Reportage

Diana mit Herzblut

September 18, 2020 -
Jagdbotschafterin Célina Bapst

Die rauen Bedingungen der Bergjagd machen den stattlichen ­Gamsbock zu ihrer liebsten Jagderinnerung. Selbst Erlegtes bereitet sie gekonnt nach regionaler Tradition der französischen Schweiz zu. – Célina Bapst ist die „Schweizer Jägerin 2020–2022“. Dem ­WEIDWERK gab sie ein rares Interview in deutscher Sprache.

Zum vierten Mal suchte die Jagdzeitschrift Schweizer Jäger im Spätherbst 2019 die „Schweizer Jägerin“ als Botschafterin der Schweizer Jagd. Gegen einige ­passionierte Jägerinnen aus verschiedenen Regionen der Schweiz konnte sich Célina Bapst vor einer Fachjury behaupten. „Ehrlich gesagt war ich sehr nervös, da meine Muttersprache Französisch ist und die ­Gespräche auf Deutsch geführt wurden. Glücklicherweise konnte ich die Jury von mir und meiner Moti­vation überzeugen!“, so die 28-jährige Schweizerin, die ihr Amt im Rahmen der Fachmesse „Fischen Jagen Schiessen“ in der Schweizer Hauptstadt Bern am 15. 2. 2020 antrat.

Dem WEIDWERK gibt die amtierende Schweizer Jägerin ihr erstes Interview in einem deutschsprachigen Jagdfachmagazin.

WEIDWERK: Was bedeutet Jagd für Sie?
Célina Bapst: Die Jagd ist für mich eine Lebensschule, eine Lebenseinstellung und nicht nur Sport oder Hobby. Durch die Jagd kehren wir zu einem gesünderen, natürlicheren Leben zurück und lernen, geduldig, aus­dauernd und respektvoll mit der Natur umzugehen. Leider lehrt uns die heutige Gesellschaft, der Natur gegenüber ungeduldig, konsumierend und arrogant zu sein. Die Jagd aber bringt uns zurück an unseren ursprünglichen Platz. Wir sind Glieder einer Kette und Teil eines Kreislaufs. Es ist wichtig, dass wir das nicht vergessen.

WEIDWERK: Haben Sie einen jagdlichen Hintergrund? Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Jagd?
Bapst: Ich habe meinen Jagdschein im Jahr 2016 ­begonnen und zwei Jahre später die Prüfung abgelegt. Bei uns dauert die Vorbereitung zur Erlangung des Jagdscheins lang, aber das ist gut so; wir schließen die Jagdausbildung mit viel Wissen und Können ab. So ­erlangen wir eine gute Schießfertigkeit, viel Gespür für Sicherheit, große Wildtierkenntnis und vor allem auch eine umfassende Kenntnis über die natürlichen Zusammenhänge in den Lebensräumen, in denen wir jagen.

Bereits seit meiner Kindheit ist die Jagd ein Teil meines Lebens. Seit Abschluss der Jagdprüfung kann ich diese Passion im Kreis von Familie und Freunden selbst ausleben, nicht nur als Begleitung. Seither hatte ich die Gelegenheit, eine Vielzahl von Wildarten mittels verschiedener Jagdtechniken zu bejagen. Das erste Stück Wild zu erlegen, war sehr emotional für mich, aufgrund der guten Vorbereitung empfand ich es aber als etwas Natürliches.

WEIDWERK: Jagdlich beheimatet sind Sie im ­Schweizer Kanton Freiburg, wo es das System der ­Patent- bzw. Lizenzjagd gibt. Welchen jagdlichen ­Tätigkeiten gehen Sie in der jagdfreien Zeit nach?
Bapst:
Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Familie wieder in den Heimatkanton zurückgezogen ist – bis ich 13 Jahre alt war, haben wir im jagdfreien Kanton Genf gelebt. Meine Familie väterlicherseits hat immer im Kanton Freiburg gejagt, und deshalb ist es für mich selbstverständlich, dasselbe zu tun. Hier jagen wir nach einem Patentjagdsystem. Das heißt, jeder, der eine Jagdberechtigung für diesen Kanton hat, kann jährlich ein Jagdpatent bzw. eine Jagdlizenz des Kantons kaufen. Der Kanton ist für die Bewirtschaftung seiner Flora und Fauna und damit auch für das Jagdregal ver­antwortlich.

Die Jagdsaison dauert jeweils vom 1. September bis Ende Februar. Während dieser Zeit verbringe ich den größten Teil meiner Freizeit auf dem Feld, beobachte entweder das Wild und bereite mich auf die nächste Jagd vor, jage alleine oder mit meiner Jagdgruppe. Grundsätzlich verbringen wir 90 % unserer Samstage zusammen bei der Jagd auf Rotwild, Schwarzwild oder Füchse. Nach Feierabend sitze ich oft auf Rehe oder Schwarzwild an. Das ist meine Art, mich nach der ­Arbeit zu entspannen und Zeit in der Ruhe und Stille der Natur zu verbringen. Während der
jagdfreien Zeit zähle ich Wild für die Wildhüter, mache Feld­beobachtungen, Biotoppflege und Verblendungen für die Bauern. All diese Arbeiten sind wichtig, um die Umgebung, in welcher auch gejagt wird, gut kennenzulernen, aber auch, um mit anderen Partnern der Landschaftsnutzung zusammenzuarbeiten. Für uns Jäger ist es wichtig, im Wildtiermanagement präsent zu sein, um gesunde Bestände zu erhalten. Bei den „Dianas“, einer Jägersektion der Region, bin ich für die Rehkitzrettung verantwortlich.

