Das A und O des Flintenschießens - © Martin Grasberger
© Martin Grasberger
Serie

Obwohl die Flinte mittlerweile unser verlängerter Arm ist, entwischen uns manche Ziele. Wie wichtig das richtige Vorhalten ist, erklärt uns Olympiaschütze Nicky Szápáry im fünften Teil.

Das Display des Entfernungsmessers zeigt 254 Meter an, leichter Wind von rechts. Das ist die gelbe Markierung am Ballistikturm, eine Strichbreite nach rechts. Druck auf den Abzug sanft ­erhöhen, Treffer!
Was mit einer guten Büchse, zeitgemäßer Optik und dem Beherrschen der Grundrechenarten längst keine Hexerei mehr ist, gleicht mit der Flinte eher einem Kochrezept nach dem Schema „Man nehme eine Prise Salz“. Denn so viel ist klar: Ein sich ­bewegendes Ziel erfordert ein Vorhaltemaß, um es zu treffen. Doch wie viel ist das, wenn Geschwindigkeit und Entfernung nur geschätzt werden können und keine Zielvorrichtung zur Ver­fügung steht? Alles reine Gefühlssache oder präzise Mathematik?
Wir stellen Schießtrainer Nicky Szápáry zu diesem Thema Fragen, deren Beantwortung nicht mit ein paar Tabellen zu lösen ist und eine Menge Erfahrung erfordert.

WEIDWERK: Lieber Nicky! Du hast uns in dieser Serie die Grundzüge des Flintenschießens vermittelt, die ­Systematik der Bewegungsabläufe näher­gebracht und wertvolle Tipps für das Training gegeben. Dennoch kann nicht jeder Schuss ein Treffer sein, und ins­besondere sich quer vorbeibewegende Ziele lassen uns oft rätseln, ob wir bei Fehlschüssen davor oder dahinter waren. Gibt es eine Methodik, wie man das „Vorhalten“ beim Flintenschuss ­erlernen kann?
Nicky Szápáry: Grundsätzlich ja, sogar mehrere. Doch hier spielen viele individuelle Faktoren eine Rolle, die wir zuvor ein wenig betrachten sollten. Da wir mit Flinten nicht bewusst zielen, sondern lediglich mit dem Lauf in die Richtung des im Fokus befindlichen Zieles zeigen, nehmen wir den Lauf nur schemenhaft wahr. Außerdem unterliegt die Schrotgarbe einer Streuung, also einer zunehmenden räumlichen Ausdehnung. Somit sprechen wir eher von einem Vorhaltebereich als von einem exakten Vorhaltemaß. Das Augenmerk liegt insgesamt primär auf dem Erlernen einer sauberen Bewegungstechnik zur synchronen Bewegung mit dem Ziel; ein zusehends immer verlässlicheres Treffen ist quasi ein „Nebenprodukt“ einer sauberen Bewegungstechnik. Die schließlich für die jeweilige Situation entsprechende Bewegung vor das Ziel ist nur noch das sprichwörtliche „Pünktchen auf dem I“.

WEIDWERK: Ist dieser Bereich des Vorhaltens für alle Schützen gleich oder gibt es individuelle Unterschiede?
Nicky: Bei einem Treffer ist die tatsächliche Position der Laufmündung in Bezug auf das Ziel in dem Moment, wenn die Schrotgarbe den Lauf verlässt, theoretisch für jeden Schützen gleich. Denn sie errechnet sich logischerweise aus Richtung, Entfernung und Geschwindigkeit des Zieles sowie aus der Geschwindigkeit der Schrote. Befragt man aber danach verschiedene Schützen, geben sie häufig ganz verschiedene Eindrücke ihres „Vorhalts“ an. Der Schütze nimmt subjektiv den „Befehl“ zum bzw. den Moment des Abziehens wahr. Das Zeitintervall zwischen dem subjektiven Empfinden der Schuss­auslösung und dem tatsächlichen ­Austritt der Garbe aus dem Lauf ist die „Grauzone“, die es zu berück­sichtigen und im Idealfall zu nützen gilt. Die ­individuelle Wahrnehmung hängt jedoch beispielsweise von der Synchronizität der Laufbewegung mit dem Ziel und dem Abziehverhalten des Schützen ab.
Erinnere dich an das Beispiel mit der Stablampe: Wenn der Lichtkegel während des gesamten Bewegungs­ablaufs synchron vor dem Ziel bleibt und das Abziehen im richtigen Moment reflexartig geschieht, wird der Vorhaltebereich – je nach Entfernung und ­relativer Geschwindigkeit des Zieles – im Bereich von einer bis mehreren Unterarmlängen sein können. Ist der Lichtkegel nur kurz im optimalen Bereich bzw. erfolgt das Abziehen „gehirn­gesteuert“ und somit zeitverzögert, wird die ­Bewegung zu früh abgebrochen oder ist die Bewegungsmöglichkeit des ­Körpers eingeschränkt, entsteht das gefürchtete „Stehenbleiben“. Um trotzdem zu treffen, empfindet der Schütze den erforderlichen Vorhaltebereich dann subjektiv als größer. Synchronizität der Bewegung, Intuition und Reflex spielen hier eine wichtige Rolle.

