Junger Mäusebussard im Flug. - © Michaela Walch
Serie

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 4. Teil: Bussarde.

Bewundert und geschätzt oder als Räuber verabscheut: Greifvögel polarisieren. Dabei erfordert die richtige Bestimmung von Greifvögeln viel Übung. Wussten Sie, dass in ­manchen Regionen Österreichs fünf verschiedene Bussardarten beobachtet werden können? Der häufigste Ver­treter und gleichzeitig am weitesten verbreitete Greifvogel Europas ist der Mäusebussard (Buteo buteo). Dieser kann bei der Bestimmung bereits eine Herausforderung sein, denn wie sein fran­zösischer Name „Buse variable" schon andeutet, ist im Farbenspektrum seines Federkleids alles möglich, was sich ­zwischen fast weiß (vorwiegend in Nordeuropa) und sehr dunkel bewegt. Dazwischen gibt es zahlreiche Farbschläge, sogenannte „Morphen". Fast immer ist bei dieser Art jedoch das helle Brustband erkennbar. Wie bei den meisten Greifvögeln sind die Weibchen etwas größer als die Männchen, ansonsten aber optisch nicht von ­diesen zu unterscheiden. Jungvögel im Jugendkleid sind an Brust und Bauch längs, Adulte hingegen quer gestrichelt. Auch die dunkle Schwanzbinde und der ­Flügelhinterrand sind erst im adulten Federkleid zu sehen.

Neben dem Federkleid ist die Unterscheidung der bei uns vorkommenden Bussardarten unter anderem auch über das Flugverhalten, den Lebensraum und die Zeit der Sichtung möglich, da nicht alle dieser Bussardarten ganzjährig bei uns zu beobachten sind. Zeitig im Jahr beginnen die Mäuse­bussarde mit den auffälligen Balzflügen über ihren Horstplätzen. Dabei steigen die Vogelpaare in die Luft und lassen sich dann abwechselnd immer wieder in die Tiefe fallen, um daraufhin ­wieder aufzusteigen. Die ersten Küken schlüpfen im April. Der Zeitpunkt des Schlüpfens entscheidet über Leben und Tod, denn bei Mäusebussarden ist der „Kainismus" üblich, was bedeutet, dass das stärkere Küken sein jüngeres ­Geschwister aus dem Horst drängt. Im Juli verlassen die Jungvögel den Horst, sind aber noch nicht flugfähig und halten sich deshalb auf den ­umliegenden Ästen auf – man nennt sie nun „Ästlinge". Im August werden die jungen Mäusebussarde von den ­Alt­vögeln vertrieben. In dieser für die Jungvögel schwierigen Anfangszeit ziehen sie auf der Suche nach Nahrung umher, werden aber aus bereits be­setzten Revieren vertrieben, was das Anfressen von Fettreserven für den Winter erheblich ­erschwert.

Der Raufußbussard hat eine bis zum Zehenansatz reichende Befiederung. - © Thomas Plack

Der Raufußbussard hat eine bis zum Zehenansatz reichende Befiederung. © Thomas Plack

Nordlichter

Der Raufußbussard (Buteo lagopus) ist bei uns Wintergast und brütet ­zirkumpolar, also nahe der Arktis in Nordamerika, Skandinavien und Russland. Die kalten Monate (Oktober bis Ende März) verbringt er bei uns und kehrt anschließend wieder in seine Brut­gebiete der Tundra und Taiga ­zurück. Seine Hauptnahrung stellen Lemminge und bei uns im Winter Mäuse dar. Werden diese knapp, weicht er auf andere Kleintiere aus. Ist nicht genügend Nahrung vorhanden, kann die Brut in einem solchen Jahr sogar ausfallen. Der Raufußbussard sieht dem Mäusebussard recht ähnlich, ist jedoch etwas größer und hat, aus der Nähe betrachtet, ein eindeutiges Erkennungsmerkmal: die bis zum ­Zehenansatz reichende Befiederung. Im Flug ist die schwarze Endbinde bei den Adulten deutlich zu sehen, ebenso die weiße Schwanzbasis, der dunkle Bugfleck um die Handwurzel und das gleich­farbige Bauchschild. Diese Bussardart hat einen kurzen Schnabel und einen hellen Kopf und brütet im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten Arten nach Verfügbarkeit auf Fels­vorsprüngen. Der Falkenbussard (Buteo buteo vulpinus) kann ebenfalls in unterschiedlichen Morphen auftreten und ist dem Mäusebussard dadurch mitunter sehr ähnlich. Die Bezeichnung als eigene Art ist daher umstritten, und sie wird oft als nörd­licher Vertreter des Mäuse­bussards betrachtet, mit dem Verpaarungen bekannt sind. Die beiden Arten sind unter anderem durch das beim Falkenbussard in der Regel fehlende helle Brustband zu unterscheiden. Der Falkenbussard ist ein Steppengreifvogel der offenen Landschaft, brütet in Skandinavien und Westrussland und ist bei uns ein Durchzügler, der überwiegend Anfang September auftaucht. Seine Winterquartiere liegen in Afrika, was ihn zu einem ausgesprochenen Langstreckenzieher macht. Er hat meist ein rötlich braunes Gefieder, schmälere Flügel als der Mäusebussard und einen verhältnis­mäßig langen Stoß mit dunkler Binde.

