Rotwild - © Franz Bagyi
Serie

Wie haben sich die Abschussdichten der heimischen Wildarten in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Wir geben Antworten in dieser aufschlussreichen Serie! – 8. Teil: Rotwild.

Rotwild erreichte die höchsten Abschussdichten in jenen Bezirken, in denen der Lebensraum zwar gebirgig, aber nicht zu extrem ist. Dies sind neben Hochgebirgslagen auch ausgedehnte Vorlagen, Täler, Beckenlagen sowie Mittelgebirge. In der ersten Periode (1955–1964) wurden höchste Abschussdichten (mehr als 1 Stück je 100 ha ­Bezirksfläche) in vier Bezirken erreicht (Spitzenreiter war der Bezirk Leoben mit 1,52 Stück/­100 ha, jetzt 0,97 Stück/100 ha). In der zweiten Periode (1965–1974) wurden Abschuss­dichten über ein Stück je 100 ha in 7 Bezirken, in der dritten in 10, in der vierten in 7, in der fünften Periode ebenfalls in 7, in der sechsten in 13 und in der letzten Periode (2015–2018) in 15 Bezirken ­erreicht (Abb. 1; Höchstwert: Lilienfeld mit 2,21 Stück/100 ha). In der Obersteiermark (Bezirke Leoben, Knittelfeld, Bruck an der Mur) und im Tiroler Lechtal (Bezirk Reutte) ergaben sich seit den 1950er-Jahren nachhaltig hohe Abschussdichten. In angrenzenden ­Gebieten Niederösterreichs, Vorarlbergs und Kärntens wurden etwas später ähnlich hohe Durchschnitts­abschüsse getätigt (Abb. 1).

In den Bezirksflächen sind alle von Rotwild unbesiedelten Flächen, deren genaues Ausmaß unbekannt ist, inkludiert. Es ist also davon auszu­gehen, dass die tatsächlich vom Rotwild bewohnte Fläche kleiner als die Bezirksfläche ist, wodurch Abschussdichten, bezogen auf die besiedelte Fläche, höher ausfallen würden. Dies stört aber nicht den Vergleich der Abschussentwicklung auf identen Bezirksflächen über die Zeit. Lokale, revierweise Abschuss­dichten können von diesem durchschnittlichen Bezirkswert deutlich abweichen. Die unterste Stufe der ­Abschussdichte (0,001–0,01) wird bereits erreicht, sobald im Bezirk ein Stück in 10 Jahren erlegt wurde.

Wiederbesiedelung

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Rotwild wegen der Wildschäden, vor allem in der Landwirtschaft, in vielen Gebieten Europas und Österreichs ausgerottet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Österreich zu einem starken Bestandesanstieg und zu einer Zunahme des vormals stark geschrumpften Verbreitungsgebiets. Heute ist wieder rund die Hälfte der Landesfläche von Rotwild besiedelt.

In Europa lebt Rotwild nur auf etwa einem bis zwei Zehnteln seines ­ursprünglichen Verbreitungsgebiets in weitgehend isolierten Populationen. Aufgrund der gebirgigen Lage Österreichs sind zwar die Lebensraum­verluste (bisher) nicht so groß wie in anderen Ländern. Jedoch werden durch die hohe Attraktivität der Alpen für Freizeitaktivitäten und die dadurch ent­stehende Beunruhigung große Flächen vom störungsempfindlichen Rotwild zu­mindest tagsüber kaum noch genutzt. Dies führt zu starken Konzentrationseffekten in den relativ ruhigeren ­Gebieten mit erhöhter Gefahr von Wildschäden, insbesondere auch in steilen, für den Menschen schwer zugänglichen Schutzwäldern. Es ergibt sich eine zunehmend ungünstige Wildverteilung. Die Erhaltung geeigneter Rotwild-­Lebensräume von ausreichender Größe ist deshalb besonders wichtig. Der seit etwa 20 Jahren kontinuierlich zu­nehmende Abschusstrend (Abb. 2, Seite 14) ist vor allem eine Folge erhöhter Rotwildbestände. Gleichzeitig haben sich der Jagddruck sowie Beunruhigungen durch Freizeitaktivitäten erhöht. Das Wild ist scheuer, Bejagung und Abschusserfüllung sind schwieriger geworden. Für immer mehr Jäger ist eine er­forder­liche Bestandesregulierung nicht mehr realisierbar gewesen, wodurch Bestände weiter angestiegen sind.

