Test

1. Teil | Nightvision: Wenn die Nacht zum Tag wird

May 28, 2020 -
Teaserbild Nightvision Teil 1 - Bildverstärker-Vorsatzgerät: Jahnke DJ-8 NSV 1×56 - © Martin Grasberger

Seit Jänner 2020 dürfen in Niederösterreich nach einer Änderung des NÖ Jagdgesetzes im Rahmen der nächtlichen Wildschweinjagd auch künstliche Nachtzielhilfen verwendet werden. – 1. Teil einer umfassenden WEIDWERK-Serie, die den interessierten Jäger im wahrsten Sinne des Wortes „erleuchten“ wird!

Die prekäre Schwarzwild­situation in vielen Revieren Niederösterreichs treibt so manchem Jagdpächter die Sorgenfalten auf die Stirn. Der durch das Schwarzwild verursachte Wild­schaden ist teilweise beträchtlich und läuft mancherorts sogar völlig aus dem Ruder. Die bis dato gemeldeten Schwarz­wildstrecken und die Ergebnisse der Riegeljagden aus der Saison 2019/­2020 weisen eindeutig auf eine sehr hohe Bestandesdichte hin. Weiters ist die ­Afrikanische Schweinepest (ASP) bereits in Ungarn angekommen und steht demnach (wiederum) vor den Toren Österreichs. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat auf Initiative des Niederösterreichischen Jagdverbandes der NÖ Landtag die gesetzliche Möglichkeit beschlossen, „künstliche Nachtzielhilfen“, wie etwa Nachtsicht- und Wärmebildvorsatzgeräte oder digitale Zielfernrohre, um nur einige zu ­nennen, ausschließlich für die Nachtjagd auf Schwarzwild freizugeben. Damit hat der Jäger in Niederösterreich nun alle technischen Möglich­keiten (ausgenommen Kriegsmaterial) in der Hand, um der Schwarzwild­problematik Herr zu werden. Aufgrund der unterschiedlichen Techniken, der jagdlichen Anwendungsgebiete und der schier ­unendlichen Anzahl verschiedener ­Modelle liefert das WEIDWERK eine Übersicht, um sich im „Nachtsicht- und Wärmebilddschungel“ zurecht­zufinden und das für die eigenen ­Anforderungen am besten passende Gerät herausfiltern zu können.

Kriegsmaterial?

Um in der Nacht mit technischer Unter­stützung Wild sehen, ansprechen und letztlich auch erlegen zu können, liefert der Markt wie schon erwähnt ausgefeilte und gut entwickelte Möglich­keiten. Grundsätzlich sind laut Gesetz nur Geräte zulässig, die nicht in das Kriegsmaterialiengesetz fallen. Daher sind Geräte, die ursprünglich für ­militärische Einsatzzwecke entwickelt und konstruiert worden sind, als Kriegs­material einzustufen. Geräte, die für den zivilen Einsatz – in erster Linie für die Jagd – entwickelt, konstruiert und hergestellt worden sind, fallen nicht in das Kriegsmaterialiengesetz. Und genau diese Geräte dürfen nun in niederösterreichischen Revieren sowohl nach dem Waffengesetz als auch nach dem Jagdgesetz (neue Regelung) genutzt werden. Der Jäger kann davon ausgehen, dass alle von einem in Österreich niedergelassenen Fachhändler zum Verkauf angebotenen künstlichen Nachtzielhilfen für den zivilen Einsatz erzeugt worden und damit gesetzeskonform sind. Beim Kauf über einen Händler im Internet sollte man allerdings genau prüfen, ob das angebotene Produkt in Österreich nicht doch als Kriegsmaterial eingestuft ist.

Einsatzzweck

Künstliche Nachtzielhilfen, wie Rest­licht­verstärker, digitale Nachtsicht­geräte oder Wärmebildkameras, können verschiedenartig in Erscheinung treten: als Beobachtungs-, Vorsatz-, Nachsatz- oder sogar als eigenständiges Zielgerät.
Beobachtungsgeräte mit Nachtsicht- oder Wärmebildtechnik (siehe WEIDWERK 2/2019, Seite 40) durften bereits vor der Jagdgesetzänderung zum ausschließlichen Beobachten des Wildes verwendet werden. Das heißt, man hat das Wild mit einem solchen Gerät in der Nacht schon ­bisher genau ansprechen können. Beim Blick durch das Zielfernrohr konnte man diesen Vorteil allerdings nicht erfolgreich ­nutzen. Wenn nun eine Büchse mit einer künstlichen Nachtzielhilfe ausgestattet werden soll, gibt es ­mehrere Möglichkeiten:

  • Vorsatzgeräte mit Nachtsicht- oder Wärmebildtechnik (werden am Objektiv des Zielfernrohrs ­montiert)
  • Nachsatzgeräte (werden am Okular des Zielfernrohrs aufgesetzt)
  • elektronische Zielgeräte mit ­Nachtsicht- oder Wärmebildtechnik (werden anstatt des Zielfernrohrs am Gewehr montiert)

Um in der Nacht mit technischer Unter­stützung Wild sehen, ansprechen und letztlich auch erlegen zu können, liefert der Markt ausgefeilte und gut entwickelte Möglich­keiten. Grundsätzlich sind laut Gesetz nur Geräte zulässig, die nicht in das Kriegsmaterialiengesetz fallen.

Vorsatzgeräte

Vorsatzgeräte mit der jetzt vorliegenden, modernen Technik stellen elektronische Zielhilfen dar, die am Objektiv des Zielfernrohrs angebracht werden. Es werden also zwei Geräte kraft­schlüssig miteinander verbunden, wodurch das Absehen des Zielfernrohrs und ggf. auch der im Fadenkreuz ­vorhandene Rotpunkt in der Nacht ­genutzt werden können. Vorsatzgeräte gibt es sowohl mit Wärmebildtechnik als auch als Restlichtverstärker. Diese künst­liche Nachtzielhilfe ist für gewöhnlich mit einem Adapter versehen, der dem Außendurchmesser des Zielfernrohr-Objektivs entspricht. Dieser sollte genau justiert sein, damit einerseits ein fester Halt garantiert und anderer­seits das Zielfernrohr – etwa durch zu hohen Anpressdruck – nicht beschädigt wird. Wir empfehlen, dafür einen Fachmann zu Rate zu ­ziehen, wenn dieser nicht ohnehin das gesamte Gerät montiert und ein- bzw. kontrollschießt.
Wer sich nicht ausschließlich eine Büchse für die Nachtjagd auf Schwarzwild konfigurieren will, wird über ein Vorsatz- oder Nachsatzgerät nicht herumkommen. Die gute Optik des herkömm­lichen Zielfernrohrs kann in diesem Fall großteils genutzt werden. Der Vorteil eines Vorsatzgeräts ist etwa, dass das Zielfernrohr für gewöhnlich in Bezug auf die Montagehöhe und -länge an den Schützen angepasst ist und es somit zu keinen unnatür­lichen „Verrenkungen“ aufgrund zu hoch montierter Zielgeräte kommt. Beim Vorsatzgerät kann daher der gewohnte und unveränderte Anschlag erfolgen. Gerade in der Dunkelheit ist dies wesent­lich, denn wenn man plötzlich kaum noch einen Wangenkontakt mit dem Schaft hat (zu hohe Montagehöhe) und das Stück Wild mit dem Absehen suchen muss, kann das die Erfolgschancen stark minimieren.
Während künstliche Nachtziel­hilfen mit fest verbautem Abkommen meist über einen geringen Augen­abstand verfügen, bleibt dieser beim Vorsatzgerät unverändert, da es auf
das Objektiv des Zielfernrohrs gesteckt wird. Das Vorsatzgerät zeichnet sich zudem durch eine gewisse Variabilität aus, denn man kann zum Beispiel in der Früh bei noch völliger Dunkelheit mit dem Vorsatzgerät (Schwarzwild) jagen und es später, wenn es hell ­geworden ist, einfach abnehmen, um auch auf anderes Wild weidwerken zu können (jagdgesetzliche Bestimmungen beachten!). Am Abend ist es wiederum umgekehrt. Wenn es zu dunkel wird und man länger auf Sauen sitzen möchte, kann das Vorsatzgerät einfach aufgesteckt werden.
Der Knackpunkt bei Vorsatzgeräten ist das Zusammenspiel zweier unter­schied­licher optischer Geräte. Zunächst muss vom Benutzer im wahrsten Sinne des Wortes „sauber“ gearbeitet werden. Das heißt, der Adapter muss stets ­sauber gehalten werden, denn Schmutz im Adapter führt zwangsläufig zu ­Beschädigungen am Zielfernrohr und zu Treffpunktverlagerungen. Das Montieren wiederum ist einfach, und man muss lediglich die Handgriffe im Dunkeln genau kennen. Das Vorsatzgerät muss genau der Treffpunktlage (TPL) des normalen ZF entsprechen. Daher beim Kauf unbedingt auf dieses Kriterium achten, denn man kommt um ein Kontroll­schießen nicht herum. Weicht die TPL ab, sollte man das Vorsatzgerät auch entsprechend einstellen können. Das bedeutet, dass es auf die Treffpunktlage des Zielfernrohrs hin justiert werden muss. Sollte das Gerät diese Möglichkeit nicht bieten, liegt der Einsatz­bereich dann vielleicht nur noch bei 50 m, denn auf diese Distanz ist die veränderte TPL naturgemäß halb so groß (genügt vielfach, um das Blatt der Wildsau zu treffen), die Freude über ein solches Gerät aber ebenfalls.
Grundsätzlich wird in der Dunkelheit tendenziell auf kürzere Distanzen geschossen. Manchmal hört man jedoch auch von Schussentfernungen bis 150 m oder sogar 200 m bei Dunkelheit. Aber lassen wir die Kirche im Dorf; für viele Jäger sind diese Entfernungen schon bei Tages­licht eine Herausforderung – und dann erst bei Nacht! Dennoch sollte der Schuss auf 100 m auf einen Bereich mit einem Durchmesser von etwa 5–7 cm ohne Weiteres möglich sein!
Es ist wohl jedem klar, dass mit einem derartigen Gerät keine Schussleistungserhebung der Büchse durchgeführt werden kann, zumal die beste und klarste Auflösung dieser elektronischen Geräte nur mit niedrigen Ver­größerungen möglich ist. Zwei- bis fünffache Vergrößerungen liefern sehr gute Bildresultate, diese genügen für einen sicheren Schuss auf ein Stück Schwarzwild vollauf. Voraussetzung für die Verwendung eines Vorsatzgeräts ist also eine variable Vergrößerung bei Universalzielfernrohren! Was die Qualität angeht, so regelt dies in den meisten (aber nicht allen) Fällen der Preis, also Achtung vor einem zu schnellen Kauf eines günstigen Geräts! Das Wichtigste zusammengefasst:

  • einfache Montage am Objektiv des Zielfernrohrs möglich
  • gewohnter Anschlagskomfort
  • Montagehöhe und Montagelänge bleiben unverändert
  • rasches Wechseln zwischen Tag- und Nachtoptik möglich
  • Das Vorsatzgerät sollte justierbar sein – gleiche TPL zum normalen Zielfernrohr.
  • Auf 100 m sollte ein Zielbereich von 5–7 cm getroffen werden können.
  • Wiederholungsgenauigkeit: keine Treffpunktverlagerung beim Ab- und Aufsetzen!
  • Der Anpressdruck am Zielfernrohr sollte von einem Fachmann justiert werden.

Nachsatzgeräte

Nachsatzgeräte werden beim Ziel­fernrohr am Okular aufgesteckt und sind in der Regel sehr kompakt. Diese meist preisgünstigen Geräte machen die Nacht etwa mit digitaler Nachtsicht­technik zum Tag. Eines davon ist das im WEIDWERK-Test berücksichtigte Pard NV007. Nachsatzgeräte haben den Vorteil, dass sie kompakt und leicht sind, aber den Nachteil, dass sie durch die Verkürzung des Augenabstandes das Schussverhalten der Büchse möglicher­weise negativ beeinflussen können.
Das Wichtigste zusammengefasst:

  • kompakt und leicht
  • kein Einschießen der Büchse erforderlich
  • verringert den Augenabstand zum Okular

