Jägerin blickt durchs Fernglas - Was zeigt der Blick durchs Fernglas? - © Dieter Hopf
Serie

Die in dieser Serie dargestellten Abschussstatistiken bieten die Grundlage für weitere Schlussfolgerungen. Doch was steht genau hinter den Zahlen? Wie kommen die Ergebnisse zustande und worauf ist bei der Interpretation zu achten?

In den Jahren 2005/06 erschien im WEIDWERK zum Jubiläum „50 Jahre Staatsvertrag“ eine 19-­teilige Serie mit einem Rückblick auf die Veränderung der Jagdstrecke in Österreich in Abhängigkeit von Lebens­raumtyp und Wildart. Nun erfolgt für einige Wildarten ein Update mit den weiteren Entwicklungen der letzten 15 Jahre. Diese WEIDWERK-­Serie bietet einen Überblick über die oft interessanten Veränderungen während der letzten 64 Jahre. Hier ­folgen Er­läuterungen, was bei der Inter­pretation der offiziellen Streckendaten zu be­achten ist und inwieweit sie etwas über den Wildbestand aus­sagen können.

Lebensraum

Die Höhe des nachhaltig möglichen oder erforderlichen Abschusses in einem Gebiet hängt stark von der Beschaffenheit des Lebensraumes ab. Auch die regional möglichen Bestandesdichten und Zuwachsraten für die verschiedenen Wildarten werden wesentlich vom Lebensraum bestimmt. Im Laufe der letzten sechzig Jahre haben sich Lebens­raumqualität und Überlebensmöglichkeit der meisten Wildarten stark ver­ändert. Dies ist ein wesent­licher Grund für ebenfalls veränderte Abschuss­dichten. Der bezirksweise Rückblick auf die ­Abschussentwicklung der einzelnen Wildarten seit dem Jahr 1955 er­mög­licht eine bessere Kenntnis über die Ent­stehung der gegenwärtigen wild­öko­lo­gi­schen Situation und deren Entwicklungstendenz in Österreich.
Daraus lassen sich Ziele und Maßnahmen für die zukünftige Wild­bewirt­schaftung auf Bezirksebene leichter ableiten. Darstellungen des jähr­lichen Gesamtabschusses in Österreich sowie für die einzelnen Bundesländer er­gänzen die Übersichten für die verschiedenen Wildarten.

Grundlagen

Datengrundlage für die in dieser Serie durchgeführten Auswertungen sind die jährlichen Jagdstrecken-Dokumentationen der Statistik Austria (Jagdstatistik). Was sagen diese Zahlen aus? – Die ­offizielle österreichische Jagdstatistik beruht auf den Abschuss- und Fallwildzahlen, die von den Jägern für die ­einzelnen Jagdgebiete in den jährlichen Abschusslisten angegeben werden. In manchen Bundesländern besteht für einige Wildarten, vor allem für Schalen­wildarten, die Pflicht zum körper­-lichen Nachweis jedes erlegten Stückes (Abschuss­kontrolle, „Grün­vorlage“). Sonst werden Abschüsse und Fallwildangaben nicht kontrolliert, ­abgesehen von den bei Hegeschauen vorgelegten Trophäen sowie Tieren mit Seuchenverdacht.
Bei kritischer Hinterfragung der Zahlen in der Abschussstatistik, vor allem, wenn keine objektive Abschusskontrolle durch körperlichen Nachweis der erlegten Stücke erfolgt, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass mitunter weniger Stücke erlegt werden als in den Abschusslisten angegeben (v. a. weibliches Wild, Jungwild). Andererseits könnten nicht alle erlegten Stücke gemeldet worden sein (v. a. Trophäenträger). Sofern aber solche möglichen Fehlerquellen über die Zeit weitgehend konstant bleiben und sich bei groß­räumiger Betrachtung lokale Besonderheiten ausgleichen oder nicht ins ­Gewicht fallen, ist der langfristige Entwicklungstrend der Jagdstrecke dennoch ein guter Beurteilungsmaßstab.
Je kleinräumiger und kurzfristiger die Jagdstrecken­zahlen verglichen werden, desto mehr Vorsicht ist bei der Interpretation der Datenverläufe ge­boten. Aber klein­räumig (zum Beispiel Jagdgebiete, Hege­ringe) bestehen meist auch genauere Zusatzinformationen, die eine Interpretation von Strecken­veränderungen hinsichtlich der maßgeblichen Ursachen erleichtern. Informationen über eventuelle Neuverpachtungen, Witterungseinflüsse (Winterhärte, Jungen­aufzucht, Sommer­trocken­heit, Hoch­wasser etc.), Wildkrankheiten u. a. sind in der Regel vorhanden.

