, ­anhand dessen erlegte Junghasen von Adulten unterschieden werden können. Es sind in der Regel bis zu drei, in Ausnahmefällen sogar vier Sätze pro Häsin und Jahr möglich. Das hört sich nach enorm viel Nachwuchs an. Doch nicht die Reproduktionsrate ist entscheidend, sondern die Überlebensrate der Junghasen – und die schwankt massiv! Von den bis zu zehn Junghasen pro Häsin im Jahr erleben nur ein bis drei ihren ersten Herbst.

Ungesättigte ("essenzielle") Fettsäuren beeinflussen die Milchproduktion der Häsin, erhöhen nach­weis­lich die Laufgeschwindigkeit und damit die Fluchtwahrscheinlichkeit vor Prädatoren sowie die Widerstandsfähigkeit gegen Parasiten und Krankheiten.

Der Rammler muss der Häsin Ausdauer und Fitness beweisen. - © Ingo Gerlach

Der Rammler muss der Häsin Ausdauer und Fitness beweisen. © Ingo Gerlach

Doppelträchtigkeit

Die Natur wäre nicht die Natur, wenn es nicht auch beim Feldhasen Besonderheiten gäbe: Die Tragzeit liegt ziemlich genau bei 42 Tagen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Häsin aber ­bereits ab ihrem 37. Trächtigkeitstag wieder befruchtet werden kann. Bei dieser sogenannten „Superfötation" hat die Häsin Embryonen verschiedener Entwicklungsstadien in der Gebär­mutter, wodurch Sätze in kürzeren Abständen hintereinander möglich sind. Eine Besonderheit aller Hasen­artigen ist die „Caecotrophie". Klingt kompliziert, ist aber recht einfach: Die aufgenommene Nahrung durchläuft den Verdauungstrakt zweimal. Beim ersten Durchgang reichern die Mikroorganismen den Nahrungsbrei im Blinddarm mit Proteinen und ­Vitaminen (vor allem Vitamin B1) an. Die ausgeschiedene Blinddarmlosung wird dann erneut auf­genommen, um die Nährstoffe im zweiten Durchlauf ­besser zu verwerten.

Bleiben wir bei der Nahrung. Feldhasen benötigen ein vielfältiges Nahrungs­angebot. Vor allem ungesättigte („essen­zielle") Fettsäuren sind wichtig! Kräuter und Gräser mit diesen Fett­säuren werden daher bevorzugt auf­ge­nommen. Diese beeinflussen die Milchproduktion der Häsin, erhöhen nach­weis­lich die Laufgeschwindigkeit und damit die Fluchtwahrscheinlichkeit vor Prädatoren sowie die Widerstandsfähigkeit gegen Parasiten und Krankheiten. Je mehr dieser Fettsäuren in der Nahrung sind, desto fettreicher ist auch die Milch. Zum Vergleich: Hasenmilch hat einen Fettgehalt von über 20 %, Muttermilch des Menschen etwa 4 %. Über die Milch werden die Fettsäuren auch an die Junghasen weitergegeben und erhöhen das Geburtsgewicht, das Wachstum sowie die Überlebens­wahrscheinlichkeit der Junghasen!

Die Notzeit des Feldhasen ist im ­Sommer. Durch das Abernten der ­Flächen kommt es zum abrupten ­Verlust von Nahrung und Deckung – der ­sogenannte „Ernteschock" setzt ein. Dadurch akkumulieren sich Feldhasen entlang der teils spärlich verfüg­barer Feldstrukturen. Eine hohe Prädationsrate und die Übertragung von Krankheiten können die Folge sein. Daher sind Brachflächen mit vielfältigem Nahrungsangebot gleich in mehr­facher Hinsicht von großer ­Bedeutung für den Hasenbesatz!

Bei den Kämpfen um die Häsin fliegen die Fetzen. - © Ingo Gerlach

Bei den Kämpfen um die Häsin fliegen die Fetzen. © Ingo Gerlach

Hörbuch - <a href="https://youtu.be/e4X9ppU0yNk">https://youtu.be/e4X9ppU0yNk</a> - © Michael Breuer

Hörbuch © Michael Breuer