Elektronische Zielgeräte

Elektronische Zielgeräte verfügen über ein fix verbautes Abkommen und ­müssen wie herkömmliche Zielfernrohre fest mit dem Gewehr verbunden werden (Montage). Manche Modelle, etwa das jüngst vorgestellte digitale Nachtsichtzielfernrohr Pulsar Digex N455, können wie ein herkömmliches Zielfernrohr mit 30-mm-Mittelrohrdurchmesser etwa per Schwenkmontage montiert werden, was ein Wechseln zwischen Tages- und Nachtoptik zu einem Kinderspiel macht (auf Wiederholungsgenauigkeit achten!).
Der Markt hält Zielgeräte mit fix verbautem Abkommen für den Schuss in der Dunkelheit in Form von Wärmebildgeräten, Restlichtverstärkern und digitalen Nachtsichtgeräten bereit. Diese Geräte sind fix oder mit einer abnehmbaren Montage am Gewehr montiert. Jäger, die ausschließlich mit einem ­speziellen „Sauengewehr“ in der Nacht jagen, greifen eher zu einem solchen Gerät. Wenn man auf die „normale Jagd“ bei Tageslicht umstellen möchte, bleibt die Möglichkeit eines Wechselzielfernrohrs, das dann auch mitgeführt werden muss. Das heißt im Grunde: zweifache Ausführung einer guten, spannungsfreien Zielfernrohrmontage und natürlich auch zweimal deren ­Kosten. Probleme gibt es vielfach bei veränderten Montagehöhen und Montagelängen gegenüber dem normal geführten Zielfernrohr. Daher ist es sehr wichtig, eine Montagelösung zu finden, die den Anschlagsmaßen und Gewohnheiten des herkömmlich verwendeten Zielfernrohrs entsprechen und einen sicheren Schuss auf das Stück garantieren. Nicht selten ist der Augenabstand stark reduziert, da ein Rückstrahlen des Lichts, welches durch die Verstärkerröhren oder Wärme­bild­technik entsteht, verhindert werden soll. Wenn dann ein größeres Kaliber zum Einsatz kommt, kann der Rückstoß und in weiterer Folge der mög­liche Schlag auf die Augenbraue ein künftiges Mucken zur Folge haben. Tipp: Mit einem Schalldämpfer kann der Rückstoß reduziert werden . . .
Elektronische Zielgeräte haben den Vorteil, wie ein Zielfernrohr eingeschossen werden zu können. Meist sind dann verschiedene Vergrößerungen am Gerät wählbar. Diese liegen in sehr ­kleinen Vergrößerungsbereichen, im Regelfall bei 1–6-fach.
Optionen, wie das Mitfilmen oder Fotografieren bei der Schussabgabe, können Rückschlüsse auf die Augenblickswirkung des Stückes geben und erweitern die Möglichkeiten der Dokumentation immens. Wie bei Vorsatz­geräten spiegelt der Preis meist auch die Qualität wider. Um nicht die Katze im Sack zu kaufen, sollte jedenfalls die Möglichkeit bestehen, das gewünschte Gerät vor einem Kauf zu testen. Das Wichtigste zusammengefasst:

  • fixes Gerät mit Abkommen und Justiermöglichkeit – einfache Hand­habung
  • Für die Jagd bei Tageslicht ist ein Wechselzielfernrohr notwendig.
  • höhere Montagekosten beim Einsatz eines Wechselzielfernrohrs (zwei Montagen)
  • Montagehöhe und Montagelänge müssen zum normalen ZF ident sein.
  • meist mehr Optionen, wie Filmen und Fotografieren, verfügbar

Um dieses umfangreiche und beinahe schon unüberschaubare Thema der künstlichen Nachtzielhilfen zu beleuchten, werden wir in den nächsten ­Ausgaben verschiedenste Geräte (siehe Liste rechts) in der Praxis testen. Wir bleiben also dran und bringen Licht ins Dunkel! Im 2. Teil geht es um Nachtsichtgeräte mit Bildverstärkerröhre.

Folgende Nachtsicht-Zielhilfen wurden vom WEIDWERK getestet:

  • Jahnke DJ-8 1×48
  • Jahnke DJ-8 1×56
  • Dipol DN55 XT
  • Nitehog TIR-M50 Caiman
  • Pulsar Core FXQ50 BW
  • Dipol TFA1200
  • Liemke Merlin-42
  • Guide TA435
  • Night Pearl Seer 50
  • Night Pearl Oracle 35
  • Pulsar Thermion XP50
  • ATN Mars 4 4,5–18×50
  • ATN X-Sight 4K 5–20×
  • Pulsar Digex N455
  • Yukon Digital Riflescope Photon RT 6×50S
  • Yukon Digital Riflescope Sightline N475 Weaver
  • Pard NV007