Ausgangslage

Ebenso zu berücksichtigen sind die unterschiedlichen Ausgangslagen für die Abschussplanung in den Bundesländern sowie eventuelle jagdrechtliche Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte. Welche Wildarten unterliegen einer behörd­lichen Abschussplanung? Seit wann gibt es einen verpflichtenden Mindestabschuss, über den hinaus ­zusätzlich erlegt werden darf? Wird Fallwild auf den Abschussplan angerechnet oder nicht? Besteht Nachweispflicht für ­erlegtes Wild oder für Fallwild („Grünvorlage“)? All das sollte bei der Interpretation der Streckendaten für die jeweils betrachtete Wildart mit in ­Erwägung gezogen werden.

Wildbestandszahlen

Nun zum heiklen Thema Wild­bestand. Was kann uns die Jagdstrecke (Abschuss, Fallwild) über den Wildbestand aus­sagen? So lange der jährliche Wildabgang (Anzahl Abschuss plus gesamtes Fallwild) unter dem jähr­lichen Wildzuwachs (Anzahl Nachwuchs­stücke) liegt, steigt der Wildbestand an, egal, ob mehr oder weniger Wild zur Strecke kommt. Erst wenn der Wild­abgang höher ist als der Wildzuwachs, nimmt der Wildbestand ab. Dies trifft unter der Voraussetzung zu, dass die betrachteten Gebiete ­ausreichend groß sind und dadurch Zu- und Abwanderung des Wildes aus ­benachbarten Gebieten keine nennenswerte Rolle spielen. Bei Betrachtung ­unserer Streckenverläufe wissen wir nicht, ob und seit wann in unserem ­Bezugsgebiet mehr (oder weniger) Wild zur Strecke kam als nachwächst (und eventuell zuzieht), ob wir also den Wild­bestand einer bestimmten Art tat­säch­lich jagdlich steuern oder nicht. Da wir weder den Wild­abgang noch den Wildzugang genau kennen, können wir auch nicht wissen, wie viel Wild einer Wildart derzeit in Österreich lebt. Wildtiere sind eben keine Haustiere, und das ist gut so.
Wir können den aktuellen tatsächlichen Gesamtbestand nur schätzen oder einen ehemaligen Bestand mittels Rück­rechnungsverfahren – etwa mittels Kohortenanalyse – berechnen. Die ­Ergebnisse von Rückrechnungen hängen aber stets von der Genauigkeit der Eingangsdaten ab. Das genaue Alter der im Laufe der Jahre erlegten oder als Fallwild gefundenen Stücke, das auf den Geburtsjahrgang schließen lässt, ist selten aus­reichend bekannt. Geschlechts­angaben, Alter und v. a. der Anteil des gefundenen Fallwildes am Gesamtfallwild sind ein großer Unsicherheitsfaktor, sodass auch das Ergebnis von Rückrechnungen nur Mindestbestände, aber keine tatsäch­lichen Bestände liefert.

Relativzahlen

Als Planungsgrundlage für ein gutes Wildtiermanagement ist aber die Kenntnis über die genaue Anzahl der Wildbestände nicht unbedingt erforder­lich. Für viele Fragen reicht die Kenntnis der Entwicklungstrends aus, um bei Bedarf gegensteuern zu können. So sind zum Beispiel Ent­wicklungs­trends von leichter fest­zustellenden Mindestbeständen, die stets mit gleicher ­Methode erhoben werden, meist ausreichend, ohne dass die tatsächliche Höhe des Bestandes ­bekannt ist. Es reicht also eine zu­verlässige Infor­mation, ob der Bestand zunimmt, abnimmt oder konstant bleibt, ohne zu wissen, wie hoch der ­Bestand eigentlich ist. Ebenso sind Geschlechter­verhältnis (in %) und Zuwachsrate (in %; zum ­Beispiel Anzahl Rehkitze, bezogen auf alle beobachteten weiblichen Stücke nach der Brunft) mit systematischen jagd­lichen Beobachtungen („Stich­proben“) bei vielen Arten wesentlich leichter feststellbar als die konkrete Anzahl aller weib­lichen und männ­lichen Stücke eines Bestandes oder die ­absolute Anzahl der Nachwuchsstücke im Bestand.