WEIDWERK: Gibt es eine Wildart, auf die Sie besonders gerne weidwerken? Was macht den Reiz aus?
Bapst: Zu meinen Favoriten zählt die Rehwildjagd, weil wir dafür mithilfe unserer Hunde in Gruppen jagen. Es ist eine kollaborative und strategische Jagd und macht große Freude, da wir, bei gutem Essen – auf dem Feuer gekocht – viel Zeit miteinander verbringen. Diese Atmosphäre ist einzigartig!

Auch die Jagd auf Gams ist sehr spannend und erfordert viel Wissen und Training. Es ist eine physisch fordernde Jagd im Hochgebirge und auch schön, die Tiere in ihrem Lebensraum zu beobachten. Es braucht großes Fachwissen, um das Stück richtig anzusprechen. Meine liebste Jagderinnerung ist eine solche Bergjagd. Nur dank der Ausdauer, Geduld und unserem Instinkt konnte ich mit diesem prächtigen Gamsbock nach Hause zurückkehren. An diesem Tag habe ich viel über die Bergjagd und ihre rauen Bedingungen gelernt.

WEIDWERK: Wie bereiten Sie selbst Erlegtes zu?
Bapst: Es ist wunderbar, mit dem eigenen Fleisch kochen zu können. Ich betrachte es als Privileg, und es ist die ­Belohnung, nachdem ich als Jägerin mein Bestes gegeben habe. Ich koche gerne alle Arten von Gerichten mit meinem selbst erlegten Fleisch. Darunter Eintöpfe, Braten und Hamburger, aber auch originellere Rezepte wie Wildtatar. Dabei wird ein Hirschmedaillon in feinste Stücke geschnitten und mit Gewürzen, wie Pfeffer, Salz, Paprika, Chili, getrockneten Tomaten, Kapern und Parmesan, gewürzt. Wir essen so das rohe Fleisch. Es ist ein frisches und originelles Gericht, das wir in der französischsprachigen Schweiz sehr schätzen.

WEIDWERK: Wie wichtig bzw. verbreitet sind Traditionen wie Brüche? Haben Sie ein „Ritual“, eine Ehrerbietung für ein erlegtes Stück Wild?
Bapst:
Wir legen großen Wert auf diese Traditionen und respektieren auch den letzten Bissen sowie Grüße wie "Weidmannsheil". Wir schlagen auch denjenigen zum Jäger, wer sein erstes Stück Wild schießt – mit einem Schweißstreifen auf der Stirn des Jägers wird dessen Eintritt in die Welt der aktiven Jagd auf diese Wildart symbolisiert.

WEIDWERK: Welche Bedeutung haben Trophäen für Sie?
Bapst:
Natürlich schätze ich eine schöne Trophäe und ich liebe es, die Geschichte des Tieres durch die Trophäe "lesen" zu können. Zudem finde ich es sehr interessant, Trophäen aus verschiedenen Regionen zu vergleichen. Ich jage jedoch keineswegs wegen der Trophäe. Auf der Jagd bin ich nie auf der Suche nach dem Tier mit der "schönsten" Trophäe, im Gegenteil: ich lege großen Wert auf die Jagdbedingungen und hoffe immer, ein Tier erlegen zu können, das Sinn macht, erlegt zu werden.

WEIDWERK: Was ist Ihre liebste Jagderinnerung?
Bapst:
Es fällt mir schwer, nur eine Jagderinnerung zu wählen, weil ich es wirklich genieße, mit meiner Gruppe zu jagen und von meinem Vater, meinem Bruder und meinen Freunden begleitet zu werden. Ich mag die Jagd mit unseren Laufhunden sehr, aber meine Lieblingserinnerung an die Jagd ist immer noch mein erster Tag der Gamsjagd. An diesem Tag hatte ich die Gelegenheit, einen prächtigen 30 kg schweren Bock unter ziemlich schwierigen Bedingungen zu erlegen. Nur dank unserer Ausdauer, unserer Geduld und unseres Instinkts konnte ich mit diesem prächtigen Gamsbock nach Hause zurückkehren, weil ich viel gelernt habe über die Bergjagd, die manchmal raue Bedingungen bietet.

WEIDWERK: Welche weiteren (jagdliche) Ziele verfolgen Sie?
Bapst:
Bei der Freiburger Jagd ist es mein vorrangiges Ziel, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um die Jagd für alle offen zu halten und die Arbeit und das Fachwissen der Freiburger Jäger hervorzuheben. Ich hoffe, mein ganzes Leben in meiner Region jagen zu können, denn hier lernen wir den Lebensraum und das Wild besser kennen. Wir sind Experten auf unserem Terrain und für mich ist es wichtig, die Jagdtradition hier in der Schweiz fortzusetzen, um ethisch korrekt und respektvoll gegenüber Wild und Lebensraum jagen zu können.

Ich träume davon, eines Tages in der Region, in der ich lebe, einen Hirsch erlegen zu können. Dies ist eine große Herausforderung, die viel Wissen und viel Beobachtung erfordert. Für mich ist die Tatsache, ein solches Tier dort erlegen zu können, wo ich lebe, sehr wertvoll. Wahrscheinlich muss ich dafür aber noch einige Jahre warten, da einige der Jäger in meiner Gruppe viele Jahre auf das Glück warten mussten, ihren Hirsch vor Ort erlegen zu können.

Meine anderen Ziele sind es, in anderen Kantonen und anderen Ländern auf die Jagd gehen zu können, um mein Jagdwissen zu erweitern und verschiedenste Jagdarten und -methoden zu entdecken. Ich würde gerne in Frankreich auf die Jagd gehen, und warum nicht auch bald in Österreich oder Deutschland? Mein Traum ist es, in Schottland jagen zu können!