Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Michael Breuer
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – Alpenmurmeltier.

Wer kennt sie nicht, die kleinen, braunen Berg­kobolde? Wer im Sommer in den Bergen oberhalb der Waldgrenze unterwegs ist, hat sie sicher schon einmal gesehen oder zumindest gehört: die „Mus montis“ (lat. „Maus der Berge“), besser bekannt als Murmeltiere. Sie sind gesellig und ­tagaktiv, wodurch sie relativ leicht zu beob­achten sind.

Winterschlaf

Murmeltiere verbringen 90% ihres ­Lebens unter Tage, also im Bau. Der sechs- bis siebenmonatige Winterschlaf trägt einen Großteil zu dieser Bilanz bei. Dieser stellt eine Anpassung an die harten Bedingungen im Hochgebirge dar. Im Gegen­satz zu Vögeln können Murmel ihren Lebensraum im Winter nicht ­einfach verlassen. Sie sind gezwungen, sich der entbehrungsreichen Jahreszeit zu stellen und die Körperfunktionen auf ein Minimum zu reduzieren.

Das Murmeltier ist das größte ­heimische Wildtier, das einen Winterschlaf hält. Der Braunbär ist zwar ­größer, hält aber eine Winterruhe, in der er auch aufwachen und Nahrung zu sich nehmen kann. Während der Braunbär seine Körpertemperatur jedoch geringfügig um etwa 5°C senkt, reduziert sich die Körpertemperatur des Murmeltiers auf teilweise unter 5°C. Das bedeutet eine Reduktion der Körpertemperatur um bis über 90%.

Im Vergleich dazu sind die ­mög­lichen (Körperkern-)Temperaturschwankungen ohne Schäden beim Menschen deutlich geringer. Sinkt die Körperkerntemperatur unter 30°C, wird die entsprechende Person in der Regel bewusstlos, und die Regulations­mechanis­men zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur versagen. Es ist demnach durchaus beachtlich, wozu Murmeltiere in der Lage sind.

Während des Winterschlafs wachen die Bewohner eines Baus in regel­mäßigen Intervallen von rund 12 Tagen synchron für ein paar Stunden auf, um sich auf etwa 35°C aufzuwärmen. Dem dominanten Männchen (Bär) kommt dabei eine besondere Heizfunktion zu. Er wacht etwas früher auf und gibt am meisten Wärme ab. Immerhin ist die Jungenaufzucht für das Weibchen (Katze) im Sommer extrem energie­aufwendig. Sie wirft daher meist auch nur jedes zweite Jahr Nachwuchs. Je größer der Familienverband ist, desto langsamer kühlt er aus. Auch Alter und Gewicht der Familienmitglieder sind für das Überleben im Winter entscheidend.

Bärzeit

Im April wachen die Murmeltiere aus ihrem Winterschlaf auf. Ihre innere Uhr, die über den Sommer „geeicht“ wurde, lässt sie wissen, wann es so weit ist. Dann heißt es, keine Zeit zu ­verlieren. Die Fortpflanzung, Bärzeit genannt, findet wenige Tage nach dem Winterschlaf statt.

Genetische Studien haben bei Murmeltieren einen hohen Grad an ­Inzucht nachgewiesen. Das liegt an der poly­andrischen Fortpflanzungs­strategie. Dabei verpaart sich die ­dominante Katze mit mehreren Bären, unter anderem auch mit ihren geschlechts­reifen Söhnen. Die Fortpflanzung ihrer Töchter unterbindet sie jedoch vehement und sorgt, vor allem gegen Ende ihrer Tragzeit, durch aggressive Attacken auf rangniedrigere Katzen für die Ausschüttung von Stresshormonen, wodurch eventuell vorhandene Embryonen abgetrieben werden.

Für den Nachwuchs gilt es abzuwägen, im Familienverband zu bleiben und sich unterzuordnen oder sich auf die gefährliche Suche nach einem ­eigenen Territorium zu machen. In der Regel wandern die Jungtiere im dritten Lebensjahr ab. Während bei anderen heimischen Säugetieren meist nur die Männchen abwandern, tun dies beim Murmeltier auch die jungen Katzen.

Kurzer Bergsommer

Nach der Tragzeit von knapp fünf ­Wochen kommen in der Regel im Juni durchschnittlich 3–4 Jungtiere (Affen) zur Welt. Diese sind bei der Geburt etwa 30g schwer. In den sechs Wochen der Säugezeit verlassen sie den Bau nicht. Ende Mai, Anfang Juni beginnen die Adulten damit, sich Fettvorräte für den Winter anzuäsen. Es zählt jeder Tag!