Der Falkenbussard ist eine nördliche Unterart des Mäusebussards. - © Thomas Plack

Der Falkenbussard ist eine nördliche Unterart des Mäusebussards. © Thomas Plack

Exot aus dem Süden

In den letzten Jahren sind im Osten Österreichs einzelne Individuen einer weiteren Bussardart aufgetreten. Der Adlerbussard (Buteo rufinus) ist der größte bei uns zu beobachtende Bussard und kommt eigentlich von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien vor, wo er Trockensteppen und Halbwüsten bewohnt. In den letzten Jahrzehnten hat er sein Brutgebiet von der Türkei über den Balkan bis nach Ungarn ausgeweitet. Vor allem im Juli, nach dem Ausfliegen der Jungvögel, ist er auch in Österreich zu beobachten, bevor er im Oktober in seine Winterquartiere in Griechenland und Nordafrika zieht. Im Flugbild scheint die Silhoutte durch seine Größe und die deutlich gefingerten Handschwingen adlerartig. Gefieder, Stoß und Hosen sind rostrot, die Unterflügeldecken weiß mit schwarzen Spitzen. Flügel und Stoß sind ungebändert, der Flügelrand hat eine dunkle Endbinde. Im Gegensatz zur roten Morphe des Falken­bussards, mit dem er leicht verwechselt werden kann, ist der Kopf jedoch heller, und alle Morphen weisen einen dunklen Bugfleck, ähnlich dem des Raufuß­bussards, auf.

Eigen-Art-ig

Eine eigenständige Unterfamilie bilden die Wespenbussarde. In Österreich kommt nur eine Art, der eigentliche Wespenbussard (Pernis apivorus) vor, der wie der Mäusebussard auch einen sprechenden Namen trägt. Dieser Greifvogel, ebenfalls ein Brutvogel in Österreich, hat sich eine besondere Nische ausgesucht: die Larven der Erd­wespe, die aus dem Boden ausgegraben werden. Wer sich auf eine so besondere und wehrhafte Beute spezialisiert, sollte einen gewissen Schutz vorweisen. So haben sich im Laufe der Evolution ­einige ­Anpassungen entwickelt: schuppen­förmige, kleine Federn am Kopf, schlitzförmige Nasenlöcher, überlappende Hornplatten an den Füßen und weniger stark gebogene Krallen, mit denen es sich leichter in der Erde graben lässt. Die Männchen haben einen kuckuck­artig wirkenden, hellgrauen Kopf, der bei den Weibchen eher bräunlich wirkt. Im Flug ist der Kopf vorgestreckt, der Stoß weist eine dunkle Endbinde und zwei schwächere Binden näher am ­Körper auf. Außerdem ist ein dunkler Bugfleck am Handgelenk der Flügel ­erkennbar. Wespenbussarde sind bei uns etwa zwischen Ende April und Ende August zu beobachten. Den Winter verbringen sie südlich der Sahara in Äquatornähe. Nach ihrer Rückkehr ins Brutgebiet beginnt die Balz. Die Männchen schlagen dabei die Flügel über ihrem Kopf zusammen und ­umwerben die Weibchen mit diesem sogenannten „Schmetterlingsflug".

Der männliche Wespenbussard hat einen taubenähnlichen Kopf. - © Florian Kainz

Der männliche Wespenbussard hat einen taubenähnlichen Kopf. © Florian Kainz

Foto Michaela Walch