Abschussentwicklung

Was kann die Abschussentwicklung über die Bestandesentwicklung aus­sagen? Wie zuvor erwähnt, müssen beide Entwicklungen nicht korrelieren, sie können sogar gegenläufig sein. Wenn aber auf ausreichend großer ­Bezugsfläche, wo Zu- und Abwanderung des Wildes nicht maßgeblich sind, über viele Jahre immer mehr Wild erlegt wird, muss der Wild­bestand entsprechend hoch sein. Im Falle einer Bestandesreduktion (Abgang längerfristig größer als Zuwachs) könnte der Abschuss nicht über viele Jahre ansteigen oder dauerhaft auf hohem Niveau bleiben. Einen gewissen Hinweis auf eine Bestandes­abnahme oder auf einen zumindest nicht zunehmenden Bestand kann auch die längerfristige Entwicklung der Fallwildzahlen geben. Wenn beispielsweise das Fallwild bei hohen ­Ab­schüssen bereits sukzessive weniger wird, abgesehen von einzelnen Jahren mit besonderen Ereignissen (zum Beispiel Witterungs­extremen), so deutet dies darauf hin, dass der Bestand nicht weiter anwächst.
Durch den hohen Abschuss ver­lieren andere Todesursachen an Wirksamkeit für den Bestand. Man spricht von „kompensatorischer Sterblichkeit“, wenn durch hohen Abschuss zunächst der Fallwildanteil am Gesamtabgang abnimmt (potenzielles Fallwild wird quasi durch erhöhten Abschuss vorweggenommen), bevor in weiterer Folge vielleicht auch der Bestand selbst abnimmt. Wenn die Fallwild­anzahl hingegen stetig ansteigt, ist dies meist ein Hinweis auf einen ­parallel dazu ansteigenden Wild­bestand, außer es handelt sich zum Beispiel um einen Seuchenausbruch, der den Bestand ­reduziert, bevor die Anzahl des Fall­wildes wieder abnimmt.

Bestandestrend

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass bei Wildarten ohne behördliche Abschussplanung (wie Feldhase, Fasan, Rebhuhn, Wildschwein) der langfristige Streckentrend eher den Bestandes­trend widerspiegelt als bei Arten mit Abschussplanvor­gaben; dabei ist aber vorausgesetzt, dass das jagd­liche Abschussinteresse und die rechtlichen Abschussmöglichkeiten weit­gehend konstant geblieben sind, was allerdings bei einigen Arten(-gruppen) nicht der Fall ist (wie Raufußhühner, Greifvögel, Wildtauben, Schnepfen, Taucher und Wiesel).
Um sich ein besseres Bild von Veränderungs­trends im Hinblick auf die Höhe von Wildbeständen und auf die durchschnittliche Wilddichte je Flächen­einheit machen zu können, sollten neben den langfristigen Jagdstreckenentwicklungen auch eventuelle Veränderungen im Vorkommen der ­betreffenden Wildart, also in der Größe ihres Verbreitungsgebiets mit in Betracht gezogen werden. Auch regelmäßige Bestandeszählungen, zumindest in repräsentativ verteilten Referenz­gebieten, können bei einigermaßen gut sichtbaren Arten die Einschätzung des Wildbestandes und seiner Entwicklungsrichtung verbessern.

Grundsätzlich kann davon aus­gegangen werden, dass bei Wildarten ohne behörd­liche Abschuss­planung der langfristige Streckentrend eher den ­Bestandestrend ­widerspiegelt als bei ­Arten mit Abschussplan­vorgaben.

Gut gedeckt zwischen Strohballen - Bei der Birsch ist eine gute Deckung – neben gutem Wind – unabdingbar. - © Michael Breuer

Gut gedeckt zwischen Strohballen © Michael Breuer

Fazit

Es ist sehr hilfreich, dass es die langfristig einheitlich geführte Jagdstatistik für Wildabschuss und Fallwild in Öster­reich gibt. Sie kan n vor allem zur Einschätzung von großräumigen und langfristigen Entwicklungstrends gute Dienste als Orientierungshilfe leisten. Bei der Interpretation der ­absoluten Streckenzahlen und des Zusammen­hangs mit der Wildstands­entwicklung ist jedoch Vorsicht geboten. Für realitätsnahe Aussagen sind je nach Wildart ­zusätzliche Informationen erforderlich. Gesamtstreckenzahlen sind aussagekräftiger als die Gliederung nach Sozial­klassen. Bei Wildarten ohne behörd­liche Abschussplanung entspricht der langfristige Streckentrend wie gesagt eher dem Bestandestrend als bei Arten mit Abschuss­planvorgaben.

Foto Dieter Hopf