Abbildung 1 - Durchschnittliche jährliche Abschuss­dichten pro 100 ha Bezirksfläche für das Rotwild (Wien wird als Bezirk geführt). - © Grafik Reimoser

Abbildung 1 © Grafik Reimoser

Abbildung 2 - Jährlicher Rotwildabschuss in Österreich von 1955–2018, gegliedert nach Hirschen, Tieren, Kälbern sowie Fallwild von 1968–2018. Auffällig sind die bis Mitte der 1990er-Jahre periodisch auftretenden Höchst- und Tiefstwerte des Abschusses im Abstand von etwa 12 bis 15 Jahren. Danach wurden die Inter­valle unregel­mäßiger und kürzer. Abschuss-­Gipfelungen ergeben sich für die Jahre 1962, (1964), 1977, 1991, 2005, 2012 und vorläufig 2017, Tiefstwerte in den Jahren 1955, 1967, 1983, 1994, 2006 und 2014. Der Maximal­abschuss mit 61.545 Stück erfolgte im Jahr 2017. Die Anzahl des in der österreichischen Abschussstatistik erfassten Fallwildes erreichte Spitzenwerte in der Zeit nach 2005 (Maximum 2018 mit 4.425 Stück). Langfristig ­gesehen, nahmen die jährlichen Fallwildzahlen eher zu. Diese Entwicklung lässt darauf schließen, dass mit den zuletzt hohen Abschüssen österreichweit keine ­Reduktion des Rotwild­bestandes erfolgt ist. Auch der Anteil der ­Tiere und Kälber am Gesamt­abschuss hat sich erheblich verändert und dadurch den Zuwachs und die Bestandesregulierung ­beeinflusst; Kälber werden in der Statistik erst ab 1961 separat geführt, vorher waren sie bei den Tieren dabei. Um 1960 wurden 36 % Hirsche erlegt, der Anteil Tiere/Kälber war mit 64 % noch relativ gering. Um 1970 stieg der Anteil Tiere/Kälber auf 67 % und danach sukzessive weiter auf derzeit 73 % (2015–2018). Somit entfallen zurzeit knapp 3/4 der jagdlichen Abschusstätigkeit beim Rotwild nicht auf Trophäen­träger,  sondern zur Regulierung auf Kahlwild. - © Grafik Reimoser

Abbildung 2 © Grafik Reimoser

Abbildung 3 - Jährlicher Rotwildabschuss in den österreichischen Bundesländern von 1955–2018. Rotwild wird in Österreich in allen neun Bundesländern erlegt. Die wellenförmige Abschussentwicklung erfolgte in den Bundesländern weitgehend parallel, ähnlich wie beim Rehwild (siehe WEIDWERK 6/2020, Seite 10). Gemessen an den Abschusszahlen lag und liegt die Steiermark an der Spitze, gefolgt von Tirol und Kärnten, Niederösterreich, Salzburg, Oberösterreich, Vorarlberg, dem Burgenland und Wien. Hinweise zur richtigen Interpretation von Streckenverläufen in verschiedenen Bundes­ländern finden Sie im WEIDWERK 3/2020, Seite 12. Beim Vergleich der ­Jahre 1955 und 2018 ist der Rotwildabschuss 2018 im Burgenland um das 6-Fache höher (×6,0), gefolgt von Tirol (×4,3), Kärnten (×4,1), Salzburg (×3,2), Niederösterreich (×2,9), Vorarlberg (×2,5), Steiermark und Oberösterreich (je ×1,6). - © Grafik Reimoser

Abbildung 3 © Grafik Reimoser