Die Nahrungsaufnahme im Sommer ist nicht dem Nahrungsangebot entsprechend, sondern, wie beim Feld­hasen auch, selektiv auf ungesättigte Fettsäuren ausgerichtet. Diese erhöhen nicht nur die Fluchtgeschwindigkeit der Hasen vor Prädatoren, sondern sind auch noch bei tiefen Temperaturen flüssig und damit für den Murmeltierkörper im Winter verfügbar. Erst etwa Anfang Juli kommen die Affen dann erstmals an die Oberfläche. In den ersten Wochen zeigen sie jedoch kein Feindvermeidungsverhalten, wodurch der Steinadler oft zu leichter Beute für seinen Nachwuchs kommt.

Für den anstehenden Winter wird rechtzeitig Heu in den Bau eingetragen, der allerdings nicht als Nahrungsdepot, sondern lediglich der ­Isolierung und Auspolsterung des Winterbaus dient. Außerdem versuchen alle sich in den kurzen Sommermonaten so viel Fett wie möglich anzuäsen. Die Katzen hängen dabei durch die Jungenaufzucht etwas hinterher. Daher übernehmen auch die Bären den größeren Anteil an der Thermo­regulation im Winter.

Ab Ende September fahren die Tiere in den vorbereiteten Winterbau ein und verschließen ihn akribisch. Dadurch werden einerseits die Kälte und andererseits auch ­ungebetene Gäste, wie Mäuse, draußen gehalten. Stoffwechsel und Körperfunktionen der Murmeltiere sind im Winterschlaf nämlich derart reduziert, dass sie sogar dem winterlichen Hunger einer kleinen Maus wehrlos ausgesetzt wären.

Lebensraum

Wie das Auerwild auch ist das ­Murmeltier ein Relikt aus der Eiszeit. Ursprünglich sind Murmeltiere Kälte­steppen­bewohner. Die in den Alpen vor­kommende Murmeltierart findet ihre Hauptverbreitung oberhalb der Waldgrenze. Diese variiert je nach ­Region in den Alpen. In der Regel sind sie aber zwischen 1.200 und 2.700m Seehöhe anzutreffen, bevorzugt auf den im Frühjahr schnell ausapernden Süd­hängen, denn der Murmelsommer ist kurz.

Einer der ­bestimmenden Faktoren bei der Lebens­raumwahl ist die Temperatur, die mit zunehmender Höhenlage abnimmt. Südhanglagen sind im Frühjahr von Vorteil, werden für die hitzeempfindlichen Tiere im Sommer je­-doch zum Problem. Das vermeint­liche ­„Sonnenbaden“ auf Steinen dient vielmehr der Abkühlung. Die aus­gedehnten Freiflächen oberhalb der Waldgrenze sind wichtig, damit Beutegreifer rechtzeitig wahrgenommen und Artgenossen mit den hohen, pfiffartigen Schreien gewarnt werden können.

Jagd

Neben den Trophäen spielt das Murmel­fett bei der Bejagung eine Rolle. Es ­enthält Vitamine, Mineralstoffe sowie Corticoide, die entzündungshemmend wirken. Salben aus Murmelfett helfen unter anderem bei Rheuma und Gelenkschmerzen. Doch auch das hochwertige Wildbret wird, vor allem im Westen ­Österreichs und der Schweiz, kulinarisch verwertet. Der nachhaltig denkende Jäger berücksichtigt beim Abschuss ­jedoch die wärmespendende Funktion der adulten Tiere.

Alpenmurmeltier: Höhepunkte im Überblick

  • Jänner–März: Winterschlaf mit synchronem Aufwachen.
  • April: Ende des Winterschlafs; Bärzeit.
  • Mai: Bärzeit; Werfen der ersten Affen.
  • Juni: Hauptwurfzeit; Fettreserven anäsen.
  • Juli: Fettreserven anäsen; Anfang des Monats: Erscheinen der Affen vor dem Bau.
  • August: Fettreserven anäsen; Affen wechseln Haarkleid; „Einheuen“ des Winterbaus.
  • September: Fettreserven anäsen; „Einheuen“ des Winterbaus; ab Ende des Monats: Einfahren in den Winterbau; Verschließen des Baus.
  • Oktober: Einfahren in den Winter­bau; Verschließen des Baus; Reduktion der Körperfunktionen; Beginn des Winterschlafs.
  • November/Dezember: Winterschlaf mit synchronem Aufwachen.
Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Reiner Bernhardt
Angebirscht - Alpenmurmeltier © Reiner Bernhardt
Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Reiner Bernhardt
Angebirscht - Alpenmurmeltier © Reiner Bernhardt
Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Michael Breuer
Angebirscht - Alpenmurmeltier © Michael Breuer
Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Sven-Erik Arndt
Angebirscht - Alpenmurmeltier © Sven-Erik Arndt
Angebirscht - Alpenmurmeltier - © Kurt Kracher
Angebirscht - Alpenmurmeltier © Kurt Kracher