WEIDWERK: Ist dies mit der häufigen Anweisung gemeint, den Schuss eher hinzuwerfen als zu zielen?
Nicky: Da ist was dran; mit „Hinwerfen“ ist hier die Einengung des verfügbaren Zeitfensters gemeint, um einen „Zielvorgang“ zu vermeiden. Flintenschießen ist keine intellektuelle Aufgabe, sondern das unmittelbare, intuitive Agieren in plötzlich wahr­genommenen Situationen. Die dafür notwendige Bewegungstechnik und reflexive Fähigkeiten erlangt man jedoch hauptsächlich durch gezieltes Training, wenngleich Talent und Veranlagung hilfreich sein mögen. Wie eingangs erwähnt, möchte ich drei ­Methoden vorstellen, mithilfe derer trainiert wird, den Lauf in die ent­sprechende Position vor das Ziel zu ­bewegen – nämlich dann, wenn die Garbe den Lauf verlässt:

  1. Die Vorhalte-Methode: Der Lauf zeigt beim Anschlagen ­bereits vor das Ziel. Der Vorhalt wird konstant beibehalten, von der Schussauslösung bis zum Auftreffen der Schrotgarbe im Ziel.
  2. Die Überhol-Methode: Der Lauf wird hinter das Ziel ­an­geschlagen. Durch eine leichte Beschleunigung wird das Ziel ein­geholt und schließlich überholt. Das Abziehen erfolgt theoretisch mit etwas zu wenig Vorhalt, durch die Weiterbewegung des Laufes während des Abziehvorgangs vergrößert sich der Vorhaltebereich bis zum tatsächlichen Brechen des Schusses jedoch auf das optimale Maß.
  3. Die „Pull/Push-Away“-Methode: Der Anschlag erfolgt entweder zum Ziel oder bei großen Distanzen ­bereits etwas davor. Nun erfolgt eine beschleunigte Bewegung vom Ziel weg, während gleichzeitig der Abzug betätigt wird. Im Milli­sekunden-Zeitraum vom (idealerweise unbewussten) „Abzugsbefehl“ bis zum tatsächlichen Abschuss der Schrotgarbe vergrößert sich der Vorhalt in den objektiv not­wendigen Bereich.

Nicky: Erfolgreiche Flintenschützen wenden diese Methoden situativ an, versteifen sich also nicht auf lediglich eine davon. Entscheidend ist jedoch, durch oftmaliges Training die moto­rischen und neurologischen Abläufe so weit zu festigen, dass sie vom gesteuerten, bewussten Tun zu einem intuitiven, reflexhaften Agieren werden.
Wir wollen die zuvor beschriebene „Grauzone“ nicht kontrollieren, sondern durch das Trainieren einer spezifischen Bewegungsqualität nützlich zur Entfaltung bringen. Dann stellt sich auch das Vertrauen in die eigene Intuition ein, die für das Treffen mit der Flinte die berühmte „Prise Salz“ ist. Wenn ich beim Üben nur auf das Erzielen des Treffers achte, wird es ein langer und steiniger Weg zum nachhaltigen Erfolg.

WEIDWERK: Lieber Nicky, wir danken für das Gespräch!

Im 6. und letzten Teil unserer Serie ­beleuchten wir, worauf bei der Anschaffung einer Flinte geachtet werden soll.